Eine neue Hausaufgabe für meine Montags-Schreibwerkstatt

Die Idee zu dieser Kurzgeschichte ist mir heute auf Arbeit gekommen und jetzt, Zuhause, habe ich sie abgetippt. Wie findet ihr sie? Kommt die Botschaft gut an? Und was euch sonst noch auffällt, dürft ihr gerne kommentieren!

Gruß

Super Girl

Glücksbringer oder Zauberstein?

Herbst 1993.

Dicke Regentropfen prasselten auf die Fensterscheiben. Jonas war traurig, dass er nicht draußen spielen konnte, da ein Sturm angekündigt wurde. Dabei hatte er sich auf das Ausprobieren seines Fußballs gefreut, den er zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Stattdessen musste sich der Fünfjährige mit den Spielen begnügen, die seine Familie im Haus hatte.

Eigentlich sollte der Junge glücklich sein, denn an diesem Tag war sein Großvater zu Besuch gekommen. Opa Georg verstand sofort, was seinen Enkel bedrückte. So munterte er Jonas auf: «Lass den Kopf nicht hängen, Sportsfreund. Komm, wir erobern den Dachboden, wenn deine Mutter gerade nicht hinguckt. Dort wartet ein Geheimnis auf uns!» Erst das beruhigte Jonas und er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. «Oh ja, das machen wir!»

«Was heckt ihr Schlawiner jetzt schon wieder aus?», fragte Jonas‘ Mutter, als ihr Sohn mit Opa Georg an der Hand im Haus herumschlich.
«Gar nichts. Opa wollte mir seine Steinesammlung zeigen», log Jonas, um das Geheimnis zu schützen, das ihm sein Großvater zuvor ins Ohr geflüstert hatte. Opa Georg nickte. Dann flitzten beide davon.

Der Dachboden von Familie Seidhart war sehr staubig und von Spinnweben bedeckt. Ein deutliches Zeichen, dass schon lange niemand mehr dort oben gewesen war. Jonas war noch nie zuvor dort oben gewesen, weil sein Vater es ihm verboten hatte. Da dieser auf Arbeit war, hatte Jonas nun alle der Zeit der Welt, den verbotenen Raum zu erkunden. Der Junge trippelte von einem Bein auf das andere und zerrte dabei seinen Opa mit, der leise lachte.

«Wo ist denn jetzt dein geheimnisvoller Zauberstein?», erkundigte sich Jonas bei Opa Georg, der ihm diese Info noch zugeflüstert hatte, bevor sie von Jonas‘ Mutter erwischt worden waren. Der Großvater öffnete eine verstaubte Truhe und wühlte darin. Er beförderte mehrere Sachen zutage, wie einen Teddybären und einen Plüschhasen. Ganz unten in der Truhe wurde er fündig. Opa Georg hievte eine Kiste hervor und ächzte über seinen alten Rücken. «Nur nicht so ungeduldig, Sportsfreund, hier haben wir die Steinesammlung. Das war übrigens keine schlechte Ausrede, Jonas.»

Opa Georg öffnete die Kiste. Darin kamen mehrere Steine zum Vorschein, die er in seinem bisherigen Leben gesammelt hatte. Der Alte räusperte sich, dann erklärte er: «Zaubern können die Steine nicht, aber die Geschichten, die sie erzählen, sind zauberhaft. Such dir einen Stein heraus, Jonas, damit er dein Glücksbringer wird.»
Jonas zögerte. Opa Georg klopfte ihm auf die Schulter. «Du bist doch ein mutiger Junge, oder? Trau dich, Steine beißen nicht. Willst du keine Geschichte hören?»
«Doch, aber … diese Steine gefallen mir nicht.» Jonas ahnte, dass es tatsächlich ein Geheimnis gab, so zupfte er am Hemdsärmel seines Großvaters.
«Na gut, Sportsfreund, du hast gewonnen. Es gibt einen geheimnisvollen Stein mit einer unglaublichen Geschichte. Willst du ihn sehen?» Jonas nickte eifrig.

Der Großvater packte die Kiste mit den Schätzen seiner Jugend zurück in die Truhe, stopfte Teddybär und Plüschhase hinein, dann schloss er sie. Dabei wirbelte er Staub auf und Jonas musste niesen.
«Gesundheit. Schau mal her, da wirst du große Augen machen, Junge!»
Opa Georg fingerte in seiner rechten Hosentasche herum und hielt Jonas einen Stein mit einer leichten hellrosa Färbung entgegen. Tatsächlich machte Jonas große Augen. «Also doch ein Zauberstein. Opa, du bist ein echter Schlawiner, da hat Mama Recht.»
«Das ist ein Kuwa-Buba-Stein. Koda hat ihn mir geschenkt, als ich auf Amerika-Reise war. Das ist indianisch und bedeutet Freund oder Verbündeter. Und das sind wir bis heute, gute Freunde. Willst du die Geschichte vom Kuwa-Buba-Stein hören? Dieser Stein ist etwas Besonderes.»
«Kuwa-Buba-Stein? Klingt spannend. Na gut, erzähl mir seine Geschichte!»

«Einst kämpfte Häuptling Kuwa-Buba mit seinem Stamm um die Freiheit im eigenen Land. Weiße Männer waren zu den Einheimischen gekommen, um diese zu gegen ihren Willen zu unterdrücken. Deswegen kämpfte Häuptling Kuwa-Buba mit seinen mutigsten Männern gegen die weißen Männer. Häuptling Kuwa-Buba, der einen Stein stets bei sich trug, blieb bei diesem Kampf unverletzt. Es gelang dem Häuptling und seinen Männern, die Unterdrücker in die Flucht zu schlagen. Die wenigen Verletzten wurden verarztet. Der Häuptling dankte seinem Gott für dieses Wunder. Weiterhin soll er den Stein in die Höhe gehalten und gerufen haben: «Was für ein Glück wir doch hatten!» Deswegen erklärte Kuwa-Buba den Stein zu einem heiligen Glücksbringer. Die Jahre vergingen, Kuwa-Buba war mittlerweile im Himmel, und der Glücksbringer wurde von einer Generation an die nächste weitergereicht, bis er irgendwann bei Koda, einem Nachfahren von Kuwa-Buba, landete. Koda schenkte mir den Stein, weil ich ihm aus einer misslichen Lage half. Das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls hat mir der Stein schon viel Glück gebracht. Es ist an der Zeit, dass auch du ein wenig Glück haben sollst!» Mit diesen Worten überreichte Opa Georg seinem Enkel den Kuwa-Buba-Stein.
«Wirklich? Du schenkst mir den Glücksbringer von Häuptling Kuwa-Buba? Du bist der beste Opa auf der Welt.» Jonas strahlte vor Freude, er nahm den kleinen Stein und betrachtete ihn von allen Seiten.

Als hätte das Wetter Jonas strahlendes Gesicht gesehen, schob sich ein Sonnenstrahl aus den Regenwolken hervor. Jonas steckte den Glücksbringer in die Hosentasche und strahlte seinen Großvater an. Dieser lächelte zurück und meinte: «Schau genau hin, Jonas. Die größten Wunder liegen oft in den kleinen Dingen.» Opa Georg deutete auf das Fenster. Jonas stürmte hin und rief: «Opa, schau mal, ein Regenbogen!»

Just in dem Moment tauchte Jonas‘ Mutter auf. «Ach, hier steckt ihr Schlawiner. Ich habe euch schon überall gesucht. Es gibt Abendessen. Was habt ihr angestellt?»
«Gar nichts», sagten Opa Georg und Jonas wie aus einem Munde. «Ich habe mit Häuptling Georg fangen gespielt und er hat mich gewinnen lassen», fiel Jonas auf die Schnelle ein. «Außerdem sieht man von hier oben den Regenbogen besonders gut!»

Herbst 2021.

Jonas zeigte seinen Freunden reihum den Kuwa-Buba-Stein, den er damals von seinem Großvater geschenkt bekommen hatte. Von seiner Geschichte tief beeindruckt, klatschte Max in die Hände. Vivian glaubte sogar, einen zauberhaften Schimmer auf dem Stein zu erkennen.
«Ich wusste gar nicht, dass du so eine enge Bindung zu deinem Großvater hattest. Er war sicher ein total lieber Mensch.»
«Oh ja, das war er. Was haltet ihr davon, wenn wir zum Friedhof von Muggatshof gehen und das Grab meiner Großeltern besuchen? Oma Gerda ist schon gestorben, als ich Zwei war, deswegen kann ich mich nicht an sie erinnern. Aber mit Opa Georg verbinde ich sehr gute Erinnerungen. Er war ein Schlawiner und hat sich um mich gekümmert, wenn meine Eltern keine Zeit für mich hatten. Leider konnte der Glücksbringer nicht verhindern, dass Opa Georg ein Jahr später an Krebs gestorben ist.» Jonas seufzte.

Eine Stunde später standen die Freunde am Grab von Georg und Gerda Seidhart. Victoria stimmte ein kurzes Gebet an und Vivian hielt Jonas‘ Hand.
«Ich glaube, dein Opa wollte dir damals erklären, was Liebe und Freundschaft bedeuten.»
«Das glaube ich auch. Er hat heute seinen Todestag. Außerdem wird mich der Kuwa-Buba-Stein immer an Opa Georg erinnern. Die größten Wunder liegen oft in den kleinen Dingen.»

Da die o. g. Geschichte in meinem Projekt „Geheimnisse hinter dem Nebelwald“ vorkommt, würde ich mich über Kritik eurerseits sehr freuen! Natürlich nur, wenn ihr Lust und Zeit dazu habt! :slight_smile:

Gruß

Super Girl

Eine super Geschichte. Da kommen bei mir alte Erinnerungen hoch. Bei meinem Opa war das der Keller. Alles was meine Oma als wertlosen Plunder wegschmeißen wollte, hatte er im Keller versteckt. Es war ein großer Raum. Vorne war etwas Platz und da stand ein alter Schrank. Dahinter ein riesiger Berg von Kohle (sie hatten noch Kohleöfen in der Wohnung). Dahinter hatte er seine Schätze versteckt. Ein alter zusammengerollter Teppichläufer wurde darüber gelegt, damit wir nicht schmutzig wurden und Oma nichts merkte und dann dahinter gekrochen.
Opa meinte immer, die Kohlestücke sind zu rutschig, da traut sich Oma nicht drüber. Als ich 7 Jahre alt war sind wir weggezogen. Meinen Opa habe ich nicht mehr sehen können. Er ist wenige Jahre später verstorben. Sein Grab gibt es schon lange nicht mehr, trotzdem gehe ich immer über den Friedhof und denke an alte Zeiten, wenn ich in der Nähe bin.

Beim Lesen deiner Geschichte habe ich gemerkt, das ich doch noch nahe am Wasser gebaut bin. Wirklich rührend geschrieben.

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Wir auch, nicht nur Opa. Bei uns im Haus waren alle auf dem Pütt. Die haben ein Deputat bekommen. Jeder hatte in unserem Umfeld Kohlen im Keller und daher auch Kohleöfen in der Wohnung. Das war in den 1970er Jahren.
Als wir 1990 aufs Land gezogen sind, wurde die Wohnung auch noch über einen Kohleofen geheizt, für den man im Keller „Portionen“ hochholen musste.

Das nur am Rande …

Wie schrecklich!

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Danke für deine Rückmeldung. Das ist der Nachteil am Älterwerden (bin zwar erst 37, aber naja…), man bekommt auch mit, wenn die lieben Menschen einen verlassen. Ich hatte selbst so einen Schlawiner als Opa!

Gruß

Super Girl

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Ich gehe in einigen Jahren auf die 70 zu und meine Kinderzeit lag in einem anderen Zeit Kontext. Was früher normal war und mit einem Lächeln quittiert wurde, landet heute unweigerlich vor Gericht.
Ich habe noch viele der Erinnerungen im Kopf - vielleicht wird mal ein Buchprojekt daraus

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