Es fehlen noch einhundert Rosinen, dann bin perfekt, duftend nach Orangen, Zitronen, dick gezuckert, buttrig triefend.
„Hmmm, riech doch mal, Hilde“ rief die Frau, die mich erstanden hatte. Dann wurde es plötzlich dunkel. Wo war ich? Ich fiel in ätzende Flüssigkeit, duftete nicht mehr, in Einzelteile zerlegt. Unrühmliches Ende, welch Schmach.
Paul, Meisterbäcker des berühmten Striezels geriet in die Schlagzeilen der hiesigen Lokalzeitung. Grund waren Beschwerden zweier Damen, die nach dem Genuss seines Stollens Verstopfung erlitten. Ein Einlauf erlöste ihre Pein. Paul beteuerte, dass alle Zutaten von ausgezeichneter Qualität waren, die Damen die einzigen waren, die seinen Striezel nicht vertrugen.
Es fehlen noch einhundert Spatenstiche, bis das Loch tief genug ist. Wahrscheinlich würden die guten zwei Meter schon reichen, ich grabe nur sicherheitshalber weiter. Und fürs Hochgefühl, das sich einstellt. Eine Schaufel Erde fliegt hinaus.
Zweiundsiebzig.
Man kann die Freiheit direkt riechen. Freiheit duftet nach Wald, Regen und Würmern. Habt ihr nicht gewusst, wa? Grab ich tief genug, komm ich locker bis China! Aber da will ich gar nicht hin.
Siebenundvierzig.
Bisschen verrottet riecht es auch hier unten. Nur, falls ihr euch fragt.
So, scheiß auf hundert, das reicht. Eine letzte Schaufel Erde, dann kommt die Alte weg. Für immer.
Es fehlen noch einhundert Schritte. 4000 Schritte am Tag, so stand es im Apothekenblatt, und man ist gesund. Die Forschung hatte sich von den 10 000 auf 4000 zurück korregiert.
Ilse schappt nach Luft. Ihre Beine schmerzen. 3900 steht auf dem Fitbit an ihrem Arm. Die Enkelkinder hatten ihr den Fitbit zu Ostern geschenkt. Schön ist das Ding ja nicht aber es zählt mit.
Ilse schiebt ihren Rollator ein kleines Stück nach vorne. Vorsichtig setzt sie erst den linken und dann den rechten Fuß nach. „Halte durch“, sagt sie sich. „Nur noch 98 Schritte und Du bist wieder gesund.“
Es fehlen noch hundert Küsse beim Maitanz mit Anna auf dem Dorfplatz. Während die Dorfmusi eher quietschend einer Gugge-Musik ähnelte, nehme ich sie jetzt zärtlich in meine Arme. Kurz vor dem ersten Kuß auf dem erhöhten Tanzboden schlug die Pauke so heftig, das Anna erschrocken nach hinten trat, den tanzenden Bürgermeister erwischte, der dann krachend vom Tanzboden auf den mit teils vollen Biergläsern drapierten und geschmückten Tapeziertisch krachte. Die dort sitzende Schützenbruderschaft sprang schreiend auf. Die Dorffeuerwehr dachte an eine Schlägerei und zielte mit der alten Feuerspritze an der vier Männer kräftig pumpten mit genauem Wasserstrahl in die Menge. Hurraaah!
Es fehlen noch einhundert Worte, nein, mir fehlt nur ein einziges Wort, das ich von Dir seit Monaten nicht mehr gehört habe. Du, der kaum so schnell reden wie denken konnte. Ein Gestern gibt es genauso wenig wie ein Morgen für Dich. Heute besteht aus fünf Buchstaben, deren Sinn weggebröckelt ist. Ich verstehe, dass Menschen in Deiner Umgebung nur noch ein »Er« und ein »Sie« sind. Manchmal hoffe ich, dass Du wirklich mich meinst, wenn wir zusammen sind, wenn ich Dich in den Arm nehme, dich tröste, wenn Du in Deinem Zimmer die Orientierung verloren hast. Sag ein Wort: Sabine.