Noahs Schatten - Geschichte für Ohrenkuss und für euch

Anbei mal wieder eine Kurzgeschichte aus meiner Feder.

Ich freue mich über jeden Kommentar, Feedback etc.

Diese Geschichte ist für die Herbst-Ausgabe des Ohrenkuss-Magazins, für die ich als Fern-Schreiberin mal wieder tätig bin.

Gruß

Super Girl

***

Noahs Schatten

Noah war ein besonderer Fünftklässler. Er hatte das Down-Syndrom. Wegen seiner Besonderheit, die die anderen nicht verstanden, wurde er von den Mitschülern geärgert und ausgegrenzt. Deswegen hatte Noah keine Freunde. Die einzige Gestalt, die er als seinen „besten Freund“ bezeichnete, war sein eigener Schatten. Er sprach mit ihm, als wäre er eine reale Persson. Er vertraute seinem Schatten, den er liebevoll „Shadow“ nannte, alle seine Ängste und Sorgen an. Er wusste natürlich, dass „Shadow“ nicht antworten konnte. Aber es beruhigte ihn zu wissen, dass sein Schatten immer für ihn da war, in guten wie in schlechten Zeiten. Wegen dieser „Macke“, die er auch auf dem Pausenhof hatte, lachten ihn die Jungen und Mädchen aus seiner Klasse aus. Die einzige Person, die nicht lachte, war seine siebenjährige Schwester Nadine. Sie ging auf die gleiche Schule wie Noah und sie war es auch, die den Fünftklässlern zurief: „Noah ist kein Spinner. Hört auf über ihn zu lachen!“

Eines Tages, Noah ging mittlerweile in die siebte Klasse einer Wirtschaftsschule, verschwand sein Schatten spurlos. Das war an seinem dreizehnten Geburtstag. Dieses Mal wurde er geärgert, weil er als Einziger keinen Schatten hatte. Nicht mal die Lehrer konnten sich dieses Phänomen erklären. Noah ärgerte es, „schattenlos“ zu sein. Da er immer noch keine Freunde hatte, beschloss der Klassenlehrer Noah ein wenig unter seine Fittiche zu nehmen. Noah schilderte ihm das Problem. Daraufhin strich ihm der Lehrer über die Haare.
„Du bist doch schon ein großer Junge. Warum hängst du dich so sehr an eine fiktive Gestalt, die du dir ausgedacht hast und die nun verschwunden ist? Denkst du nicht, dass es an der Zeit ist, loszulassen und reale Freunde zu finden?“
„Aber genau das ist ja das Problem, Herr Winter. Egal was ich tue, keiner will mit mir etwas zu tun haben. Die Mädchen finden mich komisch und die Jungen lachen mich aus. Erst neulich habe ich Fußball vorgeschlagen. Alle sind losgerannt, natürlich ohne mich.“
Noah war den Tränen nahe. Da klopfte ihm der Lehrer auf die Schulter.
„Warum hast du nicht gefragt, ob du mitspielen kannst?“
„Weil sie mich sowieso abgelehnt hätten“, antwortete Noah prompt. Er wischte sich die Tränen mit dem Hemdsärmel aus dem Gesicht. „Ich will Shadow zurück. Er hat mich wenigstens verstanden. Ich weiß ja, dass er nicht real war, aber trotzdem ist er immer für mich dagewesen. Auch wenn ich es nicht leicht hatte.“
Der Lehrer seufzte, denn er wusste nicht, wie er Noah helfen konnte.

Ein ganzes Jahr blieb Noah „schattenlos“. Dann lernte er ein Mädchen kennen, das wegen ihrer eigenen Besonderheit nicht richtig sprechen konnte. Dafür konnte sie herzlich lachen. Das Mädchen wurde der Klasse als Christine vorgestellt. Fortan kritzelte Noah Herzchen in sein Schulheft, anstatt sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Er hatte sich Hals über Kopf in Christine verliebt. Noah wusste bereits, was Inklusion bedeutete. Ohne Inklusion wäre er kein Mitschüler der städtischen Wirtschaftsschule geworden. Nun hatte er ein anderes Problem. Denn er traute sich nicht, Christine anzusprechen.

Christine, die bemerkte, dass Noah ständig im Unterricht zu ihr herübersah, bat den Klassenlehrer darum, sich zu ihm setzen zu dürfen. Denn ihr war nicht entgangen, dass Noah als Einziger keinen Sitznachbarn hatte. Herr Winter erlaubte es ihr. Die beiden freundeten sich nun doch an. Christine half Noah bei seinen Problemfächern Mathe und Geschichte und Noah gab Christine Nachhilfeunterricht in Deutsch.

Noah erklärte Christine, dass er keine Freunde hatte. Bis auf Shadow, seinen Schatten, der verschwunden war. Christine hörte ihm aufmerksam zu und anstatt über ihn zu lachen zeigte sie Verständnis. Dann wisperte Christine so leise, dass es nur Noah hören konnte: „Mein Schatten ist auch weg. Bei mir ist es eine „sie“ und „sie“ heißt Sally.“
„Weißt du was? Dann gehen wir jetzt los. Wir suchen Shadow und Sally. Einverstanden?“
Christine strahlte über das ganze Gesicht. „Einverstanden.“

Da die Schüler gerade Pause hatten, marschierten Noah und Christine, Hand in Hand, durch die Flure und suchten nach ihren Schattenfreunden. Es kümmerte sie nicht, dass die anderen lachten. Sie ignorierten einen, der sie als „Spinner“ bezeichnete. Sie blendeten alles um sich herum aus. Dann gingen sie auf den Pausenhof.

Unter einer Eiche, bei einer größeren Sitzgruppe, legten sie eine Rast ein. Da kam Noah eine Idee. Er kramte sein Taschenmesser heraus und ritzte die Initialen von Christine und sich in den Stamm, umrahmt von einem Herzchen. Darüber musste Christine lachen. Aber es war ein ehrliches Lachen, das von Herzen kam, das spürte Noah sofort. Die beiden verweilten für einen Moment unter der Eiche. Christine gab Noah einen Kuss. Überrascht blickte Noah auf. Als sich ihre Lippen lösten, sagte sie: „Ich mag dich, Noah. Du bist sehr nett.“
„Ich mag dich auch, sehr sogar. Du lachst so schön.“ Noah schaffte es, dies zu sagen, ohne dabei verlegen zu werden. Und dann begriff er. Es war ihm gelungen, über seinen eigenen Schatten zu springen und einem Mädchen ein Kompliment zu machen.

Dann geschah es. Christine bemerkte es als Erste, denn sie rief: „Noah! Shadow ist zurück!“ Irritiert blickte sich Noah um. Und tatsächlich, neben dem Schatten der Eiche tauchten zwei menschliche Schatten auf. Der von Noah und der von Christine. Christine winkte, ihr Schatten winkte zurück. „Und Sally ist auch wieder da!“

Die restliche Zeit an der Wirtschaftsschule überstanden Noah und Christine ohne weitere Schwierigkeiten. Sie verkündeten jedem, der es wissen wollte, dass sie ihre Schatten verloren und wiedergefunden hatten. Durch etwas, das sich wahre Liebe nannte.

Jahre später, als beide einundzwanzig waren, kamen Noah und Christine in die Zeitung. Doch ihre Lebensgeschichten hatten die Redakteurin so sehr fasziniert, dass sie diese unbedingt veröffentlichen wollte. Mit aktuellen Bildern der beiden. Zu dieser Zeit hatten beide eine Ausbildung begonnen, er als Beikoch in einem Restaurant und sie als Postmitarbeiterin. Noah und Christine waren glücklich darüber, dass sie ihre Lebensgeschichten ohne Hemmungen erzählen konnten. Sie hatten vor, zu heiraten und eine glückliche Familie mit eigenen Kindern zu gründen.

Die Zeitung mit dem Interview besaß Noah als Vater von zwei Kindern noch heute. Er erklärte seinen fünfjährigen Sprösslingen, David und Lena, dass er mittlerweile stolz auf seine Besonderheit war. David, der nach seinem Vater kam, stellte sich neben Noah und winkte seinem Schatten zu. Er nannte ihn „Gary“. Darüber mussten Christine und Lena lachen!

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