»Widerlich.« Albert Schrunzke, Dezernatsleiter der Kripo Frankfurt, verzog angewidert den Mund, ehe er den Kaffee in den Spülstein spuckte. »Selbst das kriegen die heute nicht mehr hin. Sabrina! Wer von den Jungspunden hat diesen abartigen Kaffee gekocht?«
»Keine Ahnung, Chef. Vielleicht der Büropraktikant.« Sabrina Kappes, seit Jahren Schrunzkes rechte Hand, war seine Ausbrüche gewohnt. Als persönliche Sekretärin wusste sie stets, was zu tun war.
»Ich laufe schnell rüber zum Sternbecher und hole Ihnen einen schönen Mocca Latte.«
»Danke, Sie sind die Beste.«
Albert verschwand in sein Büro, warf eine Akte quer über den Schreibtisch und griff verärgert zum Telefon.
»Klümpelka? Zu mir, und zwar pronto!« Warum habe ich nur Idioten in meiner Abteilung?
Du hast sie dir selbst zusammengestellt, mein Lieber. Die Stimme seiner verstorbenen Frau schnitt durch seine Gedanken wie ein altes, ausgeleiertes Band. Seit drei Jahren war Gisela tot, doch sie ließ ihn einfach nicht in Ruhe. Nicht einmal hier, in diesem verfluchten Büro.
»Chef, da bin ich.« Michael Klümpelka, Schrunzkes erster Ermittler, stand stramm wie ein Soldat im Türrahmen.
»Menschenskind, Klümpelka! Nehmen Sie den Stock aus Ihrem Hintern und erklären Sie mir lieber, was da draußen für eine Scheiße passiert – und warum wir keinen Schritt weiter sind! Erst die Bergers, dann die Geliebte des Zeitungsfritzen Pfeiffer, und jetzt das!« Albert schob ihm das Frankfurter Tagblatt hin. Zwei Seiten voller Vorwürfe, garniert mit einem Foto, das Klümpelka zeigt, wie er kopfüber auf dem Bordstein neben dem zerfetzten Kopf der Leiche erbricht.
»Wir machen uns doch lächerlich! Und ich will verdammt noch mal wissen, wer meine Stadt terrorisiert!«, brüllte er aufgebracht. Sein Kopf lief rot an wie eine überreife Tomate, während er sich mit einem Stofftaschentuch schnaufend den Schweiß von der Stirn wischte.
»Es tut mir leid, Chef. Wirklich, mir war einfach übel und…«
»Ach, seien Sie ruhig. Vor einer halben Stunde hat das LKA angerufen, die wiederum von Europol informiert wurden. Was glauben Sie, was die mir erzählt haben?«
»Europol? Aber warum…?« Michael verstummte. Sein Blick wanderte aus dem Fenster hinter Schrunzkes Schreibtisch.
»Hören Sie mir überhaupt zu?«
»Um Gottes willen«, ächzte Klümpelka. »Sehen Sie doch!«
Vor dem Eingang des Kommissariats hatte sich eine Menschentraube gebildet. Handybildschirme leuchteten in der winterlichen Morgensonne. In ihrer Mitte stand Sabrina Kappes. In der rechten Hand hielt sie einen Kaffeebecher, um Hüfte und Brust jedoch spannte sich ein Sprengstoffgürtel. Die rote LED des Auslösers blinkte rhythmisch wie ein höhnischer Puls.
Schrunzke riss das Fenster auf: »Sabrina, bewegen Sie sich nicht. Ich komme!«, brüllte er.
»Nein! Bleiben Sie, wo Sie sind. Bitte.« Ihre Stimme zitterte. »Es muss so sein. Ich bin schuldig. Geben Sie ihnen, was sie wollen.«
»Aber was wollen die denn?«, schrie Klümpelka und fingerte nervös an seinem Waffenholster, als könnte seine Heckler & Koch die Bombe entschärfen.
Das Telefon schrillte. Michael zuckte zusammen, Albert riss den Hörer an sich.
»WAS?!«, donnerte er ungehalten.
»Salve, Signor Commissario. Hören Sie mir gut zu: In zehn Minuten wird Sabrina sich in die Luft sprengen – und dabei vermutlich ein paar Menschen sowie Teile Ihres Präsidiums mitreißen. Das Ganze wird live und weltweit auf allen Social-Media-Plattformen übertragen.«
»Sie Saukopf! Wenn ich Sie erwische, dann Gnade Ihnen Gott!«
»Gott existiert hier schon lange nicht mehr. Halten Sie die Klappe und hören Sie zu: Holen Sie alle beschlagnahmten Waffen und 50.000 Euro aus der Asservatenkammer und packen Sie diese in eine Reisetasche. Um genau 9:50 Uhr übergeben Sie die Tasche an Sabrina. Wenn nicht, geht sie hoch. Und wagen Sie es ja nicht, Ihre Beamten nach draußen zu schicken oder das SEK einzuschalten. Sie haben keine Ahnung, mit wem – oder besser gesagt, womit – Sie es zu tun haben. Und, Commissario? Beten Sie für Europa.« Der Anrufer legte auf.
Die gespenstische Stille hallte in Schrunzkes Ohren wie ein Donnerschlag. Sein Blick wanderte zur Wanduhr. Tic, tic, tic, tic… Es war 9:41 Uhr.
Zur gleichen Zeit in Florenz, Italien:
Commissario Luca Piera genoss seinen ersten Morgenkaffee. Gemütlich legte er die Füße auf den Schreibtisch und schaltete den Fernseher ein. Ein rotes Laufband mit der Aufschrift »Eilmeldung« erregte seine Aufmerksamkeit. Hastig wechselte er zu den Nachrichtenkanälen.
»No, no, mamma mia!« Der Kaffeebecher rutschte ihm aus der Hand und ergoss sich über die verstreuten Akten auf dem Tisch. Die aufgeregte Stimme des Nachrichtensprechers überschlug sich, während eine Live-Kamera auf den Vatikan schwenkte. Auf dem Balkon des Papstes stand Erzbischof Culcia – eine Handgranate im Mund, die rechte Hand fest am Stift. Hinter ihm flatterte ein grellgelbes Banner mit der Aufschrift: Ich bekenne mich schuldig. Salve, Satan! Europa wird brennen!
Piera griff ächzend zum Telefon. »Capitano? Wir haben ein Problem…«
User @Bommel/Tanja