Anbei noch Kapitel 2. Ich bin schon gespannt, was ihr dazu sagt!
Gruß
Super Girl
Kapitel 2 - Das Zepter der Zeit
Sybilla wusste, dass es eine große Ehre in der Gemeinschaft war, zum Wächter der Zeit ernannt zu werden. Es war mehr eine Berufung als ein Beruf und trotzdem wurde sie als Nachfolgerin von Maurice, dem aktuellen Wächter der Zeit, in einer dreijährigen Ausbildung entsprechend unterrichtet. Die Regeln beherrschte sie mittlerweile im Schlaf. Die erste Regel lautete, dass ein Wächter der Zeit mit niemandem außer seinem Nachfolger über seine Tätigkeiten sprechen durfte. Die zweite Regel besagte, dass die Tätigkeiten in der Ausbildung vor allen anderen Aktivitäten Vorrang hatte. Sogar die Pausen- und Arbeitszeiten waren streng geregelt. Exakt um 08:00 Uhr war Ausbildungsbeginn. Um Punkt 12:00 Uhr mussten sich alle Auszubildenden der Gemeinschaft im Speisesaal der Sekundären Lehranstalt einfinden. Dort wurde zuerst geprüft, in welcher Verfassung die Auszubildenden waren. Dann mussten sie ein Protokoll unterschreiben, dass sie fit genug waren, ihre Ausbildung weiter durchzuführen. Es konnten selbst Auszubildende nach Nirgendwo geschickt werden, sollten sie in schlechter Verfassung für ihre Berufsausbildung sein.
Sybilla seufzte leise, als sie im Speisesaal der Sekundären Lehranstalt eintraf und sich, wie alle anderen, in eine lange Schlange einreihte, die sich vor dem Protokollpult gebildet hatte. »Das wird ein langer Tag werden«, dachte sie. »Und noch dazu habe ich schlecht geschlafen.«
Die junge Wächterin zwang sich dazu, einen fitten Eindruck auf die Prüfer zu erwecken, indem sie einen Punkt im Raum fixierte: Die Essensausgabe, an der jeden Tag der gleiche graue Einheitsbrei serviert wurde: eine Pampe, die angeblich aus vielen Nährstoffen und Proteinen bestand. Allein bei dem Gedanken daran zog sich Sybilla der Magen zusammen. Sie hatte nicht sonderlich Lust auf diesen Brei, wusste aber, dass sie nur dann Leistungen erbringen konnte, wenn sie etwas aß.
»Sie haben keine Ahnung«, führte Sybilla ihren Gedankengang weiter, »von Liebe, Lachen und den schönsten Farben der Welt.« Dass sie andere Farben außer Grau sehen konnte, hatte sie der Gemeinschaft verschwiegen. Nur Maurice wusste darüber Bescheid. Das war auch eine Eigenschaft, die nur ein Wächter der Zeit besaß. Für alle anderen Bürger war der Alltag grau. Zeitig aufstehen, um 08:00 Uhr zur Arbeit antreten, um 12:00 Uhr zur alltäglichen Tauglichkeitsprüfung antreten und um 13:45 Uhr weiterarbeiten, bis um 17:30 Uhr endlich Feierabend war. Und das Tag für Tag.
Sybilla warf einen raschen Blick auf die Wanduhr. Sie hatte das Gefühl, dass die Warteschlange vor ihr kein Ende nehmen wollte, und seufzte leise. Nur wenig später erfuhr sie den Grund für die lange Wartezeit. Konstantin, einer ihrer damaligen Mitschüler an der Primären Lehranstalt, behauptete, topfit zu sein, obwohl der Tauglichkeitsprüfer erwiderte: »Du bist nicht fit, Junge. Ich vergebe sieben von zwölf Punkten. Du weißt, was das heißt?« Niedergeschlagen ließ Konstantin den Kopf hängen. »Ich darf heute nicht im Bürgeramt weiterarbeiten?«
»Genau so ist es. Geh nach Hause und schlaf dich ordentlich aus. Das ist eine strikte Anweisung, der du unweigerlich Folge leisten wirst!«
Sybilla schluckte. Was passierte wohl mit ihr, wenn die Tauglichkeitsprüfer merkten, dass sich ihr Gemüt durch ihren letzten Gedanken-Zeitsprung verändert hatte? Würde man sie ihrer Berufung entbinden und nach Nirgendwo schicken? Die junge Wächterin bemerkte, dass ihre Hände leicht zitterten. Angestrengt versuchte sie, ruhig zu bleiben, doch je mehr sie dies erzwingen wollte, desto stärker zitterten ihre Hände. Das bemerkte Andreas, der hinter ihr stand. Er flüsterte: »Sybilla? Was ist los? Du hast doch nicht etwa Schiss vor der heutigen Tauglichkeitsprüfung? Oder?«
Der sommersprossige Junge, den Sybilla heimlich mochte, warf ihr einen fragenden Blick zu.
»Natürlich nicht«, log Sybilla. Sie wusste, dass Ehrlichkeit eine wichtige Regel in der Gemeinschaft war. Aber sie als angehende Wächterin der Zeit durfte lügen, ohne dafür bestraft zu werden. Das war einer der Vorteile, die ihre Tätigkeit mit sich brachte.
»Ich habe schlecht geschlafen, wenn du es genau wissen willst. Aber ich fühle mich definitiv fit für den heutigen Ausbildungstag!«
Obwohl Sybilla flüsterte, blickten sich einige Auszubildende in der Warteschlange neugierig zu ihr um. Jeder wusste, dass Sybilla eine Einzelgängerin war. Auch Konstantin, der sich zum Gehen wandte, drehte sich noch einmal zu den Wartenden um. Ihm war bewusst, dass Sybilla kein leichtes Leben hatte, so ganz ohne Freunde oder Familienangehörige. So fasste er sich ein Herz und rief: »Seht nur, ein unbekanntes Flugobjekt! Der Speisesaal muss sofort evakuiert werden, die Außerirdischen kommen!«
»Das glaubst du doch wohl selbst nicht, Junge. Für diese dreiste Lüge gibt es einen Punkt Abzug!«
Hatte jemand null Punkte oder gar Minuspunkte, wurde derjenige, ohne zu zögern, nach Nirgendwo geschickt. Mit diesem Wissen im Hinterkopf beäugte Sybilla ihren einstigen Mitschüler skeptisch. Wollte Konstantin den Speisesaal räumen lassen, um ihr eine peinliche Befragung zu ersparen? Mochte er sie etwa? Gab es vielleicht doch Hoffnung für diese Welt, was die Liebe betraf?
Sybilla wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie jemand von der Seite packte. Es war Maurice, der wie aus dem Nichts auftauchte. »Sybilla Sekundor kommt mit mir. Sie wird ihr heutiges Mittagsmahl mit mir einnehmen. Keine Diskussion!« Es war mehr ein Befehl als eine Bitte, stellte Sybilla verwundert fest. Froh darüber, sich der Tauglichkeitsprüfung entziehen zu können, stolzierte Sybilla mit erhobenem Haupt hinter ihrem Mentor her. Ein Staunen und Raunen hallte durch den Saal. Es hatte gewisse Vorzüge, eine Wächterin der Zeit zu sein!
»Hast du den anderen Auszubildenden von deinen Gedanken-Zeitsprüngen erzählt?«, wollte Maurice von Sybilla wissen, kaum dass sie das Haus der Zeit betreten hatten, wo Maurice wohnte und arbeitete.
»Natürlich nicht. Wie kommst du darauf?«
»Ich habe geahnt, dass du mit den letzten Gedanken-Zeitsprüngen nicht alleine fertig wirst. In Zukunft musst du das aber, denn ich kann nicht ewig für dich einspringen. Verstehst du jetzt, warum ich isoliert von der Gemeinschaft lebe und arbeite? Niemand muss wissen, dass ein Wächter der Zeit an alten Werten festhält. Im schlimmsten Fall würden sie dich nach Nirgendwo schicken. Die Ältesten haben ihre Vorstellungen von einer funktionierenden Gemeinschaft und wir haben unsere. Du musst lernen, dass es ein Gleichgewicht gibt, das selbst wir Wächter der Zeit einhalten sollten. Das Gleichgewicht zwischen Graubürgern, wie ich die anderen aus der Gemeinschaft hinter ihrem Rücken nenne, und uns, den Farbsehenden. Für die Graubürger gibt es nur die Standardregeln. Für uns, die Farbsehenden, gelten andere Gesetze.«
»Warum dürfen wir diese Welt nicht zum Besseren verändern?«, rutschte es Sybilla heraus. »Warum müssen wir uns der Gemeinschaft fügen? Nur weil sie es uns vorschreibt?«
»Vergiss bitte nicht, Sybilla, auch für dich gelten Regeln. Wenn wir in dieser Welt etwas erreichen wollen, müssen wir das Gleichgewicht bewahren.«
»Wie geht das?« Sybilla war kurz davor, zu weinen.
»Indem wir die Erinnerungen an das Vergangene und an das Künftige in der Gegenwart verbinden.«
Maurice reichte Sybilla ein Taschentuch, um die Tränen zu trocknen, zusätzlich klopfte er ihr auf die Schulter. »Keine Sorge, ich werde dich in die Zeit-Kanalisation einweisen. Das ist sowieso der nächste Schritt in deiner Ausbildung. Dafür brauchen wir allerdings das Zepter der Zeit, ein mächtiges Artefakt. Und nur ich weiß, wo es sich aktuell befindet. Komm mit, ich werde es dir zeigen.«
Bevor sich Maurice mit Sybilla auf den Weg zur Halle der Zeit machen konnte, taumelte sie. Sofort stützte sie der Ältere, damit sie nicht zu Boden krachte.
»Was hast du? Wieder einen Gedanken-Zeitsprung?«
Doch Sybilla antwortete nicht, so gefesselt war sie von dem, was sie nun sah.
»Du bist ja ganz blass um die Nase, Sybilla. Nun erzähl, was hast du gesehen? Ich will dich nicht drängen, aber mein Zeitplan sieht vor …«
»Vergiss deinen Zeitplan, wir haben andere Sorgen. Das Zepter der Zeit wird heute gestohlen werden. Ich werde die Diebe aufhalten. Ich hatte einen Gedanken-Zeitsprung von einem künftigen Ereignis. Drei merkwürdige Männer werden in Kürze hier erscheinen, mit dem Zepter in ihren Händen. Das ist kein Scherz, Maurice. Ich weiß aus den theoretischen Grundlagen in deinem ersten Ausbildungsjahr, dass das Zepter der Zeit sehr mächtig ist. Dieses Wissen hast du mir bereits vermittelt, falls du das vergessen haben solltest. Wir sollten besser sofort handeln, sonst sieht unsere Zukunft nicht gerade rosig aus«, fiel Sybilla ihm lautstark ins Wort.
Im nächsten Augenblick eilten drei Männer in grauen Anzügen um die Ecke. Maurices Assistent Waldemar rief: »Haltet die Diebe!«
Sybilla seufzte. Maurice schlug sich entsetzt eine Hand vor den Mund. Sybilla versprach dem alten Wächter, vorsichtig zu sein. Gleich danach rannte sie, ohne zu zögern, den Männern hinterher. Waldemar rief: »Das Zepter der Zeit ist weg!«