Leseprobe für MM GayRomance mit BDSM Anteil "In sicheren Händen"

Hallo in die Runde.
Nachdem ich früher viele Jahre auf Bookrix meine Kurzgeschichten veröffentlicht habe, war ich lange auf der Suche nach einem neuen Ort für mich. Jetzt bin ich hier angekommen und hoffe auf eine ebenso bunte und lebhafte Gemeinschaft.

In den letzten Jahren habe ich viel an meinem Stil gearbeitet und vor kurzem meinen ersten Roman beendet.
Es ist eine Geschichte über Kontrolle und Vertrauen, über eine D/s Beziehung im BDSM Genre, allerdings habe ich auf explizite Beschreibungen verzichtet.

Ich schreibe fast ausschließlich MM Gay Romance und würde mich freuen, wenn vielleicht der ein oder andere Gefallen an meinen Erzählungen findet.

Ich poste hier eine Leseprobe von “In Sicheren Händen”,

In sicheren Händen

Die Musik war laut genug, um die Gespräche an den Nachbartischen zu verschlucken, aber nicht so laut, dass sie das Lachen der Gäste übertönte. Bunte Lichtkegel glitten über die Tanzfläche, auf der sich Männer und Frauen zwischen ausgelassenem Tanzen und innigen Umarmungen bewegten. Die Bar gehörte zu den beliebtesten Treffpunkten der LGBTQ±Szene in Los Angeles. Hier interessierte es niemanden, wen man liebte oder wie man aussah. Man kam hierher, um den Alltag für ein paar Stunden hinter sich zu lassen.

Kelly Bennett gelang genau das an diesem Abend nicht.

Mit finsterer Miene saß er auf einem der Barhocker und drehte lustlos das Glas Cola vor sich hin. Die Eiswürfel klirrten leise gegeneinander, jedes Mal, wenn er das Glas ein Stück weiter schob. Früher hätte an seiner Stelle ein Whiskey gestanden, vielleicht auch der dritte. Heute war es nur noch Cola. Seit Raymond ihn vor Jahren aus seiner dunkelsten Zeit geholt hatte, hatte Kelly keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Darauf war er stolz – auch wenn es Abende wie diesen gab, an denen die Versuchung für einen kurzen Moment wieder anklopfte.

„Verdammter Mist“, murmelte er zum wiederholten Mal.

Jane hob den Blick von ihrem Cocktail und tauschte ein amüsiertes Grinsen mit ihrer Frau Emily. Die beiden kannten Kelly lange genug, um zu wissen, dass dieses leise Grollen nichts Gutes bedeutete.

„Nummer zwölf“, stellte Emily trocken fest.

Kelly sah sie irritiert an. „Was?“

„Du hast heute Abend schon zwölfmal vor dich hingebrummt.“

Er verzog das Gesicht. „Hab ich nicht.“

„Doch“, mischte sich Hassan ein und nahm einen Schluck aus seinem Bier. „Und dreimal hast du dein Glas angeschaut, als hätte es dich persönlich beleidigt.“

Kelly schnaubte.

„Vielleicht hat es das.“

Hassan lachte. „Die Cola kann nun wirklich nichts für dein Liebesleben.“

Allein dieses Wort ließ Kelly erneut die Augen verdrehen.

„Liebesleben … Welches Liebesleben? Ich habe keins.“

Jane stellte ihr Glas auf den Tresen und musterte ihn aufmerksam. „Okay, jetzt erzähl. Was ist diesmal passiert?“

Kelly antwortete zunächst nicht. Sein Blick glitt über die Tanzfläche, wo zwei Männer lachend umeinander tanzten. Sie wirkten unbeschwert, glücklich und vollkommen im Moment. Schließlich stieß er einen langen Seufzer aus.

„Es war wieder eine Katastrophe.“

„Das Date?“, fragte Emily.

„Natürlich das Date.“

„So schlimm?“

Kelly lachte kurz auf, allerdings ohne jede Spur von Humor.

„Er hat zwanzig Minuten lang ausschließlich von seinem CrossFit-Studio erzählt. Danach erklärte er mir ungefragt seine Hautpflegeroutine und wollte anschließend wissen, wie viele Follower ich auf Instagram habe.“

Hassan grinste. „Und?“

„Ich habe ihm gesagt, dass ich gar kein Instagram habe.“

„Autsch.“

„Daraufhin hat er mich angesehen, als hätte ich ihm erzählt, dass ich noch mit Rauchzeichen kommuniziere.“

Diesmal mussten alle lachen. Selbst Kelly konnte sich ein flüchtiges Schmunzeln nicht verkneifen, doch es verschwand genauso schnell wieder.

Jane beobachtete ihn einen Moment.

„Das ist aber nicht der eigentliche Grund.“

Kelly schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Er ließ den Blick erneut durch die Bar wandern. Überall schienen Menschen jemanden gefunden zu haben. Manche tanzten eng umschlungen, andere unterhielten sich lachend an den Tischen oder hielten einfach nur die Hand ihres Partners. Es war kein Neid, der sich in seiner Brust ausbreitete. Es war etwas viel Schwereres.

„Ich frage mich langsam, was mit mir nicht stimmt.“

Mit einem Schlag wurde es still am Tisch.

Kelly fuhr sich durch die blonden Haare und starrte einen Moment in sein Glas.

„Seit über einem Jahr versuche ich wieder zu daten. Mal lerne ich jemanden über Freunde kennen, mal über Apps, mal ergibt sich einfach etwas. Am Anfang läuft es immer gut. Wir verstehen uns, lachen zusammen, treffen uns mehrfach … und irgendwann kommt immer derselbe Punkt.“

„Welcher?“, fragte Emily leise.

Kelly antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Der Moment, in dem sie merken, dass ich anders bin.“

Hassan legte den Kopf schief.

„Anders inwiefern?“

Kelly überlegte einen Augenblick.

„Ich brauche Struktur. Verlässlichkeit. Ich mag keine Spielchen. Ich habe keine Lust auf Machtkämpfe oder darauf, ständig auszutesten, wer in einer Beziehung das Sagen hat. Wenn ich jemandem vertraue, dann richtig. Und irgendwie scheint genau das heutzutage jeden zu verschrecken.“

Jane nickte langsam. Sie wusste mehr über Kellys Vergangenheit als die meisten anderen Menschen. Sie wusste, welche Bedeutung Raymond in seinem Leben gehabt hatte und dass die Zeit als sein Submissiver Kelly nicht zerstört, sondern ihm Stabilität, Selbstvertrauen und einen Weg zurück ins Leben gegeben hatte. Auch wenn Kelly nur selten darüber sprach, war dieser Teil seiner Vergangenheit bis heute ein wesentlicher Bestandteil seiner Persönlichkeit.

„Vielleicht“, sagte sie schließlich behutsam, „suchst du einfach am falschen Ort.“

Kelly schüttelte sofort den Kopf.

„Ich suche überall. Und jedes Mal endet es gleich. Entweder wollen sie eine offene Beziehung, jedes Wochenende feiern oder sie halten mich für langweilig, weil ich weder trinke noch bis morgens um vier durch Clubs ziehe.“

„Und was willst du?“, fragte Hassan.

Kelly schwieg einen Moment. Sein Blick ruhte auf den langsam schmelzenden Eiswürfeln in seinem Glas, als könnte er dort die Antwort finden.

Als er schließlich aufsah, lag eine Ehrlichkeit in seinen eisblauen Augen, die seine Freunde sofort verstummen ließ.

„Ich will einfach jemanden, bei dem ich endlich aufhören kann, ständig kämpfen zu müssen. Jemanden, dem ich mich vollkommen anvertrauen kann, der die Kontrolle übernimmt, damit ich sie endlich loslassen darf. Ich will mich fallen lassen, mich hingeben, ohne mich zurückhalten zu müssen – jemanden, dem ich mich ganz ergeben kann, weil ich weiß, dass er mich hält und nicht gehen wird, sobald er erkennt, wer ich wirklich bin.“

Emily starrte Kelly einen Moment an, als hätte sie sich verhört.

„Moment mal …“ Sie blinzelte verwirrt. „Du meinst das ernst? Du willst dich einem anderen Menschen unterordnen? Also so richtig?“

Kelly erwiderte ihren Blick, ohne auszuweichen.

„Ja.“

„Das klingt…“ Emily suchte nach den richtigen Worten. „Das klingt irgendwie furchtbar ungesund.“

Noch bevor Kelly etwas erwidern konnte, legte Jane ihr eine Hand auf den Unterarm.

„Emily.“

Der ruhige Ton ihrer Stimme genügte.

„Was?“

„Überleg bitte, was du gerade gesagt hast.“ Jane sah sie ernst an. „Du bist die Erste, die sich darüber aufregt, wenn Menschen andere wegen ihrer Sexualität oder ihrer Beziehungen verurteilen. Du hältst Vorträge über Toleranz und Akzeptanz. Und jetzt sitzt du hier und bewertest Kellys Bedürfnisse, obwohl du kaum etwas darüber weißt.“

Emily öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder.

Jane sprach ruhig weiter.

„Er redet nicht davon, misshandelt zu werden. Er spricht von Vertrauen. Von Verantwortung. Von einer Beziehungsform, die für ihn funktioniert. Das ist etwas völlig anderes.“

Emily senkte den Blick.

„Du hast recht.“ Nach einem kurzen Moment sah sie Kelly wieder an. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht angreifen. Ehrlich nicht. Ich glaube nur, dass ich sofort diese ganzen Klischees im Kopf hatte.“

Kellys angespannte Schultern entspannten sich ein wenig.

„Schon gut. Genau deshalb erzähle ich normalerweise niemandem davon.“

„Danke, dass du es trotzdem getan hast“, sagte Emily leise.

Für einen Moment kehrte Stille ein. Hassan drehte gedankenverloren sein Bierglas zwischen den Fingern, bevor sich langsam ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete.

„Weißt du“, begann er, „eigentlich kenne ich da etwas, das genau zu dem passen könnte, was du suchst.“

Kelly hob eine Augenbraue.

„Jetzt bin ich gespannt.“

„Es gibt ein ziemlich exklusives BDSM-Portal im Internet. Keine Dating-App, kein Ort für irgendwelche Spielchen und auch nichts, was man über eine einfache Suchmaschine findet. Man kommt nur über Einladungen oder Empfehlungen hinein.“

Jane sah interessiert zu ihm.

„Davon habe ich noch nie gehört.“

„Die meisten nicht.“ Hassan zuckte mit den Schultern. „Die Plattform richtet sich an Menschen, die ihre Vorlieben ernst nehmen und gezielt nach passenden Beziehungen suchen. Manche möchten jemanden für einzelne Sessions kennenlernen, andere suchen ausdrücklich nach einer festen D/s-Beziehung, die über Jahre bestehen soll.“

Kelly hörte aufmerksam zu.

„Und das funktioniert?“

„Anscheinend schon.“ Hassan nickte. „Mein Ex hat sich dort angemeldet, nachdem wir uns getrennt hatten.“

Emily runzelte die Stirn.

„Moment… angemeldet?“

Hassan musste lachen.

„Nein, das beschreibt es nicht richtig. Er meinte damals selbst, er hätte sich dort regelrecht verkauft.“

„Verkauft?“, wiederholte Kelly irritiert.

„Seine Worte, nicht meine.“ Hassan grinste. „Er hat ein ausführliches Profil erstellt, in dem genau stand, wer er ist, welche Erwartungen er an eine Beziehung hat, welche Grenzen für ihn gelten und wonach er sucht. Interessenten konnten sich darauf bewerben, und wenn beide Seiten das Gefühl hatten, dass es passt, lernten sie sich kennen.“

Er nahm einen Schluck Bier und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Das Verrückteste war aber etwas anderes.“

„Was denn?“, fragte Jane.

„Er hat mir erzählt, dass manche Paare ihre Vereinbarungen tatsächlich schriftlich festhalten. So richtig mit Vertrag und allem Drum und Dran. Natürlich kein rechtsverbindlicher Kaufvertrag oder so etwas, sondern eine gemeinsam ausgearbeitete Vereinbarung über Erwartungen, Grenzen und Verantwortlichkeiten.“

Kelly konnte sich ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen.

„Das klingt gleichzeitig völlig verrückt … und irgendwie unglaublich strukturiert.“

„Genau deshalb musste ich gerade daran denken“, erwiderte Hassan. „Du hast eben von Vertrauen, Verlässlichkeit und klaren Rollen gesprochen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass du dort eher jemanden finden würdest als auf irgendeiner Dating-App, auf der jeder nach dem nächsten schnellen Abenteuer sucht.“

Hassan lehnte sich entspannt zurück und hob sein Bier.

„Wenn du möchtest, kann ich ihn fragen.“

Kelly sah ihn überrascht an.

„Wen? Deinen Ex?“

„Klar.“ Hassan zuckte mit den Schultern. „Wir haben zwar als Paar nicht funktioniert, aber wir verstehen uns heute noch gut. Er ist seit Jahren auf der Plattform unterwegs. Wenn jemand eine neue Einladung verschicken kann, dann vermutlich er.“

Kelly starrte ihn einen Moment an.

„Das würdest du machen?“

„Warum nicht?“

„Weil…“ Kelly brach ab und schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Ich hätte nicht erwartet, dass sich daraus überhaupt irgendetwas ergibt.“

Hassan lächelte.

„Ganz ehrlich? Ich glaube sogar, dass du dort wesentlich bessere Chancen hast als irgendwo sonst. Du weißt ziemlich genau, was du suchst, und du spielst niemandem etwas vor. Genau dafür sind solche Plattformen doch da.“

Kelly spürte, wie sich zum ersten Mal an diesem Abend etwas in ihm löste. Die Schwere, die ihn seit dem missglückten Date begleitet hatte, verlor langsam ihren Griff.

„Frag ihn bitte.“

„Mach ich.“

„Nein, ernsthaft.“ Kelly konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Frag ihn wirklich.“

„Ich schreibe ihm nachher noch.“

„Versprich’s.“

Hassan lachte.

„Meine Güte, jetzt wirst du ungeduldig.“

„Natürlich werde ich ungeduldig.“

Jane schüttelte amüsiert den Kopf.

„Vor zehn Minuten warst du noch überzeugt, für immer allein zu bleiben.“

Kelly hob entschuldigend die Hände.

„Ich nehme jede Hoffnung, die ich kriegen kann.“

Emily lächelte ihn an.

„So gefällst du mir schon viel besser.“

„Mir auch“, gab Kelly zu.

Er bemerkte selbst, wie sich seine Stimmung verändert hatte. Natürlich wusste er, dass eine Einladung noch lange keine Beziehung bedeutete. Vielleicht würde er dort niemanden finden. Vielleicht würde auch das scheitern. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, dass er vielleicht bisher einfach am falschen Ort gesucht hatte.

Hassan zog bereits sein Handy hervor.

„Ich schicke ihm gleich eine Nachricht. Wenn er antwortet, gebe ich dir Bescheid.“

Kelly nickte dankbar.

„Danke.“

„Keine Ursache.“

Jane klatschte einmal in die Hände.

„So, und jetzt reicht’s mit den tiefgründigen Gesprächen.“

Emily grinste.

„Ich ahne, was jetzt kommt.“

„Natürlich ahnst du das.“

Jane deutete mit dem Daumen zur Tür.

„Karaoke.“

Kelly stöhnte gespielt auf.

„Bitte nicht.“

„Doch.“

„Ich will nicht singen.“

„Das behauptet jeder, bis er auf der Bühne steht“, erwiderte Jane grinsend.

„Und ich brauche dafür nicht einmal Alkohol“, ergänzte Hassan stolz.

Wenige Minuten später verließen die vier die Bar und schlenderten zwei Straßen weiter zu einer kleinen Karaoke-Bar. Schon beim Betreten schlug ihnen eine Mischung aus Gelächter, Applaus und den schiefen Tönen eines Mannes entgegen, der mit erstaunlichem Selbstbewusstsein einen Rockklassiker ruinierte.

„Siehst du?“, sagte Jane. „Hier geht es nicht ums Können.“

„Sondern um den Mut“, ergänzte Emily.

„Oder um die fehlende Selbstkritik“, murmelte Kelly.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis Jane ihren ersten Song sang. Emily folgte ihr mit einer Popballade, die deutlich besser klang, als sie selbst erwartet hatte. Danach schnappte sich Hassan entschlossen das Mikrofon.

„Jetzt passt mal auf!“

Schon nach den ersten Takten wurde klar, dass Hassan zwar jede einzelne Note verfehlte, dafür aber jede Zeile mit einer Leidenschaft sang, als stünde er im Finale einer Castingshow. Er gestikulierte, tanzte über die kleine Bühne und animierte den gesamten Raum zum Mitklatschen. Spätestens beim Refrain sang die halbe Bar mit, obwohl niemand behaupten konnte, Hassan hätte den Song musikalisch getroffen.

Als er unter tosendem Gelächter und lautem Applaus zurückkam, verneigte er sich theatralisch.

„Perfektion.“

„Katastrophe“, korrigierte Jane.

„Charmante Katastrophe“, warf Emily lachend ein.

Kelly schüttelte grinsend den Kopf.

„Ich glaube, du hast mindestens drei Tonarten gleichzeitig entdeckt.“

„Talent muss man eben haben.“

„Oder keines“, entgegnete Kelly.

„Große Worte von jemandem, der sich seit einer Stunde erfolgreich vor der Bühne drückt.“

Noch bevor Kelly protestieren konnte, hatte Hassan ihm das Mikrofon in die Hand gedrückt.

„Keine Chance.“

„Hassan…“

„Nein.“

„Ich will nicht.“

„Zu spät.“

Unter dem johlen seiner Freunde ließ sich Kelly widerwillig zur Bühne schieben. Oben angekommen blieb er einen Moment regungslos stehen. Er wirkte plötzlich unsicher, fast verloren. Seine Finger umklammerten das Mikrofon etwas fester.

„Na los!“, rief jemand aus dem Publikum.

Kelly hob den Blick zum Bildschirm und wählte einen Titel aus.

Im Raum wurde es für einen Augenblick still.

The Sound of Silence.

Einige Gäste nickten zustimmend.

Die ersten, leisen Klaviertöne erklangen.

Kelly schloss kurz die Augen. Dann begann er zu singen.

Hello darkness, my old friend…

Jane riss überrascht die Augen auf.

Emily drehte sich schlagartig zu ihr.

Hassan ließ buchstäblich die Kinnlade herunterklappen.

Die warme, außergewöhnlich klare Baritonstimme, die den Raum erfüllte, hatte nichts mit dem unsicheren Mann gemein, der eben noch behauptet hatte, nicht singen zu können. Jeder Ton saß. Ruhig. Kontrolliert. Voller Gefühl.

Nach und nach verstummten die Gespräche.

Gläser wurden abgesetzt.

Selbst hinter der Theke hörte der Barkeeper auf, Cocktails zu mixen.

Die wenigen Stimmen im Raum erstarben vollständig.

Kelly sang mit geschlossenen Augen weiter, als gäbe es niemanden außer ihm und die Musik. Seine Stimme trug eine Melancholie in sich, die weit über den Text hinausging. Jede Zeile schien aus einem Teil seines Lebens zu stammen, den kaum jemand kannte.

Als das Lied sich seinem Höhepunkt näherte, öffnete Kelly langsam die Augen.

Sein Blick verlor sich irgendwo über den Köpfen der Menschen.

Dann kam der letzte Refrain.

Seine Stimme gewann an Kraft, ohne ihre Klarheit zu verlieren. Sie wurde größer, intensiver und füllte den gesamten Raum. Die Emotionen, die er sonst so sorgfältig hinter einem ruhigen Lächeln verbarg, lagen plötzlich offen in jedem einzelnen Ton.

Als die letzten Worte verklungen waren, hielt niemand den Atem an.

Für einen winzigen Augenblick herrschte völlige Stille.

Dann brach die Bar in tosenden Applaus aus.

Menschen sprangen von ihren Plätzen auf.

Jemand pfiff begeistert.

Mehrere Gäste klatschten über ihren Köpfen, andere riefen laut nach einer Zugabe.

Kelly stand einen Moment regungslos auf der kleinen Bühne. Fast schien es, als könne er selbst nicht glauben, was gerade geschehen war.

Erst als Jane, Emily und Hassan jubelnd auf ihn zustürmten, musste er lachen.

„Du elender Lügner!“, rief Hassan und zog ihn in eine feste Umarmung. „Du behauptest ernsthaft, du könntest nicht singen?“

Kelly wurde rot und zuckte verlegen mit den Schultern.

„Ich habe nie gesagt, dass ich nicht singen kann.“

„Doch.“

„Ich habe gesagt, dass ich nicht will.“

„Das“, sagte Jane kopfschüttelnd, „war der Auftritt des Abends.“

Zwei Tage später hatte der Alltag Kelly wieder fest im Griff.

Das kleine Restaurant in Venice Beach war längst nicht so exklusiv wie das, in dem er früher gearbeitet hatte. Es lag direkt an der Strandpromenade, nur wenige Meter vom Pazifik entfernt. Durch die geöffneten Fenster drangen das Rauschen der Wellen, das Kreischen der Möwen und das Stimmengewirr der Touristen bis in die Küche. Es war kein Sterne-Restaurant, doch das Essen war frisch, die Gäste zufrieden und der Besitzer behandelte seine Angestellten fair.

Für Kelly war das genug.

Mit routinierten Bewegungen ließ er das Messer durch eine rote Paprika gleiten. Gleichmäßige Streifen entstanden unter seinen Händen, sauber und nahezu identisch. Danach folgten Zucchini, Karotten und Frühlingszwiebeln. Das rhythmische Klacken des Messers auf dem Holzbrett vermischte sich mit dem Zischen der Pfannen und den Rufen des Küchenchefs.

Kochen hatte er früher nie gelernt.

Ray hatte ihm alles beigebracht.

Anfangs nur, damit Kelly in der Küche beschäftigt war und nicht auf dumme Gedanken kam. Mit der Zeit war daraus echte Leidenschaft geworden. Raymond hatte jedes Gemüse anders schneiden lassen, hatte ihm erklärt, warum ein scharfes Messer sicherer war als ein stumpfes und weshalb ein guter Koch seine Arbeitsfläche sauber hielt. Präzision, Ordnung und Disziplin waren für ihn keine lästigen Pflichten gewesen, sondern Ausdruck von Respekt – vor dem Beruf, vor den Zutaten und vor den Menschen, für die man kochte.

Kelly hatte diese Haltung übernommen.

Auch ihre Beziehung hatten sie damals nie versteckt. Jeder im Restaurant hatte gewusst, dass Raymond nicht nur Küchenchef und Besitzer, sondern auch Kellys Herr gewesen war. Manche Angestellte hatten die beiden mit ehrlicher Neugier betrachtet, andere mit stillem Respekt. Wieder andere hatten unverhohlen die Nase gerümpft. Doch solange Raymond lebte, hatte niemand den Mut gefunden, seine Ansichten laut auszusprechen. Seine Autorität war unantastbar gewesen.

Nach Rays Tod hatte sich das verändert.

Kelly hätte bleiben können. Die neuen Betreiber hatten ihm sogar angeboten, weiterhin in der Küche zu arbeiten. Trotzdem hatte er gekündigt. Ohne Raymond fühlte sich das Restaurant nicht mehr wie ein Zuhause an. Außerdem war ihm bewusst gewesen, dass auch der Schutz verschwunden war, den sein Herr unbewusst über ihn gelegt hatte.

Also hatte er neu angefangen.

Das Vibrieren seines Handys riss ihn aus den Gedanken.

Automatisch glitt sein Blick zum Display.

Hassan

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Viel Glück, mein Lieber!

Darunter befand sich lediglich ein Link.

Für einen kurzen Augenblick setzte sein Herz einen Schlag aus.

War das…

Sein Blick blieb auf dem Display hängen. Am liebsten hätte er das Messer sofort beiseitegelegt und den Link geöffnet. Er wollte wissen, ob Hassan tatsächlich Erfolg gehabt hatte. Ob dies die Einladung war, von der sie gesprochen hatten.

Sein Daumen schwebte bereits über dem Bildschirm.

Dann hielt er inne.

Unwillkürlich musste er lächeln.

„Erst die Arbeit. Danach das Vergnügen.“

Er hörte Raymonds ruhige, bestimmte Stimme, als stünde der Mann direkt hinter ihm.

Dieser Satz hatte ihre gemeinsame Zeit begleitet wie kaum ein anderer.

Damals hatte Raymond ihn meistens ausgesprochen, wenn Kelly glaubte, nach Feierabend sofort entspannen zu können, obwohl noch Aufgaben zu erledigen waren. Nicht selten hatte das bedeutet, dass sein Herr andere Pläne für den restlichen Abend hatte und Kelly mit einem verschmitzten Lächeln erklärte, dass Disziplin auch außerhalb der Küche ihren Platz hatte. Unabhängig davon, was anschließend folgte, blieb die Regel immer dieselbe.

Pflichten zuerst.

Alles andere danach.

Raymond war seit Jahren tot.

Und trotzdem legte Kelly das Handy wieder in seine Hosentasche, nahm das Messer auf und schnitt weiter Gemüse.

Erst als die letzte Bestellung die Küche verlassen, die Arbeitsflächen gereinigt und seine Schürze ordentlich am Haken hing, griff er erneut nach seinem Telefon.

Diesmal hielt ihn nichts mehr davon ab, den Link zu öffnen.

Zu Hause angekommen, warf Kelly lediglich seine Schlüssel in die Schale neben der Wohnungstür. Die Schuhe flogen achtlos in die Ecke, die Jacke landete über der Rückenlehne eines Stuhls. Normalerweise hätte ihn diese Unordnung sofort gestört. Heute nahm er sie kaum wahr.

Sein Herz schlug schneller als gewöhnlich.

Er setzte sich an den Schreibtisch, schaltete den Computer ein und öffnete die Nachricht von Hassan.

Viel Glück, mein Lieber!

Darunter befand sich nur der Link.

Kelly atmete einmal tief durch, dann klickte darauf.

Der Browser öffnete eine vollkommen schwarze Internetseite. Keine Werbung. Keine Bilder. Kein Logo, das sofort verriet, worum es ging. Nur ein einzelnes silbernes Symbol, das entfernt an ein stilisiertes Siegel erinnerte. Darunter stand in schlichten weißen Buchstaben ein Name.

THE COVENANT

Keine weiteren Erklärungen.

Lediglich ein Eingabefeld für den Einladungscode.

Kelly kopierte den Code aus Hassans Nachricht hinein.

Einen Moment lang blieb der Bildschirm schwarz.

Dann erschien eine einzelne Zeile.

Einladung bestätigt. Willkommen.

Es folgte die Registrierung.

Schritt für Schritt arbeitete er sich durch die Eingabefelder.

Welche Rolle beschreibt dich am ehesten?

Submissiv.

Dominant.

Switch.

Kelly zögerte keine Sekunde.

Submissiv.

Der nächste Bildschirm erschien.

Bevorzugte Pronomen.

Er klickte auf er/ihm.

Geschlecht.

Männlich.

Wen suchst du?

Männlich.

Nachdem er die letzte Auswahl bestätigt hatte, verschwand die Eingabemaske.

Der Bildschirm wurde erneut schwarz.

Kelly runzelte die Stirn.

Plötzlich erklang aus den Lautsprechern seines Computers eine ruhige, tiefe Männerstimme.

Nicht laut.

Nicht bedrohlich.

Aber von einer Selbstverständlichkeit geprägt, die keinen Widerspruch erwartete.

„Fülle dein Profil vollständig aus.“

Kelly blinzelte überrascht.

Die Stimme sprach weiter.

„Antworte ehrlich.“

Mit jedem Satz erschien eine neue Eingabezeile auf dem Bildschirm.

„Wer bist du?“

Kelly legte die Hände auf die Tastatur.

Er schrieb langsam.

Er erzählte von sich. Von seinem früheren Beruf als Polizist. Von seiner Arbeit als Koch. Davon, dass Struktur und Disziplin sein Leben bestimmten. Dass Loyalität für ihn kein leeres Wort war.

Nachdem er den letzten Satz beendet hatte, verschwand das Textfeld.

Die Stimme sprach erneut.

„Was suchst du?“

Kelly hielt inne.

Diese Antwort fiel ihm leichter.

Er schrieb, dass er keine flüchtigen Begegnungen suchte. Kein Abenteuer für ein Wochenende. Keine Spielchen. Er suchte eine feste D/s-Beziehung, die von gegenseitigem Vertrauen, Respekt und Verlässlichkeit getragen wurde. Einen Menschen, dem er sich anvertrauen konnte und bei dem Verantwortung keine Last, sondern ein Versprechen war.

Das nächste Feld erschien.

„Was bietest du?“

Kelly lächelte unwillkürlich.

Diese Frage hatte Raymond ihm einmal ganz ähnlich gestellt.

Er schrieb von seiner Ehrlichkeit. Von seiner Geduld. Von seiner Bereitschaft, Verantwortung für die ihm übertragenen Aufgaben zu übernehmen. Von seiner Disziplin und seiner Loyalität. Und davon, dass Vertrauen für ihn niemals selbstverständlich war, sondern jeden Tag neu verdient werden musste.

Das Eingabefeld verschwand.

Kelly legte die Hände auf die Tastatur.

„Wer bist du?“

Er las die Frage mehrmals.

Seine Finger schwebten über den Tasten. Die Versuchung war groß, einfach seinen bisherigen Lebenslauf herunterzuschreiben. Doch genauso schnell verwarf er den Gedanken wieder.

Seine Zeit bei der Polizei gehörte zu den dunkelsten Kapiteln seines Lebens. Sie war untrennbar mit Schmerz, Verlust und seinem tiefsten Absturz verbunden. Das war nichts, was Fremde auf einer Internetplattform erfahren mussten.

Also begann er an einer anderen Stelle.

Er schrieb von seiner Arbeit als Koch in einem kleinen Restaurant in Venice Beach. Davon, dass Ordnung, Disziplin und Zuverlässigkeit für ihn selbstverständlich waren. Anschließend beschrieb er den Menschen, der ihn geprägt hatte wie kein anderer.

Ich wurde von Master Ray aus Los Angeles ausgebildet und geführt. In der hiesigen Szene dürfte er vielen bekannt sein. Alles, was ich über Vertrauen, Respekt, Disziplin und Hingabe gelernt habe, verdanke ich ihm.

Kelly zögerte kurz, bevor er den letzten Satz ergänzte.

Seine Erziehung prägt mich bis heute.

Er las den Abschnitt noch einmal und nickte zufrieden. Das fühlte sich richtig an. Raymond verschwieg er nicht. Im Gegenteil. Wer ihn kennenlernen wollte, sollte wissen, woher seine Werte kamen.

Das Eingabefeld verschwand.

„Was suchst du?“

Kelly musste nicht lange überlegen.

Ich suche keinen flüchtigen Kontakt und keine unverbindliche Bekanntschaft. Ich wünsche mir eine dauerhafte D/s-Beziehung mit einem Herrn, der weiß, wer er ist und Verantwortung übernehmen kann.

Er hielt kurz inne.

Ich suche Führung, klare Entscheidungen und einen Menschen, dem ich mich vollkommen anvertrauen kann. Einen Herrn, dem ich mich mit ganzer Überzeugung ergeben darf, weil ich weiß, dass meine Hingabe geschätzt und mein Vertrauen niemals missbraucht wird. Mein Wunsch ist es, mein Leben in die Hände eines Menschen zu legen, der mich führt, anleitet und fordert, ohne dabei jemals den Respekt vor mir als Mensch zu verlieren.

Wieder verschwand das Textfeld.

„Was bietest du?“

Kelly lächelte unwillkürlich.

Diese Frage hatte Raymond ihm vor vielen Jahren schon einmal gestellt.

Ich biete Ehrlichkeit, Loyalität und Disziplin. Aufgaben werden zuverlässig erledigt. Vereinbarungen werden eingehalten. Vertrauen ist für mich keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Geschenk, das ich täglich neu zu rechtfertigen versuche. Wer meine Hingabe erhält, bekommt sie ohne Berechnung und ohne Hintergedanken.

Die nächste Frage erschien.

„Was erwartest du?“

Kelly las sie langsam.

Ich erwarte einen Herrn, der Verantwortung nicht als Privileg versteht, sondern als Verpflichtung. Ich wünsche mir Führung, Konsequenz und Verlässlichkeit. Jemanden, der bereit ist, mich anzuleiten, mir Orientierung zu geben und Entscheidungen zu treffen, wenn ich sie selbst nicht treffen möchte.

Er fügte noch einen letzten Satz hinzu.

Wenn ich mich einem Herrn ergebe, dann mit dem Wunsch, mich ihm vollständig anvertrauen zu dürfen. Dieses Vertrauen soll auf Gegenseitigkeit beruhen.

Das Textfeld verschwand.

Die Stimme erklang erneut.

„Was sind deine Grenzen?“

Diesmal dauerte es deutlich länger, bis Kelly zu schreiben begann.

Schließlich legten sich seine Finger auf die Tastatur.

Es gibt nur eine Grenze, die für mich unverhandelbar ist.

Unwillkürlich strich seine Hand über die Stelle seines Körpers, an der sich das Wappen befand.

Ich trage ein Eigentumszeichen, das mir mein verstorbener Herr, Master Ray, hat stechen lassen. Dieses Tattoo erinnert mich an den Menschen, der mein Leben verändert und mir einen Weg aus meiner dunkelsten Zeit gezeigt hat. Es ist Teil meiner Geschichte und meiner Identität. Ich werde es weder entfernen noch überstechen lassen.

Er hielt kurz inne.

Jeder Herr, der sich für mich interessiert, muss bereit sein, diesen Teil meiner Vergangenheit zu akzeptieren.

Danach schrieb er den letzten Abschnitt.

Abgesehen davon wünsche ich mir, dass Grenzen gemeinsam und verantwortungsvoll gestaltet werden. Ich bin bereit, meinem Herrn in diesem Bereich großes Vertrauen entgegenzubringen. Wenn eine Beziehung entsteht, soll sie auf gegenseitigem Respekt, offener Kommunikation und Verantwortungsbewusstsein beruhen. Innerhalb dieses Rahmens bin ich bereit, mich führen zu lassen und gemeinsam den Weg zu gestalten.

Als Kelly den letzten Punkt setzte, lehnte er sich langsam zurück.

Zum ersten Mal seit Raymonds Tod hatte er das Gefühl, nicht einfach ein Profil ausgefüllt zu haben.

Er hatte beschrieben, wer er geworden war.
Der Cursor blinkte geduldig auf dem Bildschirm.

Lade ein Profilbild hoch.

Kelly lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme. Ausgerechnet dieser Punkt bereitete ihm mehr Schwierigkeiten als alle Fragen zuvor.

Er öffnete den Ordner, in dem er Rays Fotos aufbewahrte.

Hunderte Bilder.

Raymond hatte leidenschaftlich gern fotografiert. Fast genauso sehr, wie er gekocht hatte. Seine Kamera war auf nahezu jeder Reise dabei gewesen und erstaunlich oft hatte Kelly als Motiv herhalten müssen.

Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.

Viele der Aufnahmen stammten aus ihrer gemeinsamen Zeit als Herr und Sub. Kelly kniete darauf neben Raymonds Sessel und blickte voller Vertrauen zu ihm auf. Auf anderen trug er ein maßgeschneidertes Halsband oder verrichtete konzentriert eine Aufgabe, die ihm übertragen worden war. Manche entstanden in Rays Spielzimmer, andere im Restaurant oder im Garten ihres Hauses.

Keines dieser Bilder wirkte auf Kelly anstößig.

Sie waren sorgfältig komponiert, ästhetisch und voller Respekt. Raymond hatte nie den Körper seines Subs fotografiert.

Er hatte immer den Menschen dahinter festgehalten.

Für Kelly waren diese Bilder Ausdruck von Liebe.

Von Stolz.

Von Vertrauen.

Trotzdem schloss er einen Ordner nach dem anderen wieder.

Nicht weil sie ihm peinlich gewesen wären.

Sondern weil sie niemanden etwas angingen.

Diese Momente hatten allein Raymond und ihm gehört.

Schließlich öffnete er einen Ordner mit der Aufschrift Montana.

Augenblicklich tauchten Erinnerungen auf.

Drei Wochen Urlaub.

Keine Termine.

Keine Verpflichtungen.

Nur sie beide.

Raymond hatte unbedingt einmal den Yellowstone-Nationalpark sehen wollen. Kelly hatte es ohne zu zögern angenommen, hatte sich jedoch erlaubt, eine Bitte zu äußern.

Ob sie auch Zeit zum Fliegenfischen einplanen könnten.

Mindestens drei Tage.

Ray hatte nur gelacht und ihm diese Bitte ohne Zögern erfüllt.

Kelly scrollte langsam durch die Bilder.

Zelte zwischen hohen Kiefern.

Ein Lagerfeuer.

Raymond mit einer Kaffeetasse in der Hand.

Ein Elch am frühen Morgen.

Dann blieb der Mauszeiger stehen.

Das Bild.

Kelly erinnerte sich sofort an den Augenblick.

Er hatte bis zu den Knien im klaren Wasser eines Flusses gestanden. Bekleidet war er lediglich mit einer schwarzen Boxershorts. Die Angelrute ruhte locker in seinen Händen, während sein Blick konzentriert der Schnur folgte, die sich über das glitzernde Wasser spannte. Die Nachmittagssonne spiegelte sich in tausend kleinen Lichtpunkten auf der Oberfläche des Flusses.

Raymond hatte den Moment eingefangen, ohne dass Kelly es überhaupt bemerkt hatte.

Das Foto zeigte ihn fast im Profil.

Die markante Narbe zog sich deutlich sichtbar von der rechten Augenbraue bis hinunter zum Wangenknochen. Sie wirkte nicht entstellend. Sie gehörte einfach zu ihm.

Auf seinem rechten Oberarm war das Tattoo zu erkennen, das Raymond ihm wenige Tage zuvor hatte stechen lassen.

Ein Schild, umgeben von Flammen.

In seiner Mitte erhob sich ein Phönix mit ausgebreiteten Schwingen.

Darunter stand in altertümlicher Schrift nur ein Name.

Master Ray.

Kelly hob unwillkürlich die Hand und strich über dieselbe Stelle an seinem eigenen Arm.

Dieses Tattoo war weit mehr als ein Zeichen ihrer Beziehung gewesen.

Es erinnerte ihn jeden Tag daran, dass ein Mensch an ihn geglaubt hatte, als er selbst längst aufgegeben hatte. Raymond hatte ihn nicht besessen. Er hatte ihm Halt gegeben, ihn geführt und ihm gezeigt, dass Hingabe niemals bedeutete, seinen Wert als Mensch zu verlieren.

Viele würden das Wappen missverstehen.

Kelly wusste das.

Doch wer allein wegen eines Tattoos weiterblätterte, war ohnehin nicht der Mensch, den er suchte.

Ein leises Lächeln legte sich auf seine Lippen.

„Du hättest genau dieses Bild ausgesucht, nicht wahr?“

Für einen Moment meinte er, Raymonds verschmitztes Grinsen vor sich zu sehen.

„Natürlich hätte ich das.“

Kelly klickte auf Datei auswählen.

Wenige Sekunden später erschien das Schwarzweißfoto in der Vorschau.

Er betrachtete es lange.

Nicht den muskulösen Körper.

Nicht das Tattoo.

Sondern den Ausdruck in seinem Gesicht.

Auf dem Bild sah er einen Mann, der vollkommen in dem aufging, was er liebte. Einen Mann, der Frieden gefunden hatte.

Genau dieser Mensch wollte er wieder sein.

Mit einem ruhigen Atemzug bewegte er den Mauszeiger auf den Button.

Profilbild hochladen.

Ein leises Klicken.

Dann verschwand der Ladebalken, und das Foto wurde Teil seines Profils.

Als Kelly am nächsten Morgen aufwachte, griff er noch im Halbschlaf nach seinem Handy.

Erst als er die Benachrichtigung von The Covenant sah, war er mit einem Schlag hellwach…..

Moin…

Das ist genau mein Genre, zumindest in Büchern.

Leider hat mich das Cover schon fast von abgehalten, überhaupt zu Lesen – Stichwort KI. Im Laden, virtuell oder offline, hätte das Buch keine Chance bekommen.

Gut dachte ich mir, übersehe ich das heute.
Inhalt gefällt mir, ist an manchen Stellen etwas komisch formuliert. Gestolpert bin ich über den Namen Kelly. Kelly ein Mann? Das mag in LA vielleicht passen, schwierig ist es schon, weil das Kopfkino regelmäßig auf Frau umschaltet.
Das lenkt, zumindest mich, zu sehr vom Inhalt ab, dass kein Eintauchen passiert.

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Das ist sehr schade. Danke für den Hinweis mit dem Cover. Für eine professionelle Veröffentlichung würde ich tatsächlich auch ehr einen richtigen Designer bezahlen :slight_smile:
Was den Namen angeht, Kelly ist ein irish-gälischer Name und ursprünglich nur männlich gewesen. Er wurde erst später auch für Frauen benutzt. Ich kann aber verstehen, dass dich das persönlich verwirrt und daher abschreckt. Schade.

Magst du mir vielleicht einen Hinweis geben, was zum Beispiel komisch formuliert ist? Das wäre hilfreich um mich zu verbessern :slight_smile:

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Gerne.
Wenn ich wieder am PC bin.

Am Handy macht sich das nicht so gut.

Versuch es doch erstmal selber.

Neben dem Schreiben bleibt mir leider wenig Zeit für weitere “Hobbies”. Ich arbeite vollzeit und habe eine acht Jahre alte Tochter, die meine volle Aufmerksamkeit bekommt. Und wenn sie dann endlich im Bett ist, gehören die drei verbleibenden Stunden meines Tages in der Regel dem Schreiben :slight_smile: .

Ich freue mich, später von dir zu lesen.

Kenn ich, irgendwann in den letzten fünf Jahrzehnten hat sich eine Sucht nach Obdach und Nahrung entwickelt.
Beides schwer zu kurieren.

Ich gehe arbeiten, um eine Wohnung zu bezahlen, in der ich kaum bin, weil ich arbeiten gehe.

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Das Cover ist mir auch zu sehr KI, aber die Grundstimmung gefällt mir.
Auf jeden Fall finde ich die Ausgangslage interessant.
Mein Gedanke: Solche Menschen sind oft vernetzt sind und suchen nicht auf normalen Dating-Portalen. Aber gut, vielleicht liegt das in Kellys und Rays Beziehung begründet.
Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es weitergeht. Ist das Buch fertig?
Schreibe selbst meist MM(M) und auch oft mit BDSM-Anteil. Vielleicht tauschen wir uns mal aus.

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VIelen Dank für dein Feedback :slight_smile: es freut mich, dass die Leseprobe dich ansprechen konnte.
Ja das Buch ist beendet und auf Wattpad veröffentlicht. Ich kann den Link gern teilen, wenn du möchtest.
Ich würde gern erklären, warum Kelly nicht “vernetzt” ist, denn er ist nicht aus Interesse in diese Szene gekommen. Im Verlauf des Buches wird das deutlich. Es ist für ihn ein Rettungsanker gewesen und er wurde bewusst aus der Szene herausgehalten.
Wir können uns gern austauschen, darüber würde ich mich freuen.

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