Leseprobe: Ein letzter Sommer

Hallo zusammen!

Ich bin neu hier, nutze Papyrus ganz frisch für die Arbeit an meinem ersten Roman.
Ich teile mal den Prolog und das 1. Kapitel mit euch und freue mich auf Feedback.

PROLOG
Der Himmel spannte sich wolkenlos über das Tal, die Luft flirrte auf den sonnengebleichten Feldern. Es war ein heißer Sommer, schwer und träge. Genau wie damals. Ein Geruch nach trockenem Gras und reifem Mais lag in der Luft. Er war vertraut. Angenehm war er nicht.

Der rostige Ford Taunus rollte gemächlich über die Landstraße. Sein Motor brummte leise, während die abgefahrenen Reifen den Staub vom brüchigen Asphalt aufwirbelten. In der Ferne schlängelte sich ein breiter Fluss durch die Ebene. Sein Wasser funkelte, als wäre er mit Tausenden winziger Spiegeln übersät. Die Berge, an deren Fuß er entlang floss, ragten so hoch, dass auf ihren Kuppen selbst im Sommer noch Schneeflecken schimmerten. Ein Ort, der so wunderschön war, dass er fast unwirklich schien.

Ein Ort, an den er nie zurückkehren wollte.

Der Schweiß der Sommerhitze perlte auf seiner verlebten Haut, brannte in den Augen. Seine Finger umklammerten das Lenkrad fester, als nötig war. Langsam löste sich sein Fuß vom Gaspedal, und der alte Ford wurde träge. Wollte er die Aussicht ein wenig länger genießen? Oder hoffte er, die Ankunft im Dorf hinauszuzögern? Wahrscheinlich steckte in beidem ein Funken Wahrheit. Mehr jedoch in Letzterem.

Er wusste nicht, was er hier tat. Jahrzehnte waren vergangen, und doch hatte dieser Ort ihn nie losgelassen. Es waren die Schatten, die hier warteten. Tief in der Erde vergraben, in den Steinen der alten Häuser gefangen.

Warum bin ich zurückgekommen?

Die Frage hallte in seinem Kopf, ohne Antwort. Der Brief auf dem Beifahrersitz, mit seiner krakeligen Handschrift, war der stille Gefährte, der ihn gerufen hatte. Zeilen, so schwer, dass sie wie Steine an ihm hingen. Ihn so tief hinunterzogen, dass sie ihm die Luft zum Atmen raubten.

Die Landstraße führte in eine Senke, dann lag das Dorf wie aus dem Nichts vor ihm.

Seine Heimat.

Eine Heimat, die es niemals war.

Sein Herz schlug schwerer. Er verlangsamte das Tempo, ließ den Wagen fast lautlos über das Kopfsteinpflaster gleiten. Auf den ersten Blick wirkte das Dorf unverändert, doch die Fensterläden, einst leuchtend grün, waren ausgebleicht. Der Tante-Emma-Laden trug ein neues, grelles Schild, und die alten Straßenlaternen waren schmucklosen Lampen gewichen.

Er bog um eine Kurve, fuhr am Dorfplatz vorbei. Da sah er sie: drei Kinder, zwei Jungs, ein Mädchen, zehn oder elf Jahre alt. Sie rasten auf klapprigen Fahrrädern über das Pflaster, ihre Stimmen schrill und lebendig. Einer drehte den Kopf zu ihm. Ein flüchtiger Blick, neugierig. Fremde verirrten sich nicht oft an diesen abgelegenen Ort. Dann verschwanden die Kinder um die nächste Ecke.

Für einen Moment fühlte er sich zurückversetzt. Damals hatten auch sie hier gespielt, mit schmutzigen Knien und zu großen Jacken.

War ich jemals so unbeschwert?

Er presste die Lippen aufeinander und zwang sich, weiterzufahren. Dort, hinter dem alten Brunnen, musste er noch einmal abbiegen. Dann erhob sie sich vor seinen Augen: die Kirche. Unverändert, genau wie damals. Er hielt den Atem an. Etwas in ihm zog sich zusammen, ein kalter Knoten in seinem Magen. Vielleicht war es ein Fehler, zurückzukehren. Vielleicht hätte er den Brief verbrennen sollen.

Doch dafür war es zu spät.

Er stellte den Wagen ab, öffnete die Tür und stieg aus. Es fiel ihm nicht leicht. Die Jahre lasteten auf seinen Knochen, seinen Gelenken. Die Vergangenheit auf seinem Geist. Er blickte hinauf zum Kirchturm. Als er das antike Gemäuer vor dem blauen Himmel sah, war es wieder wie früher.

Der alte Mann schloss die Augen. Dachte zurück an die Zeit, die er für immer zu vergessen versuchte. Die er nicht vergessen konnte. Und während er dort stand, fragte er sich, ob dieser Ort ihn jemals freigeben würde.

KAPITEL 1
Es war der heißeste Sommer, an den sich die Jungs erinnern konnten. Schon am Vormittag lag die Hitze mit bleierner Schwere über dem Tal, verlangsamte jedes Geräusch, jede Bewegung. Das Zirpen der Grillen klang dumpf durch die flirrende Luft. Ein monotones Summen, das die Stille füllte. Kein Lüftchen regte sich, die Baumwipfel standen reglos. Der Fluss, der sich träge durch das Tal wand, schimmerte wie Gold im Sonnenlicht.

Eine friedliche Ruhe.

Eine Illusion des Friedens.

Daniel saß am Ufer, die Beine angewinkelt, die nackten Füße halb im warmen Kies vergraben. Seine Angel steckte zwischen zwei großen Steinen, die Schnur weit ins Wasser geworfen, doch er schenkte ihr kaum Beachtung. In den beinahe dreizehn Jahren, die er auf dieser Welt war, hatte er sich nie fürs Angeln begeistern können. Sein Interesse galt etwas anderem, und dem war er auf der Spur.

Er beugte sich vor und wühlte mit den Fingern im Sand, sein Blick konzentriert. Dann erspähte er es: die gelbe Markierung, die zwischen dem Grau der Steine hervorstach wie ein Leuchtfeuer. Mit einem Lächeln griff er nach dem kleinen Tier, ließ es über seinen Handrücken laufen und betrachtete die schwarz-gelben Streifen. Dann setzte er das Krabbeltier behutsam in die alte Konservendose, die neben ihm stand und aus der ein krummer Draht als improvisierter Henkel herausragte. Auf dem Boden der Dose herrschte reges Treiben. Zwischen abgerupften Zweigen und ein paar Blättern krabbelten eine Handvoll Kartoffelkäfer hektisch durcheinander.

Ein Pfennig pro Stück.

856 hatte er schon gesammelt und abgegeben.

12 wuselten in der Konservendose umher.

Es fehlten 4632.

Daniel atmete tief durch und schob sich eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. Die Uniform des Jungvolks, die er trug, war ihm längst zu warm. Der steife Stoff klebte an seiner Haut, scheuerte bei jeder Bewegung. Alles daran war unbequem. Das Material, der Schnitt, das ständige Gefühl, beobachtet zu werden, wenn er sie trug. Die Verantwortung, die damit einherging, sich ihrer würdig zu erweisen, lastete schwer auf seinen schmalen Schultern.

Plötzlich knackte es hinter ihm im Gebüsch. Ein leises Rauschen folgte. Wasser, das gegen Holz plätscherte.

„Du sollst Fische fangen, keine Käfer!“, rief eine Stimme.

Daniel fühlte sich ertappt, doch es war ihm egal.

Paul, knapp zwei Jahre älter und einen Kopf größer, stand ein Stück entfernt unter einem Baum und pinkelte an den Stamm. Sein blondes Haar zu einem adretten Scheitel gekämmt. Er schaute über die Schulter zu seinem besten Freund und grinste.

Daniel zuckte nur mit den Achseln und fischte einen weiteren Käfer aus dem Sand.

„Hast du die Tausend schon voll?“

„Achthundertneunundsechzig“, antwortete Daniel, ohne dafür den suchenden Blick vom Boden zu nehmen.

Paul zog die Augenbrauen hoch und schnalzte mit der Zunge. „Dann fehlen dir ja nur noch viertausend und ein paar Zerquetschte. Bis du die zusammen hast, ist es längst verkauft.“

Daniel biss sich auf die Lippe und ließ einen weiteren Käfer in die Dose fallen.

Nummer achthundertsiebzig.

„Es fehlen noch viertausend-sechshundert-dreißig.“

„Sag ich ja!“ Paul hatte wenig Hoffnung, dass sein Freund mit den Käfern jemals die benötigten 55 Reichsmark zusammenbekommen würde. Daniel kannte diese Aussagen, sie waren ihm egal. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass er sein Ziel erreichen würde. Also blickte er verträumt in seine Dose, wie immer wenn er neue Beute gemacht hatte, und hörte dem leisen Klackern der winzigen Beine zu, die über das Metall schaben.

Die Melodie seiner Träume.

Dann geschah es.

Die Angel ruckte. Erst kaum merklich, kurz darauf mit voller Wucht. Der Schwimmer auf der Wasseroberfläche wurde abrupt nach unten gezogen, die Schnur spannte sich straff.

„Oh Mist!“, entfuhr es Daniel. Er schnellte herum, griff nach der Angel, doch die Rute rutschte aus den Steinen und wurde vom Wasser mitgerissen.

„Verdammt!“, rief Paul und schloss hastig die letzten Knöpfe seiner Hose. „Was machst du da, du Trottel?“

„Ich habe aufgepasst!“, verteidigte sich Daniel.

„Ja, das sehe ich!“, gab Paul sarkastisch zurück.

Die Angelrute trieb immer weiter. Die Strömung spielte mit ihr, am anderen Ende zappelte der Fisch in verzweifelten Fluchtversuchen. Daniel rannte in den Fluss, der eisig an seinen Beinen emporschoss. Trotz der seit Wochen andauernden Sommerhitze bot das Gebirgsquell-Gewässer immer eine verlässliche Abkühlung. Von Zeit zu Zeit durchaus ein Stück Lebensqualität, in diesem Moment der Not, war es einfach nur eiskalt.

Daniel streckte die Arme aus. Die Angel war fast in Reichweite, doch das Wasser reichte ihm schon bis zur Brust. Er hielt inne, die Füße unsicher im schlammigen Grund. Nur ein Schritt weiter? Nein. Der Mut verließ ihn, und er blieb stehen.

Hektisch hüpfte Paul aus dem Gebüsch hervor. So schnell er konnte, rannte er zum Flussufer, was nicht so schnell war, wie es nötig gewesen wäre. Sein rechtes Bein machte ihm zu schaffen. Wie immer. Jeder Schritt war eine kleine Anstrengung, ein ruckartiges Vorwärtskommen, das ihn bremste. Doch er war es gewohnt.

Daniel kannte es nicht anders. So hatte er Paul kennengelernt. Das rechte Bein war nicht wie das linke. Die Haut rau, dick und verhornt, von Narben durchzogen, die sich kreuz und quer über das Schienbein liefen. Keine frische Wunde, kein Unfall von gestern. Eine alte Geschichte, so alt, dass sie keine Worte mehr brauchte. Paul sprach nicht darüber, und Daniel fragte nicht. Das Bein war nicht das, was Paul ausmachte. Es war nur ein Teil von ihm. Und es hielt ihn nicht auf. Er war langsamer, ja, aber er rannte trotzdem.

Daniel wusste, dass er die Angel schneller erreichen könnte. Vielleicht war es gar nicht so tief. Vielleicht musste er nur diesen einen Schritt wagen. Doch er blieb stehen.

Paul kam endlich am Ufer an. Er fluchte leise, riss sich die Schuhe von den Füßen und sprang ins Wasser. Die Kühle des Gebirgswassers schlug ihm entgegen. Er biss die Zähne zusammen. Mit kräftigen Zügen zog er sich vorwärts, sah, wie die Angel weiter durch die Strömung tanzte.

„Jetzt hilf mir doch!“ Seine Stimme halb erstickt vom Plätschern.

„Du weißt, dass ich nicht schwimmen kann!“, rief Daniel zurück.

„Dann steh wenigstens nicht so dumm da!“

Paul griff nach der Angel. Seine Finger schlossen sich um das Holz, doch der Fisch kämpfte verbissen. Die Angelschnur vibrierte, Sekunden vergingen. Dann ein letztes, scharfes Rucken.

Die Schnur riss.

Paul stand im Wasser, die Rute in der Hand, die Beute auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer, sein Blick haftete an der kaputten Angel. Er konnte nicht fassen, was passiert war. Dann schlug er mit der Faust so heftig ins Wasser, dass es hoch spritzte. „Verdammte Scheiße!“

Die Fontäne klatschte ihm selbst ins Gesicht. Er blinzelte, atmete tief durch und wischte sich mit dem Ärmel über die Wange.

Paul sah, wie Daniel ihn anschaute. Ein Teil Verlegenheit, vermischt mit einer Portion Feixen darüber, dass seine Wut sich selbst das Wasser ins Gesicht gespritzt hatte.

Er schob sich die nassen Haare aus der Stirn, stopfte die kaputte Schnur in die Hosentasche und stapfte langsam ans Ufer. Dort angekommen, schaute er in den Himmel. Die Sonne stand blendend hell über ihnen.

„Wir müssen los, es ist bald Mittagszeit“, sagte er ruhig. Sein schien verflogen zu sein.

Daniel folgte ihm. Niemand sprach ein Wort. Das Summen der Insekten füllte die Stille. Ein leises, beständiges Geräusch in der Hitze. Schließlich brach er das Schweigen.

„Vielleicht war’s eh nur ein Schuh.“

„Warum zum Teufel sollte ein Schuh denn wegschwimmen?“

„Vielleicht wollte er nie wieder einen Stinkefuß riechen“, witzelte Daniel.

Paul verzog den Mund zu einem Grinsen. „Vielleicht.“ Er legte den Arm um seine Schulter. Vergeben und vergessen. So war das bei Freunden.

Der Tag würde weitergehen.

Wie jeder andere.

Ein Tag, der sie für immer begleiten würde.

Ein Tag, der alles veränderte.

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Hallo [CVBLN],
herzlich willkommen,
danke, dass du deinen Text hier teilst. Ich finde es immer spannend, Einblicke in andere Projekte zu bekommen – und wie unterschiedlich man an Geschichten herangeht. Hier mein ehrliches Feedback zu deinem Prolog und Kapitel 1: Der Text hat handwerklich viele saubere Details: klare Bilder, ordentliche Struktur, ruhiges Erzähltempo. Man spürt, dass du dir Mühe gibst, Atmosphäre zu erzeugen.

Warum spricht er mich persönlich nicht an? Weil er für meinen Geschmack sehr langsam in die Geschichte einsteigt. Viele Beobachtungen, viel Landschaft, wenig innerer Konflikt oder treibende Handlung am Anfang. Es bleibt lange bei „schönem Setting“ und Kindersommer, ohne dass mir klar wird, was eigentlich auf dem Spiel steht oder wohin es geht.

Wenn du mich als Leserin packen willst, könnte es helfen, früher anzudeuten, was droht, was unausgesprochen in der Luft hängt. Oder eine Figur zeigen, die innerlich schon kocht, statt nur beobachtet. Die Sprache darf dafür gern so bildhaft bleiben – aber mit einem stärkeren emotionalen Haken.

liebe grüße

Skardi

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Hi CVBLN,
danke für das Teilen deines Textes. Gefällt mir sehr gut, ich mag es, wenn es langsam beginnt und ich Zeit habe, die Figuren auf mich wirken zu lassen. Der Prolog deutet eine Geschichte an, ohne sie vorwegzunehmen. Das gefällt mir auch. Das erste Kapitel beschreibt sehr schön die Freundschaft der beiden Jungen und die zerbrochene Angel ist ein schönes Symbol für einen kommenden Bruch in ihrem Leben. Ich hätte Lust weiter zu lesen.
Mir sind formal zwei Kleinigkeiten aufgefallen: „Kein Lüftchen regte sich, die Baumwipfel standen reglos“ ist etwas schwächer, als der Rest deiner bildhaften Formulierungen. Und: „Sein schien verflogen zu sein“ fehlt der „Ärger“ oder etwas ähnliches.
Viel Spaß beim Schreiben!
Petra

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Liebe Skardi,

vielen Dank für dein ehrliches Feedback. Ich hatte gehofft, hier eine Community zu finden, die wirklich ehrliches Feedback gibt und sich nicht nur auf die Schultern klopft.

Ich habe allerdings den Anfang bewusst sehr ruhig geschrieben. Für mein auslösendes Ereignis, das die Jungs das erste Mal ins Abenteuer ruft, ist es wichtig, dass ich die beiden und vor allem die Welt, in der sie leben, wirklich verstehe. Sonst könnte das auslösende Ereignis nicht die Wirkung entfalten, die es braucht.

Da mein Genre auch im Bereich Coming-of-Age vor historischem Hintergrund angesiedelt ist und kein Thriller, der direkt ein schnelles Pacing braucht, bin ich im Moment ganz zufrieden mit dem Einstieg in die Geschichte.

Aber wie gesagt, es ist mein erster Roman und von daher bin ich super dankbar für jedes Feedback.

Lieben Gruß

Carsten

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Liebe Petra, auch dir vielen Dank!

So wie du es beschreibst, war es auch gedacht!

Und danke fürs Entdecken der Fehler!

Lieben Gruß,

Carsten

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Hi. Deine Geschichte klingt interessant und würde mich zum Weiterlesen veranlassen. Dein Schreibstil ist klar und schnörkellos, was mir persönlich gut gefällt. An ein oder zwei Sätzen bin ich hängengeblieben
z. B.

Beim Prolog könntest du gucken, ob du die Sätze etwas umformulierst, damit du nicht so oft Er am Satzanfang hast. Ansonsten hast du mich durchaus neugierig gemacht
L.G Tanja

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Hallo CVBLN,
ich habe mich beim Prolog gefragt, ob er mir zu landschaftlich wäre. Er hatte eine Wirkung, als würde ich der Kamerafahrt zu Beginn eines Filmes folgen, aber vielleicht projeziere ich das auch etwas zu sehr in den Text aus dem Wissen heraus, dass du Drehbücher geschrieben hast. Die Einschübe („angenehm war er nicht“) o.ä. fand ich als Andeutung gelungen. Ab " Warum bin ich zurückgekommen?" hatte mich der Text. Ich würde überlegen, diesen Satz an den Anfang zu stellen und zu schauen, was das mit der Wirkung macht.

Aus eigener Erfahrung heraus würde ich aber einen ganz anderen Tipp geben: ich habe bei meinem letzten großen Projekt zu oft am Prolog/ ersten Kapitel gearbeitet, bevor die ganze Geschichte fertig geschrieben war. Am Ende flog der Prolog dann ersatzlos raus. Will sagen: der Anfang überarbeitet sich gut, wenn das Ende steht.

Viele Grüße und Spaß beim Schreiben!

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Hier ist ja schon mal direkt zu Beginn etwas, das Unheil ankündigt, daher kann ich
Daher kann ich das hier nicht wirklich nachvollziehen.

Mir gefällt dein Text, vor allem auch, weil du dich nicht vom Adjektiv-Verbannungszwang (den ich noch nie verstanden habe) nicht abhalten lässt, diese an den passenden Stellen einzusetzen.

Mir gefällt dein Text, auch wegen der eingeschobenen, sehr kurzen Sätze. Und dann wieder das Zurückfinden zur beschreibenden Erzählung. Sehr schön in meinen Augen.

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Warum bin ich zurückgekommen an den Anfang zu setzen gefällt mir. Das probiere ich mal.

Ansonsten hatte ich Prolog und Kapitel 1 bereits hinter mir gelassen. Ich bin bereits bei ca. 50k Wörtern und arbeite eher an den späten Kapiteln. Ich habe allerdings Papyrus neu für mich entdeckt und mich daher noch einmal an die Überarbeitung gemacht. Zuvor habe ich mit einem Drehbuch-Programm geschrieben.

Den Epilog gibt es bereits. Den habe ich zusammen mit dem Prolog geschrieben, als Klammer für die ganze Geschichte. Ich wusste auch bereits bei der 1. Seite, wie die Geschichte ausgeht, da sie schon seit längerer Zeit ausplottet bei mir in der Schublade liegt, da ich es mal als Drehbuchprojekt geplant hatte.

Dennoch bin ich überrascht, wie viele neue Ideen dann doch im Schreibprozess kommen :slight_smile:

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Ich teile mal noch die Kapitel 2 & 3 mit euch…

  • Kapitel 2

Die Jungs schlenderten gemächlich durch das kleine Dorf und hinterließen mit ihren durchnässten Schuhen feuchte Spuren auf dem erhitzten Kopfsteinpflaster. Ein leichter Wind zog durch die schmalen Gassen. Er trug eine Mischung aus Düften mit sich. Den Geruch von frisch gebackenem Brot, vermengt mit Heu und einem Hauch von Motoröl, der von der alten Werkstatt an der Straßenecke herüberwehte. Die Sonne brannte heiß vom wolkenlosen Himmel herab. Nur die Schatten der Häuser spendeten etwas Erleichterung.

Sie trotteten Seite an Seite, ihre Schultern streiften sich hin und wieder im Rhythmus ihres Gangs, aber sie sprachen kein Wort. Paul hielt die Arme fest verschränkt, die Feuchtigkeit seiner kurzen Hose klebte unangenehm an seinen Oberschenkeln und störte ihn bei jedem Schritt. Daniel warf immer wieder verstohlene Blicke in seine Richtung, doch Paul blieb stumm. Und wenn Paul nichts sagte, bedeutete das meistens, dass er tief in Gedanken versunken war. Vermutlich überlegte er, was sein Vater sagen würde, sollte er ihn in diesem klitschnassen Zustand zu Hause sehen. Aber Daniel und Paul waren die Art von Freunden, denen es nicht unangenehm war, zusammen zu schweigen.

Vorbei am alten Brunnen schlenderten sie die Hauptstraße entlang. Die dicht aneinandergereihten Backsteinhäuser wirkten wie aus einem Gemälde, das vor vielen Jahren gemalt wurde. Als stünden sie schon immer dort. Seit die Berge das Dorf umgaben. Mit ihren hohen Fensterläden, den hölzernen Blumenkästen und den schmiedeeisernen Türgriffen. Blank poliert von Generationen, die ein und ausgingen.

Doch da war etwas Neues. Etwas, von dem die Jungs wussten, dass es nicht immer hier war, auch wenn sie es nicht anders kannten. Die roten Fahnen mit den seltsamen schwarzen Kreuzen auf weißem Grund. Sie hingen an den Fassaden der Häuser, wo sie im auffrischenden Wind leicht flatterten. Sie fügten sich ein, wie die Glocken des Kirchturms oder das alte Kopfsteinpflaster. Und wenn man den Erwachsenen Glauben schenken durfte, würden sie bleiben, solange die Berge blieben.

Mit dem allmählichen Trocknen ihrer nassen Sohlen kam der Dorfplatz in Sichtweite. Ein paar Kinder kickten eine alte, zusammengeflickte Lumpenkugel über den Platz und spielten Fußball. Am Rande stand eine Gruppe Frauen, die sich leise miteinander unterhielten. Alte Männer saßen auf der Bank vor dem kleinen Gasthof, rauchten ihre Pfeifen und ließen den Tag an sich vorbeiziehen.

Noch vor wenigen Monaten hatte hier reges Treiben geherrscht. Damals erreichte die Nachricht von einem Sieg an der Ostfront das Dorf. Schnell sammelten sich die Menschen auf dem Dorfplatz. Männer hatten ihre Mützen jubelnd in die Luft geworfen, Frauen hatten geklatscht, und Kinder hatten mit Tüchern gewunken. Der Bürgermeister hielt eine Rede, der Pfarrer spendete den Soldaten an den fernen Fronten Gottes Segen und dankte ihnen im Namen von Führer und Vaterland. Jetzt war der Platz deutlich leerer. Die Frauen sprachen leiser, die alten Männer bliesen den Pfeifenrauch bedächtiger aus. Daniel nahm es wahr, den Grund dafür verstand er nicht.

Die Jungs bogen in eine schmale Seitenstraße ein, da schallte eine laute Stimme über den Platz.

„Hey, Hinkebein! Willst du mitspielen? Wir brauchen noch einen Torpfosten!“

Der stämmige Junge, der unter dem Gelächter seiner Kumpels zufrieden grinste und sich über seinen eigenen Witz freute, hieß Werner. Werner war nicht der netteste Zeitgenosse im Dorf, aber er hatte viele Freunde. Vielleicht genau aus diesem Grund. Niemand legte sich mit ihm an, denn Werner war bekannt dafür, dass ihm schnell und gerne die Hand ausrutschte. Daher hielt Daniel es für klüger, einfach weiterzugehen.

Doch er kannte seinen besten Freund. Wusste, wie die Wut in Paul langsam hochkochte. Fast unmerklich, bis sie sein Herz fest im Griff hatte. War sie erst einmal da, war es schwer, ihn davon abzubringen. Einen Versuch war es trotzdem wert.

„Komm“, sagte er leise, „lass ihn einfach.“

Aber Paul hatte seinen Entschluss schon gefasst. „Wofür braucht ihr einen Torpfosten? Wenn du im Tor stehst, kommt eh kein Ball durch, so fett wie du bist!“

Daniel verdrehte die Augen. Das wird Ärger geben…

Werner blinzelte überrascht. Sein Gesicht lief rot an. Die Spannung in der Luft knisterte, ein stilles Versprechen von Problemen. Der dicke Junge machte einen großen Schritt nach vorne und stemmte die Hände in die Hüften. „Was hast du gesagt?“

Paul zog eine Miene, als würde er kurz nachdenken, dann fiel es ihm wieder ein: „Dass du unglaublich fett bist.“

Werner ballte die Fäuste. Seine Kumpel rückten näher und stellten sich neben ihn. Drei gegen zwei. Der Humpelnde und der Schmächtige. Sie hatten keine Chance, das war klar.

Es war Paul egal.

Daniel zupfte ein weiteres Mal am Ärmel seines Freundes, doch der schüttelte ihn ab. „Lass mich! Ich laufe nicht vor dem dicken Werner davon!“

„Was ist, wenn die uns bei deinem Vater verpetzen?“

Pauls Haltung veränderte sich schlagartig. Der Trotz wich einer plötzlichen Starre. Daniels Hinweis schien einen unsichtbaren Schalter umgelegt zu haben. Sein Blick, eben noch zornig auf Werner gerichtet, wurde für einen Moment leer, nach innen gekehrt. Die aufgestaute Wut schien in sich zusammenzufallen, erdrückt von etwas, das schwerer wog als die demütigen Sprüche des dicken Werner.

Paul presste die Kiefer aufeinander, ein kaum merkliches Zucken lief über sein Gesicht. Dann, mit einem widerstrebenden Nicken, gab er nach. Als Daniel erneut an seinem Ärmel zog, ließ er sich ohne weitere Gegenwehr mitziehen. Sie drehten sich um und rannten los.

„Auf die Fahrräder!“, rief Werner hinter ihnen.

Daniel war klar, dass es selbst mit vier gesunden Beinen schwierig gewesen wäre, den schnellen Fahrrädern zu entkommen. Mit nur drei gesunden Beinen mussten sie besonders klug handeln.

Sie sprinteten durch die engen Gassen, an der alten Schmiede vorbei, und bogen hinter der Bäckerei in eine schmale Straße ab. Der Wind pfiff ihnen um die Ohren, ihr Atem ging schwer, die unebenen Steine unter ihren Füßen waren tückisch. Dann – eine Sackgasse.

Paul und Daniel blieben keuchend stehen. Langsam drehten sie sich um, ahnten, was hinter ihrem Rücken war. Am Eingang der Gasse standen die drei Jungen mit ihren Fahrrädern, Werner grinsend in der Mitte. Daniel sah sich hastig um. Eine Kiste mit Tomaten, ein Hauseingang. „Ich habe eine Idee. Vertrau mir.“ Er sprang in den dunklen Türbogen und verschwand.

Paul blieb allein zurück und starrte seinem Ärger entgegen. Die Räder rollten immer schneller auf ihn zu. Werner beugte sich tief über den Lenker, sein schwerer Körper drückte das Fahrrad nach vorn. Ohne Furcht schien er jedes Gramm in den Angriff zu werfen. Mit einer bösen Ahnung, wie das ausgehen würde, kniff Paul die Augen zu. Was dann geschah, vernahmen zuerst einmal nur seine Ohren.

Kurz bevor der dicke Werner seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, sein Gegenüber mit voller Wucht aus der Gasse zu rammen, sprang Daniel aus dem Schatten hervor. Mit einem gezielten Wurf landete die Angelrute im Vorderrad des Angreifers und verhakte sich zwischen den Speichen. Das Rad blockierte abrupt und Werner wurde wie ein nasser Sack Kartoffeln nach vorne geschleudert. Sein Schrei schallte durch die enge Gasse, dann krachte er in die Kiste mit Tomaten. Das rote Fruchtfleisch spritzte auf, bedeckte sein Gesicht, seine Arme, seine Beine. Seine Freunde, zu überrascht, um zu bremsen, fuhren über sein Rad und stürzten auf ihn. Ein Chaos aus aufgeschürften Knien und verbogenen Speichen.

Ein Anblick, der Paul ein Lächeln auf die Lippen zauberte, nachdem er seine Augen vollends wieder geöffnet hatte. „Pass auf, mit wem du dich anlegst!“ Ein seiner Stimme schwang trotz des Lachens in seinem Gesicht, immer noch eine große Portion Wut mit, die tief aus dem Herzen entsprang. Dann legte er seinen Arm um Daniel. „Sonst machen mein bester Freund und ich dich wieder fertig. Und nächstes Mal kommst du nicht so leicht davon.“

Doch eine andere Stimme durchbrach ihren Moment des Triumphs. Der Gemüsehändler. Wütend. Er stürmte aus seinem Laden, sah das Durcheinander, packte Werner am Kragen und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Paul und Daniel wussten, dass ihnen dasselbe blühen würde, wenn sie noch länger blieben.

Also rannten sie los.

  • Kapitel 3

Daniel war voller Adrenalin. Sein Herz pochte wild. Die Bilder der Flucht rasten durch seinen Kopf. Werners fieses Grinsen, das Rattern der Fahrräder, die Sackgasse, der explodierende Tomatensaft. Er konnte nicht anders und grinste übers ganze Gesicht. Sie hatten gewonnen.

Zumindest für diesen Moment.

„Hast du gesehen, wie der Dicke in die Tomaten geknallt ist?“ Daniel schlang einen Arm um Pauls Schulter, tänzelte um ihn herum. „Ich hoffe, der kriegt vom Gemüsemann ordentlich den Arsch versohlt.“

Paul schmunzelte nur. Er sagte nichts. Das Thema Arsch versohlen war für ihn nicht lustig, egal wie wütend er war. Er fand, dass kein Kind von einem Erwachsenen den Arsch versohlt bekommen sollte. Nicht er, nicht Daniel, selbs der Dicke Werner nicht. Unerheblich, wie doof und gemein er ihn fand.

Der restliche Weg führte am kleinen Bahnhof des Ortes vorbei. Ein echtes Schmuckstück. Rote Ziegel, strahlend weißen Fensterrahmen, bunte Blumenkästen und hinter ihm die majestätischen Berge. Ein Gebäude, das stolz und einladend dastand. Die Gleise glänzten in der Sonne, die Bänke auf dem Perron waren frisch gestrichen, und über dem Eingang prangte ein Schild mit den Worten „Willkommen in Steinweiher“. Die Buchstaben sorgfältig in schwungvoller Schrift gemalt. Die Erwachsenen hatten immer gesagt, dass der Bahnhof schön und gepflegt sein müsse, weil er der erste Eindruck sei, den Fremde vom Ort bekämen, wenn sie hier ankamen. Und die Einwohner von Steinweiher wünschten sich, dass Fremde ihren Ort genau so mochten wie sie selbst. Sogar, wenn sie nur auf der Durchreise waren. Dann konnten sie am Ende ihrer Reise wenigstens davon erzählen, wie schön es doch in Steinweiher war.

Paul blieb kurz stehen und schaute auf das Bahnhofsgebäude. Er erinnerte sich, wie er von hier aus einmal eine Zugreise unternommen hatte. Damals fuhr er zusammen mit seinem Bruder Peter nach Berchtesgaden, um Oma zu besuchen. Die geschmierten Stullen, die sie auf der Fahrt aßen, schmeckte er noch heute auf der Zunge. Die eingemachte Sülze, dick beschmiert mit Senf, dazu eine saure Gruke. Proviant schmeckt einfach besser, wenn man ihn fern vom heimischen Kücnhetisch isst.

Genau wie die Brause, die Oma ihm und seinem Bruder für die Rückfahrt in den Rucksack steckte. Es war eine aufregende Zeit. Ein Abenteuer, wie er es lang nicht mehr erlebt hatte. Alles was nun geschah, spielte sich hier ab, in Steinweiher. Die großen Abenteuer, draußen in der Welt, waren anderen vorbehalten.

Sein Bruder durfte vor zwei Jahren wieder mit der Bahn fahren, um ein solches Abenteuer zu wagen. Es war eines, vor dem er sich fürchtete, obwohl er es sich nicht anmerken ließ. Paul merkte es trotzdem. Er verstand es. Doch das wiederum war etwas, das er sich nicht anmerken ließ.

Peter wusste nicht viel über den Krieg. Im Tal gab es seit jeher keinen Radioempfang. Kinos, die Wochenschauen zeigten, waren für ihn Geschichten aus einer anderen Welt, von denen Städter berichteten. Zeitungen erreichten Steinweiher nur unregelmäßig, seit der Krieg ausgebrochen war. Was Peter über die Front wusste, stammte aus den Erzählungen, die von Dorf zu Dorf weitergegeben wurden. Sieg folgte auf Sieg, die Fronten verschoben sich, und das Reich schien immer größer zu werden. So und nicht anders, wusste es auch sein Vater Wilhelm Schock zu berichten. Ein Mann, der vor Stolz platze, als sein ältester die Soldatenstiefel schnürrte.

Am Tag der Verabschiedung am Bahnhof steckte Paul seinem Bruder heimlich eine Brause in den Rucksack, in der Hoffnung, es würde ihm ein wenig die Furcht nehmen, wenn er gute Erinnerungen auf der Zunge schmecken könnte.

Irgendwann würde Peter zurückkehren. Dann, wenn der Krieg vorbei war. Wenn man die Heimkehrer mit der gleichen Freude wieder willkommen heißen würde, wie man sie einst verabschiedet hatte. Bis dahin musste Paul sich mit den Briefen begnügen, die er gelegentlich lesen durfte. Wenn sein Vater es erlaubte. In letzter Zeit waren diese Momente seltener, vielleicht kamen auch weniger Briefe.

Ob Peter auf seinem Abenteuer wohl auch davon erzählt, wie schön es doch in Steinweiher ist?, fragte sich Paul oft.

Daniel hingegen hatte noch nie einen Zug bestiegen, was er bedauerte. Bei seinem Umzug aus der Stadt, hier ins Dorf, reiste er mit dem Auto. Aufregend, aber nicht so aufregend, wie er sich eine Reise mit der Eisenbahn ausmalte.

Eines Tages würde auch er einmal mit dem Bahn fahren. Dann, wenn Züge wieder für Urlaub oder Familienbesuche genutzt werden, wie damals bei Paul. Aber vermutlich würde das noch eine Weile dauern. Bis dahin musste er sich damit begnügen, staunend auf die Züge zu schauen, die ab und an den Bahnhof passierten.

Doch der Bahnhof hatte sich in der letzten Zeit verändert. Es war nicht mehr der fröhliche Ort, der er einst war. Die Erwachsenen hatten ein Lager neben das Bahnhofsgebäude gezimmert, das nicht schön anzusehen war. Ein Lager für Menschen, die hier auf ihren Anschlusszug warteten.

Wie die Bahnhofshalle einer großen Stadt, hatte Paul es beschrieben. Es war sein Versuch, Daniel zu erklären, was es mit damit auf sich hatte, bevor er das Thema wechselte.

Doch diese Bahnhofshalle ging Daniel nicht so schnell aus dem Kopf. Stacheldraht, Wachtürme und hässliche Baracken prägten das Erscheinen. Es passte so gar nicht zu dem Bild, das der Bahnhof einst in die Landschaft gemalt hatte. Auch die Menschen, die hier auf ihren Anschlusszug warteten, erweckten nicht den Eindruck, als würden sie am Ende ihrer Reise davon erzählen, wie schön es doch in Steinweiher war.

Vor dem Lager parkte ein Lastkraftwagen, ein Einheitsdiesel, wie Paul erkannte. Er interessierte sich mehr für Flugzeuge, das war seine Leidenschaft. Einmal Pilot zu werden, sein Traum. Doch er kannte auch die Fahrzeuge der Wehrmacht, die sich zu Land bewegten. Er wusste, dass der Traum, einmal Pilot zu werden, ein ferner war.

Drei junge Männer in Uniform, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, standen um den Lkw. Sie teilten sich eine Zigarette, ihre Gewehre hingen über der Schulter. Wirkten teilnahmslos, beinahe gelangweilt. Der Dienst, den sie hier taten, gefiel ihnen nicht. Der Krieg, wie sie meinten, wurde nicht hier gewonnen. Aber ein Teil des Sieges zu sein, war das, was sie wollten. Was jeder Junge wollte.

Ein Offizier befahl das Abladen. Die Soldaten traten ihre Zigarette aus und gehorchten. Sie eilten zur Rückseite des Einheitsdiesel und öffneten die Klappe. Dann trieben sie die Menschen heraus. Männer, Frauen, Kinder. Grau in Grau gekleidet, grauer nur ihre Gesichter. Die gelbe Markierung auf ihrer Brust stach hervor.

Die Langeweile der Soldaten war verflogen. Befehle wurden gebrüllt. Niemand leistete Widerstand.

Daniel beobachtete das Geschehen. Die gelben Sterne auf der Brust erinnerten ihn an die gelben Streifen seiner Kartoffelkäfer, die es unmöglich machten, sich im grauen Kies zu verstecken. Er wunderte sich über die Härte, mit der die Soldaten mit den Menschen umgingen. Fragte sich, was diese Leute wohl getan hatten, das man sie so behandelte. Es schien, als wollten die jungen Soldaten eine Härte zur Schau stellen, die ihnen an der Front verwehrt blieb. Für Daniel war es unerträglich, dass wehrlose Menschen so behandelt wurden.

Die Jungs liefen parallel zu den Männern und Frauen, die die Wachen wie Vieh zum Lagertor trieben. Paul sah stur geradeaus, Daniel musterte die Gesichter, die gesenkten Köpfe, die trägen Schritte, die mühsam wirkten.

Dann entdeckte er sie.

Ein Mädchen, etwa in seinem Alter. Braune Locken, grüne Augen, ein Gesicht wie ein Lichtstrahl im tristen Grau. Ein Licht, das sein Strahlen nicht verloren hatte, auch wenn es ein schwaches war. Nur sichtbar, weil es inmitten der Dunkelheit leuchtete. Sie schritt langsam mit dem Strom. Als sie die Jungs bemerkte, hob sie den Kopf. Ihre Augen trafen Daniels. Nur kurz, doch es fühlte sich länger an.

Dann stolperte sie, verlor das Gleichgewicht und fiel in den Staub.

Ohne darüber nachzudenken, sprang Daniel vor und streckte seine Hand aus. Das Mädchen schaute ihn mit großen Augen an. Einen Moment zögerte sie, versuchte das Gesicht des Jungen zu lesen, der ihr die erste nette Geste zukommen ließ, die sie seit langem erfahren durfte.

Meinte er es ernst?

Sie ergriff ihre Chance, umfasste seine Hand und zog sich hoch.

Doch ehe sie wieder sicher auf ihren Beinen stand, wurde Daniel zur Seite gerissen und stürzte auf die Knie. Paul beugte sich über ihn, sein Blick wütend. „Bist du bescheuert?“ Er konnte nicht fassen, was sein Freund getan hatte.

Einen Moment stand Paul kopfschüttelnd über ihnen, dann spuckte er dem Mädchen vor die Füße.

„Das sind Juden!“

Daniel kniete reglos im Staub. Er wusste, dass es Juden waren. Aber das Mädchen war nun mal gestürzt. Seine Mutter hätte ihm nie verziehen, wenn er tatenlos zugesehen hätte. Daniel wollte dem Mädchen helfen. Genau, wie er Paul half, wenn der wieder einmal ins Stolpern geriet.

Die Soldaten bemerkten die Szene, sagten aber nichts. Schroff packten sie das Mädchen mit den lockigen Haaren am Kragen und zogen es hoch. Mit einem unsanften Schubs in den Rücken trieben sie sie voran, zurück in die Reihe, deren Anfang schon hinter dem Stacheldraht angekommen war.

Die grünen Augen schauten noch einmal zu Daniel, bevor auch sie Hinter dem Zaun verschwand.

Daniel hatte sie aus dem Blick verloren, doch er verharrte weiter an Ort und Stelle. In seinem Inneren war sie noch immer da.

Das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte.

Wenn seine Mutter in diesem Moment in Daniels Herz hätte schauen können, sie wäre Stolz gewesen.

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