Hint: Schließt diekt an das vorherige Kapitel an.
Der Bus teilte sich in zwei Hälften, wie immer auf langen Fahrten.
Vorne die Trainer, Teamärzte, die Physios, die Zeugwarte – die Erwachsenenzone, wie Brügger das nannte. Dazwischen ein paar leere Sitzreihen, Niemandsland, eine Art unausgesprochene Grenze. Hinten das Team.
Die Feierlaune von vorhin war endgültig weg. Die Kabine auf Rädern war zu einem Wartenraum geworden. Brüggers Kartenspiel hatte sich aufgelöst, die Musik war leiser geworden und dann ganz verstummt. Einige saßen allein, Kopfhörer auf, Blick irgendwo. Andere zu zweit, aber ohne viel zu reden. Zwei oder drei schliefen, den Kopf gegen Fenster oder die Kopfstütze gelehnt.
Die wenigen Gespräche liefen leise.
Der Bus stand seit vierzig Minuten.
Nicht an einer Raststätte, nicht an einer Ampel – einfach auf der Autobahn, irgendwo im Nirgendwo. Vor ihnen eine Schlange aus Rücklichtern, die sich so weit erstreckte, wie man sehen konnte. Dahinter Scheinwerfer in der Dunkelheit.
Es war halb sechs.
Sie hätten um zwölf abfahren sollen. Der Bus hatte sie um halb vier abgeholt. Ihr eigentlicher Bus hatte eine Schaden und es hatte ewig gedauert, bis Ersatz heranrollte. Und jetzt das hier.
Am Anfang war die Stimmung noch gut gewesen. Hattrick, 5:3, Auswärtssieg – das trug sie eine Weile. Brügger hatte hinten Karten gespielt, jemand hatte Musik laufen lassen, es hatte noch nach gestern Nacht gerochen, nach dem Hochgefühl, dem Adrenalin, das sich nach einem Sieg immer breit machte und ein paar Stunden lang blieb.
Aber das war Stunden her.
McAllister hatte bereits zweimal laut geseufzt, auf eine Art, die deutlich machte, dass er einen sehr konkreten Plan für diesen Abend hatte, der ein gutes Essen und seine Frau und ein Bett beinhaltete, der aber gerade in Echtzeit zerfiel.
Snyders saß am Fenster, den Kopf gegen das Glas, und sah auf das dichter werdende Schneegestöber draußen.
Der gestrige Tag ging im immer wieder durch den Kopf.
Coach Bauer und seine acht Minuten der Schande, die sich um so viel länger angefühlt hatten. Das Training, dass nichts als eine reine, destillierte Form der mittelalterlichen Folter gewesen war und für Noah über einem Kübel geendet hatte.
Der Anruf von seinem beschissenen Bruder, der immer mehr wie ihr Vater wurde. Der Anruf seines Agenten, der ihm das gleiche Lied wie Rasner vorgesungen hatte.
Es hatte seinen Kopf ausgefüllt, keinen Platz für etwas anderes gelassen.
Und dann das Spiel am Abend.
Das erste Drittel war eine Katastrophe gewesen. Sie waren rausgekommen als würden sie noch schlafen – träge, immer einen Schritt zu spät, und das gegnerische Team hatte es gemerkt und ausgenutzt. 0:1 nach sieben Minuten, 0:2 nach vierzehn. Bauer hatte in der Pause geredet, ruhig, was schlimmer war, als wenn er schrie, und Noah hatte neben ihm gestanden und das Gefühl gehabt, dass er der Einzige war, der das Spiel drehen konnte. Er hatte fürchterlich gespielt – aber wenn er den Kopf frei bekam …
Im zweiten Drittel hatte er aufgedreht und das Team mitgenommen.
Er konnte sich den Rest nur nebelhaft erinnern. Ein Langschuss von der blauen Linie. Ein Nachschuss. Beide drin. Dreckig, aber egal‘. Er hatte funktioniert. Er hatte sein Können abgespult. Ohne Nachdenken. Ein Kontertor im letzten Drittel. Wie eine Erinnerung von jemand anderem…
Er hatte sich nicht besonders gefühlt dabei. Nur erschöpft, auf eine gute Art. Er wusste, dass er alles gegeben hatte.
Bauer hatte es mit nur einem Satz kommentiert „Na, geht doch!“
In der Hotelbar war es laut gewesen. Brügger hatte Runden ausgegeben, jemand hatte die Musik aufgedreht, und für eine Weile hatte Noah dabeigesessen und sein Bier getrunken und es war ihm genug. Genug mit seinen Kollegen, Freunden zu reden, Witze zu machen.
Dann waren die ersten aufgetaucht.
Er hatte sie kommen sehen, noch bevor sie am Tisch waren. Die Art, wie sie sich bewegten, zielgerichtet aber mit gespielter Beiläufigkeit, die verspielten Blicke, die schon vorher sagten, was sie wollten. Erst kamen zwei, dann noch eine. Dann noch zwei. Sie kreisten erst um das Team. Pirschten sich an die Spieler heran. Erst kamen die Fragen „seid ihr nicht Eishockeyspieler?“ Dann Bewunderung, erste Drinks, erste Berührungen. Beide Seiten auf der Jagd nach neuen Kerben in den Bettpfosten. Es war unklar, wer die Jäger und wer die Gejagten waren.
Noah hatte sich aus dem Spiel rausgehalten, war aber erkannt worden. Als die erste ernst gemeinte Offensive auf ihn stattfand, hatte er sich zurückgezogen.
Er hatte sein Bier abgestellt, Vogt auf die Schulter geklopft und war gegangen. Dann hatte das Adrenalin aufgehört zu wirken und er war einfach ins Bett gefallen und hatte geschlafen wie seit Wochen nicht mehr.
„Hey.“
Vogt ließ sich auf den Sitz neben ihm fallen, die langen Beine schräg gestellt, weil in den Bussen war nie genug Platz dafür. Er hatte zwei Dosen Cola in der Hand, eine davon schob er zu Snyders.
„Danke Bro.“
Vogt öffnete seine eigene, trank, sah aus dem Fenster. Eine Weile sagten sie nichts.
„Gestern Nacht bist du früh abgehauen“, fing Vogt dann an.
„Ich war müde.“
Vogt drehte die Dose in den Händen. „Nach einem Hattrick? Nach so einem Sieg? Normalerweise bist du der letzte, der da geht.“
„Auch nach einem Hattrick kann man müde sein.“
„Klar.“ Vogt klang nicht überzeugt. Er sah ihn kurz an, dann wieder auf die Straße. „Ich hab gedacht, du hast Schiss, nochmal in der Zeitung zu landen. Nach dem ganzen Scheiß von gestern.“
Snyders sagte nichts.
„Wär ja verständlich“, sagte Vogt. „Bauer, Rasner, irgendwann wird’s auch dem Besten zu viel.“
Snyders trank einen Schluck Cola. „Vielleicht.“
Vogt nickte langsam, sah Noah ruhig von der Seite an. Dann lehnte er den Kopf zurück und schloss die Augen, und das Thema war erledigt, so wie Vogt Themen erledigte: ohne viel Aufhebens, ohne nachzubohren. Deswegen mochte Noah ihn. Er drängte nie, verurteilte nie, war aber immer da.
Snyders sah wieder auf die Schneeflocken, die vor dem Fenster tanzten.
Den wahren Grund behielt er für sich.
Er hätte ihn auch kaum in Worte fassen können, nicht so, dass es nicht seltsam geklungen hätte. Dass er gestern Nacht gegangen war, weil er die Kraft nicht mehr hatte aufbringen können. Nicht die Energie, nicht das Interesse, nicht mal die Bereitschaft, so zu tun als ob. Dass die Frauen in der Bar ihm nichts bedeuteten, ja nicht einmal interessierten, das war ihm nicht neu, das war immer so gewesen. Aber gestern Nacht hatte er zum ersten Mal nicht mal mehr die Lust gehabt, die Fassade aufrecht zu erhalten.
Er war seit Jahren gut darin. Der Aufreißer, der Kapitän, der Typ, dem alles leichtfiel – auf dem Eis und abseits vom Eis. Es hatte funktioniert, weil es alle glauben wollten und weil er gut genug gespielt hatte, um sie zu überzeugen. Jede Frau, die er ins Hotel gebracht hatte, jede Kerbe in seinem virtuellen Bettpfosten, jedes Foto in irgendeiner Bar oder irgendeinem Club – das war kein Exzess gewesen. Das war nichts Tarnung.
Und irgendwann letzte Nacht, zwischen dem zweiten Bier und dem Moment, als die ersten Puck Bunnies reingekommen waren, hatte er gemerkt, dass er keine Lust mehr auf die Tarnung hatte.
Er war zu müde dafür.
Es war nur zu verständlich, dass er jetzt kürzer treten würde, weil Bauer angedroht hatte ihm das C wegzunehmen, weil Rasner ihm im Nacken saß, weil er seine Karriere nicht riskieren wollte. Das war eine gute Erklärung. Eine, die jeder verstand, eine, die niemand anzweifeln würde. Er konnte gut damit leben.
Der Bus ruckte vor. Zehn Meter, dann wieder Stillstand.
Vogt schlief bereits, den Kopf gegen die Kopfstütze gelehnt, die Cola noch in der Hand. Vorne fluchte jemand leise. McAllister seufzte zum dritten Mal.
Snyders lehnte sich zurück und schloss die Augen.
McAllister erhob sich aus seiner Reihe.
Das allein war schon ein Ereignis. Er war über zwei Meter groß, fast 120 kg Kilo schwer und bewegte sich durch den Gang wie ein Schrank, der beschlossen hatte, einen Spaziergang zu machen. Er nickte Noah kurz zu, als er vorbeikam, und steuerte auf das WC in der Mitte des Busses zu – eine winzige Plastikkabine, die schon für einen durchschnittlichen Menschen knapp bemessen war.
Noah sah ihm nach.
Vogt hatte ein Auge aufgemacht.
„Weißt du, was ich mich frage?“
„Nope“
„Wie“, sagte Vogt, „passt der da rein?“
„Keine Ahnung.“
„Faltet er sich da rein?“
„Oder er lässt die Tür offen und lässt seinen schottischen Feuerwehrschlauch von draußen rein hängen.“
„Das will ich nicht wissen. Sicher nicht so genau.“
Sie schwiegen. Aus der Kabine kam ein dumpfes Poltern, dann Stille.
Vogt schloss das Auge wieder. „Er lebt doch noch?“
Vorne telefonierte Bauer. Schon seit einer Weile, das Headset im Ohr, die Schultern leicht nach vorne gezogen, den Blick auf den Sitz vor ihm. Man konnte nicht hören, was er sagte – vier Reihen hinter ihm saßen Teamarzt Brenner und Physio Lukacs und unterhielten sich über irgendetwas, das gelegentlich ein leises Lachen auslöste, und das überlagerte alles andere, bildete eine akustische Barriere.
Snyders sah aus dem Fenster. Der Schnee war stärker geworden. Nicht das harmlose Geflocke vom Nachmittag – das hier legte sich auf die Straße, auf die Leitplanken, auf die Dächer der Autos um sie herum, und der Himmel hatte diese spezielle graue Farbe angenommen, die bedeutete, dass es so schnell nicht aufhören würde.
McAllister stapfte an ihnen vorbei. Sichtlich unverletzt.
Vogt sah ihn an „Sag mal. Wie kommst du da…“ McAllister schnitt ihm mit einer Handbewegung den Satz ab. Knurrte nur. Er ließ sich auf seinen Sitz fallen und die Federung gab merklich nach.
Vogt sah ihn kurz an und schloss die Augen wieder. Eine bleierne Stille machte sichim hinteren Bereich des Busses breit. Das Team döste. Oder hörte Musik.
Das Adrenalin der Nacht war verschwunden und hatte einer tiefen Erschöpfung Platz gemacht. Hin und Wieder fuhr der Bus ein paar Meter weiter.
Bauer beendete das Telefonat, zog das Headset aus dem Ohr und lehnte sich kurz zu seinem Assistenten rüber. Ein paar Worte, ein Nicken, dann stand er auf.
Er stellte sich in den Gang und räusperte sich laut.
Das reichte. Die Köpfe drehten sich, Kopfhörer wurden abgenommen, die letzten Gespräche versickerten. Bauer wartete, bis es still war, und dann noch zwei Sekunden länger.
„Karlsson kommt nicht zurück.“
Enttäuschtes Gemurmel als Reaktionen.
„Er hat das Management heute informiert, dass er seine Karriere beendet.“ Bauer sagte es sachlich, ohne Umschweife. „Das Knie macht nicht mehr mit. Es war seine Entscheidung und sie war wohl richtig.“
Snyders sah auf den Sitz vor ihm. Karlsson, fünfunddreißig, sechzehn Profijahre, einer von denen, die man nicht ersetzen konnte – nicht wirklich. Vor drei Wochen war er Kopf voraus in die Bande geknallt, die Gliedmaßen waren herumgwirbelt wie bei einer Gliederpuppe. Und dann war ein gegnerischer Stürmer in ihn hineingekracht. Hatte noch vesucht zu bremsen. Dann ein Knäuel aus Armen, Beinen, Schlägern. Körpern. Ein Schrei. Karlsson lag auf dem Eis. Das Bein vom Knieabwärts unnatürlich abgewinkelt.
Er hatte den Daumen gehoben, als sie ihn von Eis schoben. Aber alle hatten geahnt, gewusst, dass es das für ihn war.
Irgendwo hinter ihm räusperte sich jemand. Vogt hatte die Augen offen und sah geradeaus.
„Wir verlieren einen guten Spieler und einen guten Mann“, sagte Bauer. „Das ist alles, was es dazu zu sagen gibt.“ Er ließ das kurz stehen.
Dann „Wir haben einen Ersatz verpflichtet. Peter Ullmann. Er wechselt von einem der Orcas DEL2 Teams zu uns, nächste Woche ist sein erstes Training.“
Die Reaktion kam nicht sofort. Einen Moment lang war es still, auf eine andere Art als vorher – keine Betroffenheit mehr, eher das kurze Zögern vor dem ersten Kommentar.
Dann sagte Brügger, laut genug für alle: „Ullmann?“
„Ullmann“, bestätigte Bauer.
„Peter Ullmann.“
„Ja Peter Ullmann“ gab Bauer schon genervt zurück.
Brügger lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, was bei ihm bedeutete, dass er noch nicht fertig war, aber gerade entschied, ob es sich lohnte. Er entschied, dass es sich nicht lohnte, und schwieg.
Aber die Stimmung hatte sich verändert. Snyders spürte es, ohne sich umdrehen zu müssen. Das leise Summen, das entstand, wenn Leute nicht laut reden wollten aber trotzdem reden mussten. Zwei Reihen hinter ihm hörte er McAllisters Stimme, gedämpft, und die Antwort von jemandem, den er nicht identifizieren konnte. vielleicht Weber.
Vogt beugte sich nach hinten zu McAllister. „Du kennst ihn?“
„Nur von Spielen. Nicht privat“ doch Weber.
„Und?“‘
„Haut einmal Aktionen raus, die nur Wahnsinn sind. Dann gondelt er am Eis herum, als würde er nicht dazu gehören .“
Bauer stand noch immer im Gang und wartete, bis das Gemurmel sich wieder legte. „Er ist talentiert, er ist schnell, und er füllt eine Lücke, die wir schließen müssen. Gebt ihm eine Chance.“ Er sah kurz in die Runde. „Mehr hab ich nicht zu sagen.“
Er setzte sich.
Das Gemurmel ging weiter, jetzt etwas offener.
„Der Bruder spielt in der NHL“, sagte jemand hinter Snyders. „Daniel Ullmann. Ist da ganz groß rausgekommen. Sein Team war letztes jahr in den Playoffs und sie sind nur knapp vor der Finalrunde gescheitert.“
„Den Bruder würde ich mit Jubel begrüßen “, sagte eine andere Stimme, trocken. McAllister, vermutlich.
„Peter Ullmann“, murmelte Vogt vor sich hin, so als würde er den Namen nochmal kosten und dabei feststellen, dass er nicht besser schmeckte als beim ersten Mal. „Na toll.“
Draußen schob sich der Stau wieder ein paar Meter vorwärts. Der Schnee fiel jetzt dichter.