ich arbeite mich gerade in die Stil-Analyse von Papyrus ein und hänge am „Lesbarkeitsindex“. Mein Ziel ist es, mein Erstlingswerk (Wirtschaftsthriller) zu optimieren, aber ich stoße auf ein Dilemma:
Wenn ich versuche, den Index durch Umformulieren aktiv nach oben zu treiben, wirkt der Text oft hölzern und verliert seinen natürlichen Lesefluss. Es fühlt sich „künstlich optimiert“ an.
Ich habe stichprobenartig Passagen bekannter Bestseller (Der Marsianer) analysiert. Überraschenderweise lagen diese teilweise bei einem Wert von 19 - in einigen Fällen sogar tiefer. Nach der reinen Lehre wäre das „schwer verständlich“, aber subjektiv lesen sie sich hervorragend.
Meine Fragen an die Erfahrenen:
Gibt es genre-spezifische Richtwerte für Wirtschaftsthriller? Ein komplexes Thema verträgt vermutlich einen anderen Index als ein Kinderbuch.
Muss ich in den Papyrus-Einstellungen (Stilanalyse) Anpassungen vornehmen, um den Index auf mein spezifisches Genre zu kalibrieren?
Wie gewichtet ihr den Index im Vergleich zum eigenen Sprachgefühl?
Ich bin gespannt, wie ihr den schmalen Grat zwischen messbarer Verständlichkeit und atmosphärischem Schreibstil meistert.
Die Stilanalyse und der Lesbarkeitsindex zeigen nicht wie die Rechtschreibprüfung Fehler an, die man beseitigen müsste.
Stilanalyse und Lesbarkeitsindex dienen dazu, mögliche Schwachstellen des Textes aufzuzeigen (für die man als Autor beim eigenen Text oft betriebsblind ist), damit man nichts übersieht und sich mit den betreffenden Formulierungen einmal bewusst auseinandersetzt.
Hm na ja … Der erste Satz ist richtig. Aber dem „Bauchgefühl“ möchte ich widersprechen.
Die Analyse (Lesbarkeit wie auch Stil) kann eine Hilfe sein, und ist es im Regelfalle auch:
Einmal anschauen, ob nicht zu lange, zu verquere, zu fremdwortige Konstruktionen gebraucht wurden, und ob es zum Tempo der Szene (!) passt.
Nach einem analytischen Blick (! ← daher widerspreche ich dem Bauchgefühl) kann man sich entweder sicher sein: „Passt scho’!“ ↔ oder eben „Nee, nochmal überarbeiten.“
Man wird also stilsicherer, wenn man kritische Stellen mehr und mehr durchdenkt und so seine eigene Art zu Schreiben schärft.
Ich verfahre genau, wie Ulli es beschrieben hat. Lesebarkeits- und Stilanalyse sind Hilfsmittel, die mich zum Überdenken anregen. Ihr kennt das vielleicht, wie selbstverliebt man an irgendwelchen Formulierungen oder Schachtelsätzen hängt. Da ist es mir lieber, wenn Papyrus mir hinweisend an die Stirn tippt, als später einer der Erstleser.
Da ich als Anfänger mein Bauchgefühl noch „kalibrieren“ muss, habe ich gezielt nach objektiven Metriken gesucht, die mir dabei helfen. Aktuell sieht es für mich jedoch so aus, als ob ein rein mathematischer Lesbarkeitsindex – zumindest für mein Genre – diese Lücke nicht füllen kann.
Die Diskussion hier hat mir gezeigt, dass „messbar“ nicht automatisch „gut lesbar“ bedeutet. Ich werde versuchen das Tool als Indikator für Warnsignale zu nutzen, statt einem fiktiven Idealwert hinterherzujagen.
Ich finde den Lesbarkeitsindex sehr praktisch, obwohl ich in meinem Roman leider nur bedingt davon profitiere. Da ich ein historisches Setting gewählt habe (industrielle Revolution), unterhalten sich meine Charaktere in einem etwas altmodischen Jargon. Je nach Stand und Beruf sprechen die Protagonisten zusätzlich bisschen hochgestochen (Adel) oder benutzen technische Fachbegriffe (Ingenieure und Seefahrer). Entsprechend sagt mein Index allein schon wegen der Begrifflichkeiten, der Text wäre verhältnismäßig schwer lesbar.
Da die Erzählpassagen etwas angepasst wurden, um zum Rest zu passen, lesen sie sich klassisch Hochdeutsch. Der Index dürfte daher leider schwer zu beurteilen sein, ich suche deshalb in auffälligen Abschnitten inzwischen nach einzelnen Wörtern, die den Index beeinflussen könnten. Finde ich ein solches Wort, weiß ich zumindest, der Text ist nicht das Problem und ich kann den Index ignorieren. Gibt es da keinen Fachbegriff und keine altmodische Floskel, schau ich mir den Satzbau an.
Schreibt man jetzt einen Wissenschaftsthriller oder eine Abenteuergeschichte im Mittelalter, wird man vor einem ähnlichen Problem stehen, oder liege ich da in meiner Annahme falsch?
@Arletta - In deinem Fall nutzt dir der Index ebenso. Wenn bei dir ein Großteil rot ist, also vermeintlich schlecht lesbar, hast du den Ton getroffen. Fällt bei dir plötzlich alles in den grünen Bereich, weißt du: Ups! Hier muss ich mal nachschauen.
Ich hatte mal eine Figur, die anfing, ununterbrochen zu quatschen, in verschachtelten Sätzen und mit fehlenden Wörtern, wenn sie betrunken war. Also mussten alle Stellen mit wörtlicher Rede, bei der die Figur zu viel Alkohol intus hatte, zwingend rot sein.
Nein, da hast du recht. Ich habe ein Fantasy Projekt (etwas archaisch) und ein Krimi, der in 2025 spielt. Generell mag ich Schachtelsätze sehr (Lesen und Schreiben) und benutze sie in beiden Projekten. Dennoch ist der Index im Krimi deutlich „besser“.
Ich denke das kommt hin. Bestseller hin oder her.
Zum Teil, gerade die physikalisch-technischen Erklärungen, ist der Lesefluss gehemmt. Auch bei Project hail Mary (Der Astronaut) sind es die physikalischen Ableitungen, die sich komplexer lesen, als der hinplätschernde Plot. Allein, weil es die Aufmerksamkeitsspanne erhöht fordert.
Das ist auch eine Stärke der Bücher, aber sicherlich hemmt es den Lesefluss.
Ich hatte anfangs mit dem Lesbarkeitsindex zu hadern und habe mich letztlich dafür entschieden, ihn zu ignorieren.
Das gleiche empfehle ich dir ebenfalls. Wenn deine Texte für Erwachsene gedacht sind, dürfen sie ja gerne komplexer und „schwieriger“ zu lesen sein.
Bei Kinderbüchern ist das womöglich etwas anderes.
Zusätzlich auch als Hilfe für Bücher, bei denen es wirklich auf möglichst einfache Lesbarkeit ankommt: Kinderbücher - und Sachbücher.
Der „Erfinder“ der Lesbarkeitsanalyse, Prof. Rudolf Flesch, soll als Beispiel für durch seine noch händisch ausgezählt (!) verbesserten Texte eine Bedienungsanleitung für Handgranaten zitiert haben, und dazu auch eine Einbauanleitung für Kindersitze.
Hmm … nö.
Ich selbst zum Beispiel bin ein typischer Kandidat für die Lesbarkeitsanalyse. Ich neige zu Schachtelsätzen, packe das Verb des ersten Hauptsatzes hinter sieben kommagetrennte Nebensätze in den Rest des Hauptsatzes usw.
Das ist teils einfach ein Sprachstil, in meinem Falle würde ich sogar sagen, ein übler Stil, den ich mir tunlichst abzugewöhnen versuche.
Sprich, verschwurbelte Sprache kann zum Selbstzweck werden in einer Art zu denken, zu schreiben.
Und wenn es in einem Roman um das Streitgespräch zweier Philosophen in einer Weinstube geht - OK. Aber in einer schnellen Action-Szene sind kurze, „scharfe“ Sätze das Mittel der Wahl.