Lesbarkeitsindex vs. Genre-Authentizität

Hallo zusammen,

ich arbeite mich gerade in die Stil-Analyse von Papyrus ein und hänge am „Lesbarkeitsindex“. Mein Ziel ist es, mein Erstlingswerk (Wirtschaftsthriller) zu optimieren, aber ich stoße auf ein Dilemma:

Wenn ich versuche, den Index durch Umformulieren aktiv nach oben zu treiben, wirkt der Text oft hölzern und verliert seinen natürlichen Lesefluss. Es fühlt sich „künstlich optimiert“ an.

Ich habe stichprobenartig Passagen bekannter Bestseller (Der Marsianer) analysiert. Überraschenderweise lagen diese teilweise bei einem Wert von 19 - in einigen Fällen sogar tiefer. Nach der reinen Lehre wäre das „schwer verständlich“, aber subjektiv lesen sie sich hervorragend.

Meine Fragen an die Erfahrenen:

  1. Gibt es genre-spezifische Richtwerte für Wirtschaftsthriller? Ein komplexes Thema verträgt vermutlich einen anderen Index als ein Kinderbuch.
  2. Muss ich in den Papyrus-Einstellungen (Stilanalyse) Anpassungen vornehmen, um den Index auf mein spezifisches Genre zu kalibrieren?
  3. Wie gewichtet ihr den Index im Vergleich zum eigenen Sprachgefühl?

Ich bin gespannt, wie ihr den schmalen Grat zwischen messbarer Verständlichkeit und atmosphärischem Schreibstil meistert.

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Die Stilanalyse und der Lesbarkeitsindex zeigen nicht wie die Rechtschreibprüfung Fehler an, die man beseitigen müsste.
Stilanalyse und Lesbarkeitsindex dienen dazu, mögliche Schwachstellen des Textes aufzuzeigen (für die man als Autor beim eigenen Text oft betriebsblind ist), damit man nichts übersieht und sich mit den betreffenden Formulierungen einmal bewusst auseinandersetzt.

Sprachgefühl ist das, was zählt.

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Dann lasse es am besten so, wie du es ursprünglich geschrieben hast. Es soll ja nur eine Hilfe sein, diese Textstellen zu überprüfen.

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Die Analyse kann eine Hilfe sein…muss aber nicht. Mach es nach Bauchgefühl.

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Hm na ja … Der erste Satz ist richtig. Aber dem „Bauchgefühl“ möchte ich widersprechen.

Die Analyse (Lesbarkeit wie auch Stil) kann eine Hilfe sein, und ist es im Regelfalle auch:

Einmal anschauen, ob nicht zu lange, zu verquere, zu fremdwortige Konstruktionen gebraucht wurden, und ob es zum Tempo der Szene (!) passt.

Nach einem analytischen Blick (! ← daher widerspreche ich dem Bauchgefühl) kann man sich entweder sicher sein: „Passt scho’!“ ↔ oder eben „Nee, nochmal überarbeiten.“

Man wird also stilsicherer, wenn man kritische Stellen mehr und mehr durchdenkt und so seine eigene Art zu Schreiben schärft.

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Sprachgefühl statt Bauchgefühl … Hauptsache: Gefühl! :upside_down_face:

Wenn sich das Sprachgefühl durch den analytischen Blick verbessert, ist alles miteinander verbunden.

Ich verfahre genau, wie Ulli es beschrieben hat. Lesebarkeits- und Stilanalyse sind Hilfsmittel, die mich zum Überdenken anregen. Ihr kennt das vielleicht, wie selbstverliebt man an irgendwelchen Formulierungen oder Schachtelsätzen hängt. Da ist es mir lieber, wenn Papyrus mir hinweisend an die Stirn tippt, als später einer der Erstleser.

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