Die Bildschirme flackerten schon wieder und wurden für wenige Augenblicke schwarz. Und das alles nur, weil die Spülmaschine lief. Es war eben schon ein altes Haus und wer auch immer auf die Idee gekommen war, das Wohnzimmer und die Küche an einen Stromkreis zu hängen, der hatte ganz sicher nicht darüber nachgedacht, dass in einigen Jahrzehnten eine Frau im Wohnzimmer sitzen würde, den Laptop an zwei Bildschirme angeschlossen, um endlich einen Thriller zu schreiben. Oder ein Fantasy-Epos. Oder irgendetwas. Hauptsache etwas, dass nichts mit der Arbeit zu tun hatte.
Doch hier war sie. Anna, Anfang vierzig, völlig genervt vom überlasteten Stromkreis.
Sie atmete einmal tief durch, legte die Finger wieder auf die Tastatur, nahm sie wieder hoch, um die Tastatur näher zu ziehen. Um sie nach drei Worten doch wieder zurück nach hinten zu schieben, weil ihr linker Ellenbogen direkt schmerzte und die Finger der linken Hand kribbeln ließ.
Gut, dann eben wieder mit ausgestreckten Armen, wie schon die ganze Woche. Bis sie es endlich wieder zum Sport schaffte.
Immerhin dauerte dieser Versuch einige Worte länger, bis sie feststellte, dass ihre Fingernägel zu lang waren, um bequem schreiben zu können. Oder besser: Um nicht die darüberliegende Taste ebenfalls zu erwischen. Der Griff zur Nagelfeile war also eine Notwendigkeit, keinesfalls ein weiterer vorgeschobener Grund, nicht schreiben zu müssen. Immerhin schrieb sie gern. Sie kam nur einfach viel zu selten dazu.
Nicht einmal heute, am Muttertag, den sie eigentlich in aller Ruhe vor dem Rechner hatte verbringen wollen, war sie dazu gekommen. Die Arbeit hatte sie diese Woche fast noch mehr in Beschlag genommen als letzte Woche, obwohl sie sich nicht hatte vorstellen können, dass dies möglich war. Überraschung!
Ein Kratzen in der Decke über sich brachte ihre Gedanken ins Jetzt zurück, zurück ins Wohnzimmer an den Schreibtisch. Vermutlich waren das die Mäuse, deren Nest sie heute beim Gärtnern aus Versehen zerstört hatte. Wahrscheinlich wollten sie jetzt Rache nehmen. Allerdings hoffte Anna, dass sie eine Weile brauchen würden, um sich durch die Dämmung und das Rigips zu nagen. Und die zehn Schichten Raufasertapete inklusive Farbe.
Mit dem Kratzen würde sie nicht schreiben können, also schnappte sie sich ihre Kopfhörer, schaltete das Noise Cancelling an und suchte sich eine Playlist, die wie geschaffen schien, das Schreiben voranzutreiben: 10 Hertz Entspannungsmusik für ADHS. Perfekt für ihr Gehirn.
Es dauerte auch nur zehn Minuten, bis der Bildschirm wieder schwarz wurde und sie laut fluchen ließ. Sie war gerade so im Fluss, die Finger taten schon fast weh, so schnell waren die Worte aus ihr geflossen. Also wurde es Zeit, eine Pause einzulegen.
Kaum nahm sie die Finger von der Tastatur, stand einer der Hunde auf und stupste sie an. Seine Art, sie darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Sohn auf der Treppe stand. Noise Cancelling funktionierte einwandfrei.
„Was?“, fragte sie und sah ihren Sohn an. Ihren Sohn, der am heutigen Muttertag auf die Idee gekommen war, Wohnungsgroßputz hinzulegen. Weswegen sie lieber gärtnern gegangen war und die Mäuse gegen sich aufgebracht hatte, die immer noch versuchten, sich durch die Decke zu nagen.
Ihr Sohn runzelte die Stirn, bevor er antwortete. „Was hörst du da?“
Statt einer Antwort hielt Anna ihm das Handy hin mit der geöffneten Playlist.
„Ach deswegen bist du so genervt.“
Sie würde die Mäuse zu ihm schicken, immerhin war er schuld daran, dass es ihr Nest nicht mehr gab. „Was genau versuchst du mir zu sagen, mein herzallerliebstes Kindchen?“
„Dass du die falsche Musik hörst.“
„Da steht Entspannungsmusik“, klärte sie ihn auf. „Studien haben gezeigt, dass zehn Hertz …“
„Mom“, unterbrach er sie. „Die Studien beziehen sich auf normale ADHS-Gehirne, nicht aber auf deins. Du reagierst eh immer total anders auf Musik, das ist bei sowas doch nicht anders. Mach bitte keine Entspannungsmusik an, außer du willst jemanden umbringen. Willst du gerade jemanden umbringen?“
„Ich will gerade einfach nur in Ruhe schreiben. Aber da sind die Mäuse, da ist die Spülmaschine, der überlastete Stromkreis und der Teenager! Und die Hunde! Und überhaupt!“
„Geh doch einfach duschen, Mom. Ich geh jetzt mit den Hunden raus. Und dann mach ich noch die Waschmaschine fertig. Kannst du die dann morgen bitte aufhängen?“
Anna atmete tief durch und wünschte sich, einen auf Kafka machen zu können. Allerdings wollte sie nicht als Kakerlake an der Wand enden, sondern lieber als Maus auf dem Dachboden. Oder im Pampasgras, solang niemand meinte, am Muttertag gärtnern zu müssen.