Eine Geschenke-Geschichte

Ich sende euch weihnachtliche Grüße, meine lieben Forianer :christmas_tree:.
Ich hoffe für jeden von euch, dass ihr das Fest und die Feiertage in Gesellschaft eurer liebsten Menschen verbringen dürft. Feiert schön zusammen, genießt leckeres Essen und beschenkt euch ausgiebig. Ich wünsche euch eine schöne Zeit.

Und fühlt euch einfach mal unkompliziert gedrückt.

Heute ist der 24. Dezember 2025.

Es ist Heiligabend.

Mittlerweile ist es der einundsechzigste für mich. Und wenn man mal genau hinschaut, wie einen die Zeit verändert (auf derbe Art und Weise wird das beim Blick in den Spiegel deutlich), dann sollte man auch bemerken, wie sich Bräuche verändern, wie sich Familienbande und viele hingebungsvoll gelebte Abläufe wandeln, die wir alle gerne aus der ‚guten alten Zeit‘ ins Heute mitgenommen hätten.

Doch wir alle wissen: so spielt das Leben nicht. Es ist zu vielen Unwahrscheinlichkeiten ausgesetzt. Und wenn man sich ein wenig mit der Chaos-Theorie auseinandersetzt, dann mag einem bewusst werden, warum sich alles laufend in die unterschiedlichsten Richtungen verändert.

Lieb gewonnene Lebensgewohnheiten zerfließen im Strudel der Zeit. Dafür werden andere, neue, zuerst noch fremde neue Verbindungen fast regellos an die Oberfläche gespült, die dann in einigen Jahren vielleicht zur neuen Normalität werden. Auch wenn man noch so sehr versucht, das Liebgewonnene zu wiederholen, zu pflegen, ja, es regelrecht zu konservieren, so sorgt das Leben selbst dafür, das nichts so bleibt wie es ist.

So bin ich, wie wir alle, die Essenz meiner Vergangenheit.

Gleichwohl bin ich ein durch und durch positiver Mensch und deshalb birgt jeder Wandel für mich auch viel Gutes. Mein bunt gestricktes Leben hat so manche Anekdote für Geschichten hinterlassen und ich kann aus dem Vollen schöpfen.

Und immer wieder tagträume ich von intensiv erlebten Begebenheiten, die eine so nachhaltige Wirkung auf mich hatten, dass ich mit einem Lächeln vor dem PC sitze und Zeile um Zeile darüber schreibe, ohne auch nur einmal abzusetzen (na gut, außer vielleicht, um die Luft aus der Kaffeetasse zu lassen).

Die Erinnerung, die ich hier mit euch teilen möchte, begann ich erst in den letzten Tagen vor dem Treffen beim Literaturtreff mit @SuperGirl niederzuschreiben. Und da ich für den Adventskalender natürlich viel zu spät war, beschloss ich, euch mit meiner ganz persönlichen Weihnachts-Geschenke-Geschichte eben genau an dem Tag, an den sie gehört, zu bescheren:

Am Heiligen Abend. Heute.

Lasst mich euch dafür auf eine Zeitreise mitnehmen.

Zum 24. Dezember 1980.

Eine Geschenke-Geschichte
Eine Geschenke-Geschichte.pdf (433,1 KB) für alle, die lieber eine PDF lesen.

Vor fünfundvierzig Jahren, bereits früh im Advent, begann das Vorspiel für eines meiner (bis dahin) größten Abenteuer. In diesen Wochen startete ein geschäftiger Austausch zwischen meinen Eltern, ihren Geschwistern und den Großeltern um meine Person. Und das nur, weil die alljährlichen Bemühungen gefährdet waren, den kleineren Kindern in unserer Familie den weihnachtlichen Zauber zu erhalten.

Obwohl, das Wort ‚nur‘ klingt hier falsch. Denn in meiner Familie war es über Jahrzehnte das Gebot der Stunde: Wir widmeten uns intensiv einer selbst auferlegten Verpflichtung. Nämlich, ihre arglose Unschuld und das Leuchten in ihren Augen zu erhalten. Und natürlich ihre freudigen Erwartungen zu befriedigen.

Auch wenn die oft von Bauchweh begleitet wurden, weil bei uns der Weihnachtsmann die Geschenke brachte. Diese gewichtige Institution, die oft allein schon durch den Auftritt und den Klang der Stimme ein Höchstmaß an Autorität verbreitet.

Ich selbst kann mich gut an Heiligabende erinnern, an denen die Bescherung nicht nur mit Vorfreude verbunden war. Einmal wünschte sich mein Vater (als passionierter Schifferklavierspieler), dass auch ich, gemeinsam mit meiner sechs Jahre älteren Schwester, dem Weihnachtsmann eine kleine Kostprobe unseres Könnens auf dem extra mitgebrachten Instrument vorführte. Mit mäßigem Erfolg. Das Bauchgrummeln war groß und es blieb groß. Das fühle ich heute noch.

Taten wir das, um ihn milde zu stimmen? Damit er mehr Geschenke brachte? Vielleicht. Ich kann mich nämlich ebenso gut an einen Heiligabend erinnern, an dem zwei meiner Cousinen wegen ihrer Unartigkeiten während des Jahres nachdrückliche Bekanntschaft mit der Rute des Weihnachtsmannes gemacht haben. Das hinterließ schon Eindruck.

Doch zurück ins Jahr 1980. Ich bekam deswegen davon nichts mit, weil mein Leben mit Musik, Mädchen, Fußball und Schule angefüllt war. Und zwar genau in der Reihenfolge. Mir blieb keine Zeit, mich mit solchem ‚Kinderkram‘ zu beschäftigen. Ein typisches Pubertier, das schon länger aus diesem von unerschütterlicher Fantasie begleiteten Alter heraus war.

Ich genoss unser Weihnachten trotzdem sehr, weil ich die Familiengemeinschaft cool fand. Man traf Angehörige, die man oft das ganze Jahr nicht zu Gesicht bekam, es gab jedes Mal superleckeres Essen, ich wurde auch weiterhin reich beschenkt und wir fochten ausgiebige und muntere Spielrunden am Küchentisch aus.

Zur Wahrheit gehört auch, dass wir in den 70/80ern lebten. Jahrzehnte, in denen Konsum nicht nur ein Wort war, sondern schon fast einer Lebenseinstellung glich.

Und da meine Familie insgesamt gut betucht war, sahen alle Feierlichkeiten immer ein bisschen wie ein Größer-Schneller-Weiter-Wettbewerb aus. Es war enorm wichtig, jahraus jahrein irgendwie noch eine Steigerung zur letzten Feier hinzubekommen und auch das Weihnachtsfest als solches gerierte sich im Laufe der Jahre immer mehr wie ein Fegefeuer von Eitelkeiten.

Doch das bewirkte auch etwas Gutes. Denn wenn es um den Impetus des Weihnachtsfestes ging, standen deshalb unsere kleinsten Familienmitglieder immer im Vordergrund. Es war damals so wichtig wie heute, ihre Phantasiewelt zu erhalten, in der eine in roten Samt gekleidete Figur, meist freundlich, Geschenke verteilte und damit eine wahrhaftig tragende Rolle im Jahreslauf innehatte. Den Zauber des Schenkens und beschenkt Werdens galt es zu erhalten.

Tja, und damit komme ich zu Ralf, dem 10-jährigen Sohn meiner einst mit der Rute gebeutelten Cousine. Er hatte die Identität des bisherigen Weihnachtsmannes so gut wie aufgedeckt. Schon im Jahr zuvor gab es neugierigere und zweifelndere Blicke. Er zweifelte nicht laut und öffentlich, aber dass etwas im Busche war, war für ihn spürbar (und für die Gutmeinenden ebenso).

Was Ralfs Verwunderung und Zweifeln hervorrief, war, dass jedes Jahr und ausgerechnet zur Bescherung sein Opa (mein Onkel) Helmut unauffindbar war. Das stimmte ihn traurig. Er wollte doch das Fest mit ihm zusammen erleben und gemeinsam mit ihm seine ganzen Geschenke auspacken. Und noch sonderbarer war, dass er nur Minuten nach der Bescherung wieder auftauchte, kurz nachdem sich der Weihnachtsmann zur Bescherung bei der nächsten Familie aufgemacht hatte.

Doch wie jedes Jahr war Onkel Helmuts Ausrede so einfach wie logisch: Als Bäcker hatte er in der entfernten Backstube den Sauerteig für die Zeit nach den Feiertagen pflegen müssen. Eigentlich eine elegante Lösung für das ewige Dilemma, dass der Weihnachtsmann ausgerechnet genau diesen Zeitpunkt für die Bescherung wählte.

Trotzdem: Der Zweifel gedieh. Bis zu diesem Jahr. Denn sein Opa Helmut blieb diesmal einfach da und verschwand nicht. Er saß gemütlich mit den anderen im Wohnzimmer und scherzte ausgelassen herum.

Und so begab es sich eben zu diesem Weihnachten, als meine Haare noch voll, der Bart nur zart als Schnauzer vorhanden, der Bauch flach, die Muskeln durchtrainiert und der Wunsch nach extravaganten Auftritten kaum vorhanden war, dass ein Ruf von meiner Mutter ausging.

Sie setzte sich zu mir auf die Bank in der Küche, wo ich mit anderen zum Zeitvertreib Malefiz spielte. Ein Spiel, das bei uns Jahrzehnte zum Lücken füllen bei familiären Feiern gehörte.

Sie flüsterte: „Wir haben ein Problem.“

„Wieso? Was gibt’s denn?“

„Weißt du, der Ralf fängt an, am Weihnachtsmann zu zweifeln.“

„Und?“

„Du musst ihn dieses Jahr spielen“

„Bitte? Ich? … Nee, das kann ich nicht.“

„Doch, du musst. Der Ralf ahnt, dass Onkel Helmut ihn immer spielt.“

„Ja und? Irgendwann muss das ja mal rauskommen.“

„Denk doch auch an seine kleinen Geschwister. Und jetzt sei nicht so. Wir können doch nicht auf den Weihnachtsmann verzichten. Und du sprichst doch dauernd wie dieser Emil Steinberger. Den Dialekt kannst du doch benutzen. Davon weiß er doch nichts … oder?“

Ich liebte den eingedeutschten Schweizer Dialekt Emils zu der Zeit heiß und innig. Seine Schallplatten liefen bei mir rauf und runter und ich konnte quasi jeden Sketch auswendig mit Dialekt und Betonung nachspielen. Und ich übertrug ihn teilweise auf meinen gesamten Tagesablauf außerhalb der Schule. (Die Platten zieren im Übrigen heute noch meine Sammlung).

„Nee, hab‘ ihn bisher nicht benutzt. Aber nee … echt jetzt?“, stöhnte ich, denn ich spürte ein ungutes Gefühl aufkommen. Nämlich, dass ich aus irgendeinem Grund nicht nein sagen würde.

Zusätzlich kam in diesem Moment meine Lieblingstante Inge hinter meiner Mutter aus der Küche. Sie sagte nichts. Sie schaute mich bloß an

„Aber …“, begann ich eine Widerrede. Sie wurde im Keim erstickt.

Ein ernster Blick von meiner Mutter traf mich. Und mit einem eindringlichen Blick über den Rand ihrer Brille verlieh meine Tante der Aufforderung meiner Mutter Nachdruck.

„Kann das nicht der Opa machen?“, jammerte ich.

Und noch einmal ein ernster Blick von Mutter und Tante.

„Sag einfach so in die Runde, dass du noch kurz beim Christian vorbeischaust.“ (das war ein Schwipp-Cousin, der ein paar Häuser weiter lebte). „Und wenn du in die Garage kommst, liegt schon alles für dich bereit. Da ist auch der Sack mit den ersten Geschenken. Und dann kommst du vorne zur Tür wieder rein.“ Eigentlich konnte man nicht mal meckern. Die Organisation war schon immer perfekt.

Also gut. Mein Widerstand war gebrochen und ich tat, wie mir geheißen. Nach der kurzen Verabschiedung, die besonders Ralf zu Gehör bekommen musste, verließ ich das Haus durch den Hauswirtschaftsraum zur Garage.

Ich müsse mich nicht ausziehen, nur den Mantel überwerfen, sagten sie;
die weißen Handschuhe überziehen und Maske und Mütze aufsetzen, sagten sie;
den Sack mit den ersten Geschenken über die Schulter werfen, sagten sie;
dann zur Garage raus und zum Hauseingang wieder reinkommen, sagten sie.

Also warf ich mich in Schale. Und schon war mir warm. Das sagten sie mir nicht.

Aber war ich auch bereit? Nicht wirklich. Doch jetzt war es zu spät. Die ganze Familie verließ sich auf mich. Ich empfand es als eine schwerere Last als den Sack mit den Geschenken auf meinem Rücken.

Ich schlich ums Haus und klopfte laut und vernehmlich, aber ich denke auch festlich würdevoll an die Haustür. Meine Tante ließ mich ein.

Durch den Windfang, der über und über mit Geschenken vollgestellt war, betrat ich das große L-förmige Bungalow-Wohnzimmer, in dem die Familie auf mich, den Weihnachtsmann, wartete.

Mir stockte der Atem. Aber nicht wegen der Nervosität, sondern wegen der dicken Luft, die dort herrschte. Es war bullewarm, Schwaden von Rauch zogen durchs Zimmer und ein intensiver Hauch von Alkohol schwebte in der wabernden Mischung mit. In der Küchen-Essecke empfand ich es vorher als nicht so schlimm.

Alle Verwandten richteten neugierig ihre Blicke auf mich. So viele Augenpaare stierten mich an. Sie beobachteten jeden Schritt und jede Regung. Und sie werteten jedes Wort, das ab diesem Zeitpunkt unter dem maskenverhüllten Gesicht hervorkam.

Und schon war mir noch wärmer.

„Guten Abend lieber Weihnachtsmann“, scholl es mir wie von einem Chor entgegen.

„Gudn Abig“, eröffnete ich den Abend mit schweizerdeutschem Dialekt. „Ich hoffe, ihr könnt mich hier verstehen.“ Ich versuchte, meine Stimme zusätzlich noch etwas sonorer klingen zu lassen.

„Na klar“, sagte einer. Mein Vater. Der Rest schwieg. Und er schob sofort grienend eine Frage nach: „Wo kommst du denn her?“

„Ich komme direkt aus der Schweiz.“

„Wo ist denn der Weihnachtsmann, der sonst immer kommt?“

„Der hat so viel zu tun, da hat er mich um Hilfe gebeten“, antwortete ich spontan. Es lief gut an. Ich blickte mich um. „Ich habe auch einige Geschenke dabei“, sprach in nervöse Kindergesichter. Die Erwachsenen schmunzelten … (und ich hatte so ganz nebenbei dafür gesorgt, dass statt des einsamen Geschenkeverteilers anscheinend eine ganze Horde davon die Kinder überall auf der Welt beglückt).

„Und? Seid ihr denn auch alle brav gewesen?“, fragte ich in die Runde.

Viele ‚Ja‘s‘, und einige ‚natürlich‘, hörte ich und sah alle im Rund nicken. Zum Glück sagte niemand ‚nein‘, denn da war ich überhaupt nicht drauf vorbereitet.

„Na gut … dann wollen wir mal schauen“, begann ich und fing an theatralisch in meinem Jutesack herumzukramen. Ich fischte ein kleines Päckchen heraus und schaute auf den angehängten Namenszettel. Das ging damals noch ohne Brille, aber ich tat zumindest so, als ob es mir schwerfiele, den Namen zu lesen.

„So … wo ist denn der Marc?“ Das war der Bruder von Ralf. Er saß bei meiner Cousine auf dem Schoß.

„Ich … hier“, antwortete er schüchtern und blickte ängstlich zu mir. Dann wurde er einfach von seiner Mutter in meine Richtung geschubst. Schüchtern trat er auf mich zu, sagte leise Danke, aber schaute mich nur aus den Augenwinkeln an. Ich antwortete mit einem „Bitte schön“, er nahm mir das Geschenk aus den Händen und flitzte zurück zu seiner Mutter, der er das Päckchen zeigte. „Nun packs schon aus“, forderte sie den Kleinen auf, was er dann auch voller Neugier tat. Leider habe ich vergessen was darin war.

Doch ich war plötzlich klar fokussiert: die Geschenke mussten unter die Leute. Ich holte ein zweites aus dem Sack, und ein drittes und ein viertes. Und so bekamen nacheinander fast alle eine Kleinigkeit in die Hand. Dann war der Sack leer.

Aber da war ja noch der ganze Windfang voll mit Geschenken und wer weiß, wo noch weitere lagerten. Die einzigen zwei, die noch nichts zum Auspacken bekommen hatten, waren meine Mutter und meine Tante. (Ich hab’s ja schon gesagt, gut geplant war es immer). Sofort fingen die beiden an, mir Päckchen für Päckchen anzureichen.

Eines für Birgit, eines für Ralf, eines für Onkel Büdi, eines für Jutta, eines für … mich … ohjee …

„Ich habe hier eins für den André …“, ließ ich meinen eigenen Namen in das mittlerweile tropisch aufgeheizte Wohnzimmer hallen.

Niemand meldete sich. „Wo ist er denn?“ Ich schaute mich suchend um.

Meine Mutter reagierte am schnellsten: „Der André ist, kurz bevor du gekommen bist, noch zum Christian gegangen, lieber Weihnachtsmann.“

„Hm“, brummelte ich hinter meiner Maske.

“Mit dem hätte ich nämlich noch ein Hühnchen zu rupfen“, erklärte ich streng und gab das Geschenk dann an meine Mutter zurück. „Sagt ihm, dass wir das im nächsten Jahr klären. Es sei denn, er taucht noch auf, der Lump.“ Ralf schaute wegen der grimmigen Ansage ehrfürchtig in meine Richtung. Ich hatte inzwischen, gestresst von der innerlichen Anstrengung, sogar aufgehört, meine Stimme zu verändern. Es schien auch ohne zu funktionieren. Am Dialekt hielt ich natürlich fest. Ralfs Reaktionen waren mir Beweis genug.

Schweißperlen begannen mittlerweile zwischen Haut und Maske zu meinem Mund herabzurinnen. Ab und zu lief eine direkt hinein. Wegen der Maske und der Rolle, die ich spielte, konnte nicht einmal einen Schluck trinken. Was hätte ich für ein kühles Glas Milch gegeben.

Tapfer und pflichtbewusst wandte ich mich weiter dem Geschenkeverteilen zu.

Eine Puppenküche wurde hereingetragen und der Kleinsten unter ungläubigem Staunen von mir überreicht. Einen Zigarrenschneider gabs für Opa Paul, einen Flakon Tosca für Tante Brigitte und Birgit freute sich über ein Buch. Die Geschenke waren selten riesig, aber ihre schier unendliche Anzahl war atemberaubend.

Alles lief prima. Bis hierher. Doch ich hatte nicht mit der jovialen Finesse meines Vaters gerechnet (und das habe ich ihm bis heute noch nicht verziehen). „Sag mal, lieber Weihnachtsmann“, fragte er mich urplötzlich. „Warum hast du denn da einen Sack von Ireks-Arkady für deine Geschenke?“

Ich stockte kurz und sah mir den Sack an. Da hatten die Initiatoren den doch einfach für diesen Abend zweckentfremdet. Auf ihm prangte deutlich sichtbar der Aufdruck des Firmenlogos einer Backmittel-Firma aus dem oberfränkischen Kulmbach.

„Ja, weißt du. Auch in Kulmbach habe ich schon Geschenke verteilt. Und da habe ich mir ein Loch in den Sack gerissen. Und dann haben mir die lieben Leute dort diesen gegeben.“

Meine Spontanität überraschte nicht nur meinen Vater und alle, die auf seine Frage geachtet hatten. Auch ich selbst war perplex, wie locker flockig ich diese Situation gemeistert hatte. Ich war jetzt so in meinem Element, dass ich wie entrückt weiter verteilte.

„Hier habe ich noch ein großes für den Ralf“, verkündete ich, als meine Tante ein nur notdürftig verpacktes Fahrrad hereinrollte.

Er kam auf mich zu und musterte mich intensiv … dann bedankte er sich aber schnell und rollte mit seinem Geschenk an einen freien Platz im Raum, um das Papier herunterzureißen. Lächelnd sah er von dort zu mir herüber.

Freier Platz war mittlerweile schon arg knapp geworden. Überall lag Geschenkpapier herum und mitten in diesem Tohuwabohu versuchten alle leidlich ihre Geschenke genauer unter die Lupe zu nehmen (und ich sie weiter damit zu versorgen).

Doch wie jedes Jahr erbarmte sich meine Mutter. Sie begann nebenher das Papier einzusammeln und schon mal vorzusortieren. Das eine oder andere ging doch noch. Das konnte man doch nicht einfach so wegwerfen.

Und ich verteilte und verteilte. Einen Topf für Alexandra, ein Brettspiel für Dietmar, ein Wandteller von Rosenthal für die Serie meine Schwester und immer wieder gerieten auch Geschenke an diesen gewissen ‚André‘ in meine Hände. Die durfte ich dann immer mit einem Brummeln über seine Abwesenheit auf die Seite legen. Hehe, das machte Spaß. Natürlich war ich selbst nun äußerst neugierig, was sich meine Familie hatte einfallen lassen.

Doch dann war auf einmal Schluss. Es gab nichts mehr zu verteilen. Der Sack war schon lange leer, der Windfang und eventuelle andere Lagerplätze ebenfalls ausgeräumt.

Meine Arbeit war getan.

Unter meiner Maske atmete ich tief durch und trank noch eine Schweißperle. Es war Zeit aufzubrechen. Ich verabschiedete mich von allen mit dem Hinweis, dass ich ja noch mehr Kinder beschenken müsse und machte mich auf den Weg zur Haustür.

Dort drehte ich mich noch einmal um.

„Schöne Weihnachten euch allen“, wünschte ich in die Runde. Mit einem generösen Winken verabschiedete ich mich und entschwand in die Kühle der Nacht.

„Gute Reise, lieber Weihnachtsmann“, riefen mir einige hinterher. „Und vielen Dank für die vielen Geschenke“, hörte ich noch, als ich durch die Tür schritt.

Kühle Nachtluft empfing mich dort. Mann, war das angenehm hier draußen.

Ich verschwand erst einmal, um möglichem Spionieren vorzubeugen, um die Hecke an der Ecke. Ein kurzer Blick zurück: Die Luft war rein. Ich konnte mich also gefahrlos in die Garage schleichen, in der schon die beiden Urheber auf mich warteten und zufrieden begrüßten.

„Das hast du toll hinbekommen. Danke dir. Der Ralf hat dich angeschaut, als wärest du der echte Weihnachtsmann“, sagten sie, herzten mich und drückten mir fröhlich einen feuchten Kuss auf die Wangen. Ach, ich mochte diese Lippenstift-Küsse doch nicht. Bäh.

Und trotzdem war es ein richtig gutes Gefühl. (auch, dass ich mit einem Handtuch endlich den Schweiß abtrocknen konnte).

Aber eine letzte Nagelprobe musste ich noch bestehen.

Mit den beiden im Gefolge betrat ich das Wohnzimmer. Ralf kam aufgeregt auf mich zu. Er torpedierte mich mit Informationen um den Weihnachtsmann und bekam vor lauter Aufregung kaum Luft zwischen den Sätzen.

„Der Weihnachtsmann war schon da … wo warst denn du!? … er war ganz schön böse mit dir … er würde noch ein Hühnchen, oder so, rupfen mit dir … hat er gesagt … schau mal hier, was er mir alles gebracht hat … und guck, ein neues Fahrrad hab ich auch bekommen.“

„Ich war beim Christian, das wusstest du doch. Und jetzt habe ich die Bescherung verpasst. Schade.“

„Ja, aber er hat dir jede Menge Geschenke dagelassen. Guck, hier.“

Aufgedreht, wie er war, zog er mich zu meinen Geschenken.

„Ui“, sagte ich überrascht tuend. „So viele Sachen.“

„Ja, nun pack schon aus“, forderte er mich auf.

Ich begann das erste Geschenk zu öffnen und bemerkte seinen intensiven Blick.

„Was gibt’s?“, fragte ich.

„Sag mal, André?“, begann er, wohl unschlüssig, ob er die Frage wirklich stellen sollte:

„Sprichst du eigentlich Schweizer Deutsch?“

Nachtrag:

Meine lieben Leute.

Ralf hat tatsächlich nichts bemerkt.

Über zwei Stunden dauerte die Geschenkeorgie.

Ich habe nie zuvor so geschwitzt, wie an diesem Abend.

Und ich durfte während der Weihnachtstage meinen geliebten Dialekt nicht benutzen.

Aber diese Erinnerung.

Die ist für immer.

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Eine richtig tolle Erinnerung und so lebhaft erzählt, dass es richtig Spaß gemacht hat, sie zu lesen. Vielen Dank dafür! :blush:

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Vielen Dank :sparkles:

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Herzerwärmend, lieben Dank, dass du deine Erinnerungen mit uns teilst.

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Danke!

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Sehr süß! Ich war bis zum Schluss gespannt, ob es noch auffliegt!

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Ich war wohl doch sehr überzeugend :blush:
Hat nicht für viele Jahre geholfen, aber in dem Moment war der Glauben zurück.

War mir ein Vergnügen :blush:

Freut mich, wenn ich dich begeistert habe :blush:

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Gerne :blush:

Immer gerne :blush: