Historische Kurzgeschichte

Guten Abend,
so nun habe ich noch eine ganz andere Kurzgeschichte für euch. Bei der ich beim Schreiben richtig viel Spaß hatte.
Viele Grüße Mia

Freiheit in Hosen
Eine Gestalt im dunklen Umhang schritt durch den Nebel und sah durch ein Guckloch durch das Fenster in die Taverne. Die Männer leerten die Humpen schneller, als die Schankmaiden für Nachschub sorgten. Fasziniert beobachtete er ein Weib inmitten der Piraten, das seelenruhig Essen verzehrte und zwischendurch den Becher zu den kirschroten Lippen führte. Sie stach aus dem Haufen der Männer heraus, wie ein Mast. Gerader Rücken mit hocherhobenem Kopf. Den Alten neben sich um Haupteslänge überragend. Rotes Haar floss in Wellen hinab, grüne Augen leuchteten wie Smaragde. Die Gerüchte trafen zu, es gab eine Frau unter der Crew der Revenge. Mit schweren Schritten steuerte der Unbekannte den Eingang des Gasthauses an. Beim Eintreten umfingen ihn Rumschwaden und die Ausdünstung ungewaschener Männer, vermischt mit dem Lammeintopf, den ein Schankmädchen an ihm vorbeitrug. Zielstrebig trat er an den Tisch der Piraten.
„Wo ist Calico Jack?“, fragte der Fremde forsch.
„Was wollt ihr von Kapitän Calico Jack Rackham? Ich habe euch noch nie hier gesehen“, erwiderte die Frau. Die Gespräche am Tisch verstummten. Mehr als eine Hand griff nach dem Entermesser.
„Verzeiht mein schlechtes Benehmen. Mein Name ist Mark Read. Ich habe gehört, dass Calico Jack Matrosen sucht, die einen Degen schwingen können.“
„Auf der letzten Fahrt sind einige Männer in Davy Jones Kiste zurückgeblieben. Zwei weitere Arme und ein Rapier können wir gut gebrauchen, wenn wir in See stechen. Bedauerlicherweise kann Jack nicht mit euch sprechen.“
„Sicher ist Kapitän Rackham noch auf der Schebecke, die am Hafen liegt, um die nächste Fahrt zu planen.“ Auf die Antwort des jungen Burschen brandete johlendes Gelächter der Männer am Tisch auf.
„Mein Gatte hat zu viel Rum abbekommen und liegt mit dem Zahlmeister auf der Bank hinter uns. Setzt euch und trinkt einen Becher auf meine Gesundheit. Wenn wir aufbrechen, könnt ihr mitkommen und einschiffen. Alles Weitere besprecht ihr mit dem Zahlmeister. Habt ihr ein Problem, mit einer Frau zu segeln?“ Bei dieser Frage nahm sie Read genau ins Visier.
„Verehrte, euer Ruf eilt euch voraus, es ist mir eine Ehre. Auf das Wohl von Anne Bonny!“ Zufrieden mit der Antwort senkte Anne leicht das Kinn, die Seeleute stimmten mit ein und rutschten zusammen, um Platz zu schaffen.

Im Lauf der Woche wurde die Beute verkauft und Wasser aufgefüllt. Die Verwundeten, die an Land blieben, erhielten vom Zahlmeister ihre Prise und eine Dublone extra. Die Revenge lief aus und Anne suchte das Deck nach dem jungen schlanken Mann mit den blauen Augen ab. Sobald er ihre Blicke bemerkte und sie sich näherte, verschwand er in den Tiefen des Rumpfes. Im nächsten Hafen legte die Revenge an, um weiteren Proviant aufzunehmen. Mit einem Grog begab sie sich zum Steuermann.
„Hier mein Bester, der Wind ist heute frisch, der Punsch wird euch wärmen.“
„Da wüsste ich auch etwas anderes, um meine Hitze anzufachen,“ erwiderte der Ire am Steuerrad und versenkte seinen Blick in Annes Ausschnitt. Sie schenkte ihm einen Augenaufschlag und bückte sich leicht nach vorne.
„So mancher hat sich schon verbrannt bei fremdem Eigentum.“ Sofort schaute der Seemann geradeaus. 
„Aye Anne! Was kann ich für euch tun.“
„Teilt den Frischling zur Wache ein, zusammen mit dem alten John.“
„Wird gemacht.“
Am Abend, die Männer verschwanden in der Taverne, suchte Anne den Alten John auf.
„Schickt mir Mark Read in die Kajüte, er soll den Bottich auffüllen.“ 
Mark kippte zwei weitere Eimer heißes Wasser in den Holzbottich. Anne verschloss die Kabinentüre und zog den Schlüssel ab.
„Was habt ihr vor?“, fragte der Seemann misstrauisch.
„Hol ihn dir“, forderte die Piratin und versenkte den glänzenden Gegenstand in ihrem Ausschnitt. Langsam legte sie die Jacke und ihre Messer auf den Tisch, öffnete den Gürtel und schlängelte sich herausfordernd aus den Hosen. Mark schenkte ihr keinen Blick und sah nachdrücklich aus dem Bullauge.
„Ich nehme mir, was ich will!“ Sie stand jetzt direkt hinter ihm, als er sich umdrehte, krallte sie sich in seine Schultern und drückte ihren Mund auf seinen. Einen Moment versteifte sich ihr Gegenüber, dann zog er sie an sich. Anne entspannte sich und öffnete siegessicher die Lippen. Da schob er sie grob weg.
„Halt ein, du törichtes Weib! Schau genauer hin.“ Er zog die Jacke aus, streifte das Tuch vom Kopf und schüttelte die honigfarbenen Haare, die bis über die Schultern reichten.
„Beim Klabauter, ihr seid eine Frau!“ Fasziniert trat Anne zu der Fremden, strich ihr die Haare hinter das Ohr. Ihre Finger berührten zart die Wange, zeichneten die Kontur der Lippen nach, wanderten am Hals abwärts und knöpften das Hemd auf. Sanft fuhren die Fingerspitzen über die kleine Brust, umrundeten sie und hielten sie wie ein Körbchen. Die Warze richtete sich auf und ihr Gegenüber stöhnte leise. Dieses Mal näherte sie sich den Lippen sacht und wurde willkommen geheißen.
„Lass uns in die Wanne steigen, sonst wird das Wasser kalt. Bevor wir Jack überraschen, möchte ich dich besser kennenlernen. Wie heißt du?“
„Mary Read.“

Am nächsten Tag traten die beiden Frauen in Hosen zusammen mit Calico Jack auf das Deck. Mary bemerkte die wütenden und begehrlichen Blicke der Matrosen. Anne war das Weib des Kapitäns und hatte sich den Respekt der Männer erkämpft. Mary war für die Seemänner ein schlechtes Omen. Es dauerte nicht lange, bis sie sich beweisen musste.
Mary hatte Taue unter Deck verstaut und stieg den Niedergang hinauf. Ein Körper prallte gegen sie, sie verlor den Halt und stürzte die Treppe hinab. Ihr Schädel krachte hart auf die Holzbohlen, bevor sie sich aufrappeln konnte, wurde sie von einer kräftigen Gestalt zurück auf die Planken gedrückt. Der Angreifer hielt sie mit einem Arm in Schach, mit dem anderen versuchte er ihren Gürtel an der Hose zu öffnen. Marys Hände suchten den Boden ab. Sie bekam ein Stück Holz zu fassen und schlug zu. Der überrumpelte Seemann richtete sich auf, sie rollte von ihm weg. Kampferfahren durch ihren Dienst als Soldatin, die Muskeln gestählt von der Arbeit auf dem Schiff, stürzte sie sich auf den Matrosen, den Dolch fest in der Hand. Wütend wie ein Orkan wirbelte sie vorwärts, bedrängte ihn mit ihrer Klinge. An Wange, Arm und Brust landete sie Treffer, trieb ihn vor sich her den Niedergang hinauf. Durch den Tumult hatten sich Männer an der Luke versammelt.
„Aye, Colin. Wie es aussieht, hat dir Mary die Hammelbeine langgezogen und eine hübsche Verzierung hat sie dir obendrein verpasst.“
„Der Leichtmatrose wird von einem Weib durch die Mangel gedreht“, grölte der nächste, worauf sich die Meute lachend um die beiden schloss.
„Lasst mich durch!“, brüllte Rackham, die Männer traten zur Seite für den Kapitän.
„Colin, was ist hier los?“ Bevor Colin Auskunft geben konnte, wurden sie von einer Stimme aus dem Ausguck unterbrochen.
„Segel Steuerbord voraus! Eine Kogge, sie liegt tief im Wasser“, rief der Matrose im Krähennest. Der Kapitän besah das Schiff durch sein Fernrohr.
„Steuermann, bring uns vor den Wind, Kurs direkt auf das Handelsschiff.“ Er stürmte zum Schiffsheck. Die Segel wurden getrimmt und die Revenge holte Meile um Meile zum Frachtschiff auf. Sie näherten sich der Kogge auf Schussweite.
„Alle Männer auf Gefechtsstation, ein Schuss auf den Mast“, befahl der Kapitän.
„Zieht die Jolly Roger auf. Klar machen zum Entern!“, feuerte Calico seine Besatzung an, als die Kogge auf gleicher Höhe trieb.
„Holt sie euch.“ Die Männer warfen Enterhaken mit Seilen auf das fremde Schiff. Mit lauten Schreien schwangen sie sich hinüber, um am Tau hochzuklettern. An Deck wurden Pistolen abgeschossen, um sie dann als Schlagwaffe einzusetzen. Mary und Anne kämpften Seite an Seite auf dem Mitteldeck mit ihren Degen. Die Piraten waren in der Überzahl und nahmen das Schiff ein.

Monate später lag die Revenge in einer Bucht vor Anker. Nebel waberte durch die Nacht und dämpfte die Laute. Anne und Mary übernahmen die Ruderwache. Die Männer unter Deck schliefen ihren Rausch aus, nachdem sie den Jahreswechsel mit Rum gefeiert hatten. Anne war eingenickt und erwachte. Mary flüsterte ihr ins Ohr: „Ein Geräusch. Hörst du es auch?“ Sie lauschten, hörten die leichte Brise in den Segeln, das Wasser sacht an den Bug schwappen und ... 
„Das sind Riemen von einem Ruderboot. Wir werden angegriffen.“ Anne stürmte hinab auf das Deck, Mary läutete die Glocke und lief ihr mit gezogenem Degen hinterher. Schon schoben sich fremde Matrosen über die Reling des Mitteldecks.
„Ihr Hunde, kommt aus der Luke und wehrt euch. Wir werden gekapert“, brüllte sie in den Niedergang hinunter. Sie stellten sich Rücken an Rücken, um das Schiff zu verteidigen. Mit jeder Sekunde, die verstrich, schwangen sich weitere „Blaue Jungs“ über die Reling. Die Piraten im Delirium, die es auf das Deck schafften, hielten den Engländern nicht stand. Viele Männer ließen ihr Leben. Calico Jack, Anne, Mary und eine Handvoll Seeräuber, wurden in Ketten gelegt und in Port Royal eingekerkert. Das Urteil lautete Tod durch das Seil. Den schwangeren Frauen wurde Aufschub gewährt. Jack wurde zur Hinrichtung geführt, vorbei an Annes Kerkertür. Zum Abschied rief sie ihm hinterher: „Wenn du wie ein Mann gekämpft hättest, müsstest du jetzt nicht wie ein Hund hängen!“

Ein nebliger Morgen im Jahr 1721. Eine dunkle Gestalt mit Dreispitz und langen roten Haaren saß auf einem Felsen an einem Strand in South Carolina. Ihr zu Füßen lagen eine Flasche und ein Korken. Das Pergament rollte sie zusammen und schob es in die Buddel, ihre Goldkette ließ sie ebenfalls in die Rumflasche gleiten. Sie beschmierte den Spund mit heißem Wachs aus der Laterne und verschloss die Flaschenpost. Mit wenigen Schritten trat sie an den Saum der Wellen, holte aus und warf die Flasche in hohem Bogen in die Fluten.
„Lebe wohl, Anne Bonny. Eines Tages lüftet ein Freibeuter dein Geheimnis. Hier endet dein Leben und meines beginnt.“

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Für mich passt das nicht. Da Mary nicht abgeneigt ist, ist das eine unverständliche Reaktion. Lass doch Anne beim Auspacken entdecken, dass Mark/Mary eine Frau ist.

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Mein Problem mit der Geschichte ist ein anderes. Die Geschichte ist aus der Sicht eines allwissenden Erzählers geschrieben und im ersten Part wird bewusst behauptet, dass Mark/Mary ein Mann ist. Somit wird er Leser belogen und hat auch keine Möglichkeit, diese Wendung vorherzusehen.
Wenn die Geschichte aus Annes Sicht erzählt worden wäre, wäre es etwas anders, weil sie nur erzählen kann, was sie für subjektiv “wahr” hält - und wo sich natürlich auch irren kann.

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Guten Abend,

@Milar,
diese Stelle werde ich auf jeden Fall überarbeiten. Ich habe diese Geschichte vor einem Jahr geschrieben. Vor dem Hochladen hier habe ich sie nochmal leicht überarbeitet und an dieser Stelle, die du erwähnt hast, hatte ich das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht. Also Danke für deinen Hinweis.

@RalfG
ich habe jetzt etwas über deinen Hinweis gegrübelt. Wenn Anne die Geschichte erzählt, brauche ich einen zweiten Erzähler, der z.B. die Szene erzählt, als sich Mary wehrt, die ich als wichtig für die Geschichte erachte. Auch den Anfang müsste ich ganz anders angehen.
Ich frage mich, ob es möglich ist, die Geschichte von Anne und Mary abwechselnd zu erzählen, das werde ich mal ausprobieren.
Vielen Dank, dass du mir mitgeteilt hast, wo es für dich bei dieser Geschichte Probleme gibt.

@ Ein schönes Wochenende, viele Grüße, Mia

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Ja, warum nicht, das kann ich mir gut vorstellen. Der Anfang aus Annes Sicht, wo sie mit ihren Männern einen gelungenen Beutezug in einer verkommenen Spelunke feiert, dann der bartlose Pimpf, der es doch tatsächlich wagt, ganz dreist nach Käpt’n Calico zu fragen, etc., also den Leser dazu verleiten, dass er an eine klassische Abenteuergeschichte glaubt, und dann im zweiten Teil - bäm, Perspektivenwechsel, Mary lässt (für den Leser) die Bombe platzen, verrät nebenbei ihre Motivation und Ziel und führt die Geschichte weiter.

Dir auch ein schönes Wochenende!

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