Hallo zusammen!
Ich bin neu hier, nutze Papyrus ganz frisch für die Arbeit an meinem ersten Roman.
Ich teile mal den Prolog und das 1. Kapitel mit euch und freue mich auf Feedback.
PROLOG
Der Himmel spannte sich wolkenlos über das Tal, die Luft flirrte auf den sonnengebleichten Feldern. Es war ein heißer Sommer, schwer und träge. Genau wie damals. Ein Geruch nach trockenem Gras und reifem Mais lag in der Luft. Er war vertraut. Angenehm war er nicht.
Der rostige Ford Taunus rollte gemächlich über die Landstraße. Sein Motor brummte leise, während die abgefahrenen Reifen den Staub vom brüchigen Asphalt aufwirbelten. In der Ferne schlängelte sich ein breiter Fluss durch die Ebene. Sein Wasser funkelte, als wäre er mit Tausenden winziger Spiegeln übersät. Die Berge, an deren Fuß er entlang floss, ragten so hoch, dass auf ihren Kuppen selbst im Sommer noch Schneeflecken schimmerten. Ein Ort, der so wunderschön war, dass er fast unwirklich schien.
Ein Ort, an den er nie zurückkehren wollte.
Der Schweiß der Sommerhitze perlte auf seiner verlebten Haut, brannte in den Augen. Seine Finger umklammerten das Lenkrad fester, als nötig war. Langsam löste sich sein Fuß vom Gaspedal, und der alte Ford wurde träge. Wollte er die Aussicht ein wenig länger genießen? Oder hoffte er, die Ankunft im Dorf hinauszuzögern? Wahrscheinlich steckte in beidem ein Funken Wahrheit. Mehr jedoch in Letzterem.
Er wusste nicht, was er hier tat. Jahrzehnte waren vergangen, und doch hatte dieser Ort ihn nie losgelassen. Es waren die Schatten, die hier warteten. Tief in der Erde vergraben, in den Steinen der alten Häuser gefangen.
Warum bin ich zurückgekommen?
Die Frage hallte in seinem Kopf, ohne Antwort. Der Brief auf dem Beifahrersitz, mit seiner krakeligen Handschrift, war der stille Gefährte, der ihn gerufen hatte. Zeilen, so schwer, dass sie wie Steine an ihm hingen. Ihn so tief hinunterzogen, dass sie ihm die Luft zum Atmen raubten.
Die Landstraße führte in eine Senke, dann lag das Dorf wie aus dem Nichts vor ihm.
Seine Heimat.
Eine Heimat, die es niemals war.
Sein Herz schlug schwerer. Er verlangsamte das Tempo, ließ den Wagen fast lautlos über das Kopfsteinpflaster gleiten. Auf den ersten Blick wirkte das Dorf unverändert, doch die Fensterläden, einst leuchtend grün, waren ausgebleicht. Der Tante-Emma-Laden trug ein neues, grelles Schild, und die alten Straßenlaternen waren schmucklosen Lampen gewichen.
Er bog um eine Kurve, fuhr am Dorfplatz vorbei. Da sah er sie: drei Kinder, zwei Jungs, ein Mädchen, zehn oder elf Jahre alt. Sie rasten auf klapprigen Fahrrädern über das Pflaster, ihre Stimmen schrill und lebendig. Einer drehte den Kopf zu ihm. Ein flüchtiger Blick, neugierig. Fremde verirrten sich nicht oft an diesen abgelegenen Ort. Dann verschwanden die Kinder um die nächste Ecke.
Für einen Moment fühlte er sich zurückversetzt. Damals hatten auch sie hier gespielt, mit schmutzigen Knien und zu großen Jacken.
War ich jemals so unbeschwert?
Er presste die Lippen aufeinander und zwang sich, weiterzufahren. Dort, hinter dem alten Brunnen, musste er noch einmal abbiegen. Dann erhob sie sich vor seinen Augen: die Kirche. Unverändert, genau wie damals. Er hielt den Atem an. Etwas in ihm zog sich zusammen, ein kalter Knoten in seinem Magen. Vielleicht war es ein Fehler, zurückzukehren. Vielleicht hätte er den Brief verbrennen sollen.
Doch dafür war es zu spät.
Er stellte den Wagen ab, öffnete die Tür und stieg aus. Es fiel ihm nicht leicht. Die Jahre lasteten auf seinen Knochen, seinen Gelenken. Die Vergangenheit auf seinem Geist. Er blickte hinauf zum Kirchturm. Als er das antike Gemäuer vor dem blauen Himmel sah, war es wieder wie früher.
Der alte Mann schloss die Augen. Dachte zurück an die Zeit, die er für immer zu vergessen versuchte. Die er nicht vergessen konnte. Und während er dort stand, fragte er sich, ob dieser Ort ihn jemals freigeben würde.
KAPITEL 1
Es war der heißeste Sommer, an den sich die Jungs erinnern konnten. Schon am Vormittag lag die Hitze mit bleierner Schwere über dem Tal, verlangsamte jedes Geräusch, jede Bewegung. Das Zirpen der Grillen klang dumpf durch die flirrende Luft. Ein monotones Summen, das die Stille füllte. Kein Lüftchen regte sich, die Baumwipfel standen reglos. Der Fluss, der sich träge durch das Tal wand, schimmerte wie Gold im Sonnenlicht.
Eine friedliche Ruhe.
Eine Illusion des Friedens.
Daniel saß am Ufer, die Beine angewinkelt, die nackten Füße halb im warmen Kies vergraben. Seine Angel steckte zwischen zwei großen Steinen, die Schnur weit ins Wasser geworfen, doch er schenkte ihr kaum Beachtung. In den beinahe dreizehn Jahren, die er auf dieser Welt war, hatte er sich nie fürs Angeln begeistern können. Sein Interesse galt etwas anderem, und dem war er auf der Spur.
Er beugte sich vor und wühlte mit den Fingern im Sand, sein Blick konzentriert. Dann erspähte er es: die gelbe Markierung, die zwischen dem Grau der Steine hervorstach wie ein Leuchtfeuer. Mit einem Lächeln griff er nach dem kleinen Tier, ließ es über seinen Handrücken laufen und betrachtete die schwarz-gelben Streifen. Dann setzte er das Krabbeltier behutsam in die alte Konservendose, die neben ihm stand und aus der ein krummer Draht als improvisierter Henkel herausragte. Auf dem Boden der Dose herrschte reges Treiben. Zwischen abgerupften Zweigen und ein paar Blättern krabbelten eine Handvoll Kartoffelkäfer hektisch durcheinander.
Ein Pfennig pro Stück.
856 hatte er schon gesammelt und abgegeben.
12 wuselten in der Konservendose umher.
Es fehlten 4632.
Daniel atmete tief durch und schob sich eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. Die Uniform des Jungvolks, die er trug, war ihm längst zu warm. Der steife Stoff klebte an seiner Haut, scheuerte bei jeder Bewegung. Alles daran war unbequem. Das Material, der Schnitt, das ständige Gefühl, beobachtet zu werden, wenn er sie trug. Die Verantwortung, die damit einherging, sich ihrer würdig zu erweisen, lastete schwer auf seinen schmalen Schultern.
Plötzlich knackte es hinter ihm im Gebüsch. Ein leises Rauschen folgte. Wasser, das gegen Holz plätscherte.
„Du sollst Fische fangen, keine Käfer!“, rief eine Stimme.
Daniel fühlte sich ertappt, doch es war ihm egal.
Paul, knapp zwei Jahre älter und einen Kopf größer, stand ein Stück entfernt unter einem Baum und pinkelte an den Stamm. Sein blondes Haar zu einem adretten Scheitel gekämmt. Er schaute über die Schulter zu seinem besten Freund und grinste.
Daniel zuckte nur mit den Achseln und fischte einen weiteren Käfer aus dem Sand.
„Hast du die Tausend schon voll?“
„Achthundertneunundsechzig“, antwortete Daniel, ohne dafür den suchenden Blick vom Boden zu nehmen.
Paul zog die Augenbrauen hoch und schnalzte mit der Zunge. „Dann fehlen dir ja nur noch viertausend und ein paar Zerquetschte. Bis du die zusammen hast, ist es längst verkauft.“
Daniel biss sich auf die Lippe und ließ einen weiteren Käfer in die Dose fallen.
Nummer achthundertsiebzig.
„Es fehlen noch viertausend-sechshundert-dreißig.“
„Sag ich ja!“ Paul hatte wenig Hoffnung, dass sein Freund mit den Käfern jemals die benötigten 55 Reichsmark zusammenbekommen würde. Daniel kannte diese Aussagen, sie waren ihm egal. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass er sein Ziel erreichen würde. Also blickte er verträumt in seine Dose, wie immer wenn er neue Beute gemacht hatte, und hörte dem leisen Klackern der winzigen Beine zu, die über das Metall schaben.
Die Melodie seiner Träume.
Dann geschah es.
Die Angel ruckte. Erst kaum merklich, kurz darauf mit voller Wucht. Der Schwimmer auf der Wasseroberfläche wurde abrupt nach unten gezogen, die Schnur spannte sich straff.
„Oh Mist!“, entfuhr es Daniel. Er schnellte herum, griff nach der Angel, doch die Rute rutschte aus den Steinen und wurde vom Wasser mitgerissen.
„Verdammt!“, rief Paul und schloss hastig die letzten Knöpfe seiner Hose. „Was machst du da, du Trottel?“
„Ich habe aufgepasst!“, verteidigte sich Daniel.
„Ja, das sehe ich!“, gab Paul sarkastisch zurück.
Die Angelrute trieb immer weiter. Die Strömung spielte mit ihr, am anderen Ende zappelte der Fisch in verzweifelten Fluchtversuchen. Daniel rannte in den Fluss, der eisig an seinen Beinen emporschoss. Trotz der seit Wochen andauernden Sommerhitze bot das Gebirgsquell-Gewässer immer eine verlässliche Abkühlung. Von Zeit zu Zeit durchaus ein Stück Lebensqualität, in diesem Moment der Not, war es einfach nur eiskalt.
Daniel streckte die Arme aus. Die Angel war fast in Reichweite, doch das Wasser reichte ihm schon bis zur Brust. Er hielt inne, die Füße unsicher im schlammigen Grund. Nur ein Schritt weiter? Nein. Der Mut verließ ihn, und er blieb stehen.
Hektisch hüpfte Paul aus dem Gebüsch hervor. So schnell er konnte, rannte er zum Flussufer, was nicht so schnell war, wie es nötig gewesen wäre. Sein rechtes Bein machte ihm zu schaffen. Wie immer. Jeder Schritt war eine kleine Anstrengung, ein ruckartiges Vorwärtskommen, das ihn bremste. Doch er war es gewohnt.
Daniel kannte es nicht anders. So hatte er Paul kennengelernt. Das rechte Bein war nicht wie das linke. Die Haut rau, dick und verhornt, von Narben durchzogen, die sich kreuz und quer über das Schienbein liefen. Keine frische Wunde, kein Unfall von gestern. Eine alte Geschichte, so alt, dass sie keine Worte mehr brauchte. Paul sprach nicht darüber, und Daniel fragte nicht. Das Bein war nicht das, was Paul ausmachte. Es war nur ein Teil von ihm. Und es hielt ihn nicht auf. Er war langsamer, ja, aber er rannte trotzdem.
Daniel wusste, dass er die Angel schneller erreichen könnte. Vielleicht war es gar nicht so tief. Vielleicht musste er nur diesen einen Schritt wagen. Doch er blieb stehen.
Paul kam endlich am Ufer an. Er fluchte leise, riss sich die Schuhe von den Füßen und sprang ins Wasser. Die Kühle des Gebirgswassers schlug ihm entgegen. Er biss die Zähne zusammen. Mit kräftigen Zügen zog er sich vorwärts, sah, wie die Angel weiter durch die Strömung tanzte.
„Jetzt hilf mir doch!“ Seine Stimme halb erstickt vom Plätschern.
„Du weißt, dass ich nicht schwimmen kann!“, rief Daniel zurück.
„Dann steh wenigstens nicht so dumm da!“
Paul griff nach der Angel. Seine Finger schlossen sich um das Holz, doch der Fisch kämpfte verbissen. Die Angelschnur vibrierte, Sekunden vergingen. Dann ein letztes, scharfes Rucken.
Die Schnur riss.
Paul stand im Wasser, die Rute in der Hand, die Beute auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer, sein Blick haftete an der kaputten Angel. Er konnte nicht fassen, was passiert war. Dann schlug er mit der Faust so heftig ins Wasser, dass es hoch spritzte. „Verdammte Scheiße!“
Die Fontäne klatschte ihm selbst ins Gesicht. Er blinzelte, atmete tief durch und wischte sich mit dem Ärmel über die Wange.
Paul sah, wie Daniel ihn anschaute. Ein Teil Verlegenheit, vermischt mit einer Portion Feixen darüber, dass seine Wut sich selbst das Wasser ins Gesicht gespritzt hatte.
Er schob sich die nassen Haare aus der Stirn, stopfte die kaputte Schnur in die Hosentasche und stapfte langsam ans Ufer. Dort angekommen, schaute er in den Himmel. Die Sonne stand blendend hell über ihnen.
„Wir müssen los, es ist bald Mittagszeit“, sagte er ruhig. Sein schien verflogen zu sein.
Daniel folgte ihm. Niemand sprach ein Wort. Das Summen der Insekten füllte die Stille. Ein leises, beständiges Geräusch in der Hitze. Schließlich brach er das Schweigen.
„Vielleicht war’s eh nur ein Schuh.“
„Warum zum Teufel sollte ein Schuh denn wegschwimmen?“
„Vielleicht wollte er nie wieder einen Stinkefuß riechen“, witzelte Daniel.
Paul verzog den Mund zu einem Grinsen. „Vielleicht.“ Er legte den Arm um seine Schulter. Vergeben und vergessen. So war das bei Freunden.
Der Tag würde weitergehen.
Wie jeder andere.
Ein Tag, der sie für immer begleiten würde.
Ein Tag, der alles veränderte.