Hallo ihr lieben,
ich wage jetzt mal den Schritt und präsentiere hier die ersten Kapitel meines Thrillers: Identität X - Wenn die Wahrheit die Lüge ist
Und wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Bei Fragen könnt ihr die mir gerne stellen.
Kapitel 1 (Petra Schwarz – Frauen-JVA Pankow; Berlin)
In der Zelle saß Petra auf der Bettkante und schnürte im Blindflug ihre schwarzen Stiefel zu, nach denen die Schatten der Äste wie Klauen griffen.
Sie blickte auf ihre Armbanduhr: 20:30 Uhr.
Lebenslänglich! Nur noch 30 Minuten und dieses Urteil des selbstgerechten Richters würde nach zwei Jahren Haft hinfällig sein.
Beim bloßen Gedanken an seine belehrenden Worte verdrehte sie die Augen. Immer die gleiche Leier!
Petra richtete ihren Blick auf den Boden und betrachtete dort das Schattenspiel der Äste im kalkweißen Mondlicht. Sie schmunzelte: Ihr alle denkt, ihr würdet mit eurem Mob für bessere Haftbedingungen kämpfen. In Wahrheit seid ihr wie diese Äste gezwungen, euch im Rhythmus des Windes zu bewegen. Und ich gebe hier den Takt vor!
Ein unrundes Schlurfen vom Flur zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.
Petra atmete mit einem triumphierenden Lächeln tief durch die Nase ein und durch den Mund aus.
So schlurfte hier nur einer: Karl König! Und er öffnete bei seiner letzten Patrouille nie irgendeine Tür ohne triftigen Grund – perfekter Zeitpunkt!
Ein grollendes Räuspern hallte den Gang entlang.
Aus Petras Gesicht verschwand ihr Lächeln . Sie fixierte die Zellentür, schloss die Augen und lauschte mit angehaltenem Atem den Geräuschen vom Flur: abgesetzte Schritte und das rhythmische Klirren eines schweren Schlüsselbundes.
Verdammt, das war jemand anders – Schmidt! Der Mistkerl sollte doch heute frei haben!
Petras Magen zog sich zusammen. Das Blut pulsierte in ihren Ohren. Der wird mir noch alles vermasseln!
Sie ließ sich seitlich ins Bett fallen, zog die Füße mit den Schuhen dicht an den Körper ran und riss die Decke über sich bis zum Kinn.
Heute keine Provokation! Sonst kann ich einpacken.
Zeitgleich verstummten die Schritte genau vor ihrer Zellentür.
Beim Metallscharren der Blende stockte Petra der Atem. Stille – ihre Muskeln waren zum Zerbersten angespannt.
Geh weiter! Heute hast du keinen …!
Ein Klacken und Schaben, dann flog die Tür mit Schwung auf. Im Rahmen stand Uli Schmidt!
Obwohl das kalte Flurlicht den Raum flutete, leuchtete er ihr mit seiner Taschenlampe direkt ins Gesicht.
„Na, Schwarz? Lebst du noch?“
Petra rieb sich die Augen und blinzelte schwerfällig gegen das Licht: „Habe ich kein Recht mehr auf Schlaf?“
Mit wenigen Schritten trat Schmidt dicht an ihr Bett. Er hielt die Lampe auf sie gerichtet und beugte sich näher zu ihr.
Der Geruch von kaltem Zigarettenqualm und Schweiß stieg Petra in die Nase und ließ sie würgen.
„Mir gefällt nicht, dass du heute so ruhig bist!“, zischte er.
„Es ist kalt!“, brummte sie und zog die Decke höher. Dabei schwitzte sie darunter und ihre Kleidung war bereits klamm.
Schmidt richtete sich auf und der Schein seiner Taschenlampe suchte langsam ihre Silhouette ab. „Versteckst du da was?“ Seine Hand wanderte zur Bettdecke.
Er ahnt was! Ich muss offensiver vorgehen!
Sie ließ die Decke so weit runterrutschen, dass ihr Hals zu sehen war. „Wollen Sie mir heute Nacht Gesellschaft leisten? Dann ist es mir bestimmt wärmer!“
Schmidt hielt inne und zog seine Hand zurück. „Du bist pervers, Schwarz!“
Er wandte sich ab und marschierte Richtung Tür.
Petra atmete auf und entspannte die Beine etwas.
Im Rahmen drehte er sich mit einem Lächeln um und blendete sie wieder mit seiner Taschenlampe: „Na dann schlaf mal gut, Schwarz!“
Als der Schein in einem zufälligen Schlenker erneut über ihren Körper glitt, verfinsterte sich sein Blick.
Petras Puls beschleunigte sich. Ist ihm etwas aufgefallen?
Kapitel 2 (Petra Schwarz – Frauen JVA Pankow; Berlin)
Wie ein Jäger fixierte Schmidt sie mit seinem Blick und näherte sich ihrem Bett. Dabei suchte die Lampe Millimeter für Millimeter Petras Kontur ab.
Das grelle Licht brannte in ihren Augen, die sie schützend so weit zusammenkniff, dass sie seinen Schattenumriss erkannte.
Als sie sein breites Grinsen sah, presste Petra die Lippen so fest zusammen, dass um die Mundpartie die Farbe entwich.
Verdammt! Ob er was ahnte? Dann eben Angriff, oder …
Grinsend hob sie die Decke ein Stück an und schnalzte mit der Zunge: „Haben Sie es sich …?“
„Versuch’s erst gar nicht nochmal, Schwarz!“, unterbrach er sie. „Ich habe dich durchschaut! Die Schuhe haben dich verraten!“, zischte Schmidt bedrohlich, packte ihre Decke und riss diese mit einem Ruck weg.
Da lag Petra. Vollständig in Schwarz angezogen.
„Erwischt!“ Seine Augen leuchteten wie lodernde Glut. „Eindeutig ein Fluchtversuch! Du weißt, wo es für dich jetzt hingeht!“
Finster starrte sie ihn an und ballte im Schatten ihres Körpers eine Faust.
Er trat einen Schritt zurück. „So und jetzt hinsetzen! Füße auf den Boden und Hände hinter dem Kopf verschränken!“
Langsam folgte Petra seinen Anweisungen und überlegte fieberhaft: Wie komme ich hier wieder raus?
Im Nacken verschränkte sie die Finger, dabei fiel ihr Blick auf seine Hand, die am Griff des Schlagstocks ruhte. Wenn ich mich jetzt falsch bewege, wird er, wie die letzten Male, ohne zu zögern, damit zuschlagen!
„So bleiben, bis ich dir was anderes sage!“, befahl er und ließ sie nicht aus den Augen. Blind griff seine freie Hand nach dem Funkgerät an seinem Gürtel.
„Zentrale, hier Schmidt in Sektor B. Ich brauche Unterstützung in Zelle 104. Schwarz wollte wohl gerade auschecken. Akute Fluchtgefahr. Wir verlegen sie in die Arrestzelle.“
„Schmidt, hier Zentrale. Unterstützung ist auf dem Weg zu Ihrem Standort!“, erklang es aus dem Funkgerät.
Schritte schwerer Stiefel näherten sich zügig der offenen Zellentür. Manfred Bärenfeld tauchte darin auf. Er keuchte und auf seiner Stirn standen dicke Schweißtropfen. „Ich habe gehört,… Schwarz macht mal wieder Ärger?“
Schmidt ließ ihm keine Zeit zum Verschnaufen. „Stell nicht so dumme Fragen und mach deinen Job!“
Manfreds Blick kreuzte kurz ihren: „So Schwarz,… das Faulenzen… ist vorbei! Mit den Augen zur Wand… aufstehen und… und die Hände auf den Rücken!“, stammelte er nach Luft schnappend.
Petra reagierte nicht auf ihn.
Schon stand Schmidt neben ihr. „Hast du nicht gehört, Schwarz?!“, bellte er sie an, riss den ihm zugewandten Arm aus Petras Nacken und verdrehte ihn ihr so auf den Rücken, dass er sie bäuchlings aufs Bett niederzwang. Ein stechender Schmerz schoss in ihre Schulter.
Mit einem lauten Klick schnallte die Handschelle um das Handgelenk.
Als Schmidt auch den anderen Arm mit Gewalt auf den Rücken zwang und fixierte, zog Petra die Luft scharf ein.
„Alles muss man hier selbst machen!“, schnaubte er, wobei er sie in den Stand hochriss und seinen Kollegen verächtlich ansah. „Dann wollen wir mal!“
Manfred hastete heran, packte sie am anderen Arm und so führten die beiden sie aus der Zelle raus. Petra kniff die Lippen zusammen. Irgendwie muss ich Zeit schinden! Wenn ich in der Arrestzelle lande, ist mein Plan Geschichte!
Sie stolperte über ihre Füße und ließ sich in die Arme der Wärter fallen.
Schmidt verdrehte die Augen. „Haben wir das Laufen verlernt?“
Doch Petra bemühte sich nicht um einen aufrechten Gang und hing wie ein Sack Kartoffeln.
Er blähte die Nasenflügel auf und ein flüchtiges Grinsen huschte über seine Lippen. Schlagartig gruben sich seine Finger durch den Stoff ihrer Kleidung tief in das Fleisch ihres Armes rein.
Ein Schmerz schoss durch ihren Körper und ließ sie instinktiv einen Schritt zurückweichen.
Schmidt sah sie mitleidlos finster an und zog seinen Griff fester. „Du entscheidest, wie schnell und vor allem wie wir vorankommen!“
Petra atmete tief ein und stemmte die Füße in den Boden. Heute würde sie nicht in der Arrestzelle landen!
Schmidt zuckte die Schultern, bohrte den Daumen durch das Gewebe in den Nerv und zerrte sie unbeirrt weiter.
Sie schnappte nach Luft und der Boden unter ihr sackte weg.
„Nun stell dich nicht so an, Schwarz! Die Hälfte haben wir schon geschafft und du hast gleich mehr als genug Zeit zum Ausruhen!“ Schmidt zerrte Petra wieder auf die Beine.
Dabei wand sie sich ungeachtet der Schmerzen wie ein Aal.
„Wenn du dich weiter wie ein störrischer Esel benimmst, dann stecken wir dich gleich in den Bunker!“
Nein! Heute gehe ich weder in die eine noch die andere Hölle! Sie ließ sich zu Boden fallen und riss dabei Manfred mit sich. Schmidt dagegen löste reflexartig seinen Griff und behielt seinen sicheren Stand.
An den Handschellen zerrte er sie auf die Füße und nickte seinem Kollegen zu, der sich den Schmutz von der Uniform klopfte. „Jetzt geht’s für dich in den Bunker!“
„Wird man hier jetzt auch fürs Stolpern bestraft?“, funkelte sie ihn an.
„Nein! Aber du bist gerade so ungeschickt, dass ich Angst habe, dass du dich in der Arrestzelle verletzen könntest!“, grinste er und schob sie mit einem Ruck auf die Treppe zu.
Petra sah Manfred mit einem fragenden Blick an, der zog nur entschuldigend die Schultern hoch.
Jetzt stiegen sie die Treppe zum Bunker hinunter.
Ein beißender Desinfektionsgeruch kroch ihr in die Nase und wurde mit jedem Schritt in die Tiefe intensiver.
Gleich sind wir da! Petras Herz hämmerte gegen die Brust, als die Männer sie unerbittlich vorwärts schoben.
Die letzte Schleuse. Das Surren der Verriegelung hallte in ihren Ohren endlos nach.
Und dann standen sie vor der Tür zum besonders gesicherten Haftraum, dem Bunker!
Schweißgebadet friemelte Manfred mit dem Schlüssel am Schloss herum. Der falsche. Der nächste passte. Die Tür wurde geöffnet und Petra wich einen Schritt zurück.
Schmidts Daumen bohrte sich erneut an der gleichen Stelle tief in ihren Arm. Der Schmerz zerstörte jeden Gedanken an Flucht und zwang sie zu einer Grimasse.
Er grinste breit: „Freust du dich schon auf das Hinhocken und Husten?“
Mit einem Ruck an den Handschellen schob er sie taumelnd auf das schwarze Loch zu.
Heute nicht! Mein Plan wird funktionieren!
Petra übertrat mit einem Fuß die Türschwelle.
Da schrillte eine Sirene los und der Gang hinter ihr erstrahlte in einem warnenden Orange – der Feueralarm!
Manfred starrte Schmidt mit offenem Mund an. Der hielt in seiner Bewegung inne und Petra grinste. Die Show konnte beginnen!
Kapitel 3 (Petra Schwarz – Frauen JVA Pankow; Berlin)
„ACHTUNG, ACHTUNG! Das gesamte Gefängnis wird evakuiert! Alle Insassen haben sich ruhig zu verhalten und den Anweisungen der Beamten Folge zu leisten!“, unterbrach eine monotone Ansage das Geheul der Sirene.
„Rein mit dir!“, übertönte Schmidt den Lärm und schob Petra mit Nachdruck in den Bunker.
Sie versteifte den Körper: Nein, so ein Ungeheuer bist selbst du nicht!
Manfred sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an: „Wenn wir das durchziehen, und ihr passiert was, dann ist das Mord!“
Schmidt schnaubte verächtlich: „Pah, dessen bin ich mir bewusst! Wollte sie nur mal dran erinnern, wie die Luft da drinnen ist!“ Mit diesen Worten zerrte er sie rückwärts wieder in den Flur und schmiss mit einem Knall die Türe zu.
„Hast du heut ein Glück, Schwarz! Statt Bunker darfst du frische Luft schnappen. Aber ich warne dich…“ Er zog sie kurz zu sich ran und missachtete jegliche Distanz. „Ein krummes Ding von dir und ich stecke dich persönlich da rein, bis das Chaos sich wieder gelegt hat!“
Sein Schweißgestank stieg ihr in die Nase und ließ sie würgen.
„Und jetzt vorwärts, Schwarz! Ich will wegen dir hier unten nicht verrecken!“, schubste er sie den Flur entlang, während Bärenfeld vorauseilte und die Schleuse öffnete.
Schmidt schob sie vehement die Treppe zum Erdgeschoss hoch.
Oben schlug ihnen beißender Rauch entgegen. Es roch nach verschmortem Plastik. Er drängte sie auf eine Tür zu, über der sich eine grüne Notausgangsleuchte durch den dichten Qualm abzeichnete.
Draußen sog Petra gierig die kalte Hofluft ein. Doch im geschlossenen Vier-Seiten-Hof sammelte sich immer mehr Rauch, was das Atmen erschwerte.
Die Funkgeräte der beiden Wärter knacksten: „An alle! Tumult im Quadrant C auf dem Hof! Brauchen Verstärkung zum Eindämmen!“
Schmidt ließ Petra los: „Bärenfeld! Bring sie zum Sammelplatz S und lass sie mir nicht aus den Augen! Wer weiß, ob sie hier ihre Finger nicht im Spiel hat. Und du, Schwarz, denkst an meine Worte!“ Damit verschwand er in der Menge.
Petra grinste breit. Doch ihr Lächeln verflog, denn Manfred packte sie feste und drängte sie auf den Hof in Richtung der abgegrenzten Zone.
„Au!“, ranzte sie ihn an. „Du kannst das Schauspiel sein lassen! Wir sind wieder im Spiel!“
„‘Tschuldigung, dachte bis eben, es sei alles gelaufen!“, brummte er in seinen Dreitagebart und schob Petra unbeirrt an den johlenden Häftlingen vorbei. Sein Griff und der Druck auf die Handschellen lockerten sich.
Ihr Weg führte sie direkt auf eine abgesonderte Gruppe von zehn Insassen zu, die von mehreren Wärtern umringt auf dem Boden saßen.
Eine Alarmglocke schrillte in Petras Kopf: Das ist Sammelplatz S! Ihr entgleisten alle Gesichtszüge. Ob Manfred sie nur austrickste?
Er nickte seinen Kollegen stumm zu und schob sie an der Gruppe vorbei.
Sie alle starrten Petra feindselig an. Die Hände dieser Häftlinge waren mit weiß schimmernden Kabelbindern auf dem Rücken fixiert.
Der Anblick der Frauen ließ ihr ein Schmunzeln über die Lippen huschen: Hat man euch etwa beim Zündeln erwischt?
Mandy, die direkt an der Absperrung hockte, rief: „Na Schwarz, dein Plan ging mal gehörig nach hinten los!“
Der bissige Unterton in Mandys Anklage ließ Petra kalt. Wenn du wüsstest, dass du von Anfang an bloß ein Bauernopfer in diesem Spiel warst!
Sie schenkte ihr nur ein kleines Lächeln und folgte Manfred widerstandslos.
Er führte sie zu einer Tür, zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und steckte ihn ins Schloss.
Da barsten etliche Fenster gleichzeitig auf der anderen Seite des Hofes.
Die Menge kreischte und selbst Manfred zuckte zusammen.
Nur Petra behielt die Ruhe: „Jetzt mach schon! Die Gelegenheit ist günstig!“, trieb sie ihn zur Eile an.
Er öffnete die Tür und beide verschwanden darin.
Die Tür schloss den Lärm draußen aus und der Qualm war hier drinnen nicht mehr so dicht.
Manfred eilte los. Petra stolperte hinterher und schimpfte: „Nimm mir endlich diese verdammten Dinger ab! Ohne die bin ich schneller!“
Er hielt an, befreite sie von den Handschellen und sie rieb sich die roten Striemen am Handgelenk.
Manfred führte sie durch die verwinkelten Gänge. Der Duft von Kaffee und Druckerschwärze vermischte sich mit dem Brandgeruch. Der Verwaltungstrakt.
Ein flaues Gefühl keimte in ihr auf, als sie ihm hinterher hetzte.
Bis jetzt hat er mich nicht enttäuscht! Na ja, bei 20.000 € Spielschulden ist er auf jeden Cent von mir angewiesen.
Er öffnete eine Tür und deutete ihr wortlos dort reinzugehen.
Ein muffiger und fauliger Geruch schlug ihr entgegen.
Der Material- und Umkleideraum der Reinigungskräfte.
Manfred holte einen Schlüssel aus seiner Uniformjacke und schloss den letzten Spind auf. Er reichte ihr daraus eine Feuerwehrmontur samt Atemschutz.
Sie lächelte zufrieden und zog die Hose, die an ihren dünnen Beinen schlotterte und perfekt ihre schwarzen Schuhe verdeckte, an. Dann die schwere Jacke.
Als Manfred ihr zitternd einen Schlüsselbund mit Mini-Handschellen dran gab, grinste sie: Alles hat er wie besprochen organisiert.
„Ein BMW X5 steht immer an der Kreuzung Arkonastraße und Kissingenstraße!“
Petra starrte ihn an und zog den Reißverschluss der Jacke zu: „Einen auffälligeren Wagen konntest du nicht finden?!“, zischte sie.
„Schmidts Wagen! Er ist der Einzige, der seinen Schlüsselbund unachtsam offen im Pausenraum liegen lässt!“, verteidigte sich Manfred. „Der graue Polo steht wie vereinbart in der Arnold-Zweig-Straße bei den Glascontainern. Schlüssel ist in einer Magnetbox im vorderen Radkasten Fahrerseite.“ „Schmidts Wagen?“, wiederholte sie lachend und streifte sich dabei die schwarzen Handschuhe über.
„Der wird sein blaues Wunder erleben.“
Dann drückte Manfred ihr einen abgerissenen Clip in die Hand.
„Wie soll ich mit diesem Stück Müll bitte durch die Kontrolle kommen? Ich wollte einen Mitarbeiterausweis haben!“, schnauzte sie ihn an und hielt ihm den Abfall unter die Nase.
„Das wäre aufgefallen! Du musst dir eben was einfallen lassen. Das oder gar nichts!“, wies Manfred sie zurecht.
„Gut, dann müsste ich jetzt alles haben!“, murmelte Petra, bevor sie die Sauerstoffflasche mit einem Schnaufen schulterte und die Atemschutzmaske aufsetzte.
Kapitel 4 (Petra Schwarz – Frauen JVA Pankow; Berlin)
Manfred wandte sich zur Tür und griff nach der Klinke.
Petra hielt ihn an der Schulter zurück. „Du musst mich noch zum Ausgang bringen!“, nuschelte sie durch die Maske.
„Ich hatte nicht vor, dich hier stehen zu lassen! Ohne die restlichen 15.000 Euro von dir bin ich aufgeschmissen!“, grummelte er und zog die Türe auf.
Eine weiße Wand schlug ihnen vom Flur entgegen.
„Verdammt! Wo kommt denn der viele Rauch her?“, fluchte er luftschnappend.
Ohne zu zögern, nahm sich Petra einen Lappen vom Putzwagen, tränkte diesen unterm Wasserhahn und reichte ihn Manfred.
Widerwillig fasste er den grau-gesprenkelten Lumpen an einer Ecke an und verzog die Miene.
„Das oder gar nichts!“, war nur ihre Aussage.
Er presste den Lappen auf Mund und Nase und kämpfte gegen den Würgereiz an.
„Und jetzt vorwärts, die Zeit drängt“, trieb Petra ihn an.
Taumelnd lotste er sie durch die schmalen Gänge. Alle paar Meter lehnte er sich hustend an die Wand.
„Stell dich nicht so an!“. Stützend griff Petra ihm unter die Arme: „Wo geht’s jetzt lang?“
Er deutete in eine Richtung.
Durch den dichten Rauch sah sie kaum ihre eigene Hand.
Ein Feuerwehrmann kam hinter der nächsten Ecke auf sie zu geeilt und packte Manfred am anderen Arm.
„Wo hast du denn den aufgegabelt? Der Bereich sollte doch geräumt sein!“
„Auf der Toilette! Hat die Gefahr wohl unterschätzt. Zu seinem Glück bin ich nochmal reingegangen.“
Perfekt! Glaubwürdiger kann man die Rettungssituation nicht simulieren!
Sie näherten sich dem Tor, an dem zwei JVA-Beamte standen. Ohne eine Erklärung zu verlangen, traten sie zur Seite.
Petra und der Feuerwehrmann schleppten den benommenen Manfred zum nächsten Krankenwagen. Dort legten sie ihn auf eine Trage und Sanitäter versorgten ihn mit Sauerstoff.
„Auch wenn du ihm das Leben gerettet hast, sprechen wir nach dem Einsatz nochmal über deinen Alleingang!“
Petra nickte kurz und deutete auf die Anzeige ihrer Sauerstoffflasche. „Ist leer! Muss sie wechseln!“, gab sie ihm zu verstehen.
Er ließ sie stehen und eilte ins Gefängnis zurück.
Zügigen Schrittes ging sie zum Technikerwagen und setzte dort die Flasche ab. Sie sah sich verstohlen um und zog den Autoschlüssel aus der Tasche. Keiner beachtete sie. Hinter der offenen Wagentür riss sie sich die Uniform vom Leib und versteckte alles in einem der vielen Fächer des Feuerwehrwagens.
Von der schweren Montur war sie schweißnass gebadet, doch sie musste weiter.
Am Ende der Straße fiel ihr das Blaulicht auf. Mist! Die Bullen waren schneller wie erwartet. Aber für diesen Fall hatte sie vorgesorgt.
Vor der Absperrung verlangsamte Petra ihren Schritt und holte tief Luft.
Ein markanter Alarmton aus dem Streifenwagen zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und sie lauschte dem darauffolgenden Funkspruch: „An alle Einheiten in Berlin! Achtung Fahndung! Gefangenenflucht aus der JVA Pankow. Weibliche Person, Petra Schwarz, ca. 1,65 m, blaue Augen und schulterlange dunkelblonde Haare. Sie trägt schwarze Schuhe, schwarze Jeans und einen schwarzen Pullover. Alle Kräfte im Sektor 3 beziehen sofort die Posten für Ringfahndung Stufe 1. Weitere Daten auf dem Terminal. Ende.“
Petra stockte der Atem: Das war zu schnell! Woher wussten sie…
Der Polizist im Streifenwagen betrachtete das Fahndungsfoto und schaute auf. Er fixierte sie sofort. Sie ließ sich nichts anmerken und beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Der Beamte stieg aus, trat einen Schritt auf sie zu und legte eine Hand an die Waffe. „Entschuldigen Sie, könnte ich Ihren Ausweis bitte sehen?“
Das Absperrband war nur noch einen Meter von ihr entfernt, doch sie wandte sich dem Polizisten zu. „Ja, gerne!“, sagte Petra mit einer freundlichen glockenklaren Stimme. Aber in ihr brauste das Adrenalin durch die Adern und ihr Herz schlug wie ein Presslufthammer gegen die Brust.
Sie griff bedächtig in ihre Jeanstasche, wo sich nur der Autoschlüssel befand. Der Blick des Beamten verfinsterte sich.
Krampfhaft umfasste sie den Schlüssel in der Tasche, tastete nach den Tasten und betätigte eine.
Direkt hinter dem Polizisten leuchteten die Scheinwerfer eines großen Wagens schlagartig auf. Dieser plötzliche Reiz lenkte den Beamten für den Bruchteil einer Sekunde von Petra ab.
Sie nutzte den Moment und tauchte unter der Absperrung hindurch. Sprintete die drei Meter zu dem Auto und riss die Tür auf. Schwang sich auf den Sitz. Steckte den Schlüssel ins Zündschloss und erweckte den Motor mit einem sportlichen Dröhnen zum Leben. Petra hatte keine Zeit, das Geräusch zu genießen. Sie drückte das Gaspedal durch und raste davon. Sie kannte ihr Ziel: Das Fluchtauto in der Arnold-Zweig-Straße!
Soweit erstmal der Anfang!
Ich freue mich auf eure konstruktiven Kritiken und hoffe mir ist der Einstieg gelungen.
Julia