Ich bin an was neuem dran, am Puls der Stadt sozusagen.
Viel Spaß beim lesen.
Hier schonmal der Anfang:
Der Gasthaus-Erzähler von Zittau
Allabendlich war der »Schwarze Bär« gut besucht. Eine jener Schenken, die sich außerhalb der Stadtmauern und damit auch außerhalb ihrer Sperrstunde hingepflanzt hatte. Einheimische und Reisende tummelten sich hier gleichermaßen. Denn abends, ja abends kam er. Der Geschichtenerzähler. Keiner wusste genau, wer er war. Es gab aber Gerüchte. Wie dem auch sei, der Wirt freute sich maßlos über den abendlichen Besuch. Bescherte er doch Gäste und somit auch klingende Münze.
Der »Bär«, diese ominöse Spelunke war ein Ort, in dem man für Silber vieles bekam, für Gold noch mehr. Nur ein Einziger bekam hier nie eine Rechnung kredenzt. Er bezahlte mit einer Währung, die kostbarer war als jedes Metall. Es waren Worte, liebe Leser, die seine Zeche zahlten. Aber nicht irgendwelche, nein. Sein Talent bestand darin, die Worte so aneinander zu reihen, dass Sätze, gar ganze Geschichten entstanden. Und nicht irgendwelche aller Weltgeschichten. Er erzählte die wunderbarsten, seltsamsten und absurdesten Legenden. Und er schwor Stein auf Bein, alles entspräche der reinsten Wahrheit. Wenn der Meister der Worte im »Schwarzen Bären« sprach, klang seine Stimme wie Musik. Oder zumindest wie eine sehr gut gestimmte Laute, bevor man sie jemandem über den Kopf schlägt.
Einige behaupteten, der Erzähler wäre der hiesige Henker, da er Gruselmären zum Besten gab. Andere beschworen, er sei königlichen Blutes, sein Insiderwissen könnte nicht erfunden sein.
Die Wirklichkeit sah freilich anders aus. Die Wirklichkeit hatte nämlich die Angewohnheit, nicht in Hermelin oder Henkerskutte herumzulaufen, sondern in einem leicht fleckigen Gehrock. Der mit Verlaub gesagt, das Alter seines Trägers teilte.
Wie dem auch sei, die Herkunft des Geschichtenschmiedes blieb nebulös, seine Mähren im Gegensatz allerdings hatten die Klarheit einer Laterne in stockfinsterer Nacht.
Gestern berichtete er noch von einem Geist, welcher rothaarige Weintrinker heimsuchte und ihnen beibrachte, ins Beinkleid zu pieseln. Aber nicht nur das, denn während sie sich so besudelten, zwang er sie, Arien zu schmettern und auf einem Bein zu hüpfen.
Soll der geneigte Hörer dem Glauben schenken?
Man muss nicht weit ausschweifen, um zu bemerken: Ab diesem Abend war das Bier der bevorzugte Abendtrunk.
Hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, der Wirt war ob seines leeren Weinkellers an dieser Räuberpistole beteiligt.