Ich überlege, ob ich ihn in den Roman aufnehmen soll.
Noah rannte als wäre der Teufel hinter ihm her, über den Schulhof. Das Eishockeytraining hatte wieder länger gedauert. Das 5-Länder Jugendturnier stand kurz bevor und der Trainer zog massiv das Tempo an. Es ging um die Kaderauswahl für die Junioren-EM. Und Noah wollte unbedingt Kapitän der Mannschaft werden. Dafür musste er Einsatz zeigen. In allen Bereichen. Aber er wollte nicht schon wieder zu spät kommen, wie schon die Tage zuvor, deshalb nahm er zwei Stufen auf einmal, als er durch das Treppenhaus des altehrwürdigen Gymnasiums stürmte. Am letzten Treppenabsatz rannte er fast Fr. Hellreich um, die gerade um die Ecke biegen wollte. Sie war nicht nur seine Mathelehrerin, sondern auch eine Person, die sich durch besondere Humorlosigkeit und Pedanterie hervortat. „Mangelnde Pünktlichkeit scheint in letzter Zeit ihre hervorragende Eigenschaft zu sein, Hr. Snyders. Das ist aber immer noch kein Grund, wie ein Hunne durch das Haus zu laufen.“ sagte sie mit ihrer brüchigen Stimme und sah ihn dabei von unten, über den Rand ihrer Brille an, die sie wie immer an einer silbernen Kette trug. Noah war mit seinen 17 Jahren bereits um einen Kopf größer als sie und sah deswegen auch von oben auf die Lehrerin herab, hatte aber dabei das Gefühl, ihr gerade bis zum Knie zu reichen. Sie machte immer noch diesen einschüchternden Eindruck auf ihn und das würde sich bis zum Abitur nächstes Jahr wohl nicht mehr ändern. „Entschuldigung. Ich mach ab jetzt langsamer“ Noah versuchte eines seiner charmanten Lächeln anzubringen, das aber am eisigen Blick seiner Mathelehrerin zerbrach. Wesentlich langsamer ging er weiter Richtung seines Klassenzimmers, wobei er im Rücken die Blicke der alten Lehrerin förmlich spüren konnte. Wenigstens hatte er jetzt Englisch mit Hr. Maresch. Maresch war nicht nur sein Lieblingslehrer, sondern auch bei den anderen Schülern extrem beliebt. Da würde es keinen unnötigen Stress geben. Vor der Tür des Klassenzimmers atmete er daher noch einmal ruhig durch, drückte dann entschlossen die Klinke herunter und ließ die Türe aufschwingen. „Ah – Mr. Snyders. "Schön, dass sie es doch noch einrichten konnten.”, wurde er begrüßt. Noah stotterte vor sich hin, dass er am Gang Fr. Hellreich begegnet sei und setzte sich an seinen Platz. „Oh, dann sind sie natürlich entschuldigt und seien sie meines Mitleids versichert!“. Es gab einiges an gutmütigem Gelächter in der Klasse und dann ging der Unterricht los, als Maresch übergangslos ins Englische wechselte und die Schüler aufforderte, die Bücher rauszunehmen. Neben ihm schrieb Sven einen Zettel, den er Noah wortlos rüber schob. „Party, heute 19 Uhr?“ stand da. Noah wusste das natürlich, dass Sven heute Abend eine Party gab. Svens Eltern waren über das Wochenende bei einer Hochzeit in Italien und es war Freitag. Klar, dass Sven das ausnützen würde. Sie hatten das Thema schon durch und Noah hatte keinerlei Lust auf diese Party zu gehen. Sich sinnlos zu besaufen und danach zu zusehen wie sich am späten Abend die Pärchen immer mehr miteinander beschäftigten, war wirklich nichts was ihn reizen könnte. Seit Beginn der 6. Klasse hatten die Hormone bei den Schülern ernsthaft angefangen sich zu regen, alles andere davor war bestenfalls Geplänkel gewesen. Und jetzt, in der 11.Klasse hatte diese Entwicklung ihren Höhepunkt erreicht und sich in einer exzessiven Pärchenbildung niedergeschlagen. Wenn auch in wechselnder Zusammensetzung, so war die Anzahl doch konstant hoch. Noah hatte sich da rausgehalten und da er immer schon als Sonderling gegolten hatte, fiel das auch nicht sonderlich auf. Ein sympathischer, recht beliebter Sonderling zwar, aber doch ein Sonderling. Bei der letzten Party bei Sven war er ab 11 Uhr Nachts einsam in einer Ecke gestanden und hatte an einem Bier genuckelt, während rings um ihn eine wilde Knutscherei angefangen hatte. Es war niemanden aufgefallen, als er eine halbe Stunde später nach Hause gegangen war. Sven war seit 6 Jahren sein bester Freund, aber das war einfach nichts für ihn. Also schrieb er „No chance!!!“ und schob den Zettel zurück. Sven las es, drehte sich zu Noah und sah in an. „Schlappschwanz“ formte er lautlos mit den Lippen. „Wimp!“ hörte Noah schräg hinter sich und zuckte vor Schreck zusammen. Maresch war unbemerkt hinter ihnen in Position gegangen und hatte die stille Konversation sichtlich verfolgt. „Wimp ist das Vokabel, dass sie suchen Hr. Huss!“ sagte er mit einem Lächeln an Sven gewandt. In der Klasse hörte man es rascheln, als verschiedene Schüler versuchten, die Bedeutung des Wortes zu entschlüsseln. Am unterdrückten Lachen da und dort, war zu erkennen, dass einige diese Suche erfolgreich abgeschlossen hatten. „Können wir uns JETZT auf den Unterricht konzentrieren?“ fragte Maresch und ging zur Tafel. „Und falls sie es immer noch nicht bemerkt haben sollten. Ich kann auch Lippen lesen.“
Der Rest der Stunde ging recht ereignislos zu Ende und bis zum Läuten der Schulglocke unternahm Sven auch keinen Versuch mehr, Noah zur Party zu überreden.
„Wieso willst du nicht?“ fragte Sven beim Hinausgehen und legte Noah den Arm um die Schulter, während sie Seite an Seite den Gang hinunter gingen. „Das wird sicher ein Riesenspaß! Meine Eltern kommen erst Montag wieder. Ich habe kistenweise Bier und ich hab auch Mädels aus der 7b und 7c eingeladen. Gib dir einen Ruck. Du bist mein bester Freund und ich will dich dabei haben.“ Er zog Noah an sich, so dass sein Arm an Svens Hüfte gedrückt wurde. „Komm schon, gib dir einen Ruck!“. Noah war das aus verschiedenen Gründen unangenehm, aber es war nun mal Svens herzliche Art und der hatte sich noch nie vor körperlicher Nähe gescheut. Noah konnte jetzt entweder seine Arm auch um die Schulter von Sven legen, oder die Arme vor der Brust verschränken. Er entschied sich für Zweiteres. Es passte auch besser zu seiner Stimmung. „Nö – lass es. Ich hab keinen Bock, wieder alleine in einem Eck herumzustehen und …“ Noah biss sich auf die Lippen. Beinahe hätte er gesagt, ‚und dir zuzuschauen wie du mit einer dieser dummen Tussen herummachst‘. „Und was?“ fragte ihn Sven konsterniert. „Ach nichts!“ gab Noah zurück und befreite sich von Svens Arm. „Ich bin einfach schlecht drauf – okay?“ „Klar bist du schlecht drauf – du brauchst eine Frau! Nur mit deinen fünf besten Freunden Sex zu haben kann auf Dauer nicht gesund sein!“ gröhlte Sven und ließ dabei die Finger seiner rechten Hand vor Noahs Augen tanzen. Noah schlug die Hand weg. „Idiot“ zischte er und bog scharf nach links ab und verschwand durch die WC-Tür. „Was hat der denn?“ Nina stand hinter Sven und schaute einigermaßen verwundert auf die Tür. Sie war Svens derzeitige Flamme und einer der Gründe für die Party. Sven hoffte die Situation am Abend ausnutzen zu können. „Keine Ahnung – vielleicht seine Tage.“ Nina warf Sven einen bösen Blick zu. „Er hat recht, du bist ein Idiot.“ Nina drehte sich um schwebte davon, nicht ohne noch einmal schwungvoll ihre langen Haare über die Schulter zu werfen. Sven leckte sich kurz über die Lippen und verzog den Mund zu einem fast wölfischen Lächeln. Als Noah nicht gleich aus dem WC zurückkam, zuckte Sven mit den Schultern und ging Richtung Schulhof.