**Epilog**
„Tief drinnen gibt es einen Teil von mir, den ich nicht haben darf. Ich will ihn zum Schweigen, am Liebsten endgültig zum Verstummen bringen. Wenn er sich rührt, mach ich irgendwas Blödes, nur damit er leiser wird. Das hat lange geklappt. Aber in letzter Zeit, wird der Teil wieder lauter und egal, was ich mache, er hört nicht auf, lauter und lauter zu werden. Und ich will vielleicht gar nicht mehr kämpfen. Ich bin so müde.“
„Deswegen bist so ein Arsch?“
‚Nein – deswegen bin ich jemand, der überlebt.“
Kapitel 1
Noah stand an der Bande.
Nicht weil er musste. Das große Spiel begann erst in fünf Stunden, und die Halle gehörte noch den Kleinen. Er hätte zu Hause bleiben, schlafen können. Stattdessen stand er hier, die Unterarme auf dem kalten Aluminium und schaute zu.
Die U9 hatte gerade das Eis. Neun Jungs – und ein Mädchen, er hatte es erst beim zweiten Hinsehen gemerkt – kämpften gegen die Schwerkraft, gegen ihre eigenen Beine, gegen Schlittschuhe, die noch zu groß waren. Einer fiel auf die Knie, rappelte sich auf, fiel wieder. Machte weiter. Noah kannte diesen Typ, der nie aufgab. Er war genauso gewesen.
Ein Trainer brüllte irgendwas über Kantenarbeit. Die Kinder hörten nicht zu.
Sie hörten nie zu, wenn Kantenarbeit dran war.
Noah lächelte. Nicht für jemand bestimmten – einfach nur so.
Die U11 löste sie ab. Schon anders. Die Jungs hier wussten, warum sie kamen. Man sah es in der Art, wie sie aufs Eis gingen: schneller, mit mehr Absicht. Einer – Nummer 17, zu kleines Trikot, zu langer Schläger – machte einen Antritt, der nach nichts aussah, aber Noah sah das Rohmaterial darin. Er hatte inzwischen einen Blick dafür.
Der wird’s entweder weit bringen oder aufhören, bevor er sechzehn ist. Dazwischen gab es nicht viel. Das war das Erste, was das Spiel einem beibrachte: Es gab kein gemütliches Mittelfeld. Man kam weiter, oder man wurde unsichtbar.
Er verschränkte die Arme. Schaute zu.
Es dauerte ein paar Minuten, bis die ersten ihn bemerkten.
Zwei Jungs an der Bande, vielleicht zehn Jahre alt, flüsterten miteinander. Einer stieß den anderen an. Dann drehten sich beide um und schauten ihn an – nicht kurz, nicht beiläufig, sondern mit der vollständigen, unschuldigen Offenheit, die nur Kinder hinbekamen. Noah kannte diesen Blick. Er hatte ihn selbst mal gehabt.
Noah hielt den Blick. Nickte einmal, kurz.
Die beiden stießen sich gegenseitig noch mal an, diesmal heftiger, und flüsterten noch wilder.
Einer zeigte fast auf ihn – fing sich dann aber, die Hand halbwegs in der Luft, als hätte er im letzten Moment doch noch gelernt, dass man nicht auf Menschen zeigt. Noah sah weg bevor er grinste.
Ein drittes Kind hatte ihn inzwischen auch gemerkt – Nummer 17, der mit dem zu langen Schläger. Der schaute nicht mit offenem Mund. Der schaute anders. Ruhiger, abschätzender, mit einer Ernsthaftigkeit, die in diesem jungen Gesicht eigentlich noch nichts zu suchen hatte. Noah kannte diesen Blick auch. Das war kein „ich kann es nicht glauben“ -Blick. Das war ein - „ich will so werden“ - Blick.
Ja, dachte Noah. Genau so muss es anfangen.
Der Trainer – Mitte vierzig, breite Schultern, die Art von Mann, der selbst mal gespielt hatte und einem Körper, dem man das noch ansah – hatte die Aufregung bemerkt. Er ließ die Übung kurz laufen, trat dann an die Bande und rief über das Eis:
„Noah Sneyders schaut euch zu, Jungs.“ Eine kurze Pause, in der er sicherstellte, dass alle zuhörten. „Wenn ihr euch in den nächsten zehn Jahren wirklich den Arsch aufreißt – und ich meine wirklich – dann dürft ihr vielleicht auch mal so an der Bande stehen und den Kleinen zuschauen.“
Gelächter von den Jungs. Das nervöse, aufgeregte Gelächter von Kindern, die nicht wussten, wie sie mit dem Moment umgehen sollten.
Noah hob eine Hand in Richtung des Trainers. Nicht mehr. Der Trainer nickte zurück, fast unmerklich, und pfiff die nächste Übung an.
Aber Nummer 17 schaute noch einmal zu ihm rüber, bevor er losglitt. Nur kurz, aber direkt, neugierig.
Noah sah es.
Den Jungen werde ich noch mal sehen, dachte er, ohne zu wissen, ob es stimmte. Aber das Gefühl blieb.
Nach zwanzig Minuten pfiff der Trainer ab. Beide Mannschaften schoben sich Richtung Ausgang. Ausrüstung wurde eingesammelt, Schläger gestapelt. Einer der Kleinen verlor einen Handschuh auf dem Eis, skatete zurück, hob ihn auf, rutschte aus, rappelte sich hoch , nur um noch mal hinzufallen. Aber hatte seinen Handschuh gekrallt. Gelächter der anderen Kids, aber kein böses.
Als sie an ihm vorbeigingen, blieb einer stehen und starrte ihn groß an. Noah sah hilflos zum Trainer. Der Trainer vollführte eine Schreibbewegung in der Luft. Da dämmerte es Noah: Die Kinder wollen Autogramme.
Peinliche Erkenntnis.
„Wollt ihr Autogramme?“ Schlagartig änderten sich die Kids. Erst ruhig, jetzt eine wild schreiende Horde, die ihm alles mögliche entgegenstreckte, auf dem man unterschreiben konnte. Einen Stift hatte Noah immer dabei.
Noah sah zu, wie das letzte Kind die Eisfläche verließ und im Tunnel verschwand.
Der Lärm zog mit den Kids ab und verebbte irgendwann.
Dann kam der Zamboni.
Er mochte diesen Moment. Er mochte die Ruhe, das Gefühl das die Arena nur für ihn allein da war. Die Maschine zog ihre ruhigen Bahnen, gleichmäßig, ohne Eile. Hinter ihr blieb das Eis glatt zurück, fast weiß unter der Arenabeleuchtung. Die Kratzer, die Spuren, die Abdrücke von dreißig Paar Schlittschuhen – weg. Als wären sie nie da gewesen.
Er dachte an heute Nacht.
Nicht mit Anspannung. Einfach so, wie man an etwas denkt, das bereits feststeht.
Er wusste nicht, woher es kam. Es war kein Gefühl, das er sich erarbeitet hatte – kein Ergebnis von Vorbereitung, von Videostudium, von den drei Extraschichten letzte Woche. Es war heute Morgen einfach da gewesen, noch bevor er richtig wach war. Wie eine Temperatur im Raum. Es war eine Tatsache.
„Wir gewinnen heute.“
Er hatte darauf gewartet, dass der Gedanke brüchig wurde. Dass sich irgendwo ein Zweifel einschlich. Er kam nicht. Noah hatte geduscht, Kaffee gemacht, die Tasche gepackt – alles in derselben merkwürdigen Stille. Hatte die Nachrichten der Jungs gelesen, die übliche Mischung aus Anspannung und aufgesetzter Lockerheit. Hatte nicht geantwortet. Die Worte erschienen ihm unnötig, wie ein Kommentar zu etwas, das ohnehin passieren würde.
Die Dragons aus Berlin waren gut. Das war keine Frage. Sie hatten die Hauptrunde dominiert, hatten einen Torhüter, der in den Playoffs bisher kaum zu bezwingen gewesen war, und eine erste Linie, die so eingespielt war, dass man manchmal vergaß, dass es drei einzelne Menschen waren. Auf dem Papier war das ein offenes Finale.
Trotzdem.
Er versuchte nicht, es zu erklären. Manchmal wusste der Körper Dinge, bevor der Kopf soweit war.
Der Zamboni zog seine letzte Bahn, und Noah schaute auf die leere Arena.
18.000 verdammte Plätze. Heute Nacht würden sie alle besetzt sein. Stehplätze ausverkauft seit Wochen, Unterrang seit dem Halbfinale. Er hatte schon in größeren Hallen gespielt, irgendwann in der Jugend, bei einem Turnier in Schweden, wo die Ränge so hoch gewesen waren, dass die obersten Reihen im Schatten verschwanden. Aber das hier war anders. Das hier war sein zu Hause.
Er schaute auf das frisch aufbereitete Eis und dachte an das, was heute Nacht darauf passieren würde.
Blut, wahrscheinlich. Irgendwann immer. Ein zu hoher Stock, ein unglücklicher Sturz, jemand mit dem Gesicht gegen die Bande – das gehörte dazu, so wie die Kälte dazugehörte und das Geräusch des Pucks auf dem Eis. Schweiß sowieso, von der ersten Minute an, auch wenn man es von außen nicht sah unter den Jerseys und den Protektoren. Und der stille Schmerz, von dem sich keiner aufhalten ließ, den man einfach wegsteckte und vergaß bis nach dem Schlusspfiff, wenn der Körper plötzlich lautstark Beachtung verlangte.
Das waren die Opfer an die Götter des Eishockey. So hatte Noah es immer verstanden, auch wenn er es nie so genannt hätte, nicht laut, schon gar nicht vor jemand anderem. Aber in diesem Moment, allein in der leeren Halle, mit dem Zamboni-Geräusch, das langsam verstummte, war es ihm klar: Das ist unser Tempel. Und heute Nacht bringen wir die Opfer, die verlangt werden.
Blut, Schweiß und Schmerz.
Und der Preis am Ende: der Pokal.
Die Dragons würden dieselben Opfer bringen. Das wusste er. Die kamen nicht hierher, um Zweiter zu werden. Gut so. Ein Finale brauchte zwei Mannschaften, die bereit waren, alles zu geben. Sonst war es kein Finale, sondern nur einfach ein Spiel.
Aber wir gewinnen trotzdem.
Immer noch keine Ahnung, woher diese Überzeugung kam.
Es störte ihn nicht.
Er dachte kurz an die Nummer 17. An diesen Blick – ruhig, direkt, mit einer Ernsthaftigkeit, die bei einem Zehnjährigen eigentlich noch nichts zu suchen hatte.
Irgendwann werde ich den Namen zur Nummer kennen.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht, denn das Spiel sucht sich seine Leute aus.
Noah hatte ihn auch gehabt – diesen Blick. Damals. Irgendwo in einer Halle, die halb so groß gewesen war wie diese, mit Schlittschuhen, die nicht passten, und einem Trainer, der Dinge über ihn gesagt hatte, die er erst Jahre später verstand.
Er seufzte, stieß sich von der Bande ab, griff seine Tasche vom Boden, warf sie über die Schulter und ging Richtung Tunnel.
Er drehte sich noch einmal um. Die Halle war immer noch vollkommen leer. Das Eis immer noch unberührt. In vier Stunden würden 18.000 Menschen hier sitzen und auf ihn warten.