Das ist nur der „Anfang“ und ich senke demütig mein Haupt. (wer mehr lesen will, soll mich bitte anschreiben)
Noah
Henrik Snyders war ein Mann von Welt, sechsundsechzig, erfolgreich – und doch am glücklichsten, wenn er mit seinen Enkeln unterwegs war.
Hanseat in x-ter Generation.
Und doch war er vor allem eines: ein Familienmensch.
Deshalb saß er an diesem kalten Dezembertag nicht in seinem Büro,
sondern war mit seinen Enkeln unterwegs – durch den verschneiten Planten-un-Blomen-Park hinunter zur Eislaufbahn in den alten Wallanlagen.
Der Schnee knirschte unter den Stiefeln der Kinder, eingepackt in knallbunte Hosen und dicke Parkas.
Aus der Ferne wehten Musikfetzen herüber, vermischt mit dem Lachen vieler Menschen.
Hin und wieder löste sich Schnee von den Ästen und fiel mit dumpfem Schlag zu Boden.
Ein Ausflug in Schnee und Eis bei dieser Kälte? Jonas’ und Noahs Eltern hätten so etwas nie getan. Ihr Vater Markus hielt solche Ausflüge für Verschwendung seiner wertvollen Zeit. Und ihre Mutter wüsste nicht, was sie allein mit den Jungs anfangen sollte.
Henrik liebte seinen Sohn. Aber er konnte den Mann nicht leiden, der aus ihm geworden war.
So einfach war das.
Und doch so kompliziert.
Markus hatte seine Kinder wie eine Art Wertanlage in die Welt gesetzt. Jonas und Noah sollten ihn später in seiner Praxis unterstützen. Egal, was sie selbst wollten.
Bis dahin wollte er möglichst wenig von ihnen sehen.
Möglichst wenig von ihnen bemerken.
Und Magda, seine Frau?
Nun ja. Sie war ihrem Mann mehr oder weniger hörig und würde ihm nie widersprechen.
Er hatte oft mit Markus wegen der Jungs gestritten, aber sein Sohn hatte sich nicht überreden lassen. Er hatte Henrik sogar gedroht, den Kontakt zu seinen Enkeln einzuschränken.
Daher hatte Henrik beschlossen, seinen Enkeln so viel Freude zu schenken, wie er konnte, und seinen Sohn so weit wie möglich zu ignorieren.
Henrik beobachtete die beiden Jungen, die unterschiedlicher kaum sein konnten.
Den vierzehnjährigen Jonas, immer darauf bedacht, die Anerkennung seines strengen Vaters zu gewinnen.
Und Noah, sieben, mit wachen grünen Augen – neugierig auf die Welt, aber auch in sich selbst gekehrt.
Und ganz sicher nicht das brave, angepasste Kind, das sein Vater sich wünschte.
Er war immer in Bewegung, als könnte er nicht stillstehen – immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.
Als die Eisbahn in Sicht kam, riss Noah seine Hand aus Henriks Griff und rannte hinunter zum Eis.
Er blieb am Rand stehen, die Augen weit aufgerissen, als hätte er gerade eine andere Welt entdeckt.
Viele Menschen waren auf dem Eis. Manche unsicher, andere trauten sich nicht von der Bande weg. Die meisten fuhren im Kreis, mehr oder weniger sicher.
Weihnachtslieder dröhnten im Hintergrund, übertönt vom Knirschen der Kufen auf der glatten Oberfläche. Dazwischen manchmal das Lachen von Leuten, hin und wieder ein erstaunter Ausruf. Oder ein erschrockener Schrei, wenn es jemanden auf das Eis legte.
Sein Großvater schaute seinem Enkel lächelnd hinterher, und es wurde ihm warm ums Herz, als er sah, wie der sonst so verschlossene Junge hier aufblühte – als gehöre er dem Eis und nicht der Welt da draußen.
Henrik und Jonas waren bei Noah angekommen, und Henrik holte aus seinem großen Rucksack zwei Paar Schlittschuhe. Große für sich und ein Paar kleinere für Noah.
Jonas packte seine Schlittschuhe wenig begeistert aus seinem Rucksack aus und begann, sie anzuziehen.
Henrik setzte sich auf eine Bank und zog seine Schlittschuhe an. Von der Seite beobachtete er Noah, wie er mit ernster Miene seine Schuhe anzog und mit zittrigen Fingern verschnürte.
„So!“, sagte er, nachdem alle ihre Schuhe an und fest verschnürt hatten. „Wollen wir mal!“
Jonas ging aufs Eis und glitt davon. Nicht sehr elegant, aber doch einigermaßen sicher.
Henrik stieg aufs Eis und fuhr langsam los.
Noah stieg auf das Eis und drehte ein paar langsame Runden. Nicht weil er es nicht konnte, sondern um den Sitz der Schuhe zu prüfen. Dann flitzte er über das Eis. Glitt zwischen den Menschen hindurch – vorwärts, rückwärts, mühelos. Immer wieder suchte er die Nähe zu seinem Bruder, bremste im letzten Moment ab und wirbelte Eissplitter auf, die Jonas trafen.
Er lachte laut. Nicht gehässig. Einfach glücklich.
Henrik blieb an der Bande stehen und sah ihm zu.
Vor vier Jahren war er zum ersten Mal mit Noah hier gewesen. Der kleine Kerl war immer wieder hingefallen – und hatte sich jedes Mal geweigert, sich helfen zu lassen.
„Allein laufen!“, hatte er mit piepsiger Stimme gesagt. „Ich kann das, Opa!“
Und er hatte es gekonnt.
Heute flog er über das Eis.
Elegant. Schnell. Frei.
Manche Besucher schüttelten den Kopf über die „Jugend von heute“. Andere lächelten und verfolgten seine Bewegungen mit bewundernden Blicken.
Henrik wusste längst, was er damals nur geahnt hatte.
Das hier war kein Hobby. Das war eine Berufung.
Und er würde alles tun, um es zu fördern.
Der Agent
Der Wintersturm tobte draußen seit Stunden, doch in der Halle war davon kaum etwas zu spüren.
Nur gelegentlich drang das ferne Heulen der Böen durch die Wände.
Noah und seine Teamkollegen bekamen davon nichts mit.
Das Spiel lief. Nicht, dass Noah sich langweilte, aber es forderte ihn nicht wirklich.
Die Spielzüge der Gegner waren vorhersehbar, die Abwehr lückenhaft, die Stürmer unkoordiniert.
Er bewegte sich präzise, fast mühelos, als würde er über dem Eis schweben.
Jens Carsten Petersen saß in der ersten Reihe direkt neben der Spielerbank und beobachtete ihn mit geschultem Blick.
Es war nicht das erste Spiel, bei dem er Noah zuschaute. Hin und wieder machte er sich kurze Notizen. Strich etwas durch. Ergänzte etwas.
Einer seiner Mitarbeiter hatte ihn vor vier Wochen auf den „Jungen in Hamburg“ aufmerksam gemacht. Daraufhin hatte sich Petersen die wenigen verfügbaren Statistiken angesehen.
37 Assists und 28 Tore letzte Saison. Bei nur 25 Spielen.
Also nicht nur ein Sniper, sondern einer, der Übersicht hatte.
Und er hatte es schon beim ersten Mal gesehen:
Der Junge war ein Diamant in einer Kohlengrube.
Seine Überzeugung wuchs jedes Mal, wenn er ihn beobachtete.
Er musste mit dem Trainer reden. Und mit den Eltern.
„Der gehört hier nicht hin“, murmelte er leise.
„Ich weiß.“
Der Trainer hatte ihn gehört.
„Manfred Görlitz“, stellte er sich vor und reichte ihm die Hand.
„Petersen. Jens Petersen.“
Er sah den Trainer nur kurz an. Konzentrierte sich wieder auf Noah.
Der spielte gerade zwei Verteidiger aus, als wären sie nur Puppen. Dann spielte er ab und sein Stürmerkollege schoss ins Außennetz.
„MENNOOOO!“, hörte man ihn fluchen. „Kommt, Leute! Das können wir doch besser!“
„Ich kann hier nicht mehr viel für ihn tun“, fuhr Görlitz fort. „Keiner der anderen kommt auch nur annähernd an ihn ran. Und uns fehlen einfach die Mittel, um ihn weiterzubringen.“
Er machte eine vage Bewegung, die die kleine Halle mit ihren vielleicht hundertfünfzig Plätzen umfasste – und doch viel mehr meinte.
Petersen nickte langsam.
„Ich habe das schon dutzendfach gesehen. Und jedes Mal endet es gleich: verschwendetes Talent.“
Er sah aufs Eis.
Noah machte gerade einen Spin-o-Rama um einen Verteidiger, täuschte den Goalie rechts und schob den Puck dann in die linke obere Ecke.
Der Junge lächelte und klopfte mit dem Schläger ein paar Mal aufs Eis. Dann fuhr er zu seinem Teamkameraden und erklärte ihm etwas, zeichnete mit dem Schläger einen Spielzug aufs Eis, bevor es weiterging.
Der hing an seinen Lippen und nickte eifrig.
Petersen sah das und hob eine Augenbraue. Machte wieder eine Notiz.
„Vielleicht kann ich helfen“, sagte Petersen schließlich.
Görlitz sah ihn aufmerksam an.
„Agent? Oder Scout?“
„Agent.“
„Wie alt ist der Junge eigentlich?“
Petersen zog eine Karte aus der Tasche und reichte sie ihm.
Görlitz musterte sie kurz. Dann sah er wieder aufs Eis.
„Fünfzehn. Seit August.“
Petersen nickte.
„Geben Sie ihm eine Chance. Er hat das Talent. Und er arbeitet hart auf dem Eis. Aber hier – hier fehlt ihm die Herausforderung. Hier kann er sich nicht mehr weiterentwickeln.“
Gerade hatte Noah im Verteidigungsdrittel einen gegnerischen Stürmer in die Bande gerammt und mit ihm um den Puck gekämpft. Dann kam Noah mit dem Puck heraus und passte ihn nach vorne zu einem freien Stürmer.
Petersen nahm das ebenfalls zur Kenntnis.
Und dann traf er eine Entscheidung.
„Dann werde ich Ihnen Ihren besten Spieler wohl wegnehmen müssen“, lächelte er schmal. „Lassen Sie uns reden.“
Noah kam aus der Kabine.
Die Haare noch feucht von der Dusche.
Er sah den Mann, der auf ihn wartete.
Groß. Schlank. Graue, streng gescheitelte Haare. Teurer Anzug.
Neben ihm stand sein Trainer und lächelte.
„Hallo, Noah“, sagte der Mann ruhig. „Hast du einen Moment? Es ist wichtig.“
Noah konnte diese Nacht kaum schlafen.
Alle seine Träume könnten wahr werden.
Einige Tage später fuhr er vom Training nach Hause. Wie so oft in den letzten Jahren.
In der U-Bahn war es fast leer. Selten an Samstagnachmittagen.
Noah dachte an Petersen und sein Angebot. Und daran, wie sein Vater wahrscheinlich reagieren würde.
Konnte er sich überhaupt Hoffnungen machen?
Außer Noah saßen nur ein paar Leute im Waggon. Darunter auch zwei wild aussehende Typen.
Pinke Irokesenschnitte, die zwanzig oder dreißig Zentimeter vom Kopf abstanden. Dunkel geschminkte Augen, Piercings in den Ohren, in der Nase, in den Lippen. Zerschlissene Kleidung, Ketten.
Es waren noch drei Stationen bis Wellingsbüttel, wo er aussteigen musste.
Er hatte seine Tasche und zwei Schläger auf dem Boden und die Füße darauf abgestützt.
Die beiden Punks flüsterten sich etwas zu und standen auf.
Noah sah aus dem Fenster und beobachtete sie aus dem Augenwinkel.
Sie kamen rasch näher.
Niemand sagte etwas.
Niemand würde etwas sagen.
So war Hamburg eben.
Sie kamen näher.
Noah griff nach unten, stellte einen der Schläger vor sich auf und tat so, als würde er altes Tape von der Kelle abzupfen.
Die beiden zögerten.
Dann machten sie kehrt und stiegen an der nächsten Station aus.
Noah holte erleichtert tief Luft.
Im ganzen Waggon war zu bemerken, wie die Leute sich entspannten.
Zu Hause angekommen, ging er so schnell wie möglich die Treppe hinauf zu seinem Zimmer.
Im Garten bogen sich die Bäume unter dem immer stärker werdenden Wind, der wohl bald zu einem Sturm werden würde.
Der erste in diesem Herbst.
Er holte seine Protektoren, die Hose und die Schlittschuhe aus der Tasche und hängte sie zum Trocknen auf. Den Rest der Wäsche warf er in den Wäschekorb.
Seiner Mutter würde das gar nicht gefallen, aber es war schon Jahre her, dass sie das letzte Mal in seinem Zimmer gewesen war.
Außer seinem Großvater, seiner Schwester und der Haushälterin betrat so gut wie niemand diesen Raum.
Außer Sven, wenn er zu Besuch war.
Und außer Sven hatte er keine Freunde, die er einladen würde.
Er duschte noch einmal, zog sich um und ging die Treppe hinunter.
Aus der Küche kam das übliche Geklapper von Pfannen und Töpfen.
Er holte sich Orangensaft aus dem Kühlschrank und sah Frau Olemski dabei zu, wie sie in der Küche herumwerkelte.
„Immer hungrig, hm?“, fragte sie ihn.
„Ich habe unterwegs gegessen.“
„Das ist kein Essen. Das ist nur Nahrung! Ich mache dir eine Kleinigkeit.“
Sie machte ihm ein paar Brote mit Aufstrich.
Noah ging mit Glas und Teller Richtung Wohnzimmer, als er eine Stimme hörte, die aus dem Arbeitszimmer seines Vaters kam.
„Noah – kommst du mal?“
„Gleich!“, rief er, stellte Teller und Glas im Wohnzimmer ab und ging zurück ins Arbeitszimmer.
Sein Vater und sein Großvater saßen in den großen Ohrensesseln aus Leder, die an einem kleinen Tisch standen.
Er konnte die Spannung im Raum spüren.
Großvater starrte in sein Glas mit einer bräunlichen Flüssigkeit, und sein Vater sah Noah mit zusammengekniffenen Lippen an.
„Setz dich“, sagte er tonlos.
Noah setzte sich auf den dritten schweren Stuhl, blieb aber auf der vorderen Kante sitzen.
„Kennst du einen gewissen Jens Petersen?“
Noahs Kopf zuckte hoch.
„Ja. Ein Sportagent. Er … er hat mich letzte Woche nach dem Training angesprochen.“
„Und was hast du mit ihm besprochen?“
Noah war nervös.
Er sah zu seinem Großvater, der ihn mit einem unergründlichen Blick ansah.
„Er hat … er hat mir erklärt, wie … wie eine Karriere aussehen könnte. Wenn ich … ich das wollen würde.“
Er schluckte.
„Also wie der Weg dahin aussehen würde.“
Sein Vater nahm einen Schluck aus seinem Glas mit Rotwein.
„Und der wäre?“
„Umzug nach Berlin. Oder Köln. Oder München. Und dort einem Profiverein beizutreten.“
Noah flüsterte fast.
„Erst U17, dann U18 und später Profimannschaft.“
„Und … weiter?“
Noah seufzte.
„Ich würde bei einer Gastfamilie wohnen und dort zur Schule gehen müssen.“
„Richtig. Willst du das wirklich?“
Sein Vater war seltsam.
Lauernd.
„Ich … ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht.“
Noah verknotete seine Finger.
„Ich habe ja nicht mal geglaubt, dass Petersen mit dir redet.“
„Die Frage bleibt, Noah: Willst du das?“
Sein Großvater lächelte ihn an, und das Lächeln war wie eine warme Decke für Noah.
„Und wenn ich es will?“
Schweigen.
Da steckte Jonas, Noahs Bruder, den Kopf in das Zimmer.
„Da steckt ihr. Habt ihr noch Platz für mich?“
„Jonas. Mach die Tür zu, wenn du rausgehst.“
Die Stimme des Vaters war eiskalt.
Jonas warf Noah einen Blick zu.
„Was hast du diesmal ausgefressen?“
Nicht freundlich, eher höhnisch.
Dann ging er und zog die Tür hinter sich zu.
„Und wenn du es willst …“, ließ sein Vater den Satz in der Luft hängen. „Was aber vollkommen egal ist, wenn ich nicht will. In diesem Haus geschieht, was ich will.“
Noahs Großvater stellte sein Glas ab und sah Noah an.
„Warte bitte im Wohnzimmer. Das hier dauert nicht mehr lange.“
Er zwinkerte Noah zu.
Noah stand auf und verließ das Zimmer so schnell er konnte, ohne zu laufen.
Als er die Tür schloss, hörte er seinen Großvater noch sagen:
„Darf ich dich korrigieren? In diesem Haus geschieht, was ich will. Es ist mein Haus, falls du das vergessen haben solltest – und mein Geld, mit dem du gerade deine schicke Praxis eröffnet hast …“
Im Wohnzimmer saß Jonas und starrte sichtlich gelangweilt in ein Anatomiebuch. Er studierte Medizin, allerdings ohne große Begeisterung. Seine Schwester Lara hatte ihre Schulbücher auf dem Tisch ausgebreitet und schien zu lernen. Sie war zwar erst elf, aber unheimlich intelligent.
„Wie war dein Training?“, fragte sie und schaute Noah durchdringend an.
„Wie üblich. Alle weggeputzt“, grinste Noah.
„Wird dir das nicht langweilig? Wo bleibt da der Spaß?“
„Wie …?“
Er verstand nicht, woher sie das wusste.
„Noah. Ich bin elf. Nicht dumm. Ich sehe dir das doch an.“
„Lara – das ist gruselig!“
Sie grinste ihn verschwörerisch an.
„Noah?“
Ihr Großvater stand in der Tür zum Wohnzimmer und winkte Noah zu sich heran.
„Weißt du, was du wirklich willst?“
Noah dachte nach und schaute seinen Großvater an.
„Muss ich mich heute entscheiden? Ich … wenn ich Ja sage, gehe ich weg. Von euch allen. Von meinen Freunden.“
Er kaute an seiner Unterlippe.
„Sage ich nein … dann kann ich gleich aufhören zu spielen. Dann bleibe ich hier … und dümple irgendwo herum. Regionalliga vielleicht. Oder gar nichts.“
Sein Großvater legte die Hand auf seine Schulter und schaute ihm in die Augen.
„Du musst dich heute oder morgen entscheiden. Da war Petersen sehr deutlich.“
Er machte eine Pause.
„Mach einen Spaziergang. Fahr runter zum Hafen. Da bist du doch gern. Denk nach und überleg dir, was du wirklich willst. Nicht ich. Oder dein Vater. Oder deine Mutter. Nur das, was du willst. Es ist deine Zukunft, Noah.“
Eine halbe Stunde später stieg Noah bei den Landungsbrücken aus. Es war kalt und windig. Feuchter Nieselregen kam fast waagerecht, angetrieben vom ablandigen Wind.
Die Gorch Fock lag dort vertäut. Sie hatte vor zwei Tagen mit großem Tamtam festgemacht. Sie zerrte an den Ankertauen, weil der Wind sie vom Kai wegdrückte.
Gegenüber, beim Dock Elbe 17, lag ein deutsches Kriegsschiff. Ein Kreuzer? Düster, bedrohlich.
Die Woche davor hatte der „Blanke Hans“ angeklopft. Der Fischmarkt war unter Wasser gewesen, auch die Halligen hatte es überspült. Jetzt drückte der Wind das Wasser der Elbe hinaus in die Nordsee und die Elbe war fast spiegelglatt.
Sein bester Freund Sven konnte stundenlang über den Hafen reden. Über seine Geschichte, seine Umschlagszahlen, wie viele Schiffe ein- und ausliefen. Wo die Bismarck und die Tirpitz genau gebaut worden waren.
Noah musste lächeln, als er daran denken musste, wie ihm Sven furchtbar aufgeregt erzählt hatte, dass man in einem lange verschlossenen Bunker Ersatzgeschützrohre für die Bismarck gefunden hätte. Nur – außer ihm schien das niemand zu wissen.
Noah lehnte sich an die Reling und sah auf die Elbe hinaus. Auf der Gorch Fock war kein Mensch zu sehen und auch sonst war fast niemand hier. Die Landungsbrücken hoben und senkten sich im Wellengang eines vorbeifahrenden Handelsschiffes.
Er sah einem Containerschiff zu, das sich gerade die Elbe Richtung Meer hinaufkämpfte. Schlepper und Lotsenboote schwirrten wie kleine Fische um den Giganten herum. Der Wasserstand war niedrig und die Schlepper mussten kämpfen, das Schiff in der Fahrrinne zu halten.
Andere Schiffe lagen am Kai des Containerhafens und die großen Kräne hoben Container aus ihrem Bauch an Land.
Er dachte nach. Beobachtete. Dachte wieder nach.
Ohne es zu wollen, war er über den Fischmarkt bis zur Elbwarte gelaufen. Ihm war eiskalt. Der eisige Wind kroch ihm bis auf die Haut. Trotz dickem Wollmantel und Fischermütze fror er erbärmlich.
Er setzte sich in das Café und bestellte eine heiße Schokolade. Hinter ihm saß eine ältere Frau, die ein Mädchen, neunzehn, vielleicht zwanzig Jahre alt, zu trösten schien. Jedenfalls schniefte sie immer wieder und putzte sich die Nase in ein Taschentuch.
Ob er wollte oder nicht – er musste das Gespräch mit anhören.
„Nun guck nicht so, Deern. Der kommt schon wieder.“
„Du sagst das so einfach, Mama. Der fährt einfach los … als wäre ich hier nur … irgendwas.“
„Jungs sind so. Musst du nicht schönreden. Die müssen raus. Wind um die Ohren, fremde Häfen, bisschen Unsinn im Kopf. Hörner abstoßen, wie man so sagt.“
„Und ich soll hier sitzen und warten?“
„Nee. Du sollst leben. Aber ihn ziehen lassen, verstehst? Wenn du einen Mann festhältst, bleibt er vielleicht – dir zuliebe. Aber glücklich wird er nicht. Und irgendwann lässt er dich das spüren. Ganz leise vielleicht. Aber ständig.“
„Das klingt ja großartig …“
„Ist es nicht. Aber wahr. So ein Kerl, der nicht raus durfte, der trägt dir das ewig nach. Und dann wird alles schwer zwischen euch.“
„Und wenn er nicht wiederkommt?“
„Dann war er sowieso nie deiner. Aber wenn er wiederkommt …“
„… dann?“
„Dann bleibt er. Richtig. Für immer. Weil er weiß, wo er hingehört.“
„Und ich stehe dann immer noch hier am Hafen.“
„Nee.“
„Dann steht er neben dir.“
„Jungs sind so. Musst du nicht schönreden. Die müssen raus. Wind um die Ohren, fremde Häfen, bisschen Unsinn im Kopf. Hörner abstoßen, wie man so sagt.“
Und irgendwie machte es da Klick.
Noah wusste jetzt, was er wollte.
Er wollte sein Leben leben. Nicht das seines Vaters oder von sonst jemandem.
Sein Leben.
Es war Sonntag.
Der Tag des Familienessens. Immer.
Selbst wenn ein Asteroid einschlagen würde oder Außerirdische die Erde eroberten – die Snyders würden um zwölf Uhr am Tisch sitzen. Vater und Großvater an den Enden des Tisches. Mutter und Tochter links vom Vater, die Söhne rechts. Weiße Tischdecke, feines Porzellan. Stoffservietten, Kristallgläser.
Der Braten war angeschnitten und sie reichten die Beilagenschüsseln herum.
Gesprochen wurde wenig, eigentlich nur das Nötigste.
Das Klappern des Bestecks füllte die Stille – bis auf das leise Knarren von Markus’ Ledersessel, als er sich vorlehnte.
Dann legte Noahs Vater sein Besteck parallel auf den Teller, tupfte sich die Lippen mit der Serviette ab und nahm einen Schluck Rotwein. Dabei sah er Noah aus dem Augenwinkel an.
„Noah“, sagte Markus ruhig. „Hast du dich entschieden?“
Noahs Gabel blieb in der Luft stehen. Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte erwartet, dass dieses Thema nie mehr angesprochen würde. Schon gar nicht beim heiligen Sonntagsessen.
„Ja. Habe ich.“
„Und darf man auch erfahren, wofür du dich entschieden hast?“
„Ich will es machen. Das Angebot annehmen!“
Seine Mutter schien leicht zusammenzusacken. Jonas schaute verständnislos in die Runde und Lara warf Noah einen misstrauischen Blick zu.
„Äh … worum geht es hier?“, brach Jonas die Stille.
„Nun, Noah, sag es deiner Familie.“
Markus Snyders lehnte sich zurück und warf seinem jüngsten Sohn einen seltsamen Blick zu, den er nicht deuten konnte.
„Also. Ein Sportagent hat mich angesprochen. Er würde mich unter Vertrag nehmen. Und er hätte auch schon einen Profiverein, der mich haben will. Der Trainer war bei ein paar Spielen und hat zugesehen.“
„Ohne dass ich etwas davon gewusst hätte“, setzte er leise nach.
Jonas schnaubte.
„Klar. Die erzählen jedem, er wäre der nächste große Star. Und dann lassen sie dich fallen.“
„Jonas.“
Magdas Stimme war leise – aber scharf.
„Noah?“
Sein Vater machte eine einladende Geste, die jetzt eher zynisch wirkte.
„Der Verein, um den es geht, sind die Red Wings. In Berlin. Ich wäre in der U17-Mannschaft.“
Seine Stimme war immer leiser geworden.
„Ich würde dort bei einer Gastfamilie wohnen. Und zur Schule gehen.“
Jonas lachte trocken.
„Berlin? Die zerlegen dich da, bevor du das Tor gefunden hast.“
Noah sah ihn an.
„Halt dich raus, Jonas. Du hast keine Ahnung, wovon du redest. Studier du einfach weiter. Aber da geht auch nicht wirklich etwas voran, wenn du seit vier Wochen dieselben zehn Seiten im Anatomielehrbuch liest.“
„Du Pappnase – du hast ja keine Ahnung, du kleiner …“
„Das reicht jetzt!“
Ihr Vater sprach nicht laut, aber laut genug.
Lara hob den Kopf.
„Warum Berlin?“, fragte sie leise. „Warum so weit weg? Ich will, dass du bleibst.“
Noah sah seine Schwester an und seine Stimme wurde weicher.
„Weil der Agent denkt, ich bin gut. Gut genug, um weit zu kommen. Und weil es hier nichts mehr gibt, was mich weiterbringt“, sagte er leise zu ihr, aber laut genug, dass es alle hören mussten.
Einen Moment lang geschah gar nichts. Markus drehte das Weinglas zwischen den Fingern, als würde er es zerdrücken wollen. Sein Blick lag auf Noah – und für einen Bruchteil einer Sekunde war da etwas in seinen Augen, das Noah nicht kannte. Kein Kalkül. Kein Urteil.
Markus stellte das Glas ab.
„Talent ist schön und gut“, sagte er kühl. „Aber es reicht nicht. Viele Talente sind gescheitert.“
„Das weiß ich.“
Noahs Stimme war fester, als er sich fühlte.
„Ich weiß, dass es härter wird. Dass ich mehr arbeiten muss.“
Er griff nach seinem Wasserglas. Seine Hand zitterte leicht.
„Aber wenn ich hier bleibe, verliere ich Jahre. Wahrscheinlich werde ich nie etwas werden.“
„Petersen verkauft dich“, sagte Markus ruhig. „Das ist sein Geschäft.“
„Das weiß ich verdammt noch mal!“
Zum ersten Mal wurde Noah lauter.
„Aber er verdient nur, wenn ich es schaffe. Also sollte er ein Interesse daran haben, dass ich es zu etwas bringe.“
Dann lehnte Markus sich zurück und betrachtete Noah mit seinen kühlen grauen Augen.
„Und wenn du scheiterst?“
Noah hielt seinem Blick stand.
„Dann habe ich es wenigstens versucht. Und dann komme ich zurück. Und studiere hier. Wenn ich es nicht versuche, bin ich praktisch schon gescheitert.“
Kurz blitzte etwas wie Anerkennung in den Augen von Markus auf. Dann betrachtete er Noah, als würde er etwas abwägen.
„Ich habe mich über Petersen erkundigt. Hart, aber ehrlich und rechtschaffen.“
Eine kurze Pause.
„Das musste ich. Du bist noch immer mein Sohn.“
Dann nickte er knapp, mehr für sich selbst als für die anderen am Tisch.
„Du kannst das machen. Meinen Segen hast du.“
Er schaute zu seinem Vater am anderen Ende des Tisches und es fand eine Art stummer Kommunikation statt. Noah blinzelte.
Markus nahm noch einen Schluck von seinem Rotwein.
„Ich weiß, du bist nicht wirklich glücklich hier. Also kannst du nach Berlin gehen. Aber es gibt Bedingungen: Du machst dein Abitur. Und dann studierst du Medizin. Von mir aus auch in Berlin. Alles andere kläre ich mit Herrn Petersen.“
„… Wirklich?“
„Unter diesen Bedingungen.“
„Ich kann es kaum glauben. Kann mich bitte jemand kneifen?“, murmelte Noah.
„Mama?“
Magda lächelte.
„Wie dein Vater schon sagte: Du bist hier nicht glücklich. Das sehe ich doch. Wir haben uns schon darüber unterhalten und denken, dass es das Beste wäre, wenn du es wirklich willst. Das ist doch aufregend, Noah.“
Sein Großvater beugte sich vor und drückte Noah die Schulter.
„Ich weiß, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast. Ich bin stolz auf dich!“
Jonas schüttelte den Kopf.
„Warum nicht einfach hierbleiben und etwas Vernünftiges machen?“
Noah sah ihn an.
„Neidisch?“
Noah blitzte seinen Bruder an.
„Du hast von meinem Leben keine Ahnung. Also kümmere dich um dein eigenes.“
„Du weißt doch nichts über –“
„Genug.“
Markus’ Stimme war nicht laut.
Lara presste die Lippen zusammen, dann stand sie abrupt auf.
Der Stuhl scharrte über den Boden.
„Ich will nicht, dass du gehst! Was, wenn du da drüben bleibst?“
Man hörte die Tränen in ihrer Stimme, dann rannte sie hinaus und eine Tür knallte.
Noah zuckte zusammen. Er konnte seine Schwester nicht so allein lassen. Er stand auf und ging ihr nach.
„NOAH“, sagte Markus. „Lass sie. Sie beruhigt sich wieder.“
Noah ignorierte seinen Vater.
Er klopfte an die Tür.
„Lara? Darf ich reinkommen?“
Lange Zeit nichts.
Dann öffnete sich die Tür einen Spalt.
Lara ließ ihn in der Tür stehen und warf sich wieder auf ihr Bett, den Blick zum Fenster hinaus gerichtet. Im Arm hielt sie den großen Teddybären, den sie von ihrem Großvater bekommen hatte.
Noah machte die Tür hinter sich zu und setzte sich auf die Bettkante.
„Kleine. Komm, schau mich an.“
Lara reagierte nicht.
Da nahm er sie sanft am Kinn und drehte ihren Kopf vorsichtig, sodass er ihr in die Augen sehen konnte.
„Süße – ich bin ja nicht für immer weg. Und ich komme dich ja besuchen.“
Er lächelte sie an.
„Und an Feiertagen. Und in den Ferien! Okay? Berlin ist ja nur drei Stunden mit dem Zug entfernt.“
Ihre Augen schimmerten immer noch feucht.
„Lüg mich nicht an. Das hast du noch nie gemacht. Und das kannst du doch nicht versprechen.“
Noah zögerte einen Moment.
„Ich verspreche dir, dass ich es versuche. So oft ich kann. Okay?“
Sie nickte leicht, kaum merkbar.
„Du lässt mich aber mit dieser beknackten Familie allein. Das weißt du.“
Er nahm sie in den Arm und küsste sie auf den Kopf.
„Ich weiß, und es tut mir auch wirklich leid. Aber du hast die viel besser im Griff als ich.“
Er schaute ihr wieder in die Augen.
„Aber … das … das ist wirklich wichtig für mich. Ungefähr so wichtig wie …“
Er überlegte einen Moment.
„… wie es dir wichtig wäre, wenn du ein Treffen mit den Backstreet Boys haben könntest und dafür aber weit wegfahren müsstest.“
„Die sind doch schon total out!“, gab Lara todernst zurück.
„Okay – ich kenne mich da nicht so aus. Aber du weißt, was ich sagen will?“
Sie sah ihn lange an.
„So wichtig ist dir das?“
„Ja. Außer dir ist es das Wichtigste auf der Welt für mich.“
Sie dachte lange nach. Dann nickte sie langsam.
„Du bringst mir aber etwas mit aus Berlin!“
„Was immer du willst“, lachte er.
„Und wir telefonieren! Und schreiben uns Briefe!“
„Wenn du willst. Aber ich kann meine Schrift kaum selbst lesen.“
„Und ich darf dich auch besuchen!“
„Muss ich erst mit der Gastfamilie klarmachen, aber das wird schon klappen.“
„Und wenn ich Abitur habe, studiere ich auch in Berlin!“
„Klar wirst du das“, lachte Noah.
„Ich hab dich lieb, Noah.“
„Ich dich auch, Süße. Und wir werden immer zusammenhalten. Wir zwei gegen den Rest der beknackten Familie. Okay?“
„Okay!“
Sie umarmten sich und blieben noch lange so sitzen.
Als Noah aus Laras Zimmer kam, fing ihn seine Mutter ab.
„Du weißt, warum dein Vater zugestimmt hat?“
„Nicht so wirklich. Ganz verstehe ich es nicht.“
„Dein Großvater. Markus wollte es überhaupt nicht, aber dein Großvater hat mehr oder weniger darauf bestanden. Sie hatten einen Streit deswegen. Schon wieder.“
Sie sah ihn mit einem Blick an, halb traurig, halb liebevoll.
„Und er hat auch nur Ja gesagt, weil dein Großvater die Kosten für alles übernimmt.“
„Das erklärt es natürlich“, murmelte Noah zwischen zusammengebissenen Zähnen.
„Ach, Liebling. Ich freue mich für dich, ehrlich. Aber du weißt ja, wie er ist.“
„Ja“, sagte Noah. „Ja, das weiß ich.“
Abschiede
Noah sah, wie sich Sven auf seinen Tisch zubewegte, an dem er gerade aß.
„Mach Platz, Rüdiger!“, schnauzte er den Neuntklässler an, der Noah gegenüber saß.
Der schnappte sich sein Essen und suchte sich rasch einen anderen Tisch.
„Und Freitag Party? Du kommst doch. Meine Eltern sind bis Sonntag weg. Sturmfreie Bude, Mann!“
„Sven, ich hab doch schon gesagt: Ich kann nicht.“
„Wieso denn nicht? Sag bloß nicht, du musst wieder deine winzigen Bälle in winzige Tore schieben!“
„Bälle? BÄLLE? Das sind Pucks. Und nein … ich habe … einen Termin!“
„Was? Was für einen Termin? An einem Freitagabend? Welcher Fünfzehnjährige hat freitagabends ‚Termine‘? Verarsch mich nicht, Junge!“
Noah schaufelte weiter die völlig geschmacklose Pampe in sich hinein, die in der Schulkantine als „Essen“ verkauft wurde.
„Können wir später reden? Nach der Schule? Ich muss dir was erzählen. Was Wichtiges.“
Sven sah ihn misstrauisch an, als würde er ahnen, dass es um mehr ging als nur um eine Laune.
„Okay. Gehen wir nachher zu mir.“
Als die letzte Stunde zu Ende war, machten sich Sven und Noah auf den Weg.
Sie redeten nicht viel. Das taten sie selten.
Sie verstanden sich auch so, ohne viele Worte.
In Noahs Kopf gingen die Gedanken im Kreis. Er hatte Angst davor, wie Sven reagieren würde.
Sie kannten sich jetzt seit sechs Jahren und hatten viel Unsinn gemacht.
Sie hatten die Welt gemeinsam entdeckt. Und nicht nur die Welt.
Waren gemeinsam älter geworden.
Sie kannten sich besser als sonst irgendwer.
Genau deshalb machte sich Noah Sorgen.
Svens Zimmer roch nach Sportzeug und altem Holz, so wie immer. Sven warf sich aufs Bett und stützte sich auf den Ellenbogen. Noah ließ sich in den Bürostuhl fallen und hörte das vertraute Quietschen der Rollen auf dem Laminat.
„Also“, sagte Sven. „Was ist los?“
Noah sah aus dem Fenster. Die kahlen Äste des großen Kastanienbaums reckten sich in den grauen Hamburger Himmel. Er hatte diesen Baum von diesem Stuhl aus hundertmal angestarrt.
„Ich gehe weg“, sagte er. „Aus Hamburg. Wirklich weg.“
Stille.
„Hockey“, sagte Sven schließlich. Es klang nicht wie eine Frage.
„Ein Agent hat mich unter Vertrag genommen. Er sagt, hier stagniere ich – wenn ich eine echte Chance will, muss ich zu einem der großen Vereine.“
Noah sah ihn jetzt an.
„Er hat alles organisiert. In Berlin. Bei einer Gastfamilie. Auch die Schule. Und in einer U-17 bei einem Profiverein.“
Sven starrte ihn an. Nicht wütend. Noch nicht. Nur – leer.
„Berlin.“
„Ja.“
„Wann?“
„Nächste Woche geht es los“, sagte Noah so leise, dass Sven ihn kaum verstand.
Sven richtete sich langsam auf. Setzte sich auf die Bettkante, die Ellenbogen auf den Knien, den Blick auf den Boden gerichtet. Eine lange Pause.
„Ich habe dich die letzten zwei Wochen kaum gesehen“, sagte er leise. „Ich dachte, du hast einfach viel Training.“
„Ich weiß. Es tut mir leid.“
„Nein.“
Svens Stimme war merkwürdig flach.
„Das meinst du nicht so. Wenn es dir leidtäte, hättest du früher geredet.“
Noah öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Sven hatte recht. Er hatte es hinausgezögert, weil er genau das hier nicht wollte.
„Versteh doch –“
„Ich verstehe.“
Sven stand auf. Er stellte sich ans Fenster, den Rücken zu Noah.
„Ich verstehe sogar, warum du gehst. Das ist das Beschissenste daran.“
Noah schwieg.
„Sechs Jahre“, sagte Sven. Er sprach zum Fenster. „Wir haben alles zusammen gemacht. Alles.“
Er drehte sich um, und Noah sah, dass seine Augen rot waren.
„Und jetzt sagst du mir das eine Woche vorher. Als wär’s nichts.“
„Es ist nicht nichts –“
„Dann warum fühlt es sich so an?“
Sven verlor zunehmend die Kontrolle.
„Du hast das schon längst entschieden. Du hast unterschrieben, eine Gastfamilie organisiert, eine Schule ausgesucht – und mir sagst du’s jetzt? Weil du es nicht früher ertragen konntest? Oder weil es dir einfach leichter war?“
„Sven –“
„Scheiß auf Sven.“
Er stieß Noah hart gegen die Brust.
„Das sagst du doch gerade!“
Noah taumelte zurück.
„Geh.“
Sven wandte sich ab, die Hände zu Fäusten geballt.
„Geh und werd dein verdammter Star. Aber erwarte nicht, dass ich hier sitze und auf deine Postkarten warte.“
„Ich will nicht, dass das so endet –“
„Dann hättest du früher reden sollen.“
Ein zweiter Stoß, diesmal gegen die Schulter.
„Hau ab, Noah. Bitte. Einfach – hau ab.“
Das „Bitte“ traf ihn schlimmer als alles andere.
Noah schnappte sich seine Jacke. Die Finger zitterten so sehr, dass er den Reißverschluss nicht zubekam. Er ließ es bleiben.
„Komm ja nie wieder!“, gellte Svens Stimme hinter ihm her, als er die Treppe hinunterlief.
Aber es klang nicht wie Wut.
Es klang wie jemand, der schrie, weil er sonst weinen würde.
Draußen schlug ihm die Kälte entgegen.
Er lief. Drei Blocks, vier, er wusste nicht wie viele. Dann lehnte er sich gegen eine Backsteinmauer und presste die Handballen in die Augen.
In diesem Moment fühlte er zum ersten Mal, wie hoch der Preis für seine Träume war.
Der Schulhof war fast leer, als Noah ankam. Zu spät, wie so oft an Trainingstagen. Er kannte den Weg nach oben auswendig – zweiter Stock, dritte Tür links – und dachte an nichts außer daran, wie er die nächste Stunde möglichst unauffällig überstehen konnte.
Auf dem Treppenabsatz stand Professor Hellreich. Sie war klein, hager, die Brille an der üblichen Silberkette. Sie sah ihn kommen und bewegte sich keinen Millimeter.
„Mangelnde Pünktlichkeit scheint in letzter Zeit Ihre hervorstechendste Eigenschaft zu sein, Herr Snyders.“
Ihre brüchige Stimme hallte im Treppenhaus.
„Das ist aber kein Grund, wie ein Hunne durch das Haus zu laufen.“
Noah blieb stehen.
Normalerweise senkte er den Blick. Murmelte eine Entschuldigung. Wartete, bis sie fertig war.
Heute nicht.
„Ich kann Ihnen versprechen, dass das nicht mehr vorkommen wird“, sagte er ruhig. „Ich werde Sie nämlich von meiner lästigen Anwesenheit befreien und Sie werden sich andere Opfer für Ihre Aufmerksamkeit suchen müssen.“
Hellreich starrte ihn an. Ihr Blick wanderte von oben nach unten – er überragte sie um mehr als einen Kopf – und wieder zurück.
„So eine Unverschämtheit! Ich werde mich beim Schulleiter beschweren!“
Noah nickte höflich.
„Was immer Ihnen Seelenfrieden bringt.“
Er ging weiter. Spürte ihren Blick wie einen Stich zwischen den Schulterblättern, bis er um die Ecke war.
Er blieb kurz stehen. Atmete einmal tief durch. Dann stieß er die Klassentür auf.
Dr. Maresch schaute auf.
„Ah! Herr Snyders. Schön, dass Sie es doch noch eingerichtet haben.“
„Ich bin Professor Hellreich begegnet.“
„Dann sind Sie selbstverständlich entschuldigt – und meines Mitgefühls versichert.“
Ein kleines Lächeln. Die Klasse lachte.
„Bitte, setzen Sie sich …“
„Darf ich kurz etwas sagen?“
Noah stand noch in der Tür.
„Es ist wichtig. Auch für mich.“
Maresch sah ihn einen Moment lang an. Dann machte er eine einladende Handbewegung.
„The stage is yours!“
Noah trat vor die Tafel.
Zwanzig Gesichter sahen ihn an. Manche neugierig, manche desinteressiert, manche bereits wieder auf ihre Hefte gerichtet. Sein Blick blieb kurz an Sven hängen, der geradeaus starrte – nicht an Noah vorbei, sondern durch ihn hindurch.
Noah verschränkte kurz die Arme, löste sie aber wieder.
„Ich mache es kurz“, sagte er. „Ich verlasse die Schule. Nächste Woche. Ein Agent hat mich an einen Profiverein in Berlin vermittelt – U-17. Es geht jetzt los, oder es geht gar nicht mehr.“
Er blickte kurz von Gesicht zu Gesicht.
„Ich weiß, das ist kurzfristig. Und es tut mir leid, dass ich es nicht früher sagen konnte.“
Irgendwo in der zweiten Reihe flüsterte jemand. Vorne hob ein Mädchen die Hand, ließ sie aber wieder sinken.
Noah suchte Svens Blick. Sven sah ihn jetzt an. Seine Augen waren blank, die Kiefer zusammengepresst.
„Das war’s eigentlich.“
Noah rieb sich kurz die Hände an den Jeans ab.
„Ich wollte einfach, dass ihr es von mir hört.“
Er wollte noch etwas sagen. Was, wusste er selbst nicht genau.
Aber dann stand Sven auf.
Er sagte nichts. Er schob seinen Stuhl zurück, nahm seine Tasche und ging. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss – nicht laut. Nur endgültig.
Noah starrte auf die geschlossene Tür.
Maresch ließ einen Moment verstreichen. Dann räusperte er sich leise.
„Wir wünschen Ihnen alles Gute, Herr Snyders. Das ist … mutig.“
Noah nickte, ging zu seinem Platz und setzte sich.
Irgendjemand klopfte ihm kurz von hinten auf die Schulter. Er wusste nicht, wer. Und eigentlich war es ihm auch egal.
Er hatte begriffen, was der Preis war, wenn er seinen Traum verwirklichen wollte.
Henriks Mercedes stand schon vor der Tür, als Noah mit zwei Taschen die Treppe herunterkam, die beiden Schläger unterm Arm. Er hatte nicht viel mitgenommen. Der Rest war schon verpackt und würde nachkommen.
Magda umarmte ihn im Flur länger als sonst und er ließ es zu, ohne sich zu wehren. Von Lara hatte er sich schon am Abend verabschiedet. Sie hatten lange geredet und ausgemacht, dass sie heute nicht dabei sein würde. Beide hassten Abschiede und beide wollten eines ganz sicher nicht: vor ihrem Vater anfangen zu weinen.
Markus stand in der Tür zum Arbeitszimmer, die Hände in den Hosentaschen, und sah Noah mit dem Blick an, den Noah kannte: abwägend, kühl, als wäre Noah ein Problem, das er lösen musste. Oder schon gelöst hatte.
Noah blieb stehen.
Einen Moment lang war es still im Flur, nur das leise Ticken der alten Standuhr war zu hören.
Dann streckte Markus die Hand aus und Noah schüttelte sie. Der Griff war fest und korrekt und dauerte genau so lange wie nötig – nicht eine Sekunde länger.
„Denk an die Bedingungen“, sagte Markus.
„Ja, Vater“, sagte Noah.
„Als könnte ich das vergessen“, flüsterte er.
Falls sein Vater es gehört hatte, ignorierte er es. Markus nickte einmal, drehte sich um und zog die Tür des Arbeitszimmers leise hinter sich zu.
Henrik, der die ganze Zeit hinter Noah gestanden hatte, legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Er sagte nichts. Was hätte er auch sagen können?