Offene Enden Teil 3: Schreib Teil 4

Die Fäden laufen zusammen
Christian Pfeiffer befreite sich von der lähmenden Stille, warf sie ab, wie eine zu schwere Decke, die alles um sie herum erstickte.
»Woher kennen Sie Marlene?« Er merkte, wie Berger seinem Blick auswich. Was war hier los?
»Es… es war etwas Geschäftliches.« Berger rang um jedes Wort. Er antwortete wie in Trance.
»Sagen Sie mir alles, was Sie über Marlene wissen. Zwei Menschen sind tot. Es ist wichtiger, als wir vermutlich jetzt schon begreifen können. Erzählen Sie es mir. Bitte!« Pfeiffer musste die wirbelnden Blätter in seinem Kopf ordnen. Dazu brauchte er… Informationen.
»Alles erzählen. Wenn es so wichtig ist. Werden Sie das auch tun?« fragte Berger.
»Ja.«
»Woher weiß ich denn, dass Sie die Wahrheit sagen?«
»Ganz einfach.« Christian Pfeiffer tauchte völlig ein in das alte Gefühl von Angst und Aufregung, das Meer aus gespannter Erregung auf dem blutigen Pfad der Erkenntnis. Er fühlte sich fast schlecht, als er merkte, dass es ihm gefiel. Er war wieder ein journalistisches Raubtier auf der Jagd. »Weil wir alle sterben werden, wenn wir das Rätsel nicht lösen
Berger schluckte schwer. »Marlene war vor einigen Jahren eine … Nebeneinnahme. Sie bezahlte mich dafür, dass ich Zimmer in verschiedenen Hotels in Zürich reservierte. Auf fiktive Namen. Es ging für ein paar Wochen.«
»Was waren das für Namen?«
»Alte Filmstars. Das war ihre Idee. Rühmann, Albers, Garbo so was halt. Sie hat mir 500€ pro Reservierung bar hingelegt.«
»Wie oft haben Sie das gemacht? Und wofür?« Pfeiffer hätte jetzt alles für einen Block und einen Kugelschreiber gegeben. Das hier wurde… groß.
»Wofür weiß ich nicht. Vielleicht wollte sie Personen dort einquartieren, die nicht gerne ihren echten Namen nennen wollten. Das geht möglichst unauffällig über das gute alte Reisebüro. Es waren achtzehn, vielleicht neunzehn Reservierungen.«
Pfeiffer schluckte, als ihn die Welle der Erkenntnisse mitriss. »Zwanzig. Es waren exakt zwanzig Reservierungen. Damit bekamen Sie genau…«
»Zehntausend Euro! Oh mein Gott.« Berger stieß fast die Kaffeetasse um.
»Die Zahl ist nicht willkürlich. Sie ist eine Warnung.« Es machte alles Sinn. Nur hätte Christian Pfeiffer nie gedacht, dass Maria und er so richtig gelegen hatten. Alles lief darauf hinaus. Vril. Selbst Marias Selbstmord vervollständigte das Bild. Sie hätte es geliebt.
»Woher wissen Sie das? Wie kommen Sie darauf? Eine Warnung wovor?«
»Bevor ich Online Redakteur wurde, arbeitete ich im investigativen Journalismus. Frontberichterstattung, nennen wir das. Ein Junge starb und ich kam direkt in die Grabkammer des Journalismus. Marlene war bei einer Recherche über globale neofaschistische Gruppierungen mein Insider. Marlene ist lediglich ihr Kontaktname. In Anlehnung an Marlene Dietrich, die die Hauptrolle in dem Film ‘Die Nürnberger Prozesse’ spielte.« Pfeiffer lächelte. »Sie blieb sich treu. Raten Sie mal, was mich die kleinen Hinweise auf konspirative Nazitreffen kosteten?«
»Zehntausend Euro?«
»Bingo. Ich recherchierte mit Maria über eine Gruppierung namens ‘Vril’, die die Wunderwaffen der Nazis weiterentwickeln wollte. Freaks, die selbst den Rechten zu radikal waren. Sie rekrutierten weltweit irre Wissenschaftler, um so dämliche Ideen, wie die Reichsflugscheibe, Strahlenkanonen oder Gedankenmanipulation weiter zu entwickeln.«
»Gedankenmanipulation?« Berger begriff. Langsam, zweifelnd an seinem Verstand, aber er begriff.
»Fritz Lang griff die Idee 1933 bei Dr. Mabuse auf. Hitler war fasziniert davon. Ein Projekt, das alle für unmöglich hielten. Der ultimative Bürger und Soldat. Befehle willensfrei befolgend.«
»So, wie sich selbst zu erschießen.« Er sah zu seiner Frau Doro, die mit der Hand vor dem Mund am Sideboard stand.
»Wieder Bingo. Es klingt weniger unglaubwürdig, wenn Sie es aussprechen, stimmt’s? Der große Familienspaß für die Nazi-Elite. Aber was könnte Vril von Ihnen wollen? Hat Marlene Ihnen irgendetwas gegeben, das gefährlich für diese Organisation werden könnte?«
»Nein.« Berger seufzte schwer. Es hatte keinen Sinn, etwas zu verschweigen. »Ja, doch. Da gibt es etwas. Ich habe die Reisepassnummern der Gäste. Sie können mit einem falschen Namen einchecken, aber ich wollte eine Sicherheit. Falls das alles illegal ist und so.«
»Und Marlene hat sie Ihnen gegeben, weil sie zwar ein Maulwurf ist, aber das Projekt nicht zu früh auffliegen lassen wollte. Sie waren quasi unfreiwillig ihr Faustpfand. Und das will Vril jetzt einlösen. Ein Geiseltausch. Marlenes Leben gegen unsere Informationen.«
»Das muss es sein.« Die Panik war Berger anzusehen. »Und der junge Mann mit dem Handy war einer von ihnen?«
»Lakai oder Führer«, sagte Christian Pfeiffer. »Das werden wir herausfinden. All das war ein Exempel, um uns zu zeigen, dass sie uns jederzeit alles nehmen können.«
»Aber wo finden wir Marlene? Und können wir nicht die Polizei…«
»Sie haben es doch gelesen, Berger. Keine Polizei. Und wo wir sie finden ist doch offensichtlich. Heute Abend genau um zwanzig Uhr fünf ist Dämmerung. Die Straßenbeleuchtung schaltet sich dann ein. Es gibt keine Zufälle hier.« Christian Pfeiffer leerte seinen Kaffee. »Sie wird dort sein. Industriegebiet. Kasernenstraße.« Ein zynsiches Lächeln umtanzte seine Mundwinkel. »An der Laterne. Wie einst Lili Marleen

(c) Michel
Für Andreas, Monty & Linna.