Liebe Kollegen,
vergangene Nacht habe ich etwas getan, von dem ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich es jemals tun würde. Das ist absolut untypisch für mich und doch irgendwie nicht überraschend.
Vor einiger Zeit habe ich erfahren, dass jemand aus meiner Jugend verstorben ist. Das hat mich - gerade bei diesem Menschen - mehr getroffen, als ich mir jemals hätte vorstellen können. Dieser Mensch wird meine Zeilen natürlich niemals lesen. Genausowenig wie eventuelle Angehörige oder Hinterbliebene, von denen ich nicht glaube, dass sie überhaupt existieren.
Man mag mich für etwas verrückt halten, wenn ich einen Nachruf auf jemanden schreibe, den ich seit fünfzig Jahren weder gesehen noch gesprochen habe. Dennoch musste ich die folgenden Zeilen schreiben. Nicht nur, um diesem Menschen - wenigstens in Gedanken - die letzte Ehre zu erwiesen, sondern auch um mit mir selbst ins Reine zu kommen.
Isabell,
auch wenn wir nur zweiundneunzig gemeinsame Tage hatten, waren das in meiner Jugendzeit die Schönsten, die ich mir in meinem jugendlichen Alter damals vorstellen konnte. Es erschien mir undenkbar, dass es noch etwas Schöneres geben könnte.
Bis zu dem Tag, an dem wir uns das erste Mal begegnet sind, habe ich über das Märchen der „Liebe auf den ersten Blick“ allenfalls gelacht. So etwas hatte in meiner damaligen Welt keinen Platz.
Wie viele Jugendliche zwischen Kind und Erwachsenem habe ich mich für einen kompromisslosen, harten Hund gehalten, den nichts und niemand beeindrucken kann. Die Selbstüberschätzung eines jungen Menschen, der nur unangepasst sein wollte.
Du hast mir in einem Moment das Gegenteil bewiesen. Es war - ohne zu übertreiben - der sprichwörtliche Blitz, der mich frontal erwischt hat. Du warst damals das Beste und Schönste, was mir in den siebzehn Jahren meines damaligen Lebens passierten konnte. Obwohl du es mir zu Beginn alles andere als leicht gemacht hast, dir näher zu kommen, sind wir schließlich doch zusammengekommen - für eben diese zweiundneunzig Tage. Es waren kurze, aber wunderschöne, verrückte, durchgeknallte, anstrengende, romantische, unglaubliche drei Monate. Natürlich war ich - und vielleicht auch du - davon überzeugt, dass das, was wir hatten, niemals enden würde.
Als du am dreiundneunzigtsen Tag spurlos verschwunden bist, hat ich das eiskalt erwischt. Es gab keine Anzeichen, nicht die geringsten, dass das, was zwischen und war, enden würde - und schon gar nicht auf diese Art und Weise. Ich frage mich bis heute, weshalb du nicht mit mir geredet hast? Natürlich weiß ich nicht, ob wir damals eine Lösung für deine Probleme (von denen ich erst vor wenigen Monaten erfahren habe) gefunden hätten, aber einen Versuch wäre es doch wert gewesen.
Isabell, wenn ich dir heute noch sagen könnte, was ich alles unternommen habe, um dich zu finden - du würdest mich auch noch Jahrzehnte später für verrückt erklären. Umsonst - ich habe weder dich noch eine Spur zu dir finden können. Du bist - im wahrsten Sinn des Wortes - spurlos verschwunden.
Irgendwann habe ich vor fünfzig Jahren die Suche aufgegeben - ohne jemals erfahren zu haben, ob du freiwillig oder unter Zwang verschwunden bist. Ich habe dich nie vergessen, auch wenn die Erinnerung im Lauf der Jahrzehnte verblasst ist. Das ist der Lauf der Zeit.
Heute weiß ich fast sicher, dass dein Leben nach 1977 alles andere als angenehm war. Dass du viele Schicksalsschläge hinnehmen musstest. Dass du schlimme Dinge erlebt hast, die niemand erleben sollte.
Nachdem ich vor nicht allzu langer Zeit herausgefunden habe, wo du dich aufhältst, habe ich oft auf verschiedenen Wegen versucht, dich zu einer Antwort zu bewegen. Auch das ohne Erfolg. Ich werde nie erfahren, was damals wirklich passiert ist.
Isabell, könntest du diese Zeile noch lesen - du wüsstest ganz sicher, wer sie geschrieben hat.