Ich habe hier einmal einen Teil 1 geschrieben für einen Roman, andem ich gerade schreibe. Teil 1 ist noch nicht 100% fertig und ausgearbeitet, manches auch noch zu erklärend und noch nicht richtig strukturiert. Dennoch würde mich interessieren, ob es überhaupt auf Interesse stösst und bin über jegliche Verbesserungsvorschläge dankbar (dies ist mein 1. Versuch und der 1. nähere Kontakt mit einem Roman zu schreiben…).
Teil 1, Kapitel 1:
Die Luft riecht nach Frühling, nach Aufbruch, nach dem Versprechen, dass alles möglich sei. Doch Merle fühlt sich, als wäre sie nur Zuschauerin dieses Neubeginns.
Sie sitzt in der Straßenbahn, auf dem Weg zu ihrer neuen Arbeit. Mit einem lauen Gefühl im Bauch denkt sie an ihren bevorstehenden Tag. Sie weiss schon jetzt wie dieser ausschauen wird. Exeltabellen ausfüllen, Berichte gegenlesen, Recherchieren. Immer wieder dieselben Aufgaben, dieselben Tage.
Während die anderen Passagiere in ihre Smartphones vertieft sind, lässt sie ihren Blick durch die Bahn streifen. Überall fremde Menschen, fremde Gesichter.
Ein älterer Mann hält ein Buch in der Hand, nickt, murmelt leise mit. Ein Paar streitet leise, doch ihre Worte kommen nur in entfernten Rauschen an ihr Ohr.
Merle lässt ihren Blick über die Gesichter der gegenübersitzenden Fahrgäste streifen: gestresste Augen, verschlossene Mienen, beiläufige Blicke. Keiner davon richtet sich auf sie, in keinem von ihnen erkennt sie etwas wieder.
Die Stadt draußen fliegt vorbei, auf einer Werbeanzeige eine Konzertankündigung einer ihr unbekannten Band. Trotz der Wärme im Zug zeiht sie ihre graue Jacke stärker um sich. Wie seltsam, denkt sie, auf ihren Zugfahrten zu Hause wusste sie jedesmal, wenn sie aus dem Fenster schaute, wo sie sich befand. Hier erscheint ihr alles fremd. Nirgends ein bekanntes Gesicht an dem sie sich halten könnte. Merle lehnt sich zurück, spürt die Kälte der Metallstäbe der Bahn durch die dünne Jacke kriechen.
Sie sitzt an ihrem neuen Arbeitsplatz. Neben ihr Stifte, Blöcke, Post-Its und formelle Papiere. Sie war noch nie gut im Ordnung halten gewesen. Sie befördert den Stehschreibtisch hoch, versucht Ordnung in das Choas vor ihr zu bringen, sortiert ihre Aufschriebe, räumt die Stifte in das dafür vorgesehene Behältnis. Merle schaut aus dem Fenster, beobachtet, wie die Blätter des Busches im Wind wackeln. Sie wendet sich ab, geht zum Wasserkocher und legt einen Teebeutel in die Tasse bereit. Während das Wasser kocht geht sie zurück zu ihrem Schreibtisch, lösst ihn wieder auf Sitzhöhe hinunterfahren und setzt sich auf ihren Schreibtischstuhl. Das Klicken des Wasserkochers signalisiert ihr, dass das Wasser gekocht hat. Sie steht wieder auf und giesst das Wasser auf den Teebeutel. Mit der Teetasse in der Hand geht sie zurück zu ihrem Schreibtisch. Sie drückt auf den An-Knopf ihres Laptops und der iMac fährt hoch. 15 offene Tabs springen sie an. Anscheinend hat sie gestern vergessen diese zu schliessen. Merle überschweift nochmal den bereits offenen Bericht von gestern. Tippt etwas, löscht es wieder. Sie seufzt auf. Sie kann sich nicht konzentrieren. Die Tastatur vor ihr wartet geduldig, bis Merle sich ihr wieder zuwendet. Aber Merle schaut wieder aus dem Fenster. Ihre Gedanken driften, wie so oft in letzter Zeit, ab. Wie kann es auch anders sein, wenn ich jeden Tag den gleichen Scheiss machen muss? Denkt sich Merle.
Trotz allem ist sie froh darüber. Über dieses Stückchen Normalität, dass sich langsam wieder zu formen beginnt. Jeden Morgen das Selbe, nichts unvorhergesehenes, nur Monotonie. So hat sie Zeit wieder zur Ruhe zu kommen, nach den letzten turbulenten Jahren …
Sie steht auf, schnappt ihre Jacke und geht vor die Tür. Ein bisschen Luft schnappen wird sicher helfen, sich wieder besser zu konzentrieren, denkt sie sich. Während sie ihre Hände in ihre Jacke schiebt, ertastet sie ihr Handy. Da fällt ihr ein, sie wollte ja schon seit Tagen auf Maries ungelesene Nachricht antworten. Bisher hat sie es nicht geschafft zu antworten. Sie entsperrt ihr Handy und gerade als sie zu Whatsapp sliden will, um Marie eine Sprachnachricht zu senden, zeigt ihr Iphone ihr ein Bild an mit dem Titel „Heute vor einem Jahr…“. Darauf zu sehen, eine glühende Bergkette, von der Abendsonne in rotes Licht getaucht. Sie beginnt die Sprachnachricht an Marie:“Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe, du kennst es ja, es war viel los und das Praktikum ist irgendwie auch nicht so wie ich es mir erhofft habe…“ Sie bricht ab, lässt ihr Handy zu ihren Oberschenkel gleiten, denn die Erinnerungen schwappen über sie wie eine Welle. Sie weiss genau wo sie das Foto geschossen hatte. Sie war auf dem Heimweg gewesen und gerade über den Fluss geradelt. Die Berge, die die Stadt von allen Seiten einrahmten, wurden von der Abendsonne beschienen und der Schnee schien die Sonne zurück ins Tal zu reflektieren. Wie sie damals mit einem Lächeln unter den stillen Bergen geradelt war, einem Lächeln auf den Lippen, ihr Herz voll und sie nur dachte „was für ein Privileg es ist , hier zu wohnen“.
Instinktiv schüttelt Merle sich, atmet schwer aus und versucht so die Erinnerungen abzuschütteln.
Sie fixiert den Baum vor ihr, versucht an etwas anderes zu denken, ihren Geist von der Erinnerung zu lösen. Sie weiss, dass es nichts bringen wird. Allein die kurze Erinnerung lässt Merles Brust schwer werden, ihre eigene Sehnsucht schwer aushaltbar.
„Du bist jetzt hier“, redet Merle sich selbst zu.
Sie wartet einen Moment, als könnte der Satz etwas in ihr beruhigen. Als könnte er das Ziehen in der Brust lösen und die Realität ändern. Merle schaut wieder auf ihr Handy. Sie spürt das Gewicht des kleinen Geräts in ihrer Hand. Sie öffnet erneut die letzten Chats. Da, die angefangene Sprachnachricht an Marie. Jonas, der ihr vor 1 Stunde ein Herz-Emoji geschickt hat. Darunter nicht viel. Keine Nachricht von Samuel, keine von Mats oder von sonst jemanden aus ihrer Stadt in den Bergen. *Wie oft hatte sie in den letzten Wochen auf ihr Handy geschaut? Immer mit der Hoffnung, dass irgendwann ein „Hey, wie geht’s dir inzwischen? Oder „Bist du gut angekommen in der neuen Stadt?“ aufleuchtet. Aber da kam nichts. Keine Nachricht, kein Anruf. Nicht einmal eine kurze Sprachnachricht, wie sie früher täglich hin und hergingen.*Sie atmet schwer. Wie selbstverständlich das mal war. Sie richtet sich auf, strafft ihre Schultern. Reiß dich zusammen, denkt sie.
Kapitel 2:
Abends sitzen Merle und Jonas in der gemeinsamen Wohnung. Jonas hat gekocht und sie geniessen das Essen zusammen mit einem Glas Wein.
Während im Hintergrund die Red Hot Chilli Peppers „Dani California“ holt Jonas sein Handy aus dem Flur und öffnet Komoot. „Sollen wir am Wochenende zusammen Gravelbiken gehen, ich hab mega Lust und habe uns auch schon eine super Tour geplant. Als erstes geht es auf einem kleinen Forstweg Richtung Süden und dann kommen wir an einem Weiher entlang, der soll super schön sein… .“ Jonas schaut sie aus seinen braunen Augen voller Begeisterung an.
Merles Magen zieht sich zusammen, sie schluckt und plötzlich schmeckt der Wein bitter in ihrem Mund. Vor ihrem Inneren Auge leuchten rote Alarmglocken auf: Nicht schon wieder Pläne, nicht schon wieder ein Wochenende das nicht mehr frei gestaltbar war, und dann auch noch mit biken…
Sie lächelt Jonas an und hört sich selbst:“ Ja, voll gerne“, sagen. Wie schwer sie seinen Augen widersprechen kann. Sie hätte viel mehr Lust auf Mehrseillängenklettern, aber … er hat in den letzten Wochen und Monaten so viel für sie gemacht…
„Sollen wir dann am Samstag gegen 9 starten?“ hört sie Jonas fragen und reisst sie damit aus ihren Gedanken.
Sie schaut ihn an und spürt Dankbarkeit. Darüber dass er dagewesen ist in der letzten Zeit. „Ja, können wir machen, ich freue mich.“ Sie steht auf und räumt den Tisch ab.
Als sie am nächsten Morgen mit dem Zug in die Arbeit fährt, sieht sie im Abteil eine neue Werbeanzeige, von einer Kaugummisorte. Darauf: Eine Frau, bunt angezogen, lachend, kurz bevor die riessige Kaugummiblase in ihrem Mund zerplatzt, dazu der Schriftzug: „Love is in the air“… Sie versteht den Zusammenhang der Werbung nicht, aber sie muss automatisch an Jonas denken. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal mit ihm so schwerelos gefühlt hat. Merle wendet den Blick ab.
Im Zugfenster spiegelt sich ihr eigenes Gesicht. Sie versucht sich zu erinnern, wie sich dieses Flattern anfühlt, im Körper. Aber es gelingt ihr nicht.
Kapitelxxx:
Merle sitzt zu Hause. Es ist Dienstag, ihr Home-Office Tag. Sie versucht sich zu konzentrieren, wieder einmal. Doch ihre Gedanken halten sich nicht an Pläne.Sie schweifen ab. Ein Geräusch, ein Bild, ein Satz reichte. Und schon sieht sie Mama vor sich. Immer dabei, dieses Gefühl, das sie selbst nicht greifen kann. Ohnmacht? Angst? Schuld? Der Cursor blinkt.
Ein endloser Rhythmus. Flimmernd, fordernd. Wie ein Taktgeber, dem sie nicht mehr folgen kann.
Sie schreibt: „In der geologischen Zusammensetzung der Schichten zeigt sich …“ Was? Sie starrt auf den Satz. Die Worte wirken fremd, lose. Als hätte jemand anderes sie geschrieben.
Sie liest ihn noch einmal. Weiß nicht mehr, was sie sagen wollte. Irgendeine Idee hatte sie – vorhin.
Doch ihre Gedanken wandern. Wieder. Zu ihrer Mutter. Wie sie damals – vor sechs, sieben Jahren – mit dem Zeigefinger aufs Handy tippte. Nicht verstehen wollte, dass es auf Wärme reagiert, nicht auf Druck. Waren das schon erste Anzeichen? Sie löscht den halben Satz.
Tippt etwas Neues. Löscht es wieder. Der Cursor blinkt immer noch.
Wie hießen die Gesteinsarten nochmal? Basalt. Schiefer. Kalk? War Schiefer überhaupt sedimentär oder metamorph?
Verdammt nochmal, sie wusste sie doch mal. Ein Brummen im Kopf. Nicht laut, aber durchdringend.
Wie ein Hintergrundrauschen, das alles überdeckt.
Sie legt die Hände in den Schoß. Dann wieder auf die Tastatur. Der Cursor blinkt.
Blinkt.
Blinkt.
Der Cursor blinkt. Flimmert. Fordert. Irgendwo zwischen zwei Herzschlägen ist immer Mama.
Sie schließt die Augen. Ein Moment Stille. Sie kann sich nicht mehr erinnern was sie schreiben wollte. Sie öffnet das Fenster.
Die Luft draußen: kühl, klar. Ein Vogel ruft aus dem Baum gegenüber. Autos fahren vorbei, irgendwo bellt ein Hund. Das Leben geht weiter. Einfach so. Sie lehnt sich ein Stück hinaus, schließt kurz die Augen. Atmet tief ein. Und wieder aus. Aber es hilft nichts. Die Klarheit von draußen gelangt nicht bis zu ihr.
Plötzlich hört sie von weit weg das Geräusch eines eingehenden Teams-Anruf. Merle schaut sich verwirrt um, bis sie versteht, dass sie angerufen wird. Linda, ihre Arbeitskollegin. Sie läuft zurück zu ihrem MacBook und versucht sich zu sammeln. Einatmen, ausatmen.
„Hallo Linda!“ Nimmt sie mit betont ruhiger Stimme das Gespräch an. „Hallo Merle, ich habe vorher schon versucht dich zu erreichen, aber du bist nicht rangegangen.“ Merle öffnet schnell, die Anrufaufzeichnungen. Tatsächlich, ein entgangener Anruf von Linda. Sie hatte wohl in der Früh vergessen, das Programm direkt zu öffnen. Sie merkt, wie ihr die Hitze ins Gesicht schiesst. Wie gut, dass man auf über Video die Farben nicht so gut erkennen kann, denkt sie sich. „Wie dem auch sei, fährt Linda fort, ich wollte fragen, ob du an dem Bericht für die Gemeinde schon weitergeschrieben hast?“ Merle braucht eine Sekunde um zu verstehen, von welchem Bericht Linda redet. „Äh ja, der sollte eigentlich fertig sein.“ Linda wirkt leicht irritiert:“Ok, bist du sicher? Weil mir sind da schon noch einige Stellen aufgefallen, die noch nicht korrekt sind und manche Sätze sind auch nicht gut ausformuliert, sind eher noch Stichpunkte… der Abschnitt mit der Situationsanalyse endet plötzlich mitten im Satz. Könntest du heute sonst nochmal drüber schauen?“
Merle schluckt. Schon wieder Leichtsinnsfehler? Sie hatte doch den Text extra dreimal gegengelesen und kontrolliert. Wie konnte ihr das entgehen? Das nächste Mal muss ich mir einfach noch mehr Zeit dafür einplanen, denkt sie sich.
„Ja klar, ich schaue nochmal drüber“ antwortet sie und Merle versucht ihren Frust mit einem Lächeln zu kaschieren. Linda redet noch kurz über Termine, die sie abstimmen müssen und legt dann auf. Merle starrt noch auf einige Sekunden auf den Bildschirm.
Kap xx:
Ihre Eltern kommen über das verlängerte Wochenende zu Besuch. Sie wollten die neue Wohnung, die neue Stadt und die Umgebung kennenlernen. Ihr Vater hatte angekündigt Merle und Jonas zum Abendessen einzuladen.
Ihre Eltern sind am Morgen losgefahren, weshalb Merle zum Mittagessen schon Pilzrisotto vorgekocht hat, wenn ihre Eltern dann da sind. Als es klingelt ist sie gerade dabei, das Dressing über den Salat zu schütten. „Schön dich zu sehen, Merle!“ Sagt ihre Mutter. „Es war jetzt schon wieder lang her, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben…“ Merle spürt einen Stich im Herz, sie will sich rechtfertigen, kontern:“Aber ich war doch erst vor 4 Wochen bei euch!“ aber sie schluckt es hinunter, sie zwingt sich, nicht direkt in den ersten Minuten die Stimmung zu zerstören. Ihre eigene Laune hat sich durch den Satz ihrer Mutter merklich verschlechtert, aber sie setzt ein breites Lächeln auf und sagt:“Schön euch zu sehen, wie war die Fahrt? Ich habe uns schon etwas gekocht!“ „Mh, es riecht ja schon gut“ meint ihr Vater. Sie essen gemeinsam, erzählen über dies und das,über die Fahrt und das Wetter. Nach dem Essen schaut sich ihr Vater in der neuen Wohnung um. Er bleibt schließlich vor dem Plakat stehen, dass Merle Jonas zu Weihnachten geschenkt hatte – mit Fotos und einem langen Text, in dem sie sich bei ihm bedankte. Dafür, dass er in diesem wohl schwierigsten Jahr ihres Lebens bei ihr war. Dass er sie unterstützt hatte und nicht von ihrer Seite gewichen ist. Dafür, dass er einfach da gewesen ist.
Nachdem ihr Vater aufmerksam den Text durchgelesen hatte, tritt langsam einen Schritt zurück und wendet sich ihr schliesslich zu: „Warum war das letzte Jahr so schwer für dich? Du warst doch viel unterwegs – klettern, Urlaub und so.“
Merle zögert, dann sagt sie:
„Ja, schon. Aber das mit Mama …“
Noch während der Satz in der Luft hängt, drängt sich Merle ein Gedanke zwischen ihre Worte.
Wie konnte er das nicht merken? Unfähig ist sie fast 3 Monate lang durch ihr eigenes Leben gegeistert, kaum aus dem Bett, kaum vor die Tür. Irgendwann wird sie vergessen haben, wer ich bin.“ Der Gedanke ist einfach immer da gewesen. Immer.
Sie steht noch immer vor ihm.
Er schaut sie an, wartet.
Sie könnte es jetzt sagen. Alles.
Stattdessen nickt sie leicht.
„War einfach viel.“
Mehr kommt nicht.
„Vielleicht hast du dir es auch einfach zu sehr an dich rankommen lassen.“ sagt er mit Blick aus dem Fenster.
Merle betrachtet ihn ausdruckslos, dann dreht sie sich weg.
Kapitelxx:
Merle steht im Supermarkt, vor dem Regal mit den Konserven. Drei Minuten lang. Ohne sich zu bewegen. Was braucht sie nochmal ? Sie öffnet ihre Notizen auf ihrem Iphone. Ah, Kidneybohnen.
Aus den Lautsprechern spielt Iris von den Goo goo dool: „And I don’t want the world to see me
'Cause I don’t think that they’d understand, And I dont want the world to see me cause I dont think that theyd understand, when everything’s made to be broken, I just want you to know who I am…“. Augenblicklich wird sie in ihre WG-Zeit zurückversetzt. Mats und sie hatten den gleichen Musikgeschmack und Mats hatte die Angewohnheit Lieder, die ihm gut gefallen, in eine Playlist zu packen und die gleichen 10 Lieder immer wieder abzuspielen. Egal ob beim kochen, Brettspielen, duschen – die Lieder begleiteten sie überall. Auch dieses Lied war auf der Playlist und zeitweise war es sein Lieblingslied. Dementsprechend oft lief es in der WG.
Eine ältere Frau greift neben ihr in das Regal. Merle zuckt zusammen, wie aus einem Traum gerissen.
Sie greift wahllos nach einer Dose, geht weiter. Erst an der Kasse merkt sie, dass sie Linsensuppe gekauft hat. Sie mag keine Linsen. Ihre Mutter mochte Linsen. Aber das spielt nun auch keine Rolle mehr.
Kapitel xxx:
Das blasse Blau weicht einem fahlen Grau, und in den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser glimmt erstes Licht. Gedankenverloren starrt sie auf die inzwischen kalte Teetasse, als Jonas aus dem Bad kommt. Er hat ein Handtuch um die Schultern gelegt und dampft noch vom Duschen.
Er bleibt im Türrahmen stehen, sieht sie an.
„Du siehst müde aus. Willst du kurz spazieren gehen? Frische Luft könnte dir guttun.“
Sie schüttelt leicht den Kopf, ohne aufzusehen. „Der Tag war anstrengend, und ich bin müde.“
Er tritt näher, setzt sich zu ihr. „Willst du erzählen, was dich beschäftigt?“
Sie dreht den Kopf weg, weil sie nicht will, dass Jonas sieht, wie ihre Lippen zittern. Schon wieder.
„Ich geh mal noch einkaufen, wir brauchen noch Tomaten und Gurken, für den Salat“, antwortet Merle schnell. Sie schnappt sich ihre Jacke und plötzlich schiesst ihr ein Gedanke durch den Kopf: Du weißt doch sowieso, was mich gerade beschäftigt, warum fragst du überhaupt so doof? Aber sie sagt es nicht, schluckt den Gedanken herunter.
Er schaut sie schweigend an, steht auf, tritt zu ihr und gibt ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „Alles klar, bis später.“ Sie wendet sich ab und zieht die Wohnungstür hinter sich zu. Gerne hätte sie ihm erklärt, dass es nicht an ihm liegt. Dass sie alleine sein muss, um ihre Gedanken zu sortieren – weil sie dann nichts erklären muss. Und weil man dafür keine Kraft braucht.
*
Als sie später mit der Einkauftasche die letzten Stufen zur Wohnungstür hochgeht, hörte sie bereits, wie Jonas mit seinen Eltern einen Videocall hat.
Sie lauscht kurz und ist wie jedes Mal überrascht, wie beiläufig sie ihm zuhören und wie ernst sie auch seine kleinsten Sorgen nehmen. „Ach, und mach dir nicht so viele Gedanken – das geht wieder vorbei,“ hörte sie Jonas Mutter gerade sagen, als Jonas ihr erzählt, dass der Splitter in seinem Finger noch immer entzündet ist. Merle wendet sich ab und geht ins Bad. Im Hintergrund hört sie noch das Murmeln des Gesprächs. Wie so oft, sprechen sie über Banales: Über die neue Waschmaschine, die merkwürdig riecht, eine Buchempfehlung oder über eine neue Rezeptidee.
Ich hab niemanden mehr, mit dem ich so reden kann.
Nicht mehr über die kleinen, dummen, alltäglichen Dinge.
Nicht mehr über das, was mich eigentlich beschäftigt.
Früher hatte sie ihrer Mutter alles erzählt.
Ein Anruf egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit – auf dem Weg zur Uni, während des Kochens oder kurz vor dem Schlafengehen. Egal, worum es ging – Mama war immer da. Meistens konnte ihre Mutter ihre Stimmung schon anhand ihrer Stimme erkennen und zwischen den Zeilen lesen – heute erkennt sie nicht einmal mehr die Buchstaben selbst…
Inzwischen hat Merle aufgehört, mit ihren Eltern überhaupt über sich zu sprechen.
Sie seufzt. Zu oft hat Merle das Gefühl, dass dafür kein Platz mehr ist. Merle will ihre Eltern nicht noch mit ihren eigenen Sorgen belasten. Sie hebt den Kopf und schaut sich selbst im Spiegel an. Sie erinnert sich, wie das letzte Telefonat mit ihrer Mutter abgelaufen ist. Meistens hat Merle auf die kurzen Fragen, die ihre Mutter ihr gestellt hat nur knapp geantwortet – Weil es zu weh tat.
Denn es gibt nur noch wenig, das von ihr verstanden wird. Oder weil Merle den Sinn nicht mehr versteht, ihrer Mutter Sachen zu erzählen, wenn sie es sowieso nach kurzer Zeit wieder vergessen wird.
Ihr fällt eine kleine Falte über der Augenbraue auf. Seit wann ist die da? Fragt sie sich. Bisher ist sie Merle noch nicht aufgefallen. Sie fährt mit dem Daumen darüber und massiert die Stelle mit ihrem Mittelfinger.
Und Papa? Der hört zwar zu. Aber wirklich ins Gespräch kommen sie nicht mehr.
Meist erzählt er von sich. Von Politik und was schon wieder alles schlechtes auf der Welt passiert .
Sie hört Jonas Mutter noch fragen, wie es auf der Arbeit läuft.
Und mit der Zeit hatte Merle sich damit abgefunden.
Daran, dass niemand mehr nachfragt.
Und wie so oft, ploppt wieder dieser Gedanke auf:
Vielleicht bin ich jetzt wirklich erwachsen – Weil es keinen Ort mehr gibt, an dem ich mich wirklich anlehnen kann.
Sie hört, wie Jonas das Gespräch beendet hat. Er ruft Richtung Bad: „Merle, bist du wieder da? Ich hab dich die Treppe hochkommen hören?“Sie brummt ein leises „Mhm“ in seine Richtung. Dann geht sie Richtung Küche und nimmt die Einkaufstasche, die sie im Flur stehen gelassen hat, mit. Sie räumt die Einkäufe in den Kühlschrank und das Regal. Dann wendet sie sich Jonas zu. Sie fährt ihn gereizt an: „Boah, deine stinkigen Klamotten vom Biken hängen noch an der Heizung im Bad. Könntest du die mal endlich wegräumen oder in die Wäsche tun? Die sind inzwischen genug ausgelüftet, die hängen schon seit 4 Tagen da rum!“ ZU APRUPT, ZUSAMMENHANG WIRD NICHT KLAR.
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Irgendwann ist Freundschaft zu Liebe geworden. Kein großes Gefühl. Kein Moment, der alles veränderte. Vielleicht keine 100 Schmetterlinge, vielleicht nur 10.
Aber sie hatte trotzdem gedacht: Das muss Liebe sein. Weil es so leicht war, so natürlich, so unbeschwert. Es hat einfach gepasst. Sie hatten dieselben Gedanken gedacht, gelacht, bis ihnen die Bäuche wehtaten.
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Kapitel xx:
Merle sitzt am Rand eines langen Holztisches, vor ihr steht ein fast leeres Glas Weinschorle. Der Raum ist erfüllt von lockerem Stimmengewirr, irgendwo läuft eine alte 70er-Jahre-Playlist, und jemand reicht Chips herum. Sie kennt die Leute kaum – Jonas hat sie beim Mountainbiken kennengelernt, und nun sind sie hier, zum gemeinsamen Abendessen.
Ein Versuch der Integration, vermutlich gut gemeint. Sie lächelt reflexhaft, wenn jemand zu ihr herüberblickt, stellt die richtigen Fragen, nickt an den passenden Stellen. Sie sitzt am Tisch wie jemand, der durch ein erleuchtetes Fenster in eine warme Stube schaut, ohne selbst hineinzugehören. Hier scheinen alle schon ewig miteinander verwoben zu sein. Gespräche drehen sich um Kinder, Baupläne, Zukunftsaussichten – Dinge, die für sie gerade zu weit entfernt sind. Sie weiß selbst nicht welchen Job sie nächstes Jahr haben wird.
Merle nickt, nimmt einen Schluck, lauscht weiter. Nicht lange ist es her, da saß sie selbst in der warmen Stube. In „ihrer“ Stadt in den Bergen hatte sie zusammen gekocht – Samuel hat immer zu viel Chilli ins Essen getan oder Mats hat immer zu viel von dem billigen Dosenbier getrunken und ist oft danach einfach auf der Eckbank eingeschlafen.
Aber kaum jemand hat gefragt, wie der Umzug verlaufen ist, wie die neue Wohnung aussieht, wie ihr Job läuft. Dabei ist es noch nicht so lange her, seitdem sie weggezogen ist. Vielleicht 1 Jahr?
Sie nimmt eine Bewegung rechts von sich wahr. Jemand wackelt mit einer Gummibärchentüte vor ihr herum. „…auch etwas?“ Merle wird aus ihren Gedanken gerissen, sammelt sich schnell, lächelt kurz und lehnt freundlich ab.
Sie wendet sich ab und schenkt sich unwillig etwas Wein nach. Lässt ihre Gedanken über die letzten Jahre hinwegziehen. Auch die Freundschaften, die sie während ihres Bachelors geknüpft hat, sind verblasst. Mit Luise hatte seit ihrem Wegzug noch ein-zweimal im Jahr kurz geschrieben. Und Niko – mit dem sie früher nachts über Weber und Nietzsche diskutiert hat – ist irgendwo zwischen „Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen“ und „Ich komme dich besuchen“ verschwunden.
Wer von all den Menschen, die mir einst nah waren, ist über die Jahre wirklich geblieben?
Nur noch Jonas da, er ist der Einzige. Und das ist manchmal zu wenig. Oder zu viel. Je nachdem, wie man es betrachtet.
Sie schaut sich um. Die anderen unterhalten sich selbstverständlich, lachen, alles wirkt harmonisch. Am anderen Ende des Tisch erzählt jemand ein Witz über eine Elfe im Wald. Mehrere lachen gleichzeitig laut auf, einer schlägt mit der Hand auf seinen Oberschenkel. Sie überlegt kurz, ob sie auch was lustiges sagen soll. Aber ihr fällt nichts ein. Und jetzt einzusteigen würde wirken, als wolle sie unbedingt dazugehören. Stattdessen steht sie auf und geht’ zur Toilette. Ihr Stuhl bleibt an einer Fuge hängen und gibt eine lautes „Grrh“ von sich. Aber niemand scheint es gehört zu haben. Als sie zurückkommt und sich wieder auf ihren Stuhl setzt dreht sich die Person links von ihr Merle zu: “Was machst du eigentlich so beruflich?“ fragt der braunhaarige Typ mit dem Karohemd.
Sie greift nach ihrem Glas und nimmt bewusst langsam einen Schluck. „Ich arbeite in einem Umweltbüro“. Dass es sich nur um ein Praktikum handelt, verschweigt Merle. Der Typ greift nach ein paar Erdnüssen, die in einer Schale auf dem Tisch stehen: „Ah, ja interessant! und sonst so?“ Merle rammt ihr Fingernägeln in ihre Handinnenflächen. In ihrem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Sie könnte ihm alles sagen. Sie holt Luft: „Weisst du, in letzter Zeit…“sie unterbricht sich. Zu viel. Sie lächelt ihn an. „Sonst läuft alles, wir haben uns schon voll gut eingelebt, die Wohnung ist inzwischen fertig eingerichtet und wir fühlen uns recht wohl“. Sie hofft, dass ihm das krampfhafte Zucken ihrer Wagenmuskulatur nicht auffällt.
Später, auf dem Heimweg, herrscht Stille zwischen ihr und Jonas. Er nimmt ihre Hand, streicht mit dem Daumen sanft über ihren Fingerknöchel.
„Alles okay?“, fragt er leise.
Sie nickt, sagt nichts.
Aber alles in ihr schreit: Ich will zurück. Zurück zu der Person, die ich einmal war. Zurück in das Leben, das es nicht mehr gibt.
Kapitelxx:
Jonas und Merle sind beim Klettern.
Sie sind in der Kletterhalle. Merle liebt den Geruch: Eine Mischung aus Chalk, Mattenkunststoff und frischen Cafe. Wie lange sie schon nicht mehr am Seil klettern war. Mit Jonas ist sie in letzter Zeit oft bouldern gegangen. Und in der letzten Zeit ist so oft das Leben dazwischen gekommen. Die Wohnung fertig einrichten, nochmal schnell zum Baumarkt, noch Sachen für die Eltern bestellen - eine wirkliche Kletterroutine hat sie sich nicht aufbauen könne. Als Jonas aus der Umkleidekabine kommt strahlt sie in freudig an: „Ich freue mich so sehr endlich mal wieder Seilklettern zu gehen“. „Ich freue mich auch“ erwidert er. Wo sollen wir anfangen? Auf was hast du Lust?“ fragt Merle Jonas. Sie schaut sich in der noch wenig besuchten Halle um. Überhang, Platte, oder nur leicht überhängend?“ „Lass mal dahin gehen.“ Jonas schnappt sich den Seilsack mit seinen Kletterschuhen und seiner Wasserflasche und geht zielstrebig zu einer Wand, die am Anfang noch senkrecht ist und sich im oberen Drittel leicht aufsteilt. „Willst du dann gleich anfangen?“ fragt Merle ihn. Jonas nickt und bindet sich in das grüne Seil ein. Er zieht seine Schuhe an und wartet darauf, dass Merle ihn in sein Sicherungsgerät nimmt. Als das „Klack“ ertönt und Merle den Karabiner zuschraubt sagt sie:“Gut, ich hab dich, es kann losgehen.“ Gewohnt langsam, aber souverän schraubt sich Jonas nach oben, bis er oben am Umlenker ankommt. Mit einem kurzen Blick nach unten vergewissert er sich, dass Merle auch hochschaut, und lässt sich dann ins Seil fallen. Merle lässt ihn schnell auf den Hallenboden zurück ab und sie tauschen die Rollen. Nun ist Merle dran mit Klettern und Jonas sicher sie. Sie steigt in eine etwas schwierigere Tour links von Jonas Tour ein. Sie zieht rasch ihre Schuhe an und bindet sich mit einem Boulin-Knoten ins Seil ein, und fragt Jonas routiniert „Hast du mich?“. „Jetzt chill doch mal, ich muss erstmal meine Kletterschuhe ausziehen“. Ungeduldig fährt Merle die Konturen des Startgriffes ihrer Tour nach und wechselt das Gewicht von einem Fuss auf den anderen Fuss. „Man sind die Kletterschuhe heute wieder eng.“ denkt sich Merle. Nach einer kleinen Ewigkeit sagt Jonas:“Ich hab dich“. Sie kontrolliert kurz das Sicherungsgerät und zieht sich mit den Händen schon am zweiten Griff nach oben. Die erste Tour läuft vielversprechend. Die Bewegungen sind flüssig, Merle fühlt sich gut. Fast so als wäre sie nie weg gewesen. Ihre Hände finden auf Anhieb die perfekte Haltung für die Griffe und ihre Füsse finden fast ohne Hinzuschauen ihren richtigen Platz auf den Tritten. Nach kurzer Zeit kommt auch sie am Umlenker an und Jonas lässt sie nach unten. „Lass uns mal in was schwierigeres hineinschauen“ ruft Merle motiviert aus. Jonas nickt freudig und Merle entscheidet sich für eine hellgrüne Tour im Überhang. Die Griffe sind eine Mischung aus Leisten und Zangengriffen. Sie zieht ihre Kletterschuhe an, lässt nochmal ihre Arme kreisen und gleicht mit Jonas nochmal Knoten und Sicherungsgerät ab. Dann geht sie los. Die ersten Züge fühlen sich noch gut an, sie setzt präzise ihre Füsse und ihre Hüfte ist nah an der Wand. Aber mit zunehmender Steilheit werden auch die Griffe immer schlechter. Waren es am Anfang noch gute Leisten, sind es inzwischen nur noch kleine Aufleger, auf die maximal das erste Fingerglied drauf passt.
Nach ein paar weiteren Zügen werden Merles Unterarme dick. „Mist, soweit bin ich doch noch gar nicht vom Boden weg, wieso hab ich jetzt schon so einen Pump?“ Sie greift an einen bananenförmigen Zange und denkt: „der sah von unten aber deutlich besser aus!“. Sie macht zwei drei Züge mehr und versucht ihre Hände an einem grossen Oval auszuschütteln. „Atmen Merle, atmen“ sagt sie sich beruhigend zu. Sie chalked und versucht nochmal ihre Arme auszuschütteln, aber sie merkt, dass das Schütteln fast nichts mehr bringt. Ihre Muskeln fühlen sich schwer an, kraftlos. Sie geht trotzdem weiter, zu einem kleinen grünen Seitgriff. Sie merkt wie sie den Griff kaum noch halten kann, ihre Muskeln können die Anstrengung nicht mehr verbergen. Sie will noch einen weiteren Zug machen, aber es geht nicht mehr und plötzlich greift Merle an einen grossen lila Henkel, der nicht zu ihrer Route gehört. „Scheisse!“ entfährt es Merle. Was war das denn? Schimpft sich Merle. „Warum hast du an den lila Griff gegriffen?.. Sie zieht schnell das Seil hoch und klippt sich in die nächste Sicherung ein. Erschöpft lässt sie sich in s Seil setzen. Nach ein paar Minuten Pause und neuer Kraft klettert sie die letzten Züge der Tour zu ende. Sie setzt sich ins Seil und Jonas lässt sie zurück auf den Boden. Er hält ihr seine Handfläche hin und sagt:“Hey, war doch gut, schön gekämpft!“. Merle blickt ihn ungläubig an…Was war daran gut? Ich hab einen Griff verwendet, der nicht zu meiner Route gehört und das war eine 6c! Früher bin ich 6cs ohne im Seil zu sitzen in einem Stück durchgeklettert! „Ach Merle, sei doch nicht immer so hart zu dir!“ hört sie Jonas sagen, aber sie hat sich schon weggedreht, um ihre Wasserflasche zu holen. Als sie wiederkommt, fragt sie Jonas“ Was willst du als nächstes Klettern?
Als sie nach 2-3 Stunden in der Umkleidekabine wieder ihr Handy in die Hand nimmt, sieht sie, dass Linda sie bereits 3 mal versucht hat sie telefonisch zu erreichen. Sie öffnet das Mail-Programm ihrer Arbeit auf ihrem Handy und liest:
Hallo Merle,
hast du die Deadline für den Förderbericht, den ich an den Bund schicken wollte, im Blick? Du solltest ihn ja finalisieren und ich wollte gerade nochmal drüber schauen, da ich ihn ja morgen Abend zuschicken wollte, aber ich habe von dir keine Rückmeldung mehr erhalten. In deinem Kalender ist für nächste Woche ein Timeslot mit „Förderbericht finalisieren“ eingetragen, kann es sein, dass du dir den Termin falsch eingetragen hast?
P.S. Ist bei dir alles ok? Du wirkst in letzter Zeit etwas unkonzentriert…
Liebe Grüsse
Linda
Während Merle den Text überfliegt, spürt sie wie sich ihr Herzschlag verschnellert und ihre Hände schwitzig werden. Sie wischt ihre Hände mit dem Chalk mechanisch an ihrer schwarzen Leggings ab. Merle checkt ihren Arbeitskalender und tatsächlich, sie hatte erst für nächste Woche den „Förderbricht finalisieren“ eingetragen. In ihr steigt Scham auf. Wie kann es sein, dass sie so unsauber arbeitet, früher war das nicht so… sie merkt, dass sie nicht bei der Sache ist, aber sie kontrolliert alles doch schon doppelt und dreifach…
Sie setzt sich auf die Bank neben ihrem Spind und klickt auf den geschwungenen Pfeil „Antworten“.
Hallo Linda,
vielen Dank für deine Mail. Es tut mir leid, du hast Recht, ich habe den Termin verwechselt und mir eingetragen, dass der Bericht erst nächste Woche Donnerstag fertig sein soll. Es gab meines Erachtens nicht mehr so viel zu verbessern, aber ich werde heute und morgen nochmal drüber schauen, sodass du ihn morgen Abend rausschicken kannst.
Und danke für’s Nachfragen, bei mir ist alles ok, ich schlafe nur zur Zeit nicht sonderlich gut.
Liebe Grüße
Merle
Sie liest nochmal die Mail durch und löscht „Es tut mir leid“ und drückt schlieslich auf Senden. Naja, wenigstens war der letzte Satz nicht komplett gelogen. Sie nimmt ihre Klettersachen und geht zur Tür. Jonas wartet schon. Sie lässt nochmal den Blick durch die Halle schweifen und ihre Augen bleiben an der hellgrünen Tour hängen, bei der sie vorher einen falschen Griff benutzt hat.
Vielleicht ist doch alles zu viel, denkt sie sich und wendet sich zum Gehen.
Kap xx:
Es ist kurz nach Weihnachten.
Sie haben gut gegessen, aus den Boxen singt John Fogerty „duop, doup, doup, looking out my back Door“, die Kerzen am Weihnachtsbaum brennen. Papa nimmt sich ein Glas Wein und lässt sich auf seinen Lieblingsplatz am Ofen sinken. Der schwere Duft von Rotwein und Kerzenwachs hängt in der Luft. Während er nostalgisch den Tannenbaum betrachtet fängt er an zu erzählen. Von damals, von früher. Er schenkt sich nochmal ein.
Er erzählt von Opa, vom Hausbau. „Beim Hausbau haben wir finanziell alles fair aufgeteilt – bis auf beim Beton. Da hat deine Mutter gesagt, für so was graues Lebloses zahlt sie nichts!“ Er schaut zu seiner Frau, die gerade völlig abwesend den Weihnachstbaum mustert und lacht: „Dafür hat sie dann die Inneneinrichtung übernommen.“ Merle beobachtet die ausdruckslosen Augen ihrer Mutter. Warum kann Papa das so leicht erzählen? So ohne Traurigkeit darüber, dass diese Zeiten endgültig vorbei sind? Dass er das nie wieder mit Mama erleben wird?
Merle hört zu.
Papas Erzählungen von den Reisen, die er mit Mama unternommen hat – Griechenland, Frankreich. Wie sie zu zweit im VW-Bus unterwegs waren, was sie erlebt haben. „Wir haben mitten im Olivenhain, mit Blick auf die Agäis gecampt. Zum Duschen haben wir einfach Löcher in eine Plastiktüte gemacht und den Beutel an einem dicken Zweig befestigt, hat wunderbar funktioniert!“ schwelgt er in Erinnerungen.
Doch mit jedem Satz wird es schwerer.
Sie war nicht dabei, sie war damals noch nicht geboren. Aber in ihrer Vorstellung kann Merle den Sand und das Meer riechen, sie sieht den blauen Himmel und das türkisfarbene Wasser vor sich, kann die Verliebtheit ihrer Eltern spüren. Tränen steigen hoch. Sie blinzelt hastig, streicht mit dem Ärmel über ihre Augen. Doch es hilft nichts. Der Kloß im Hals wird größer, die Tränen drängen nach oben. Sie merkt: Gleich bricht es aus ihr heraus.
Sie wendet sich abrupt ab.
„Ich muss kurz aufs Klo“, sagt sie heiser. Ihre Stimme klingt fremd.
Hastig verlässt sie den Raum, das Holz des Bodens knarzt unter ihren Schritten.
In ihrem alten Kinderzimmer bleibt sie stehen. Es reicht genau wie früher: der Holzgeruch der von dem grossen Massivholzkleiderschrank ausströmt vermischt mit dieser ruhigen Kühle. Die Stimmen aus dem Wohnzimmer klingen dumpf durch die Tür, wie aus einer anderen Welt. Draußen leuchtet die Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn, bunt, festlich. Drinnen, in der Dunkelheit des Zimmers, vertraut und doch fremd.
Sie bricht in Tränen aus. Ihre Eltern wollten noch so viel erleben, hatten Pläne, die sie aufgeschoben hatten – für „dann, wenn sie Zeit haben“.
Doch dieses Leben, diese Zukunft – einfach weg. Stattdessen ein Alltag, der beide zermürbt.
Papa, der Medikamente sortiert, Mama, die auf dem Sofa darauf wartet, dass der Tag vorbei geht. Sie spürt den glatten Holzboden unter ihren Socken. Mit dem grossen Zeh fährt sie die Kerben nach, die sie vor 20 Jahren mit einer Schere aus Unwissenheit ins Holz geritzt hat. Aber auch für sie gibt es kein “dann“ mehr als Familie. Es zieht sich ihr Herz zusammen. Merle tastet sich zur kühlen Wand und sucht nach Halt, nach etwas, das noch da ist. An der Wand entlang lässt sie sich langsam auf ihr Bett gleiten.
Konzentrier dich auf was, was du sehen kannst, flüstert sie sich zu und versucht ihren Atem zu kontrollieren. Also fixiert Merle aus der Dunkelheit heraus das Fenster. Das gegenüberliegende Haus, dessen Wände, die Dachkonstruktion, sie weiss genau welchen Ausschnitt des Nachthimmels sie von hier aus sehen kann. Sie kennt alles in ihrem ehemaligen Kinderzimmer wie ihre Westentasche. Kennt jeden Winkel, jede xxx.
Sie lässt ein paar Minuten so vorüberziehen. Sitzt regungslos in der Dunkelheit. Irgendwann steht sie auf und macht das Licht an. Einem inneren Impuls folgend geht sie zum Bücherregal. Da ist es, sie muss gar nicht lange suchen, sie weiss dass es da ist. Sie greift nach dem Buch im hellblauen Einband. Inzwischen ist es schon ziemlich abgegriffen. Auf dem Einband springt ihr Maries geschwungene Schrift entgegen: „ „Für dich, zum Erwachsenwerden. Mögest du das Leben nie weniger lieben, als du es jetzt tust.“ Merle starrt auf die Handschrift. Ihr Hals schnürt sich zu. Damals war sie achtzehn, voller Pläne, voller Vertrauen. Sie will es schon wieder zurück ins Regal stellen, aber etwas drängt sie dazu, trotzdem hineinzuschauen. Sie schlägt es auf – und muss direkt schmunzeln. Sie blickt auf sich selbst, Arm in Arm mit Marie. Sie überfliegt die nächsten Seiten: So viele Insider-Witze, hässliche Kritzeleien, Schnappschüsse. Ein Zeugnis über die Schulzeit, über ihre Freundschaft, ihre gemeinsamen Erlebnisse und über das noch junge Leben. Über die Unbeschwertheit und das leise Gefühl, dass etwas grosses wartet, dass sie damals nicht greifen konnte. Sie klappt das Buch mit einem festen Ruck zu und wirft es wütend, als hätte es plötzlich Feuer gefangen, mit Wucht auf ihr Bett, sodass es auf hüpft und auf dem Boden landet. Ihre Hände zittern. Sie würde am liebsten schreien. Über die Ungerechtigkeit. Am liebsten hätte sie etwas zerstört, etwas auf den Boden geworfen, ihrer Wut Raum gegeben. Aber da war nichts was sie werfen konnte… überall Dinge, aufgeladen mit alten Erinnerungen… Stattdessen setzt sie sich wieder zurück auf s Bett, nimmt sich ein Kissen und schlägt still auf drauf ein. Zweimal, dreimal, viermal mit der rechten Hand, zweimal, dreimal, viermal mit der linken Hand. Sie hält kurz inne.
„Merle?“ hört sie ihre Mutter rufen. Sie wendet ihren Blick vom Buch ab, lässt es dort liegen, wo es aufgekommen ist und geht aus dem Zimmer.
Kapitel Xx:
Als Merle von der Arbeit nach Hause kommt und gerade die Jacke aufgehängt, kommt ihr im Flur schon Jonas entgegen. „Hallo, na wie geht’s?, wie war dein Arbeitstag?“ fragt Jonas „Und bist du noch zum Baumarkt gefahren?“ fragt Jonas. Merle schaut ihn perplex an und zischt ihn genervt an: „Nein, warum sollte ich denn beim Baumarkt vorbeifahren?!“
Jonas schaut sie verwundert an: „Hast du denn meine Nachricht nicht gelesen?“
„Welche Nachricht denn?“ fragt Merle aufgebracht zurück. „Du schreibst mir immer 200 Nachrichten am Tag während ich arbeite, ich kann nicht immer jede einzelne deiner vielen Nachricht lesen!“ schiesst sie ihn verärgert an. Jonas schaut sie an:“ Im Baumarkt sind noch bis heute die Lampe, die wir uns für das Büro ausgesucht haben, um 35% reduziert.
Schon gut, ist egal, ich fahre schnell nochmal hin“… Er schnappt sich seine Jacke und den Geldbeutel, der auf der Küchenzeile liegt und schwupps ist er schon an der Tür.
„Warte!“, will Merle sagen, „es tut mir leid, mir ist gerade alles zu viel“… aber , sie kann es nicht ausssprechen… und während die Sekunden vergehen hört sie, wie die Tür ins Schloss fällt.