Eine Zugfahrt die ist lustig

Eine Zugfahrt die ist lustig - Insbesondere die 84-stündige Fahrt nach Irkutzk in der Nähe des Baikalsees in Sibirien.

Wer kann sich nicht daran erinnern, dieses alte Kinderlied gesungen zu haben? Niemand denke ich, oder? Doch nun stimme ich mich mit diesem Lied nicht erst auf eine solche Fahrt ein, sondern sitze bereits seit knapp einer Stunde in einem russischen Schnellzug, der mich von Moskau nach Irkutzk bringt. Hier ließ ich mich, wie ein Anfänger, schneller abfüllen, als es jemals jemand in meiner Sturm & Drang Zeit schaffte. Dabei hatte ich mir aufgrund einschlägiger Reiseberichte geschworen: Das bringt kein Russe fertig. Hieß es doch, dass es in Russland eine Art Volkssport sei, Reisende wie mich abzufüllen. Wobei ich dabei ausschließlich an das Nationalgetränk Wodka dachte, den ich allenfalls mit Cola vermischt durch den Hals kriege. Hinzu kam, dass ich null Ahnung hatte, dass ein gestandener Russe sich nicht nur dem Kartoffelwässerchen und Bier widmet, sondern andere alkoholische Getränke ebenfalls über den Knorpel laufen lässt.

Und so ließ ich mir in kurzer Zeit zum fröhlichen Rattern der Räder den Inhalt von mindestens zehn Schnapsgläschen eines süffigen Kräuterlikörs über denselben rinnen. Kredenzt in schneller Folge in einem mittelgroßen Zahnputzglas. Insgesamt ein Quantum, das meinem Eichstrich ziemlich nahe kommt. Und das freiwillig.

Doch wer weiß, wie böse es für mich ausgegangen wäre, ohne das etwa DIN A4 große und 4 Zentimeter dicke Stück gekochten weißlichen Fetts, das mein Gastgeber als Zubrot auftischte. Geringe Fleischanteile maserten dunkle Linien in das Prachtstück, und Weißbrotscheiben plus Salz ergänzten das frugale Mahl. Ebenso weitere russische Leckerbissen: Eingelegte Möhrenscheibchen mit Knoblauch Fragmenten, einer geschmacklich kaum zu überbietenden, mayonnaiseähnlichen Masse, in der Gurkenstückchen schwammen. Hart gekochte Eier, süßer Früchte-Nachtisch und ebenfalls quietschsüße Bonbons und Pralinen rundeten das Mahl ab.

Lecker, kann ich nur sagen. Und stand daher nach ausgiebigem Genuss all dieser Schmankerl kurz vorm Platzen, nur eine Laute fehlte, um schmutzige Lieder dazu zu singen. Insgesamt eindeutige Zeichen das Handtuch zu werfen.

Dass wir aus einem gemeinsamen Glas tranken und einvernehmlich mit einer Gabel aßen, erschien selbstverständlich. Was hätte es auch für einen Eindruck im Zeichen der deutsch-russischen Völkerverständigung gemacht, wenn ich mein Plastikbesteck plus Tasse rausgekramt hätte?

Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Nun, ein 70, 75-jähriger Russe, keines Wortes irgendeiner Sprache mächtig, außer der seinen, teilte sich mit mir das Abteil. Das Schicksal hatte mich quasi über den Kauf meines Tickets mit ihm zusammengeführt. Verdammte Falle.

Dem Himmel sei Dank, dass Gospodin Wladimir nach ungefähr 36 Stunden in Omsk ausstieg. Würde ich doch – wenn es derartig weiterginge – die Fahrt mit Fettleber und Säufertremor beenden … womöglich nicht einmal überleben.

Doch bevor ich unter Umständen ablebe, spule ich noch mal auf Anfang, den Moment, in dem ich es mir in einem typischen, russischen Fernzug bequem machte und neugierig den Klapptisch am Fenster beäugte. Jemand hatte dort ein Sammelsurium an Essenssachen aufgebaut und eine Flasche ohne Etikett dazu gestellt. Das grünliche, mit Prägemustern versehene Glas leuchtete im Sonnenlicht, gleich einem Saphir. Über ihren Inhalt verriet sie mir nichts. Ein Reisegefährte, womöglich eine Gefährtin, hatte das Stillleben anscheinend nur für mich kreiert.

Wer würde es sein, und wie würde er oder sie sich geben? Saß ich doch in einem Zug, der sich gewiss nicht mit Touristen aus allen Herrenländern füllt, sondern voraussichtlich ausschließlich mit Einheimischen.

Wieso?

Aus zwei Gründen. Zum einen, weil mich mein Jüngster, der diesen Trip in umgekehrter Richtung bereits hinter sich gebracht hatte, vor meiner Abreise fragte: »Wie willst du diese Fahrt verbringen, mit Russen oder Touristen?« Worauf mir klar wurde, dass mich eine Begegnung mit reinen Volksvertretern deutlich mehr reizte, als eine noch so buntgemischte Touristenschar.

Und zum anderen, weil es mir beim Fahrkartenkauf in Moskau nicht gelang, der Herrscherin über die Tickets klar zu machen, dass ich nur ein Teilstück mit der Transsib zu fahren wünschte und den Rest bis nach Irkutzk mit dem normalen Zug. Auf diese Weise wollte ich das vielgelobte Transsibfeeling zumindest ein Stück weit kennenlernen. Das steht mir also – wenn überhaupt – zu einem späteren Zeitpunkt noch bevor.

Womit klar sein dürfte, dass ich mitnichten in der Transsibirischen Eisenbahn saß, auch wenn mein Zug auf der gleichen Strecke, ebenfalls bis Wladivostok fährt. Und da die schier endloslange Folge an Waggons dem Wunschzug vieler Touristen eher weniger entsprechen dürfte, entdeckte ich folgerichtig auch niemanden meinesgleichen. Was die Zugbegleiterin jedoch in etwa wettzumachen vermochte, indem sie durch die Gänge eilte und Bettwäsche plus Handtuch verteilte. Denn laut Lonely Planet, der Backpacker-Bibel, verzichtet sie zumindest in der 2. Klasse der Transsib auf diesen Liebesdienst. Dort muss sich jeder Reisende die Wäsche an ihrem Kabäuschen abholen, was ich für einen Luxuszug durchaus okay halte.

Doch genug der Vergleiche, zumal beide Züge um diese Jahreszeit durch die gleiche russische Altweibersommer-Landschaft rattern, links und rechts begleitet von grandios eingefärbtem Laub.

Russian-summer-feeling pur.

Passend dazu herrschte unterwegs noch immer das Superwetter, das Moskau im Oktober über die gesamten Tage meines Aufenthalts hinweg wie eine heilige Stadt strahlen ließ, was natürlich allein schon wegen der Russenmafia ein Widerspruch in sich ist. Dessen ungeachtet war es dort wie hier ungewöhnlich warm. Die Folge: Im Zug herrschten Saunatemperaturen – nur frische Birkenreiser und ein Aufguss fehlten. 27 Grad las ich auf einem Thermometer im Gang, ein Grad mehr, als die Tagestemperatur in der Hauptstadt. In unserem Abteil dürften es allerdings 33 Grad sein. Mindestens. Hätte ich schwören können.

Russen scheinen geografisch, genetisch oder sonst wie bedingt weitaus kälteempfindlicher zu sein – oder wärmebedürftiger – als unsereins. Und so ließ sich selbstverständlich weder das Fenster öffnen – nicht den kleinsten Spalt, noch die Heizung regulieren. Das kann nur zentral auf Anweisung des Hauptzugbegleiters für alle Waggons erfolgen und wäre somit nur mit einem ansehnlichen Bakschisch machbar … unterstelle ich mal. Wie ich unter diesen Umständen heute Nacht (und die kommenden Nächte) schlafen können sollte, war mir ein Rätsel. Immerhin gehört mir der untere Schlafplatz, zu dem die Wärme wenigstens nicht absteigt, auch wenn diese physikalische Tatsache herzlich wenig brachte. Waren die wenigen Kubikmeter Raum doch derartig mit Hitze aufgeladen, dass es keinerlei Gefälle in irgendeine Richtung mehr gab.

Und so wachte ich jede Nacht – dem Hitzschlag nahe – mehrmals auf, krabbelte aus meiner Koje und wanderte ans Ende des Wagons, um Kühle zu tanken. Und zwar dorthin, wo die einzelnen Wagen aneinandergekoppelt sind, es auch in einer moderneren Eisenbahn keine Heizung gibt und die frische Außenluft durch die Ritzen zwischen den Verbindungsbalgen ungehemmt einzuströmen vermag. Ein kühles El Dorado für mich, in dem es gelang, mich bis kurz vor einer Gänsehautentzündung abzukühlen. Worauf ich quasi als Halbgefrorener dann wieder unters Bettlaken kroch, um mich in unserem Kabinenbackofen bis zum nächsten Aufwachen erneut auf Temperatur bringen zu lassen.

Bevor jedoch die Hitze mich derart beeinträchtigte, brachte es – wie bereits angedeutet – der Kräuterlikör des Gospodin Wladimir aus Omsk fertig, mich nahezu aus den Puschen zu hauen, wie mir meine glasig blickenden Augen im Spiegel auf der Toilette verdeutlichten. Den Versuch, im Seemannsgang dorthin zu gelangen, kann ich nur als abenteuerlich bezeichnen, doch wenigstens versuchte ich nicht, die falsche Tür – die nach draußen – zu öffnen, obwohl der Kräuterlikör immer noch bis auf den Grund meiner körperlichen Existenz wirkte. Dabei hatte mein Verführer – nachdem die Pulle nur noch weniger als die Hälfte der süffigen Kräuter enthielt – mein mit schwerer Zunge gesprochenes, womöglich gelalltes »njet« inzwischen akzeptiert. Verdammte Kiste, wie viele Umdrehungen mochte der vermutlich selbstgebrannte Stoff haben, dass er mich so umhauen konnte?

Im Moment sitzen wir jedoch friedlich auf unseren Plätzen und jeder beschäftigt sich mit sich selbst, wobei ich mehr in irgendwelchen Seilen hänge als sitze. Wladimir liest Zeitung, und ich bemühe mich, gekonnt auf der Tastatur meines ThinkPads zu klimpern. Erschreckend, was ich dabei zustande brachte. Jede Menge fehlende und zusätzlich eingefügte Buchstaben, Wort-Doubletten und was sonst noch. Was letztlich nur das bestätigte, was mir zuvor bereits der Spiegel verraten hatte. Wie Schneewittchens Stiefmutter erfuhr auch ich, dass ich nicht mehr als der Schönste im Zug durchging.

Helfen konnte da – trotz meiner Verfassung – nur noch ein blitzschneller Griff zur Delete-Taste, und die wirren Aussagen nervten nicht länger. Dabei hätten gerade diese Zeilen prima Zeitzeugen abgegeben, würde doch alles später Neu-Geschriebenes eine völlig andere Qualität besitzen. Aber das kümmerte mich jetzt, in diesem Moment, herzlich wenig, möchte ich mich doch am liebsten lang machen und ‘ne Runde ratzen. Mein Alkoholpegel schreit förmlich danach. Zumal sich das Sitzen auf diesem Möbel – das Nacht für Nacht auch als Schlafstätte dienen muss – nicht sonderlich gemütlich anfühlt.

Oberhalb der rückengepolsterten, senkrechten Abteilwand ist eine ebenfalls gepolsterte Blende montiert, um das müde Haupt anlehnen zu können. Was nicht zuletzt eine löbliche Idee ist und bequem zu sein verspricht … wenn auch für anders konstruierte Menschen als mich. Sie befindet sich nämlich in einer nicht auf meine Körpergröße abgestimmten Höhe, weshalb sie meine Halswirbelsäule in einer Form abknickt, die alles andere als behaglich ist. Meinem Kompagnon – da in etwa gleich groß – scheint es ähnlich zu empfinden, denn auch er sitzt vorgebeugt, statt angelehnt.

Während mir derlei Wichtigkeiten Stück für Stück auffallen, gesellt sich die Frage hinzu: Wie wird es wohl sein, heute Nacht, wenn ich auf dieser kunstlederbezogenen, gepolsterten, luftmatratzenschmalen Bank erholsamen Schlaf zu finden hoffe? Immerhin unterstützt später eine momentan noch aufgerollte, dünne Matte das Liegegefühl positiv. Abgesehen davon sollte ich irgendwen fragen, der schon in der dritten Klasse gereist ist und jemandem, der die erste ausprobiert hat. Bei dem stolzen Preis von über 10.000 Rubel – mehr als 300 Euro – muss da ‘ne Steigerung kommen, meine ich. Zumindest den Unterschied zu dritten Klasse fand ich noch während der Fahrt heraus, und zwar im Folgewaggon. Sie ist kaum anders gestrickt, nur komplett offen, ohne Trennwände, und genauso bullig geheizt. Darüber hinaus erinnerte mich das Interieur an einen Lazarettzug, wie in Kriegsfilmen zu sehen.

Was jedoch die erste Klasse betrifft, kann ich nicht ausschließen, dass es sie in diesem Zug nicht gibt. Es sei denn, am Ende der langen Waggonreihe, bis zu dem ich in den vier Tagen und Nächten unserer Fahrt nie vorgedrungen bin. Zumal ich heilfroh ob der Schluckpause war – sowohl den Alkohol, als auch die deftigen, russischen Leckereien betreffend. Konnte ich mich doch so langsam in meinem Glimmer wiederfinden, was jener gemeine Russenmensch geschickt zu verhindern suchte. Er hatte zwischenzeitlich unser Kupee verlassen, und kehrte mit 2 Flaschen Bier und einem Tüten-Snack zurück. Und ich, ich kriegte es bei diesem freundlich lachenden Kerl erneut nicht hin, meinen Sprachfehler – nicht energisch genug Nein sagen zu können – gründlich abzulegen.

Wladimirs Gestik nach ist der Snack etwas Besonderes und macht das Bier erst komplett. Auch wenn sich der Tüteninhalt als fürchterlich nach Fisch riechende, plattgeklopfte, gesalzene, bis handtellergroße Fischchen im Mini-Schollenformat herausstellte. Man vertilgt diese Dinger im Stück und Bissen für Bissen, jeweils mit ‘nem Schluck Bier. Selbst zu diesen Leckereien lasse ich mich überreden.

Was ist bloß los mit mir? Ist Rasputin auferstanden, und ich hänge am Haken, wie seinerzeit die Zarin und andere?

Dabei erschien mir diese Fisch-Bier-Kombination ganz gelungen. Jedenfalls schmeckte sie, sodass ich mich auch noch durch diesen Gang des Russenmenüs quälte. Doch weiteren Alkohol lehnte ich konsequent ab, wie ich es von Anfang an hätte machen sollen. Etwas, das Wladimir nicht verstehen konnte oder wollte, denn immer wieder bot er mir etwas an und lachte über mein »njet« und darüber, dass es mich schüttelte. Der Stolz, mich abgefüllt zu haben, ließ ihn 10 Zentimeter größer erscheinen, während man ihm, dem großen Trinker, überhaupt nichts anmerkte. Ist halt alles eine Frage der Übung.

Gott sei Dank bekam ich am nächsten Bahnhof Verstärkung von ebenfalls konsequenten Nichttrinkern. Tanja, einer jungen Frau und Sascha, einem jungen Mann – beide mit asiatischen Zügen – füllten unser Vierer-Kupee beinahe bis an die Schmerzgrenze, was unser Räumchen noch enger oder gemütlicher erscheinen ließ … je nach Betrachtungsweise.

Wie gesagt, eine Liege hat etwa Luftmatratzenbreite und es gibt, durch einen schmalen Gang von etwa 60 cm getrennt, je zwei von ihnen übereinander. Meine ehemals großzügigen 2 Hostel-Quadratmeter schrumpften rigoros auf den amtlich genehmigten Platzbedarf eines Legebatteriehuhnes.

Tanja spricht ein wenig Englisch, womit sie zur Ausnahme in der gesamten Schar der Reisenden einschließlich des Zugpersonals avancierte. Sie stammt entweder von einer chinesischen Mutter und einem russischen Vater ab, oder umgekehrt, was mir nicht recht klar wurde. Doch von dem, was ihr Begleiter über die Lippen bringt, kapiere ich nur das chinesisch-freundliche Lächeln. Er gehört zum chinesischen Zweig der Familie und will in Russland leben, spricht aber (noch) kein Russisch, obwohl er permanent die Nase in ein chinesisch-russisches Lehrbuch steckt. Beide machen einen sympathischen Eindruck, und als Kind zweier Kulturen ist sie außerdem ein erfreulicher Anblick.

Bis fast zum Schluss meiner Zugfahrt sollte es einzig und allein Tanja sein, mit der ich auf Grund ihrer 48 Brocken Englisch in Kombination mit meinen 23 Worten Russisch ein paar Worte mehr wechseln konnte als »da, njet, spassiba« usw. Erst am vorletzten Tag sollte ich mittags ab Krasnoyarsk Gelegenheit bekommen, mit Olga, einer aus Irkutzk stammenden, in der Touristikbranche arbeitende jungen Frau wieder durchgängig Englisch zu sprechen.

Hat jemand eine Vorstellung davon, was es heißt, außer in Selbstgesprächen, über einen längeren Zeitraum mit niemandem verständlich reden zu können? Ich muss gestehen, dass ich mir diesen Part einfacher vorgestellt hatte. Zumal es zusätzlich noch die ein oder andere Gegebenheit gab, die jene Empfindungen noch verstärkte. Das hatte ich nun davon, dass ich diesen Trip in dieser Form hatte machen wollen. Wobei ich allerdings annahm – ja, fest überzeugt war, wie bereits gesagt – einer derartigen Sauferei locker aus dem Weg gehen zu können.

Pustekuchen!

Immerhin wurde es auf jeden Fall leichter, als die beiden Neuzugänge unser rollendes Heim zusätzlich mit Leben füllten. Denn Sascha – wie kann ein Chinese nur Sascha heißen? – weigerte sich von Wladimirs erstem Versuch an, auch nur den kleinsten Schluck zu akzeptieren. Und klug durch meine Erfahrungen der letzten Stunden geworden, tat ich es ihm für diesen Tag und alle weiteren gleich.

Auch wenn Tanjas Sprachkenntnisse eher mager waren, redeten wir dennoch über Gott und die Welt, und errieten das, was sich nicht in Worte kleiden lassen wollte. Was so gut klappte, dass ich schließlich glaubte, über sie und ihre Familie (fast) alles zu wissen. Hinzu kam, dass sie mir in mancher Situation helfen konnte, in der ich nicht weiter kam. Z.B. als der Akku meines Notebooks schlapp machte, und ich ihn im Gang an die dortige 220 Volt Steckdose anstöpselte. Es dauerte nicht lange, bis die Schaffnerin vor mir stand und mir irgendetwas zu vermitteln versuchte.

Nur was? Das Einzige, was ich mitkriegte, war »njet«. Nur verstand ich nicht wieso und warum. Bis Tanja sich einschaltete. Was ich nun zu verstehen glaubte, war, dass diese Steckdose nur für den Kurzbetrieb geeignet sei und dass es möglich sein könnte, dass mein Computer Schaden nehmen könne. Stattdessen sollte ich ihn später (gegen 22 Uhr) zur Schaffnerin bringen, die den Akku dann aufladen würde.

Gesagt, getan.

Und dann erlebte ich das Erstaunlichste überhaupt. Sie stöpselte ihn in dem zweiten WC unseres Waggons direkt neben ihrem Kabäuschen ein und schloss die Tür von außen ab. Später bekam ich ihn dann aufgetankt zurück. Nur schade, dass das tagsüber nicht funktionierte, da die Toilette ja gebraucht wurde.

Allerdings verschaffte mir eine Toilette aber auch ein Erlebnis, auf das ich gerne verzichtet hätte: den Diebstahl eines meiner Lieblingspoloshirts von Hugo B. Dabei hatte ich es nur kurz in dem nur ein Abteil weit entfernten Toilettenwaschraum hängen lassen – etwas, das ich bereits bemerkte, als ich meine Kabine betrat. Doch dieser Moment reichte aus, dass die Frau, die nach mir das WC benutzen wollte, sich ihr Geschäft verkniff, des Shirts bemächtigte und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Aber wie heißt es doch so tröstlich: Ein bisschen Schund ist immer. Zumal ich insgesamt gesehen, besser dabei wegkam, als manch anderer, den man völlig ausraubte, denn mir klaute man später in Bangkok nur noch meine Uhr.

Aber Tanja lieferte noch ein weiteres Argument, dass der Chef von‘s Janze so etwas angeblich nicht gern sähe und das Aufladen deshalb nachts passieren müsse. Und nun begriff ich auch den Sinn des Wortes »noite«, das ich für mich immer mit Null = nichts, als anderes Wort für »njet« übersetzt hatte anstatt es als Nacht oder nachts zu erkennen.

Wobei dann auch zu später Stunde etwas anders passierte, bei dem ich glaubte, meinen Augen nicht mehr trauen zu können. Dabei hatte ich seit meinem Absturz keinen Tropfen mehr angerührt.
Wir rollten bereits ein beträchtliches Stück hinter Nowosibirsk durch die Tundra, als mir »caramba, erneut der Blut kochte« und aufwachte, um mir Abkühlung zu gönnen. Erstaunt bemerkte ich, dass jemand einen Scheinwerfer von außen aufs Fenster gerichtet haben musste, mit dem Verdunkelungsvorhang als Diffusor. Taghell erschien unser Abteil, sodass ich glaubte, bis in die Puppen geschlafen zu haben. Doch die anderen schliefen fest und ein Blick aus dem Fenster zeigte eine dicke weiße Decke, die alles einhüllte und das Licht des Mondes um ein Vielfaches verstärkte. Das kam mir doch bekannt vor!

Aber konnte es sein, dass es Anfang Oktober das geben könnte, was ich da im halbwachen Zustand zu sehen glaubte? Dass ich mich bereits tief in Russland befand, entging mir in dem Moment völlig und versuchte, mir die Augen reibend, einen klareren Blick zu bekommen. Es blieb jedoch dabei, draußen lag dick und fett Schnee in solchen Mengen, wie ich sie bei uns lange nicht mehr gesehen hatte. Und das blieb auch so, als später die Morgensonne die schneebedeckte Landschaft in gelboranges Licht tauchte.

30, 40 Zentimeter mussten das sein, wobei diese Zentimeter da draußen ein völlig anders Bild als bisher erzeugten. Eine Bilderbuch-Schneelandschaft mit Büschen und Bäumen, in die jemand hin und wieder braungetönte Holzhäuser wie Schokostreusel eingestreut hatte. Impressionen, durch die wir einige hundert Kilometer fuhren, um sich dann allmählich zurück in die bisherige Steppenlandschaft zu verwandeln. Und jetzt sollte es auch nicht mehr lange dauern, bis mein trinkfester Russe sich, kurz bevor wir Omsk erreichten, verabschiedete und dort den Zug verließ.

Aber würde ein derartiger Wintereinbruch womöglich zum Dauerzustand, und müsste ich in Irkutzk und am Baikalsee durch Schneemassen stapfen?

Bald sollte ich es wissen.

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Hammer! Gut geschriebener Artikel, sehr detailreich, und in seiner (= deiner) Verzweiflung ausgezeichnet nachvollziehbar. Auch mag ich den Humor zwischen den Zeilen, der mir zu sagen scheint, dass man das alles nicht allzu ernst nehmen sollte. Irgendwie russisch, oder?

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Danke Chris, habe ich so noch gar nicht gesehen, ist aber was dran. Und spätestens, seitdem ich einen Monat lang in Russland war, liebe ich dieses Land und seine Menschen, unabhängig von der momentanen Situation.

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Das lässt meinen alten Traum, mal mit der Transsib bis Vladivostok zu fahren und dann nach Japan überzusetzen, wieder aufleben, mindestens romantische Überlegungen dazu.
Neben dem starken Magen, auch mal „Nein“ sagen können und viel Geduld wird man ja jetzt leider eine Weile warten müssen, bis man das wieder guten Gewissens machen könnte …

Immerhin hast Du mir mit der tollen Geschichte im Kopfkino etwas von meinem Traum abgespielt! :slight_smile:

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Glückwunsch, toll geschrieben, würde gerne mehr von dir lesen. Dir ein schönes Wochenende.

Hallo Axel,

danke für die Blümchen und dir ebenfalls ein schönes Wochenende. Doch was möchtest du lesen? Es gäbe so einiges. Angefangen bei weiteren Reiseberichten, die aus dem Tagebuch meiner großen Reise entstanden sind. Oder von meiner Marokkoreise, für die gleiches gilt. Bis hin zu kürzeren oder längeren Kurzgeschichten über unterschiedlichste Themen. Hier mein wohl kürzester Text, entstanden auf einem Schreibseminar im Juli 2022.

Zip, zip, zip …

Eine zarte Vogelstimme meldet sich aus einem Gebüsch, doch zu sehen ist der Vogel nicht. Aufgrund der Stimme dürfte es auch eher ein Vögelchen sein – vielleicht ein Zaunkönig? Meine ornithologischen Kenntnisse reichen nicht aus. Immerhin verraten sie mir, dass das dreiste Gurren, das vom Dach erklingt, zu einer Taube gehört … Pannenkacker, sächt we uf Platt.

Es gibt aber auch mehrere Anthologien, in denen Geschichten von mir zu finden sind.

Gibt es hier von dir ebenfalls Texte? Wobei ich sagen muss, dass ich dieses Portal ziemlich verwirrend finde, sodass meine Suche bisher erfolglos blieb.

Gruß

Squai, alias Hans-Jürgen

Hallo Hans-Jürgen, die momentane Intention als schreibender Anfänger ist es, Tritt zu fassen bezüglich meiner Textideen und der Bedienung dieses Portals, dessen Aufbau etwas gewöhnungsbedürftig ist. Die Anlernphase ist es somit, in der ich mich zurzeit befinde. Aber ich bin guter Dinge, wir lesen voneinander. Gruß, Axel