Leseprobe Das Land des roten Drachen

Aus einer Laune heraus hatte ich beim Schreibwettbewerb des Verlags “Edition Roter Drache” mitgemacht.
Das Ergebnis steht schon, mein Beitrag wurde gelesen aber sie haben sich für andere entschieden. Ist ok.

In der Essenz waren die Vorgaben max 8000 Zeichen, offenes Genre, sofern es zum Verlag und zum Motto passt.

Motto: “Das Tor zu anderen Welten”
Eine Kurzgeschichte in der ein roter Drache eine zentrale Rolle spielt? Zeilen über ein Tor zu anderen Welten? Eine phantastische Illustration? Ein Grußwort? Oder eine Anekdote, die du mit dem Verlag oder dem Oberdrachen teilst?

Hier mein Beitrag. Tobt euch gern aus.
Ich habe bewusst nichts nachträglich korrigiert, da ich mit dem notwendigen Abstand die Schwächen erkenne. Trotzdem bin ich zufrieden mit dem Beitrag.

Das Land des roten Drachen

Das Paket erreichte ihn an einem kalten Montagmorgen. Ein handbreiter Stapel Papier, eine unsortierte Sammlung von Schriften, Fragmenten, Zeichnungen und Diagrammen. Dazu ein geschützter Container in der Größe einer Bananenschachtel mit einzelnen Fundstücken.

Die Inhalte waren auf eine faszinierende Art widersprüchlich.

Dr. Michael Neborn hatte in seiner Karriere als Kulturarchäologe und Anthropologe schon einige vergangene Zivilisationen analysiert. Ausgrabungen, Archive, Handschuhe, Neonlicht, Mikroskope, das war jahrelang das Setting seiner Wahl gewesen. Der Kick von Informationen, die nicht zusammenpassten. Nicht nur einmal hatte ein einzelner Fund genügt, ihn nächtelang kaum schlafen zu lassen. Damals gab es ein Feuer, das ihn unnachgiebig angetrieben hatte.

Nun arbeitete er auf Abruf. Seine Arbeitsplätze waren Museen, Archive oder in diesem Fall sein eigenes Reich.

Er nannte es seine „Denkwerkstatt“. Er hielt sie so sauber wie möglich, hatte unzählige Neonlichter über einem großen Arbeitstisch installiert. Hier konnte er mit der notwendigen Distanz und dem gebotenen Respekt forschen und prüfen.

Diese Fundstücke und Quellen waren außergewöhnlich. Man hatte sie in verschiedenen Fundstätten entdeckt. Da sie geschichtlich nirgends dazu passten, hatte man sie in einem separaten Lager als „nicht zugeordnet“ über Jahre und Jahrzehnte verstauben lassen.

Ein interdisziplinäres Team aus Historikern, Linguisten und Systemarchitekten hatte unter Verwendung von KI-Modellen die gefundenen Informationen neu gesichtet. Das Ergebnis war kein Spiel, keine Simulation, sondern ein neues begehbares Weltmodell. Eine Hypothese in virtueller Reinform.

Dr. Neborn hatte die letzten Wochen damit verbracht, die Fragmente zu sichten, zu kartieren und abzugleichen. Es war ein Puzzle, das sich ständig neu zusammensetzte. Es war auch ein Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit. Seine letzte Veröffentlichung lag Jahre zurück.

Eine Notiz wiederholte sich immer wieder. „Die Welt lässt sich besser verstehen, wenn man sie betreten kann.“

Es war eine schöne Metapher. Früher hatte ihn so etwas bewegt.

Einige Tage später, er wusste nicht genau wann, kam eine neue Lieferung. Kein Karton, keine Kiste, sondern ein kleiner Container. Enthalten war alles, was er für den Zugang zum Weltmodell benötigen würde. Einstecken, loslegen.

Der Übergang war anders als erwartet. Es gab keine Beschreibung, kein Countdown, lediglich ein kurzes Rauschen. Es war wie ein Schritt über eine Schwelle.

Dann das Gefühl von rauer Erde auf den Fußsohlen.

Die Luft roch nach gebranntem Lehm und Regen, der nicht lange zurücklag. Der Himmel war in die ersten Strahlen einer aufgehenden Sonne getaucht.

Vor Neborn lag ein Platz. Häuser, die alt wirkten und gleichzeitig eine Erhabenheit ausstrahlten, die er nie zuvor gesehen hatte. Auf den Fassaden der Häuser erkannte er Symbole aus den Fragmenten, vertraut und fremd zugleich.

In der Mitte des Platzes stand ein Tor. Massiver, dunkelgrauer Stein, ohne erkennbaren Mechanismus. Die Schwelle glänzte matt im Sonnenlicht.

Daneben ruhte eine Statue. Sie war ungefähr einen Meter hoch und mindestens drei Meter lang. Eine Figur, die er sofort erkannte.

Der rote Drache.

Er erkannte glattpolierten, roten Jaspis, dunkelgrüne Tatzen, eine tiefschwarze Schwanzspitze und einen Kopf voller feiner Details. Es wirkte auf ihn wie ein versteinerter Drache aus längst vergangener Zeit. Die Augen waren geschlossen.

Dr. Neborn hielt inne, um den Anblick genießen zu können. Er ordnete seine Gedanken, wie in einem Protokoll, das er über dreißig Jahre perfektioniert hatte. Euphorie war nicht angebracht. Analysieren, klassifizieren, notieren.

Er atmete tief durch und trat näher.

Die Schuppen strahlten eine intensive Wärme ab. Das war unlogisch. Die Sonne war kaum aufgegangen, und das war eine Simulation. Es musste eine sein.

In dem Moment, als er seine Hand auf die Oberfläche legte, zuckte die Statue. Sie zuckte.

Ein Augenlid der Statue, des versteinerten Drachen, hob sich wie in Zeitlupe. Neborn hörte ein leises Brummen. Dann öffnete sich das Maul und der Kopf drehte sich zu ihm. Das bernsteinfarbene Auge musterte ihn mit etwas, das spöttisch wirkte.

Eine Stimme so tief, dass sie in seinem Brustbein nachhallte, erklang. „Bist du Forscher oder Futter?“

„Ich bin hier, um das Weltmodell zu prüfen“, antwortete Dr. Neborn sachlich.

Eine Pause. Die Pupille im Bernsteinauge verengte sich. „Ein Modell also.“

Dr. Neborn referierte unbeirrt weiter. „Es sind alles Fragmente aus verschiedenen Quellen. Wir haben diese Welt hier erschaffen, um zu verstehen, ob das wissenschaftlich tragfähig ist.“

Der Drache drehte seinen Kopf, bis er ihn mit beiden Augen betrachten konnte und flüsterte. „Und wer hat dich erschaffen?“

Neborn fühlte sich plötzlich unsicher, fast nackt. Diese Frage war absurd einfach. Doch er hatte keine Antwort.

Die Frage war, wie man das Rätsel knackte. Wenn ein Ansatz nicht funktioniert, dann sucht man sich einen neuen.

„Was bist du?“, fragte Dr. Neborn direkt. „Die Überlieferungen nennen dich in einem Text Wächter des Landes, ein anderer spricht von einem Hüter des Tores. Zuletzt las ich vom Zerstörer des Morgens. Das widerspricht sich.“

„Die Quellen widersprechen sich, weil die Fragen nicht dieselben sind“, antwortete der Drache kurz.

„Was ist das für eine Antwort?“

„So viele Fragen und doch keine Ahnung.“

Dr. Neborn trat einen Schritt zurück und ließ seinen Blick über die imposante Gestalt vor ihm gleiten wie über ein Artefakt. Er sah Maße, Proportionen, Struktur.

Seine Nervosität glitt von ihm ab. „Du bist eine Figur dieser Kultur. Vielleicht warst du eine Interpretation von Hoffnung oder Ängsten. Du bist ein Konstrukt.“

Die Augen des Drachen blitzten, er neigte seinen Kopf leicht und die tiefe Stimme erklang wieder. „Ist das so?“ Die Nüstern glommen in einem Rot, das keine Kälte kannte.

Dr. Neborn wollte weitersprechen. Doch mehr als ein „Ja“ kam nicht mehr heraus.

Die Nacht umhüllte ihn. Für einen Augenblick gab es nichts. Dann erglomm im Zentrum der Dunkelheit eine Glut. Sie hatte ein Muster, das er von früher kannte. Früher, als er selbst noch gegraben hatte. Sein erster Fund hatte so im Abendlicht geschimmert.

Die Glut pulsierte und wurde heller.

Mühsam öffnete er seine Augen. Er spürte wieder das Pflaster unter seinem Körper.

Er setzte sich auf, blinzelte und sah den Platz, das Tor, denselben Sonnenaufgang.

Der Drache lag seitlich des Tores, als wäre nichts gewesen.

Neborn stand langsam auf. Seine Hände zitterten und sein Kopf schmerzte. Er blickte an sich herunter. Er sah keine Verletzungen. Die Erinnerung an die Hitze, die keine Spuren hinterlassen hatte, war noch immer da.

„Du bist zurück.“

„Was war das?“

„Das warst du.“

Neborn schüttelte den Kopf. Er merkte, wie sich etwas in ihm fundamental verschob. Dreißig Jahre Arbeit an der perfekten Methode. Alles zum Schutz seines Selbst und seiner Identität als Forscher. „Wie funktioniert das hier?“

Der Drache schnaubte. „Falsche Frage. Wie funktionierst du hier?“
Der Kopf von Neborn schwirrte. „Als Beobachter oder als Teil davon?“

„Ja.“

Diesmal klang es für ihn anders. Es klang wie ein Tor, das sich öffnete.

Der Drache richtete sich auf. Er trat einen Schritt beiseite. Das Tor stand frei. Der Drache öffnete seine Schwingen und blickte ein letztes Mal auf Neborn. „Wir sehen uns.“ Ein Flügelschlag gleich einem leichten Windhauch und der Drache hob ab. Seine Umrisse wurden schnell kleiner und tauchten ins Licht der aufgehenden Sonne ein.

Neborn blickte zum Tor. In rot-goldenen Schemen zeichneten sich dahinter die Umrisse einer neuen Welt ab.

Michael stand auf der Schwelle. Er dachte nicht an Hypothesen. Zu lange hatte er nur geprüft, gemessen, bewertet.

„Ich weiß nicht, was dort ist“, flüsterte er sich selbst zu. Dann trat er durch das Tor.

Er war kein Prüfer mehr. Hier war er wieder ein Suchender. Endlich.

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Das wird in den meisten Fällen so sein, denn die Teilnehmerzahl ist bei Schreibwettbewerben sehr hoch. Man kann sich sehr freuen, wenn man mal vorne dabei ist, aber es ist nicht zwingend ein schlechter Text, wenn er es nicht geschafft hat. Wie so oft im Leben, ist der Weg das Ziel. Also, unbedingt weitermachen!

(Ich bin nicht die einzige hier, die ihre nicht siegreichen Kurzgeschichten für Wettbewerbe und auch andere, frei verfasste, in einer eigenen Sammlung zusammenfasst.)

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