Ein alter Text, etwas überarbeitet. Diente mal als Aufhänger für einen Kurzgeschichtenband.
Gott stinkt
Madeleine hatte es geschafft, ihren unglücklichen Mann beim Arzt abzugeben und die Kinder bei der Oma. Nun saß sie auf der Parkbank der mittelgroßen Stadt unter einem alten Eichenbaum auf einer für Fritz Hammenthaler von Familie Hammenthaler gestifteten Bank, deren Anstrich darauf schließen ließ, dass Fritz und seine Familie einmalig gespendet hatten oder für einen zweiten Anstrich entweder die biologische oder die finanzielle Uhr abgelaufen schien.
Die zweite Kippe auf „Fritz seiner Parkbank" rauchte sie mit mehr Ruhe, als sie die ersten Züge in ihre Lungen gesogen hatte. Dies lag vor allem daran, dass Madeleine nur dann rauchte, wenn Mann und Kinder sich außerhalb der Meckerzone über ihren gesundheitlichen Niedergang befanden. Mit der dritten Kippe begann die Entspannung, die sie so sehr benötigt hatte. Sie knotete die Haare zusammen, krempelte die Hosenbeine etwas hoch und ließ sich von der Umgebung nicht mehr stören. Weder der Flaschensammler, der neben ihr im Müll kramte, noch die Großfamilie mit der Picknickdecke brachten sie aus der Ruhe, die sich in ihr breit machte. Mit der vierten Zigarette legte sie das Mobiltelefon beiseite und anstatt durch den Bildschirm mit dem Leben verbunden zu sein, nahm sie das Leben im Park als existent durch ihre Sinnesorgane wahr. Sie beugte sich nach vorne, stützte sich mit den Armen auf die Knie und sah den Ameisen am Boden zu. Betriebsam gingen sie ihrer Arbeit nach, weder nach links noch nach rechts schauend, nicht vom Internet abgelenkt und auch keine politische Forderung nach mehr Rechten für Frauen. Oder einen zusätzlichen ameisenarbeitsfreien Tag brachten die kleinen Wesen davon ab, Dinge in ihren Bau zu schleppen. Ameisenstraßen hatten etwas Unheimliches und Befriedigendes zugleich: Sie spiegelten wider, was Madeleine jeden Tag erlebte. Wenn das kleine Volk im Betrieb in Frieden gelassen wurde, dann ging alles seinen Gang, aber sobald es nur eine kleine Störung gab, erschien alles aus den Fugen zu geraten. So wie jetzt bei den Ameisen, als sie eine noch glühende Zigarette in die Gasse legte und sich große Hektik breit machte. Sie lehnte sich zurück, die Kippe noch zwischen den Fingern, und sah zu, wie die Ameisen in alle Richtungen stoben. Nichts davon war ihr Problem.
Der Flaschensammler kehrte noch einmal zurück, sein Shirt von der Wühlerei im Müll über und über mit Flecken bedeckt und vollgesogen mit dem Geruch des Elends der Straße, bückte sich nach der noch glimmenden Kippe und rettete damit das Ameisenvolk vor einem länger anhaltenden Chaos.
Gott stinkt! So könnten die Ameisen gedacht haben. Wenn sie denn einen Gott hätten, an den sie glauben würden. Rein theoretisch und jetzt vollkommen philosophisch eingeworfen.
Die Sommersonne verbarg sich kurz hinter einer dunklen, einsamen Wolke am sonst klaren Kaiserwetterhimmel und Madeleine schnippte die sechste Zigarette in einen der trockenen Büsche hinter „Fritz seiner Bank".
Am nächsten Morgen schimpfte ihr Mann auf dem Weg zur Bahn über die asozialen Randgestalten, die sich in den Parks der Stadt rumtrieben und dort mit ihrer Unachtsamkeit in diesen trockenen Tagen für kleine, aber folgenreiche Kleinbrände sorgten, bei denen dann auch noch an honorige Bürger erinnernde Sitzmöbel in Flammen aufgingen. Zum Glück hat die Polizei den Verantwortlichen gefasst und dieser kann nun sicherlich in einer Zelle über seine Taten nachdenken.
Madeleine sah aus dem Fenster des Familienkleinwagens, schmeckte die letzte Zigarette auf ihrer Zunge noch einmal, dachte an das sicherlich verbrannte Ameisenvolk und beneidete den Obdachlosen um seine Freiheit, die er sicherlich bald wiederbekommen würde, während sie weiterhin hinter verschlossenen Automatiktüren die Luft eines Duftbaums Zitrone atmen würde.