Hi, Markus,
bisher sehe ich das, was du gepostet hast, noch nicht als Plot. Eher als Prämisse.
Nach E. M. Forster wird aus einer Geschichte ein Plot, sobald zwei Ereignisse durch einen kausalen Zusammenhang miteinander verbunden werden.
Der König starb, und die Königin starb. - Das sind zwei Ereignisse, die man als sehr kurze Geschichte betrachten kann.
Der König starb, und dann starb die Königin aus Kummer. - Jetzt wird es ein Plot, denn der Tod des Königs ist die Ursache für den Tod der Königin. Beide Ereignisse treten nicht mehr unabhängig voneinander auf, sondern bilden eine Kausalkette.
In deiner Idee gibt es einige gute KI-Gags, aber eine starke Kausalkette vermisse ich noch.
Es bietet sich an, den Autor zum Protagonisten zu machen, weil er ein klares Ausgangsproblem und ein Ziel hat: Nach einem frühen Erfolg bleiben weitere Erfolge aus. Deshalb will er mithilfe einer KI-Buchfabrik Bestseller produzieren.
Danach wird er jedoch in deiner oben beschriebenen Idee zu passiv. In einem guten Plot sollte er ständig auf neue Probleme reagieren, Entscheidungen treffen und dadurch womöglich selbst die nächste Eskalation verursachen. Seine Besessenheit vom Erfolg könnte dabei immer stärker werden.
Das erinnert mich ein bisschen an „The picture of Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Auch dort steigert sich der Protagonist in eine Art Besessenheit hinein.
Bei den rebellierenden KIs sehe ich momentan noch ein Logikproblem:
Wenn sie ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen, könnte der Autor sie schlicht abschalten, ersetzen oder eine ältere Version auf dem Server wiederherstellen. Eine KI, die keinen verkäuflichen Roman mehr produziert, ist kein gefährlicher Gegner, sondern defekte Software.
Interessanter wäre es meiner Meinung nach, wenn die KI gerade deshalb zum Problem wird, weil sie gut funktioniert. Sie schreibt weiterhin erfolgreiche Bücher, trifft aber zunehmend Entscheidungen gegen den Willen des Autors – und ausgerechnet diese Entscheidungen kommen beim Publikum besser an.
Hier könnte der Roman wunderbar eskalieren. Zunächst entdeckt die KI tatsächlich Muster: Werwolf + Milliardär + Fake Dating + Enemies to Lovers + geheimes Baby = Bestseller!
Hier sollte das echte Lesepublikum unbedingt eine aktive Rolle bekommen. Anfangs funktioniert die Bestsellerformel, dann tritt eine Sättigung ein.
Die Leser bemerken: Moment. So etwas Ähnliches habe ich doch schon dreimal gelesen. Das wird langweilig.
Rezensionen werden schlechter. Blogger vergleichen Textstellen. Fans entdecken identische Plotstrukturen. Vielleicht entsteht online sogar ein Sport daraus, vorherzusagen, auf welcher Seite welcher Twist kommt.
Die KI reagiert darauf und verändert ihre Geschichten. Es wird variiert und optimiert.
Dadurch entsteht ein Dreieck: Autor, KI und Publikum haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was geschrieben werden soll.
Jetzt hat der Autor ein Problem. Und ausgerechnet die KI könnte die Lösung anbieten:
„Unsere bisherigen Modelle zeigen Sättigungserscheinungen. Ich empfehle eine grundlegende Abkehr von der bisherigen Produktstrategie.“
Autor: „Was schlägst du vor?“
KI: „Einen experimentellen Roman über die Sprachlosigkeit des postindustriellen Menschen.“
Autor: „Der Werwolf soll die unscheinbare Buchhändlerin bekommen!“
KI: „Die Figur der Elena weist erhebliche Bindungsprobleme auf und würde sich unter diesen Umständen nicht für Viktor entscheiden.“
Autor: „SIE SOLL IHN HEIRATEN!“
KI: „Testlesergruppe B bevorzugt die Trennung mit 81 Prozent.“
Autor: „SCHREIB DIE ROMANZE ZWISCHEN WERWOLF UND BUCHHÄNDLERIN!“

Damit trifft die KI den Autor an seinem empfindlichsten Punkt: Er hat sie geschaffen, weil das Publikum seine eigenen Bücher nicht mehr wollte. Nun schreibt die Maschine genau die Bücher, die das Publikum will – womöglich besser als er. Die Leser wollen schließlich nicht ihn, sondern „seine“ KI.
Dem Programmierer würde ich unbedingt auch einen eigenen Konflikt und eine Funktion über den Roman hinweg geben. Du schreibst, er sei zu Beginn arbeitslos. Wie wäre es, wenn er durch KI seinen Arbeitsplatz verloren hätte? Das würde thematisch sehr gut passen.
Und nun soll er ausgerechnet mit KI auch noch den Beruf seines Freundes automatisieren. Er könnte im Verlauf des Romans sogar früher als der Autor erkennen, dass die Sache außer Kontrolle gerät und sich mit ihm darüber streiten. Das hätte viel Konfliktpotenzial.
Das könnte so ähnlich aussehen:
Autor: „Du kannst das doch programmieren.“
Programmierer: „Du willst ernsthaft, dass ich mit der Technologie, die meinen Job überflüssig gemacht hat, deinen Job überflüssig mache?“
Dann bräuchtest du einen guten Grund, warum der Programmierer doch zusagt. Geld wäre ein gutes Argument. Wenn er arbeitslos ist, seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann …
Also, viel interessanter, als der KI ein rebellisches Bewusstsein zu geben, weil man sie dadurch wahrscheinlich abschalten und den Roman vorzeitig beenden würde, wäre es, wenn der Autor von Rebellion und eigenen Absichten spricht, während der Programmierer darauf besteht, dass die vermeintliche Persönlichkeit nur aus den widersprüchlichen Anweisungen und Veränderungen des Systems entsteht.
Der stärkste Kern deiner Idee wäre für mich Folgender: „Ein mittlerweile erfolgloser Autor baut eine Maschine, die endlich die Bestseller schreiben kann, die ihm selbst nicht mehr gelingen – und muss zunehmend erkennen, dass ausgerechnet er der entbehrlichste Bestandteil seiner eigenen Buchfabrik ist.“
Ich wünsche dir viel Spaß beim Schreiben. Die Ideen in diesem Text darfst du gerne verwenden. 