Geschichten haben bei mir die unangenehme Angewohnheit, sich einzunisten. Manche bleiben jahrelang, andere tauchen plötzlich auf, werfen mir eine Figur vor die Füße und erwarten offenbar, dass ich jetzt weiß, was ich damit anfangen soll.
So bin ich unter anderem bei Mirella gelandet: neun Jahre alt, ein sprechender grüner Stein und eine Welt, in der ehrlich Gemeintes ziemlich eigenwillige Folgen haben kann. Kinderbuch, theoretisch. Praktisch habe ich inzwischen verdächtig viel Zeit damit verbracht, die Kommunikationsprobleme eines Steins zu lösen.
Auf der anderen Seite wartet Alhambra, irgendwo zwischen Fantasy und Dark Romance, deutlich erwachsener und mit Problemen, die sich durch einen sprechenden Stein vermutlich nicht lösen lassen. Wobei ich das noch nicht abschließend getestet habe.
Und weil mir die eigenen Texte offenbar nicht reichen, stecke ich inzwischen auch beruflich meine Nase in die Geschichten anderer Leute. Ich arbeite als freie Lektorin und Textcoach.
Dabei interessiert mich weniger, ob ich möglichst viele rote Kringel produzieren kann. Ich will wissen: Was wollte dieser Text eigentlich werden, bevor ihm irgendwo unterwegs die Luft ausgegangen ist?
Ich suche Stellen, an denen etwas lebt. Figuren, die plötzlich echt werden. Sätze, die treffen. Ideen, unter denen noch etwas vergraben liegt. Und natürlich auch die Stellen, an denen ein Plot gerade mit Anlauf gegen die Wand rennt. Die dürfen wir nicht aus Höflichkeit ignorieren.
Kurz gesagt: Ich schreibe Bücher und stecke meine Nase beruflich in die Bücher anderer Leute. Meistens finde ich dabei irgendwas, das noch nicht fertig damit war, entdeckt zu werden.