Feedback zur Leseprobe

Ich suche Testlesende für ein Manuskript. Hier ist nur mal eine Leseprobe (13 Normseiten). Mich interessiert, ob man Lust hat, der Geschichte zu folgen.
Das ist die grobe Handlung:
Aniko steht an der Tankstelle, scannt Produkte ein und vermisst ihre Zwillingsschwester, als fehle ihr ein Körperteil. Ihre Schwester ist derweil nach Paris gezogen und antwortet auf keiner ihrer Nachrichten.
Der Buschauffeur Frederik überführt sie in die andere Sphäre, in die Stadt, in der die Schwester wohnt, und seine Tante, Benedict, lässt Aniko bei sich gewähren. Sie bietet ihr einen Schlafplatz in ihrem Atelier an.
Eine Entdeckung im Pariser Naturhistorischen Museum löst eine Sehnsucht bei der Erzählerin aus: sie stösst, umgeben von Tierskeletten, auf die Menschenknochen der siamesischen Zwillinge Rita und Cristina. Aniko möchte alles über das kurze Leben und Leides des Exponats erfahren. Sie erforscht das Leben der Schwestern aus dem 19. Jahrhundert und sieht sich selbst als ihre Wiedergängerin.
Ein Roman über Nähe und Verlust, über das Leben eines Untersuchungsobjekts und über die Möglichkeit, ein Echo der Vergangenheit zu hören.

TEXT:

Billis Hals riecht nach Meer. Ich stecke meine Nase in ihr Haar, das in der Nackenmitte endet. Ihre Haut schmeckt salzig, als ich hineinbeisse, wie Welpen beim Spiel. Sie kreischt auf, packt mich am Hals und drückt zu, bis ich keine Luft mehr bekomme. In meiner Schläfe pocht es, am Rand meines Sichtfelds tanzen Sterne. Ich löse meinen Biss und sie drückt fester zu. Ich packe sie an den Schultern, wir ringen. Billi wirft mich zu Boden und gibt mir eins auf die Nase. Sie lacht laut und offen heraus. Mir rinnt Blut über die Lippen, über den Hals, aber es schmerzt nicht. Hör auf, schreie ich und schmecke Metall. Sie steht auf, reicht mir ihre Hand, ich ergreife sie. Wir stehen im hohen Gras, das mit lavendelfarbenen Blüten übersät ist, der Himmel hat die Farbe von Aperolspritz. Wir schauen uns in die Augen und Billi sagt, komm, wir müssen los. Sie winkt mich zu einem silbernen Range Rover, der hinter ihr im Gras auf uns wartet. Billi setzt sich auf den Fahrersitz und drückt aufs Gas. Das Feld lassen wir hinter uns, wir fahren auf einer Küstenstrasse. Billi schneidet die Serpentinen, neben uns fällt die steile Felsküste in ein tiefblaues Meer, über uns der Himmel in Flammenfarben. Billi ist übermütig, nach jeder Kurve wird sie schneller, sie lacht auf, stösst Jubelschreie aus. Sie zeigt auf Vögel, die neben uns herfliegen und ich schreie, schau auf die Strasse, verdammt. Billi wirft mir einen Kussmund zu. Allmählich verlangsamt sich unsere Geschwindigkeit, Billi jauchzt nicht mehr, ihr Blick wird melancholisch. Ich werde es nicht schaffen, Schwesterherz, bricht es aus ihr hervor. Tränen kullern an ihren Wangen herab. Ihr Gesicht hat einen Gelbstich. Dann sehe ich, dass sie blutet, dort, wo ihr Herz schlägt. Auf ihrer Brust ist ein Blutfleck, ihr Kleid ist nass, ein Klecks, wie von der Wasserblume eines Clowns bespritzt. Du musst das Lenkrad halten, sagt sie mit brechender Stimme. Fahr uns zu den Herzchirurgen, zum Operationssaal. Halte das Lenkrad, flüstert sie. Ich halte es angestrengt mit beiden Händen, schaue panisch auf die Haarnadelkurven und zum Horizont, wo sich undeutlich ein graues Quadrat andeutet. Ich muss es schaffen. Ich muss es schaffen zu den weiss vermummten Chirurgen mit Scheren und Skalpellen in den Händen. Ein Schrei erfüllt das Auto, es ist nicht Billi, ihr Mund ist geschlossen. Der Aperolspritzhimmel, das tiefblaue Meer, die Serpentinen, alles löst sich auf.

Ich öffnete die Augen und blickte auf die Zimmerwand. Helles Mittagslicht schien zwischen die Jalousien.

Ich löschte den Wecker, stand auf, duschte, putzte mir die Zähne und verliess das Haus. Auf der Autobahn herrschte der übliche Verkehr. Das Tankstellenlogo begrüsste mich, darunter standen die Benzinpreise in leuchtenden Ziffern. Ich rollte aufs Parkfeld und hörte das Radiolied zu Ende. Wenn ich mitten im Song ausstiege, überkäme mich ein Gefühl der Unvollendetheit, das mich den ganzen Tag nicht verliesse.
Mit dem Aussteigen aus meinem Auto setzte ich mein Arbeitsgesicht auf. Die Schiebetür des Tankstellenshops öffnete sich, Silvio, der gerade Kund:innen bediente, nickte mir zu, als ich ihn im Vorbeigehen begrüsste und in den Hinterraum trat. Ich legte meine Kleider ab, streifte meine Arbeitskleidung über.
Alles schien wie immer, aber es war ein ungewöhnlicher Tag, denn Billi war mir im Schlaf erschienen. Seit sie ausgezogen ist, seit sie nicht mehr auf meine Nachrichten und Anrufe reagiert hat, hatte ich versucht, von ihr zu träumen. Ich stellte sie mir vor dem Einschlafen vor. Wie sie neben mir herging, wie wir uns gegenübersassen und sie eine Haarsträhne hinter ihre Ohr strich. Ich wollte, dass sie mir im Traum erschien und wir wieder Dinge erlebten, dass wir nicht nur Erinnerungen haben. Sie war bisher nie aufgetaucht. Und letzte Nacht: Ihr fahles Gesicht. Die tropfende Wunde. Mein Versuch, sie zu retten. Das Unbehagen, das der Traum hinterlassen hatte, war nicht abzustossen.
Ich öffnete die zweite Kasse. Silvio klatschte mit einer geübten Bewegung ein Plastiksäckchen auf den Tisch und griff hinter sich nach einer Zigarettenpackung. Sein Piercing oberhalb der Augenbraue blitzte auf. Er tippte auf den Bildschirm, woraufhin sich die Geldschublade öffnete, dessen Schwung er elegant mit der Hüfte abfing. Er vollführte den Kassierertanz, ohne eine Miene zu verziehen, die Choreografie schien er perfektioniert zu haben.
An meinem ersten Arbeitstag war er es gewesen, der mir alles gezeigt hatte: wie das Kassensystem funktionierte, die verschiedenen Backeinstellungen der Brötchen, wo der Müll hingehörte und wie man Produkte eintippte, die zum halben Preis angeboten werden. Die oberste Regel lautete: niemals rennen. Man dürfe nicht einmal schnell gehen. Es gebe keinen Grund dazu, man sei nur rascher erschöpft und ausserdem zu schlecht bezahlt. Alles müsse mit einem gemächlichen Tempo vonstattengehen. Er hatte mir einen Trick gezeigt, wie man während der Arbeit Pause machen konnte. Entsorgte man die leeren Flaschen von den kleineren PET-Sammelstellen in den großen Container, sollte man den ganzen Sack hineinwerfen, anstatt nur die Flaschen. Sei eh alles Plastik, wie er sagte. Und in der gewonnenen Zeit eine Zigarette rauchen. Das Bodenwischen oder das Reinigen der Sachen könne man auslassen, es reiche, die ärgsten Flecken wegzureiben und zu behaupten, man hätte geputzt. Ich nickte, aber insgeheim gefiel es mir, den Boden zu wischen und die Brotbehälter nach Ladenschluss zu säubern. Ich führte die Aufgaben sorgsam durch, sie wirkten auf mich selbst reinigend. Wenn ich den mit schwarzen Fusstapfen und klebrigen Flecken übersäten Boden mit dem Wischmopp putzte, die körperliche Anstrengung verspürte, kam es mir vor, wie Busse tun. Die einzige Provokation, die ich mir erlaubte, war, hin und wieder ganz lange in die Kamera zu schauen, die an der Ecke des Shops angebracht war und versuchen, nicht zu blinzeln. Dabei stellte ich mir vor, dass jemand die Aufnahmen ablaufen liess und mich anblickte.
Silvio zückte sein Handy. „Ich geh in die Pause“, sagte er und ging an mir vorbei.
Von meiner Kasse aus überblickte ich den ganzen Shop: die Ecke, in der die PET-Getränke standen, das Kühlregal mit den Milchprodukten, den Eingang. Gegenüber brummten die Slushy-Automaten gleichmässig. Zur Auswahl standen Tropical Blue, Blutorange und Cola, matschige Halbflüssigkeiten, die sich träge in ihren Tanks drehten.
In den Shop traten Geschäftsreisende, Ausflügler und, was ich am spannendsten fand: Familien. Die betrachtete ich eingehend, schaute, ob die Kinder von den Eltern etwas übernommen hatten, worin sie sich unterschieden, achtete darauf, wie sie miteinander sprachen, studierte Körperhaltungen und Blicke.
Am liebsten hatte ich Familien, die etwas Gutes erwarteten. Die auf dem Weg in den Urlaub waren. Ein Anflug von Hoffnung, eine Vorahnung war hinter den müden Augen zu erkennen. Sie erinnerten mich an uns, als es uns als Familie noch gab. Wir waren ein zerbrechliches Konstrukt, das ahnte ich schon damals. Wir waren zerrüttet und auf Zeit.
Als wir Kinder waren, fuhren wir jeden Sommer mit dem Auto nach Italien in die Campingferien. In meiner Erinnerung ist unser Vater ein Mann ohne Gesicht. Ich weiss, wie er riecht, wie seine Arme aussahen, welche Kleider er trug, aber sein Gesicht ist in meiner Erinnerung ein verschwommener Fleck. Er sass hinter dem Steuer und er war dabei immer wütend. Er liess die niedergerauchten Stummeln aus dem Fensterschlitz fallen. Die hereinströmende Luft pulsierte im Ohr. Im Auto war es unerträglich heiss, die Klimaanlage erreichte nur Vater und Mutter, die vorne sassen. Ich weiss nicht, ob meine Mutter damals glücklicher war als heute. Aber sie versuchte glücklich zu wirken. Wenn Mutter fährt, singt sie die Radiosongs mit. Auf den Ferienfahrten sang sie aber nie und fuhr auch nie. Sie beschwichtigte Vater, wenn er sich über Staus oder andere Autofahrer:innen aufregte oder schaute geradeaus.
Billi und ich sassen hinten und lasen gemeinsam Comicbücher. Wir durften nicht laut lesen, das störte Vater. Deshalb flüsterten wir leise, so leise, dass nur wir es hörten. Oder wir lasen still, zeigten auf eine brisante Stelle und weiteten die Augen, stupften uns an. Wir zogen unsere Schuhe aus, unsere Zehen spielten gemeinsam. Manchmal wurde es mir schlecht, dann musste ich aus dem Fenster in die Weite schauen. Billi drückte mir manchmal die Stirn ans kühle Fenster. Das helfe, sagte sie. Ihr wurde es nie schlecht, sie war immun dagegen. Die Übelkeit versuchte ich zu überwinden, ohne dass Vater etwas davon mitbekam, denn er würde schimpfen und uns vorwerfen, wir würden die Fahrt aufhalten. Es war an ihm zu bestimmen, wann Pause war.
Der Ort, an dem wir alle glücklich waren, war die Raststätte. Vater nickte anerkennend den Lastwagenfahrer:innen zu, fragte sie, wie lange sie unterwegs waren, bot ihnen eine Zigarette an. Seine Beschwingtheit griff auch auf uns über. Meine Übelkeit verschwand. Ich hörte Mutter im Klo beim Händewaschen summen. Billi und ich sprachen wieder in gewohnter Lautstärke. Vater bestellte gut gelaunt an der Bar einen Kaffee. Wer will ein Croissant? Ein Orangensaft? Ein Eis? Wir durften immer etwas haben, da gab keine Restriktionen. Und einmal durften wir uns sogar an einem Kiosk Halsketten mit Anhängern aussuchen. Zwei Sicheln, die sich zu einem Vollmond zusammenstecken liessen. Vater hat zwar gesagt, wofür braucht ihr die Kette, man sieht euch sofort an, dass ihr zusammengehört. Aber wir wollten die Zwillinge mit denselben Anhängern sein. Dann setzten wir uns auf der Raststätte auf einen Picknicktisch. Das Gras war grün, an manchen Stellen von der Sonne versengt. Und obwohl die Lastwagen an uns vorbeschossen, obwohl der Mülleimer überquoll, obwohl es nach Abgas stank, roch es auch nach Freiheit, nach Ferien, nach schönen Momenten, die kommen würden, man musste sie nur auf sie zukommen lassen.
Vater zündete sich noch eine Zigarette an, aber der Rauch blies er an uns vorbei und wir schleckten unser Eis und Mutter summte leise, während sie eine Nektarine schnitt und jedem von uns einen Schnitt hinhielt. Womöglich war es das Nichtankommen, das Vater so glücklich machte. Damals ahnte ich noch nicht, dass der Sommer, in dem wir einen Mondanhänger bekamen, der letzte Sommer war, in dem wir als Familie nach Italien fuhren.
Die Tankstelle, in der ich arbeitete, erinnerte mich an die von damals aus den Ferienfahrten. Noch wirkte der Ort nicht so steril wie viele andere Raststätte, doch er sollte auf dem Weg zur Modernisierung sein. Er besass noch ein Eigenleben, aber es waren die letzten Atemzüge, bevor auch diese Tankstelle standardisiert werden würde wie alle. Für die Toilette zahlte man hier noch nichts. Manche Angestellten trug ihre Jeans unter dem Firmenshirt.
Silvio kehrte ein paar Minuten, nachdem seine Pause geendet hatte an die Kasse zurück, aber ich sagte nichts. Einige Leute, die bei mir in der Schlange standen, wechselten zu ihm. Eine junge Frau trat in den Shop. Sie schien in Eile zu sein. Ihre Art, zu gehen, erinnerte mich an Billi. Bei jedem Schritt sah es so aus, als könne sie gleich abheben. Sie schritt zu mir an die Kasse, legte eine Päckchen Kaugummi auf den Tresen und fragt nach einer Zigarettenmarke. Ich gab ihr die Schachtel, lächelte sie an und scannte scheinbar unbeabsichtigt ihre Kaugummis nicht ein. Ihr fiel nicht auf, dass sie nur für die Zigaretten bezahlte. Mit fliegenden Haaren verschwand sie wieder durch die Schiebetür. Ich sah überall Phantome.
Die Leute schlenderten im Laden herum, einige schnappten sich zielstrebig ein Getränk und kamen dann auf mich zu. Ich kassierte, wies auf Aktionen hin, an diesem Tag bekam man zwei Pralinenpackungen zum Preis von einer, und am Ende fragte ich nach, ob sie getankt hatten. An diesem Tag passierte es, dass ich sie mehrmals nach der Kundenkarte fragte, auch die, die sie von sich aus schon gescannt hatten. Sie schauten mich dann irritiert an oder schüttelten den Kopf. Ich versuchte mich zu konzentrieren, aber der Traum brach immer wieder über mich hinein.
Dass Billi mir im Schlaf erschienen war, bedeutete, dass sie nicht zugeben kann, dass sie sich in diesem Raum verloren hat, den sie vorgab, finden zu wollen. Dass der Raum ohne mich dunkel und leer ist.
Frau Bürkli, die Chefin, trat durch die Schiebetür. Wir hatten sie Frau Bürkli zu nennen und sie duzte uns, dass sie das möchte, hatte sie im Anstellungsgespräch klargestellt. Immer wenn sie hier war, versuchte ich schneller zu arbeiten und besonders effizient zu sein, doch unter ihren Blicken gelang es mir besonders schlecht. Sie schaute mir zu, wie ich an der Kasse stand und die Leute bediente, dann sagt sie mir, ich soll öfters lächeln. Silvio lächelte nie, aber ihm sagte sie das nicht. Sie wusste nicht, dass er die Augen verdrehte, wenn sie vorüberging. Wenn ich die Leute nach der Kundenkarte fragte, soll ich am Schluss des Satzes die Stimme ein wenig heben, das würde netter klingen, sagte Frau Bürkli noch. Ihr Blick fiel auf mein Firmenshirt, auf dem ein Schildchen angebracht war. Mein Name war darauf falsch geschrieben, es kam ihr wieder in den Sinn und sie versprach, es so bald wie möglich zu ändern. Aber ich winkte ab und sagte ihr, dass es mir nichts ausmachte.
Gerade als in einen Rhythmus gekommen war, die Produkte einzuscannen, traten zwei ehemalige Kommilitonen in den Shop. Sie versuchten sich für ein Kaltgetränk zu entscheiden. Mein Gesicht wurde heiss. Nachdem der Kunde bezahlt hatte, duckte ich mich zu Boden und tat so, als ob ich etwas suchen würde. „Du hast Kundschaft“, sagte Silvio laut und schaute zu mir herab. Ich hielt den Zeigefinger vor die Lippen, er fragte trotzdem: „Was machst du da unten?“ Langsam stand ich auf und blickte in die erstaunten Gesichter von den beiden. „Habe nur was gesucht“, sagte ich und tat dann so überrascht wie sie. „Ich wusste nicht, dass du hier arbeitest“, sagte die eine. Das Wort hier betonte sie. „Mein Nebenjob“, antwortete ich. Sie schauten mich an und es entstand eine lange, unangenehme Stille. „Ich hab deine Anstellung übernommen“, meinte der Typ, der wahrscheinlich Arnaud hiess schliesslich. „Wir dachten, du hättest den Lehrstuhl gewechselt“.
Ich nickte. Mein Kopf muss hochrot gewesen sein, in meinen Ohren pulsierte es. „Eine kleine Auszeit“, sagte ich. Ihr Blick verriet, dass sie noch mehr fragen wollten. „Ich komm bald mal vorbei“, versicherte ich ihnen und wusste, dass ich das nicht tun werde. Dann sagte ich, dass ich etwas erledigen müsse, nickte ihnen zu und trat hinter ein Regal. Konzentriert kontrollierte ich die Produktlogos, sie müssen immer nach vorne zeigen. Alle Schildchen stellte ich mittig auf und als ich wieder aufschaute, waren meine ehemaligen Kommilitonen zum Glück gegangen.
„Bist du fertig mit deinem Unizeugs?“, fragte Silvio und schaute mich zweifelnd an. Es schien, dass es ihm erst jetzt aufgefallen war, dass ich auch nach den Semesterferien jeden Tag hier arbeitete. „Fürs Erste schon. Ich weiss nicht mehr, weshalb ich es zu Ende machen soll.“ „Ja, um nicht hier zu sein“, er schaute mich verständnislos an.
Wie sollte ich ihm erklären, dass ich nicht mehr aus dem Bett gestiegen bin, als Billi letztes Jahr nach unserem Urlaub aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen und nach Paris gegangen war. Dass das Einzige, was mir geholfen hat, war, hierher zu fahren. Deshalb hatte ich angefangen, Vollzeit in der Tankstelle zu arbeiten, statt wie früher als Nebenjob. Stehenbleiben kann ich auch vor der Kasse. Dafür muss ich nicht in der Uni sitzen. „Wer braucht schon Sprachwissenschaften. Die Sprachwissenschaft braucht mich bestimmt nicht“, schloss ich das Thema ab und Silvio zuckte mit der Schulter.
Draussen dämmerte es. Es kam mir vor, als würde die Zeit im Shop stehenbleiben. Die Ziffern auf dem Kassenbildschirm änderten sich nur langsam. Ich putzte die Plastikbehälter, in denen die trockenen Brötchen gelegen hatten. Zuerst wischte ich die Box mit einem feuchten Tuch aus, die Krümel blieben dran kleben. Dann sprühte ich es mit Putzmittel voll und wischte es mit Papier nochmals aus.
„Was machst du heute Abend?“, rief Silvio zu mir herüber. „Ich hab noch nichts vor.“ Er fragte mich, ob er heute früher gehen kann. Er habe eine Verabredung, aber vergessen, dass er so lange arbeiten muss. „Okay“ sagte ich. Es machte mir nichts aus, länger zu arbeiten, wenn ich schon da war.
Es wurde kühl, in der kurzen Pause ass ich das Sandwich, das ich im Shop gekauft habe, hinten im Büro. Den Kassenzettel musste ich draufkleben, damit man sah, dass ich es gekauft hatte. Dem Personal misstraut man am meisten. Ich setzte mich auf den Drehstuhl und nahm das Brötchen aus der Verpackung.
Neben mir blätterte Frau Bürkli in Papieren. Ich gab mir Mühe leise zu essen und keine Unordnung zu machen. Ihre Hände waren verschrumpelt, obwohl sie noch nicht alt ist. Es sah so aus, als wäre sie lange im Wasser gelegen. Mir kam der Blick aufs Meer in den Sinn aus meinem Traum. Die blaue Linie am Horizont. Ich nahm mir vor, meine Träume zu notieren, um Anhaltspunkte zu haben.
Um aufs Klo zu gehen, musste ich raus aus dem Shop, an den Tanksäulen vorbei. Ich nahm den Kloschlüssel mit, an dem ein dicker, hölzerner Anhänger angebracht war. Das Waschbecken war so klein, dass einen beim Händewaschen Wasser über die Hose lief.
Eine Stunde, nachdem Silvio gegangen war, verabschiedete sich auch die Chefin. Nun war nur noch ich hier. In der Scheibe, durch die man tagsüber die Tanksäulen sieht, spiegelte ich mich. Im Abbild glich ich Billi, denn man sah die Nase nicht, die bei ihr etwas schmaler ist, und nicht die Muttermale an meiner Wange. Ich wusste, sie mag es nicht, dass uns alle verwechseln, nur als Kind mochte sie es gerne. Auf der Wiese vor dem Quartier, in dem wir aufgewachsen waren, war es das Erste, das wir den anderen Kindern erzählten, die sich den Such- und Fangspielen angeschlossen hatten. Wir sind Zwillinge, hatten wir geprahlt. Aber zweieiige, hatte Billi dann hinzugefügt. Deshalb würden wir auch nicht genau gleich aussehen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Kinder wussten, was es bedeutet, aus einer Eizelle oder aus zwei entstanden zu sein, ob sie wussten, was Gene sind und was diese bewirken. Aber nachdem sie das gesagt hatte, sind ihre Augen von mir zu ihr gewandert, sie haben unsere Münder, unsere Augen, unsere Haare miteinander verglichen.
Einen letzten Satz hatte Billi jeweils nachgeschoben. Sie hatte gesagt: Eigentlich sind wir nur wie Schwestern. Diesen Satz wollte ich immer überhören, weil wir doch im Inneren gleich sind.
Es hatte angefangen zu regnen. Die wenigen Leute, die noch in den Shop kamen, traten geduckt herein, sie schlugen die Jackensäume, die sie über dem Kopf trugen, herunter. Frau Bürkli und Silvio hatten sich bereits verabschiedet.
Am Schluss der Schicht wischte ich den Boden nass. Ich fing hinten an, wo die Getränke standen und wischte in Richtung Kasse. Einmal hatte ich aus Versehen beim Putzen das Kabel der Tiefkühltruhe herausgezogen. Am nächsten Tag waren die Spinatkartons nass gewesen und in den Glacé-Behältern ist flüssige Masse geschwommen. Auf dem Weg hinaus muss ich über den nassen Boden. Ich ging auf Zehenspitzen, dann löschte ich das Licht und schloss ab.

Noch 7 Monate und 22 Tage bis zu unserem Geburtstag. Wir hatten noch nie einen Geburtstag allein gefeiert. Ich konnte kein neues Jahr anfangen ohne sie, es müsste mich ein plötzliches Herzversagen treffen, dieser Tag, der 23. Oktober, konnte nicht vorbeigehen, er konnte nicht anfangen, ohne dass wir ihn gemeinsam verbrachten. An unserem Geburtstag gingen wir immer in ein Gewässer schwimmen, egal, wie kalt es war. Es kam vor, dass es ungewöhnlich warm war und wir uns am Seeufer von der Sonne trocknen lassen können. Oder dass die Schneeflocken schmolzen, sobald sie auf die Wasseroberfläche trafen.

Immer an unserem Geburtstag erzählte uns Mutter von ihrer Schwangerschaft. Vom Moment, als an der Ultraschalluntersuchung zwei Herzschläge zu hören waren und die Sonographie zwei schwarze Fruchthöhlen zeigte. Da wusste sie, dass sie ihre Befürchtungen vergessen musste, zwei gegen eins, sie könne nicht zwei Seelen zerstören. Wir hätten zwei verschiedene Mutterkuchen und Fruchtblasen gehabt. Ich musste an rosa Kaugummi denken, den man aufbläst und der wie ein pastellfarbener Ballon aussieht, an Cremetorten und bunte Früchte. Billi hat die Augen verdreht, wenn sie das gesagt hat, sie fand es eklig. Ich mochte die Beschreibungen unseres Lebens als Ungeborene, zu hören, wie wir in die Welt gekommen waren.
Ich bin als Erste geboren, Billi fünfzehnt Minuten später. Ihre Nabelschnur lag eng um ihren Hals, im Gesicht war sie bläulich.
Ich sei innerhalb kurzer Zeit zur Welt gekommen, hätte wohl rausgewollt, hat Mutter schmunzelnd erzählt. Eine halbe Portion sei ich gewesen, untergewichtig, hätte dünne Ärmchen gehabt, Billi aber sei gut genährt gewesen, ein Wonneproppen. Sie habe abstehende Ohren und ich enganliegende. Billie habe mir den Platz im Bauch streitig gemacht und mir das Essen weggegessen, behauptete Mutter lachend. Sie habe sich ausgebreitet und ich musste mich ganz klein machen.
Noch keine Menschlein waren wir, sondern Embryos. Sie sehen aus wie ausserirdische Wesen mit der Haut einer Qualle.
Wir beide in der warmen, dunklen Wasserhöhle.
Ich war froh, war ich noch nie allein. Bis jetzt noch nie.

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Hallo und herzlich willkommen :wave: Zu deiner Frage: ja, ich bekomme Lust, deine Geschichte zu lesen. Der Plot klingt originell und ansprechend, dein Schreibstil gefällt mir auch, auch wenn der Text noch ein bisschen Feinschliff braucht, aber das ist in dieser Phase ja absolut normal.
Mich würde interessieren, wieso du dich für den Tempuswechsel nach dem Traum entschieden hast. Das hat mich kurz rausgebracht, kann aber ja auch ein beabsichtigtes Stilmittel sein. Da der Text sehr zeitdeckend erzählt ist, könne ich mir Präsens auch sehr gut vorstellen. Mir hat das in der Traumsequenz jedenfalls gut gefallen.
Spannendes Projekt :slight_smile:

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Das liest sich sehr gut, ich bekomme Lust darauf. Du schwimmst nur zu oft mit deinen Zeiten, da musst du routinierter werden. Viel mehr lesen würde da helfen. Dass du Schweizerin bist, bekommt man ab und an mit, ist aber nicht so tragisch. Hin und wieder hast du so bürokratische Ausdrücke, die in einem Roman nichts verloren haben (Kaltgetränk). Da kannst du sicher noch besser werden. Insgesamt guter Eindruck, ich habe es gerne gelesen. Und das, obwohl du noch sehr jung klingst.

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Es fehlt hier noch jede Menge Feintuning und du verzettelst dich viel zu sehr in Nebensächlichkeiten.
Sorry, ich bin hier raus, denn Stories, die mit Gender-Doppelpunkt ankommen, lese ich nicht.

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Nimm doch eine Browsererweiterung, ich habe keine Genderzeichen erkennen können, die werden bei mir zuverlässig gefiltert. Hätte ich sie gesehen, wäre ich gleich wieder zurückgeschreckt.
Die Erweiterung hier kann ich dir nur empfehlen:

Binnen-I be gone

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sowas gibts? Danke für den Tip, gleich mal schauen!

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Hi und herzlich willkommen,
Leider war ich gleich am Anfang raus. Ich verstehe dieses Beißen/Würgen nicht. Niemals (nicht mal im Traum) würde ich meine Schwester beißen und Würgen ist ein Angriff mit Tötungsabsicht. Soll das ein Alptraum sein? Aber warum träumt sie so brutale Sachen, wenn sie ihre Schwester vermisst …
Also tut mir leid - mich „hast“ du nicht.
Dein Stil ist jedoch sehr schön. Du sprichst die Sinne an. Es liest sich poetisch.
Aber Nopuli und doncalippo89 mochten auch dein Thema, daher ist es wohl Geschmackssache.

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Danke fürs Lesen und das Feedback! Die Traumsequenzen möchte ich im Präsens halten, da sie unmittelbar sein sollen, aber für den anderen Erzählstrang finde ich Präsens mit Ich-Perspektive als zu einengend. Ich dachte, da Träume sowieso auf einer anderen narrativen Ebene abspielen, könnten die verschiedenen Erzählzeiten funktionieren.

Hallo, danke für die Rückmeldung. Die Andeutung eines gewaltvollen Verhältnisses, trotz grosser Nähe ist gewollt, aber wenn es nicht dein Ding ist, ist das so.

Jetzt muss ich noch mal nachhaken - die Schwestern sind sich nahe, sie lieben sich (nehme ich mal an) und gleichzeitig prügeln, beißen und würgen sie sich? Wird das erklärt?

Der erste Abschnitt ist ein Traum. Später kommt nach und nach klar, dass sie ein symbiotische Beziehung hatten und die Nähe gleichzeitig auch ein Gift war. In diesem Abschnitt wird es glaube ich noch nicht deutlich.