Hallo Koebes,
herzlichen Dank für dein Feedback.
Es ist die erste Rohfassung einer Szene – oder wie auch immer man das in der Schreibwelt nennen mag –, die ich recht spontan niedergeschrieben habe. Eine fragmentierte Erinnerung aus der Realität, verwoben mit fiktiven Elementen.
Ich glaube, meine persönliche Stärke liegt darin, Stimmungen einzufangen. Atmosphären, Zwischentöne, leise Gefühle. Doch genau dort verliere ich mich manchmal auch – als würde es danach nicht selbstverständlich weitergehen.
Im Moment befinde ich mich in einer Phase, in der die gesamte Handlung bereits in meinem Kopf existiert. Ich beginne nun, einzelne Szenen aufs Papier zu bringen – noch sehr roh, ungefiltert, ohne darauf zu achten, wie sie auf andere wirken. Zunächst schreibe ich nur für mich. Ob diese Herangehensweise richtig ist, weiß ich nicht.
Ich schreibe auch nicht chronologisch, Szene für Szene, sondern folge eher einem inneren Impuls – dahin, wo es mich gerade hinzieht.
Eine Frage jedoch begleitet mich dabei immer wieder, und sie ist für mich die wichtigste: Habe ich Talent?
Ich hätte kein Problem damit, wenn die Antwort Nein lautet. Wenn mir jemand ehrlich sagt: „Man merkt, dass du dir Mühe gibst, aber es fehlt am Grundsätzlichen“, dann könnte ich das annehmen. Schreiben war immer ein Wunsch von mir – aber kein Zwang. Und erst recht nichts, das ich um jeden Preis verfolgen müsste.
Ich lasse hier noch einmal eine Leseprobe da – offen für jede Form von Kritik.
—Leseprobe—
Leise Musik erfüllte die kleine Souterrainwohnung, gedämpft von den dicken Wänden. Eine Lampe neben dem Sofa tauchte den Raum in warmes Licht, während draußen längst Nacht geworden war.
Rian saß neben Zoe auf dem schmalen Sofa. Ihre Beine lagen halb über seinen, ihre Finger spielten mit der Kante seines Ärmels. Sie redeten kaum noch. Es war dieses ruhige Zusammensein, das sich in den letzten Wochen zwischen ihnen eingestellt hatte – leicht, vertraut, und doch manchmal von etwas Unsichtbarem überzogen, das Zoe nicht ganz greifen konnte.
Er beugte sich vor und küsste sie. Langsam. Zärtlich.
Sie erwiderte den Kuss sofort, zog ihn näher zu sich, lachte leise, als er ihr mit der Nase über die Wange strich.
Sie waren einander nah, aber nie so nah, wie sie es aus Erzählungen kannte. Nie drängend, nie hastig.
Manchmal fragte sie sich, ob es an ihr lag. Ob sie etwas falsch machte.
Und gleichzeitig wusste sie, dass es nicht so war, wenn sie in seine Augen sah.
Die Uhr auf dem Regal zeigte kurz vor elf.
Rian löste sich sanft von ihr und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ich muss los“, sagte er leise.
Sie nickte, auch wenn sie es jedes Mal ein wenig bedauerte. Die Nächte, in denen er arbeitete, fühlten sich länger an als die anderen.
An der Wohnungstür zog sie ihn noch einmal an sich. Ihre Arme legten sich um seinen Rücken, sie küsste ihn, diesmal fester, wärmer, als wollte sie den Moment festhalten.
Als sie sich löste, blieb sie dicht vor ihm stehen und sah zu ihm auf.
„Ich liebe dich“, sagte sie leise.
Der Satz war kaum mehr als ein Hauch.
Und in Rian brach die Welt für einen Moment auseinander.
Es war kein Bild, das kam. Kein klarer Gedanke.
Nur ein Geräusch in seinem Kopf, ein Flüstern, das nicht hierher gehörte.
Ein Echo aus einer anderen Zeit, das sich über ihre Stimme legte, bis beides ununterscheidbar wurde.
Sein Körper wurde kalt. Sein Atem blieb stehen.
Der Flur, das Licht, Zoes Gesicht – alles rückte einen Schritt von ihm weg.
„Rian?“
Ihre Stimme erreichte ihn wie durch Wasser.
„Rian? Alles gut?“
Er blinzelte. Die Gegenwart kam zurück, schwer und langsam, als müsste er durch eine zähe Schicht hindurch.
Zoe sah ihn an, besorgt, suchend.
Er zwang sich zu einem schwachen Nicken.
„Ja… alles gut.“
Seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren.
Er wandte sich ab, griff nach der Klinke und trat hinaus in die kühle Nachtluft. Seine Beine fühlten sich unsicher an, als gehörten sie nicht ganz zu ihm.
Der Weg hinunter zum Parkplatz war dunkel, nur schwach vom Licht der Straße erhellt. Kies knirschte unter seinen Schritten.
Hinter ihm ging die Tür auf.
„Hey… warte!“
Er blieb stehen und drehte sich um.
Zoe kam den Weg heruntergelaufen, barfuß in ihren Hausschuhen, den Pullover enger um sich gezogen. In der Hand hielt sie etwas Kleines.
Als sie bei ihm ankam, nahm sie vorsichtig seine Hand und legte ihm einen zusammengefalteten Zettel hinein.
„Den darfst du in einer Stunde lesen“, sagte sie leise.
Er sah sie an, noch immer blass, noch immer nicht ganz hier.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste ihn kurz auf den Mund.
Dann drehte sie sich um und ging zurück den Weg hinauf, ohne noch einmal stehen zu bleiben.
Rian blieb einen Moment stehen und sah ihr nach, bis die Tür hinter ihr zufiel.
Er konnte nicht sehen, dass sie sich im Flur gegen die Wand lehnte und die Tränen kamen, leise und plötzlich, als hätten sie nur darauf gewartet, dass niemand mehr hinsah.
Der LKW stand auf dem Hof eines kleinen Verteilzentrums am Stadtrand. Gelbes Neonlicht spiegelte sich auf nassem Asphalt. Es war kurz nach Mitternacht. Ein paar andere Lastwagen standen in einer Reihe, Motoren liefen im Leerlauf, irgendwo klapperte Metall.
Rian saß im Führerhaus, den Motor ausgeschaltet. Für einen Moment war es still.
Seit er losgefahren war, spürte er den Zettel in seiner Jackentasche.
Wie etwas, das Gewicht hatte.
Er hatte nicht auf die Uhr gesehen. Aber er wusste, dass eine Stunde vergangen sein musste.
Langsam zog er das gefaltete Papier heraus.
Seine Finger zögerten einen Moment, bevor er es öffnete.
Das Licht im Führerhaus war kühl, fast weiß. Es ließ alles nüchtern erscheinen.
Eine einzige Zeile.
Du ahnst nicht, wie unsagbar viel du mir bedeutest.
Er las den Satz einmal.
Dann noch einmal.
Und noch einmal.
Etwas zog sich in seiner Brust zusammen.
Unsagbar viel.
Er stellte sich vor, wie sie am Tisch gesessen hatte, hastig geschrieben, vielleicht mit zitternder Hand. Wie sie ihm hinterhergelaufen war. Barfuß. Im Dunkeln.
Du bedeutest mir viel.
In seinem Kopf verschob sich der Satz. Wurde schwerer.
Du bist wichtig.
Du hast Gewicht.
Du kannst etwas zerstören.
Seine Finger schlossen sich um den Zettel. Für einen Moment knüllte er ihn unbewusst leicht zusammen.
Er bemerkte es, hielt inne, strich das Papier wieder glatt.
Als wäre es zerbrechlich.
Als dürfte er selbst hier keine Spuren hinterlassen.
Er lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen.
Ein Teil von ihm fühlte Wärme.
Ein anderer Panik.
Wenn er ihr so viel bedeutete — was würde passieren, wenn sie eines Tages merkte, wer er wirklich war?
Wenn sie wüsste, was in ihm lebte.
Wie wertlos er sich fühlte, wenn niemand hinsah.
Wie etwas in ihm klebte, das nicht sauber wurde, egal wie sehr er sich bemühte.
Das machte es schlimmer.
Er faltete das Papier sorgfältig zusammen, exakt entlang der alten Kanten, und steckte es zurück in die Jackentasche.
Nicht ins Handschuhfach.
Nicht irgendwo lose.
Nah an sich.
Draußen sprang ein Motor an. Jemand hupte kurz.
Ein Kollege winkte ihm vom Tor aus zu.
Rian war an der Reihe, den LKW zu beladen.
Er stieg aus dem Führerhaus. Die Nachtluft war kalt.
Ich darf sie nicht kaputtmachen, dachte er.
Und irgendwo darunter, kaum hörbar:
Bitte liebe mich nicht.