Kurztext "Ungewissheit"

Bevor ihr lest eine Trigger-Warnung: Es geht um ein sensibles Thema, nämlich Brustkrebs. Wenn jemand damit (aus persönlichen oder anderen Gründen) nicht konfrontiert werden möchte, dann den Text bitte nicht lesen.
Es ist nicht meine Geschichte, sondern die einer engen Freundin und ich mußte es mir vom Herz schreiben.


„Hmmmmmm…“

Ich atme tief ein, meine Nerven zum Zerreißen gespannt.

„Hmmmmmm…“

Nicht gut, gar nicht gut. Wenn ein Arzt, egal welcher, „Hmmmm“ machte, war das alles, aber kein gutes Zeichen!

Ich blicke auf den Hinterkopf vor mir, ihre Hände an meiner Brust. Tastend, prüfend, immer wieder über den Knoten streichend, den ich vor ein paar Tagen durch Zufall beim Duschen entdeckt hatte.

Immer wieder war diese Szene in den letzten Tagen in meinem Kopf abgelaufen:

Ich hatte den Vormittag, als die Kinder im Kindergarten bzw. in der Berufsschule waren, dazu genutzt das Haus einigermaßen auf Vordermann zu bringen. Hatte die Weihnachtssachen vom Speicher geholt, angefangen für die anstehende Adventszeit zu dekorieren. Dazwischen gekocht, Mails beantwortet und schließlich die Kleine vom Kindergarten abgeholt. Nach dem Mittagessen noch ein wenig mit ihr gespielt und mit ihr zusammen die Krippe aufgebaut. Herzhaft mit ihr gelacht, weil Maria jetzt Barbie hieß und im Trenchcoat neben der Krippe saß. Später, als mein Großer zu Hause war, hatten wir zusammen zu Abend gegessen, noch ein wenig ferngesehen und die gemeinsame Zeit genossen. Dann war es Zeit gewesen, die Kleine ins Bett zu bringen. Mein Großer zog sich in sein Zimmer zurück um noch ein wenig mit seinen Freunden online zu gamen, wie man das heutzutage nannte.

Ich selbst wollte diese Ruhe, bevor auch ich ins Bett ging, für ein wenig Ich-Zeit nutzen. Das neue, so herrlich sinnlich duftende Duschgel endlich ausprobieren und mir den Stress des Tages von der Seele waschen. Beim Einseifen dann ein kurzes Zucken in der rechten Hand, als diese über meine Brust glitt. Etwas war anders gewesen, etwas hatte sich falsch angefühlt. Ohne groß nachzudenken, war die Hand zurück an diese Stelle gewandert, hatte noch einmal gefühlt und langsam war die Angst in meine Gedanken eingesickert. Mein Atem stockte, ich tastete bewusst noch einmal und erspürte einen Knoten. Kein entzündetes Härchen oder sowas, nein, das lag tiefer. Die Haut darüber verschob sich, doch der Knoten blieb, wo er war.
Und es war ein Freitag gewesen. Natürlich war es ein Freitag gewesen. Das ganze Wochenende über musste ich für meine Kinder funktionieren, und war in Gedanken doch immer wieder zu diesem Knoten zurückgekehrt, zu der drohenden Möglichkeit dahinter, zu der Angst vor dem was sein könnte.

Irgendwie hatte ich das Wochenende überstanden und am Montag darauf gleich meine Frauenärztin angerufen. Ja, das wäre schon etwas, was man sich schnellstens ansehen sollte. Der nächste Termin wäre auch sehr schnell möglich. Noch in derselben Woche, am Freitag schon. Natürlich hatte ich den Termin angenommen, während in mir alles schrie, dass das viel zu spät wäre! Dass ich gleich wissen musste, was los war. Doch auch diese Tage hatte ich irgendwie hinter mich gebracht. Keinem hatte ich von meiner Entdeckung erzählt. Mir schien, dass wenn ich es erzählte, es wahr werden würde. Ich es damit herbeirufen würde. Ich wollte nicht wahrhaben, was das alles bedeuten konnte.

Heute Morgen dann war ich endlich zu dem Termin gefahren und nun stehe ich hier mit einer Ärztin vor mir, die sich mittlerweile aufgerichtet hatte und mich sehr ernst ansah. Zu ernst. Ich wage kaum zu atmen, will nicht hören, was als Nächstes passieren würde, und fiebere doch nach einer Aussage.

„Das fühlt sich nicht gut an. Zumal es, wie sie sagten, vor ein paar Wochen noch nicht da war. Ich schreibe Ihnen eine Überweisung aus. Das muss noch vor Weihnachten mit einer Mammographie untersucht werden!“ Damit geht sie zu ihrem Schreibtisch und hämmerte auf die Tastatur ihres PCs ein. Ich selbst stehe immer noch reglos da. Kann nicht fassen, was ich da gerade gehört habe. Wovor ich mich so gefürchtet hatte und das nun tatsächlich ausgesprochen worden war. Das damit real geworden war. Mechanisch fange ich an, mich wieder anzuziehen. Die Ärztin gibt mir noch einige Informationen mit, die an einer inneren Wand aus Panik zerschellen. Gemeinsam gehen wir vor zur Rezeption und sie spricht mit ihren Sprechstundenhilfen. Mitleidige Blicke fliegen in meine Richtung, die Mammographiepraxis wird noch umgehend von einer der Sprechstundenhilfe angerufen und ein Termin vereinbart.

Die Ärztin dreht sich zu mir um und sagt leise „Hier sind alle Unterlagen, die sie brauchen werden. Ihr Termin ist nächste Woche Mittwoch um 09:00 Uhr. Das war das Schnellste, was wir erreichen konnten und dass auch nur, weil gerade jemand abgesagt hat.“ Damit entlässt sie mich und ich finde mich auf der Straße wieder. Ich könnte schreien und laufe doch schweigend durch die Menge. Hatte ich gehofft, zumindest eine erste Einschätzung der Situation zu erhalten, eine beruhigende Aussage, dass es wahrscheinlich nichts Schlimmes war, so war ich enttäuscht worden. Natürlich, nur vom abtasten konnte auch die beste Ärztin nicht sagen, ob es gut oder böse war. Und doch hatte ich mich an diese unsinnige Hoffnung geklammert.

Was jetzt? Was soll ich tun, bis zu diesem neuen Termin? Ich habe niemanden, mit dem ich darüber reden kann. Meine Mutter würde sich weigern, sich damit zu befassen, solange kein Befund vorlag. Und meine Schwester? Sie hat ein nur wenige Wochen altes Baby zu Hause, da will ich sie nicht mit sowas belasten. Höchstens eine Freundin, die ich vielleicht anschreiben könnte. Irgendwie werde ich die Zeit überstehen. Das habe ich immer getan. Und dann sind da ja auch noch die Kinder. Sie brauchen mich.

Einige Tage später sitze ich an meinem Esstisch und versuche, meine Mails zu beantworten. Doch die Angst der letzten Tage frisst sich wie eine Made immer tiefer in meine Seele hinein. Ich denke an meine Kinder und mir wird schlecht. Der Große hat nur noch eineinhalb Jahre Ausbildung vor sich und kann dann zur Not schon auf eigenen Füßen stehen, aber die Kleine? Sie wird dieses Jahr erst eingeschult. Würde ich im Ernstfall für sie sorgen können? Würde ich die Kraft haben täglich aufzustehen? War meine Familie wirklich bereit, sie für einige Zeit aufzunehmen, während ich um meine Gesundheit kämpfte? Oder würde ihr Vater sie für diese Zeit aufnehmen? Er und die neue Frau an seiner Seite hatten nun selbst eine kleine Tochter. Meine Kleine war schon ein paar Mal dort gewesen und fühlte sich dort eigentlich wohl, aber würde ich das können? Mein Kind auf unabsehbare Zeit weggeben? Nicht nur ein paar Minuten mit dem Auto von mir weg, sondern einmal quer durchs Land? Mein Herz geriet ins Stolpern, so wie meine ganze Realität. Wie nur sollte ich die Zeit bis zur endgültigen Diagnose überstehen? Würde das Ergebnis überhaupt noch vor Weihnachten da sein? Ich wollte weinen, schreien und toben, doch mein Innerstes war wie erstarrt. Weigerte sich nach wie vor, zu begreifen, was da gerade alles geschah.

Der Tag ist da: Ich stehe in einem abgedunkelten Raum, vor mir ein Monster von Maschine, das summt und brummt und das über meine Zukunft entscheiden wird. Eine junge Assistentin kommt herein und fängt an, mir zu erklären, was sie jetzt tun wird und dass es sein kann, dass es etwas weh tut. Ich antworte ihr, dass das nicht meine erste Mammographie ist und ich weiß, was auf mich zukommt. Sie blickt mich an und ich erkenne in ihren Augen, dass sie nicht weiß, wie sie mit mir umgehen soll. Sie behandelt mich wie ein rohes Ei und ich lasse sie gewähren. Ich will es nur hinter mich bringen. Minuten später sitze ich mit schmerzenden Brüsten erneut im Wartezimmer und warte auf den Brust-Ultraschall. Nach einer gefühlten Ewigkeit werde ich erneut aufgerufen. Ich gehe in den Behandlungsraum, ziehe wieder mein Oberteil und den BH aus und muss mich dabei an der Behandlungsliege festhalten. Die Panik droht mich vollständig zu überwältigen und mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ich bete innerlich, dass sie sich an die Bitte meiner Ärztin halten, mir sofort nach der Untersuchung das Ergebnis mitzuteilen. Normalerweise würde der Befund an sie geschickt werden, um es dann mit mir zu besprechen. Nochmal tagelang warten und bangen? Recht viel länger konnte ich das vor den Kindern nicht verheimlichen. Schon jetzt hatte ich sie das ein oder andere Mal zu unrecht geschimpft, weil mein Nervenkostüm nur noch von wenigen Fasern zusammengehalten wurde.

Endlich betritt die untersuchende Ärztin den Raum. Sie wirft einen Blick auf die Ergebnisse der Mammographie und dann auf mich. Liest am Computer nochmal die Ergebnisse durch, nickt, macht wieder „Hmmmmmmm“ und klickt mit der Maus. Ich möchte ihr an den Hals springen, sie würgen, ihr ins Gesicht schreien, sie solle endlich anfangen und mit mir reden. Doch meine Panik lähmt mich, fesselt mich an die Behandlungsliege. Schließlich kommt sie zu mir herüber und beginnt mit dem Ultraschall. Fährt immer wieder aus verschiedenen Winkeln über den Knoten in meiner Brust, macht Bilder, vergrößert oder verkleinert die Ausschnitte und blickt hochkonzentriert auf ihren Bildschirm. Nach einer gefühlten Ewigkeit sieht sie mich an und meint „Es ist nur eine Gewebegeschwulst. Das müssen sie weiter beobachten und wenn sich etwas verändert, stehen sie sofort bei ihrer Frauenärztin auf der Matte! Aber ich kann sie definitiv beruhigen: Es ist kein Krebs.“ Damit lächelt sie mich an und wartet, dass diese Neuigkeit bei mir ankommt.

Ich starre sie an, kann nicht glauben, dass ich Glück gehabt habe. Dass ich gesund bin. Ich setze zweimal an und erst beim dritten Mal finde ich meine Sprache wieder „Kein Krebs? Keine OP? Keine Medikamente? Nur weiter beobachten?“. Fassungslos sehe ich sie an. Sie nickt, lächelt mich weiter an „Sie haben alles richtig gemacht. Sie haben auf ihren Körper geachtet, haben die Veränderung bemerkt und sind sofort zum Arzt gegangen. Und ja, es ist kein Krebs!“

Ich bedecke das Gesicht mit den Händen und endlich, endlich, kommen die Tränen. All die Anspannung, all die Angst entlädt sich in einem Weinkrampf. Mein Körper kann nicht mehr und bricht zusammen. Ich weiß nicht wie lange ich so auf der Liege liege und einfach nur weine, krampfe, verzweifelt nach Atem ringe. Die Ärztin reicht mir mit einem verstehenden Blick eine Box Taschentücher und gibt mir die Zeit, die ich brauche, um mich einigermaßen zu beruhigen.

Wieder stehe ich wie betäubt auf der Straße vor einer Praxis, irgendwie finde ich den Weg zu meinem Auto und will losfahren. Da breche ich erneut zusammen. Diesmal vor Erleichterung. Ich bin tatsächlich gesund! Ich hatte Glück!

Lange sitze ich in meinem Auto und weine. Da klopft jemand sanft an das Fenster. Ich blicke auf, sehe durch die Tränen eine Frau neben dem Auto stehen, die besorgt hereinblickt. Ich lasse das Fenster herunter. „Ist alles in Ordnung, meine Liebe? Ich habe gesehen, dass sie aus der Mammographiepraxis kamen, und jetzt sitzen sie hier und weinen so arg.“

Ich lächle sie an, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und flüstere „Es ist kein Krebs! Ich bin gesund.“

Sie klatscht begeistert in die Hände und freut sich einfach nur mit mir. Führt einen kleinen Freudentanz neben meinem Auto auf und bringt mich zum damit nach langer Zeit wieder zum Lachen.

„Kommen Sie, das muss gefeiert werden!“ Sie besteht darauf, dass ich mit ihr in die gegenüberliegende Konditorei komme und wir bei Kaffee und Kuchen feiern.

Lachend und schniefend stimme ich zu und wir verbringen einen netten Nachmittag. Ich erfahre, dass sie selbst nicht so viel Glück hatte. Sie hat das volle Programm hinter sich und jetzt eine Brust weniger. Sie lacht über mein entsetztes Gesicht und meint verschmitzt „Auch eine Möglichkeit Gewicht zu verlieren!“ Sie ist unglaublich und zum Abschluss schenkt sie mir noch ein gestricktes Tuch. „Normalerweise sind diese Tücher für Frauen, die tatsächlich Brustkrebs haben und in die sie sich während der Behandlung einkuscheln sollen. Aber in ihrem Fall mache ich eine Ausnahme – ich glaube, sie können eine warme Umarmung gerade gut gebrauchen.“

Und jetzt sitze ich wieder in meinem Auto auf dem Weg zurück in mein Leben mit einem Seelenwärmer um Hals und Schultern.

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Das Warten, die Angst… Du hast das sehr gut beschrieben. Auch ich kenne diese Situation(en) und habe mich in dieser Geschichte wieder gefunden.Du scheinst ein sehr empathischer Mensch zu sein, da du dich gut in dieses Gefühlschaos hineinversetzen konntest. Das alleine sein mit seinen Sorgen, niemanden mit diesen Ängsten zur Last fallen wollen. Du hast es so beschrieben, daß man mitfühlen konnte. Klar, kein schönes Thema, aber du hast die Erfahrungen deiner Freundin gut
umgesetzt.

@Silla Vielen Dank.

Der Text bedeutet mir sehr viel. Ich selbst hatte diese spezielle Situation zum Glück noch nicht. Aber allein mit ihr darüber zu sprechen, auch jetzt noch ihre Angst zu spüren, das war heftig.

Schreiberisch hat mir der Text sehr gefallen. Er hat mich mitgenommen und sehr authentisch die ganze Anspannung nachfühlen lassen. Ich bin auch sehr froh über das Ende und fand die Szene mit der besorgten Frau auch wirklich herzerwärmend.

Nur mit den Zeitformen müsstest du noch mal schauen, dieser Abschnitt hier sollte glaube ich im Präsens sein.

Ansonsten wirklich ein schöner Text. Danke, dass du ihn geteilt hast.

@CO2 - vielen Dank für das feedback. Zu schreiben ich freue mich, dass der Text seine erhoffte Wirkung erzielt hat, klingt in Bezug auf das Thema zwar irgendwie falsch, aber es ist dennoch so.

Bezüglich der Zeitform hast du recht. Da ist mir die Zeitform der Erinnerung zu weit nach unten gerutscht.
Ich habe es angepaßt.

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