Die Vinaigrette

Ich wollte auch mal was zum Lesen bereitstellen. Diesen Text hatte ich bereits in einem anderen Forum gepostet. Entstanden ist er, weil eine Teilnehmerin irgendwo den Spruch „Alcohol – because no great story ever began with a salad“ gelesen hatte. Also rief sie eine Herausforderung aus, eine gute Geschichte mit Salat zu schreiben. Leider gab es nicht viel Feedback, aber das besagte Forum ist auch wesentlich kleiner als dieses hier. Inzwischen ist etwas Zeit vergangen, außerdem habe ich eine Papyruslizenz erworben. Ich habe die Geschichte also nochmal grundlegend überarbeitet und freue mich auf konstruktives Feedback oder besinnungslose Lobhudelei :slight_smile:
Nee ganz ehrlich, tobt euch gern aus, im Rahmen der Netiquette.
Wer die Geschichte nicht mag, kann immerhin mit etwas Mühe einen meiner Lieblingssalate dechiffrieren. :wink:

Für diejenigen, die lieber in Pap lesen: Vinaigrette.pap (24,7 KB)


Die Vinaigrette

Salat? Um diese Zeit ausgerechnet Salat?

Er konnte es nicht glauben! Nicht weniger als sechs Restaurants hatte er einmal besessen, zwei davon mit Michelin Stern! Aber sie wollte Salat?

Er ließ das Krankenhaus hinter sich. Die Stadt schlief, soweit man das von einer modernen Großstadt mit all ihren grellen Lichtern und Neon-Reklamen noch sagen konnte. Aber zumindest der Verkehr hatte nachgelassen. Die Kassiererin des 24-Stunden-Marktes schien ebenfalls zu schlafen. Jedenfalls reagierte sie kein bisschen auf die Salatzutaten, die sich Stück für Stück vor ihr auftürmten.

»Guten Abend«, sagte er ein bisschen lauter, als es nötig gewesen wäre. Tatsächlich erwachte sie aus ihrer Trance und begann wortlos seine Einkäufe über den Scanner zu ziehen. So langsam wie sich die Dame bewegte, musste er jetzt aber selbst darauf achten, nicht wegzudriften. Er ließ die Zutaten Stück für Stück in seinen Einkaufskorb fallen. So konnte er gleich den Einkaufszettel kontrollieren.

»200 Gramm Gouda« stand ganz oben. Das war nicht überraschend. Käse war immer ihre Welt gewesen. Nicht einmal er hatte gewusst, wie viele Sorten Gouda es gab, bevor sie die Stadt selbst besucht hatten. Wie ein kleines Kind war sie von einem Geschäft zum nächsten getänzelt.

Warum waren sie eigentlich in Gouda gewesen? Er kramte in seinem Kopf, während er den halben Bund Petersilie auf der Liste abhakte. Ahja, sie hatten doch seinen Abschluss gefeiert!

Sie hatte mit ihm gewettet, dass er als Jahrgangsbester abschließen würde. Er hatte sie für verrückt erklärt. Zu viele begabte Kochschüler allein in seiner Gruppe. Der Gewinner sollte einen Ort zum Feiern aussuchen und eine Strafe.

Er schloss die Augen und stand wieder im Flur der alten Schule. Der PVC-Fußboden quietschte rhythmisch, während er von einem Fuß auf den anderen trat und darauf wartete, bis seine Mitschüler entweder grinsend oder fluchend gegangen waren. So zögerlich, als müsste er sich bei der Liste entschuldigen, näherte er sich dem langen Zettel.

Doch sie hatte Recht behalten. Sein Name stand ganz oben. Und als er sich umdrehte stand sie bereits hinter ihm, bewaffnet mit zwei Fräulein-Antje-Kostümen. Noch am gleichen Tag saßen zwei Fräulein Antjes im Zug auf dem Weg nach Gouda. Etwas Peinlicheres würde er nie wieder im Leben tun. Trotzdem schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen.

»Alles?«, fragte die Kassiererin. So wie sie klang, hätte sie wohl lieber weitergeschlafen. Aber er musste ohnehin los. Nach einem kurzen Blick auf sein Handy, nahm er seine Einkäufe und machte sich auf den Heimweg.

Während er im Markt gewesen war, hatte ein leichter Nieselregen eingesetzt. Hoffentlich würde das nicht noch stärker, er hatte keinen Schirm dabei. Er warf nochmal einen Blick auf den Zettel, aber alles hatte seine Haken. Außer Salz, Pfeffer, und Öl, die hatte er stehen lassen.

»Ein Koch, der die Basics nicht daheim hatte, verdient seinen Titel nicht«, hörte er seinen Lehrer irgendwo in seinem Hinterkopf. Gut möglich, dass er von dem Kerl ein Trauma davon getragen hatte. Immerhin hatte der alte Zausel ihn beinahe alles hinschmeißen lassen. Der Mann hatte das Gemüt eines Straßenkaters gehabt, aber das Ego eines Pfaus. Er würde nie vergessen, wie er einmal vor den anderen Lehrlingen zur Schnecke gemacht worden war, weil ihm ein Salatblatt beim Schneiden vom Brett gerutscht war. Salat! Kein Kaviar, kein Blattgold, Salat!

Wie ein Hase vor dem Fuchs stand er ihm. Nur dass der Fuchs dem Hasen zwanzig Minuten lang jede Unzulänglichkeit aufzählte.

Die Tirade sollte ihn verletzten und das tat sie auch. Kreidebleich wankte er aus dem Raum. Dann rannte er aus dem Gebäude und übergab sich. Heute konnte er nicht mehr sagen, wie er nachhause gekommen war. In seinem ganzen Leben würde ihm so etwas nicht wieder passieren. Bis dahin hatte er nie auch nur eine Träne vergossen. Doch jetzt, als das Ziehen hinter seinen Nasenflügeln begann, gab es kein Halten mehr. Mit dem letzten Rest Fassung wählte er ihre Nummer.

Hätte es damals schon Handys gegeben, sie hätte wohl beim Auflegen schon vor seiner Tür gestanden. Viel länger brauchte sie allerdings auch so nicht. Stundenlang stand er an ihre Brust gedrückt da.

»Beim nächsten Mal sagst du aber, wenn ich mir noch eine Extrabluse mitbringen soll, ja?«, sagte sie schließlich und zupfte ihr durchtränktes Oberteil zurecht. Er sah sie eine Sekunde lang an. Dann prusteten sie beide und lachten, bis der Schmerz verflogen war. Das Aufgeben hatte sie ihm schneller ausgeredet, als er ihnen Sandwiches belegt hatte. Stattdessen beschlossen sie, es dem Alten jetzt erst recht zu zeigen.

Am Ende seiner Studienzeit reichte ihm dieser auch tatsächlich die Hand, auf Augenhöhe.

Regen fiel auf seinen ausgestreckten Arm. Es schüttete. Das Wetter wollte offenbar zum heutigen Tag passen. Mit dem einzigen flachen Objekt über dem Kopf, einer Packung Paprikapastete, rannte er die letzten Meter und sprang fast durch seine Eingangstür.

Er verschloss die Tür hinter sich, als würde der Regen ihm sonst nachfolgen. Dann warf er die nassen Sachen auf den Kleiderständer und kontrollierte sein Handy. Trocken, ok. Er stellte erstmal alle Einkäufe in der Küche auf, wie jedes Mal.

200 Gramm Paprikapastete, eine grüne Paprikaschote, eine rote Paprikaschote. Er hielt einen Moment inne. So viel Paprika? Hatte er sich vergriffen? Er las den Einkaufszettel nochmal und nochmal und noch ein drittes Mal. Doch es stand genau so da! Er hätte sich weniger gewundert, wenn er nicht wüsste, dass sie Paprika nicht ausstehen konnte. Sie hasste das Zeug so sehr, dass sie sich sogar einmal eine Riesenszene in einem 3‑Sterne-Restaurant geleistet hatte.

Er setzte sich erstmal. Seit ein paar Monaten hatte er einen Stuhl in der Küche stehen. Wann war das noch gewesen? Er hatte zu dem Zeitpunkt schon ein Restaurant geführt, aber sie hatte auch noch ihre langen, roten Haare. Also waren sie jedenfalls noch jung gewesen, vielleicht kurz vor der Diagnose. Er sah sie förmlich vor sich stehen, wütend mit dem Finger auf die Karte zeigen.

Die Beilage zu ihren, zugegeben exquisiten, Hühnerfilets, waren große, rote Paprikastücke gewesen. Sie sprach so schnell und so oft von ›Vergiftung‹ und ›Frechheit‹, dass selbst er sie kaum verstand. Der arme Kellner schien erst recht nicht zu wissen, wie ihm geschah. Und dann nahm sie ihren Finger von der Karte und gab das Wort »Paprikahälften« frei.

Oh verdammt! Sein Kopf raste. Wie konnte er fachmännisch darlegen, dass der Ärger über rote Paprikahälften auch dann berechtigt war, wenn »rote Paprikahälften« auf der Karte stand? Vielleicht konnte ja er mit einer allgemeinen Informationspflicht zu Paprikahälften argumentieren? Allergiker oder so?

»Bitte verzeihen sie mir«, unterbrach sie seine Gedanken, »Wir werden zur Strafe Teller waschen.«

Er kicherte beim Abspülen der Paprikaschoten. Sie hatte wirklich ›wir‹ gesagt. Aber so war sie. Immer schon.

Nach einer Stunde Abwaschen hatte er schon bewiesen, dass kulinarische Studien nicht unbedingt talentierte Tellerwäscher hervorbrachten. Aber er musste ja noch diesen riesigen Stapel anheben. Einen Schritt und ein Tischbein später, verwandelten sich die Teller in Geschosse. Der Abend wäre weniger wohl freundlich ausgegangen, wenn sie nicht wie mit behänden Sprüngen Schlimmeres verhindert hätte. Kaum zu glauben, dass sie einmal so beweglich gewesen war. Der Ninjaeinlage brach endgültig das Eis. Am Ende waren sie sogar per Du mit Team.

Das Lächeln wollte ihm nicht vom Gesicht weichen. Mit ihr auszugehen hatte eigentlich immer zu Chaos geführt. Chaos, das er heute vermisste. Sein Handy vibrierte kurz, aber es war lediglich die Wetterapp, die ihn auf den Regen von vorhin hinwies. Pünktlich wie immer.

Eine Zwiebel stand noch auf der Liste. Die könnte er ja schonmal schälen, während er überlegte, welches Rezept sie diesmal gemeint hatte.

»Was meinst du, Herr Zwiebelkopf?«, sagte er zu dem Gemüse in seiner Hand. Dann lachte er aus vollem Hals bis er hustete.

›Herr Zwiebelkopf‹ war natürlich ihre Erfindung. Aber es war schon eine ganze Weile her, dass ihn jemand konsultiert hatte. Es war allerdings auch eine Weile her, dass sie überhaupt etwas in ihrer Hand gehalten hatte.

Wann war das gleich, das mit dem Zwiebelkopf? Die Geschichte mit dem großen Baum? Ja… Ja doch, die musste es gewesen sein.

Er konnte ihr kindliches Gesicht vor sich sehen, oben im Kirschbaum eines Nachbarn. In Licht der Mittagssonne sahen ihre Haare richtig feuerrot aus. Sie saßen beinebaumelnd auf dem gleichen dicken Ast und stopften sich eine Kirsche nach der anderen in die Münder.

Doch dann! Ein Knarzen der Schuppentür! Sie riss die Augen auf. Er riss die Augen auf. Und nach einer Sekunde des Schreckens ließen sie sich beide an einem langen Ast zu Boden sinken. Den letzten Meter fielen sie, weil der Ast brach, aber ihre geschundenen Knie würden sie erst viel später bemerken. Jetzt zählte nur die Flucht. Sie sprangen über die Beete, stürmten über die Wiese und rutschten förmlich unter dem Zaun durch. Erst dann bemerkten sie den alten Mann, der ihnen gefolgt war. Er stand noch in seinem Garten und hatte den Ast erhoben, als wollte er damit zuschlagen. Tränen liefen ihm die Wangen hinunter. Sie gingen einen Schritt rückwärts, drehten sich um und rannten bis zum Ende der Straße und um die nächste Ecke.

Als sie sich sicher waren, dass er ihnen nicht gefolgt war und wieder atmen konnten, begannen sie zu lachen, laut und lang. Doch je länger sie lachten, desto unwohler fühlten sie sich. Sie hatten gestohlen und nicht einmal wahrgenommen, dass sie jemandem schaden würden. Scham schlich sich in die in die gute Laune, bis sie vollständig verflogen war.

Er hätte wohl mit der Schande gelebt und sich natürlich nie wieder dorthin getraut. Doch sie wahr anders. Sie wollte sich entschuldigen. Schnell kamen sie überein, dass sie zumindest ein kleines Geschenk mitbringen mussten. Als Kinder hatten sie zwar kein Geld, aber zu dieser Zeit waren Zwiebelmännchen gerade sehr in Mode. Nur wussten sie nicht ansatzweise, wie man eines herstellte. Das Ergebnis ihres Unwissens besaß schlussendlich einen riesigen Kopf und einen winzigen Körper.

Er hatte das kürze Streichholz gezogen, also klingelt er, nur um sich sofort hinter ihrem Rücken zu verstecken. Mit dem ersten Türspalt ließ sie sich auf den Boden fallen und hielt dem alten Mann die Figur hin, als würde sie dem König ihr Schwert darreichen. Die Entschuldigung hatten sie stundenlang eingeübt. Trotzdem drucksten sie jetzt herum. Der Alte hörte geduldig zu. Dann sah er eine Ewigkeit nachdenklich sein Geschenk an. Oder vielleicht kam es ihnen vor Anspannung auch nur so lange vor. Schließlich verzog sich die Miene des Mannes zu einem breiten Lächeln:

»Was meinst du, Herr Zwiebelkopf?«

Mit seiner freien Hand bat er die beiden herein. Er würde nie vergessen, wie es dort drinnen ausgesehen hatte. Auf dem Tisch im Wohnzimmer lag der gebrochene Ast. Ein riesiger gemalter Baum prägte die Rückwand des Raums. Es war genauso ein Kirschbaum wie draußen. Die Zweige waren mit Namen versehen. Und mit Kreuzen. Und mit Jahreszahlen. Die meisten stammten aus den 1940er Jahren.

Erst jetzt begriffen sie, was sie eigentlich getan hatten.

Niemals wieder hatte einer von ihnen gestohlen.

Seitdem war Herr Zwiebelkopf immer mal in ihrer Hand erschienen, wenn es etwas zu klären und natürlich eine Zwiebel gab.

Diese schwieg sich ebenso aus, wie sein Handy. Also musste er selbst herausfinden, welches Gericht sie diesmal gemeint hatte.

In seinem Arbeitszimmer strich er mit dem Finger die Rückseite seiner Rezeptordner entlang. Ein schmaler Schnellhefter rutschte aus dem Regal. Er fluchte leise. Das verdammte Ding löste sich alle drei Tage! Aber er mochte es auch nicht wegwerfen. Hier hatte er jene Rezepte gesammelt, die ihm seine Freunde oder Familie geschenkt hatten. Kopfschütteln und Lächeln wechselten sich mit jeder Erinnerung ab, durch die er blätterte. Einige der Seiten waren sogar vergilbt. Doch dann … tatsächlich! Da war ein Blatt Papier in Klarsichtfolie mit der großen Aufschrift »Käse-Paprika-Salat«. Käse, Paprika, noch mehr Paprika, sogar einen halben Bund Petersilie und noch eine Zutat stach ihm ins Auge. Mit dem Rezept in der Hand, eilte er in die Küche.

Essig! Natürlich, Salz, Pfeffer, Essig, Öl und Wasser. Eine einfache Vinaigrette sollte es sein.

Er begann mit der Zubereitung nach Rezept. Das hieß in diesem Fall: alles würfeln, dann vermengen. Trotz des Zitterns in seinen Händen war er in Windeseile fertig. Was man einmal so beherrschte, das verlernte man nicht. Verrühren, dann folgte der obligatorische Geschmackstest. Er runzelte die Stirn. Nichts halbes und nichts ganzes. Ohne die Vinaigrette fehlte einfach die Seele. Natürlich wusste er, dass die Vinaigrette oder ein Dressing bei vielen Salaten entscheidend war. Aber hier trat dieser Umstand ganz gravierend hervor. Ohne die Vinaigrette war das einfach kein Salat. Manche Gerichte brauchten einfach eine Vinaigrette.

Darüber hatten sie doch auch bei seinem letzten Besuch im Krankenhaus philosophiert? Sie hatte in ihrem Bett gelegen und er auf dem Besucherstuhl gesessen. Das war wohl diese Art Erinnerung, die niemals richtig angenehm werden würde. Wenn er nicht gewusst hätte, wer da lag, er hätte sie nicht wiedererkannt. Die eingefallenen Wangen, die Oberarme, so dünn wie Zweige und die stoppelige Frisur, wo einst ihre langen roten Haare gewesen waren. Das alles ließ sie wie eine alte Frau aussehen.

»Hast du ihn endlich angesprochen?«, fragte sie. Ihre Stimme zitterte.

»Nein, ich … ich hab nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden.«

»Ach, der richtige Zeitpunkt ist es diesmal.« Sie hatte ihn angegrinst, obwohl sie noch immer an die Decke starrte. »Was macht die Familie?«

»Ach. Das Übliche.«

Ihm war nicht nach Smalltalk, nicht in dieser Situation. Aber sie ließ einfach nicht locker.

»Hast du wieder mit deiner Nichte gekocht?«

»Wir haben Salat gemacht. Ging ein bisschen schief.«

»Naja, sie ist ja erst fünf.«

»Es lag nicht an ihr. Ich hatte nicht alles im Haus, für die Vinaigrette.«

»Essig?« Hinter ihren Augen lag das gleiche Funkeln, das sie schon als Kind gehabt hatte, das sie immer gehabt hatte.

Er nickte. Wenigstens lachte sie, wenn auch leise. Seit seiner Schulzeit hatte er ein verrücktes Problem mit Essig. Es war nicht so, dass er ihn nicht mochte. Er vergaß nur ständig, welchen einzukaufen. So oft, dass sie ihm zum jedem Geburtstag eine Flasche geschenkt hatte, seit er zwanzig geworden war. Selbst jetzt kam regelmäßig ein Kurier. Das war ihr Werk. Sie hat immer ein Faible dafür gehabt, solche Kleinigkeiten lange im Voraus zu arrangieren.

»Manche Sachen brauchen einfach eine Vinaigrette…«, sinnierte sie vor sich hin.

»Die Vinaigrette rundet das Gericht ab«, erläutert er.

»Ohne Vinaigrette ist es nicht das Gericht, das es werden sollte?« Er konnte hören, dass sie langsam wegdriftete.

»Ohne Vinaigrette«, sagte er, »entfaltet es nicht sein Potenzial.«

»Manchen muss man halt auf die Sprünge helfen« Jetzt lallte sie schon.

»Und sei es mit Essig zum Geburtstag«, antwortete er.

»Hey«, flüsterte sie so leise, dass er sich nach vorne beugen musste »das heißt ich war deine Vinaigrette…«

›Du bist es immer noch‹, dachte er und öffnete seine letzte Geburtstagsflasche.

Gerade als er alles verrührt hatte, klingelte sein Handy. Praktisch, der Salat musste ja ohnehin noch ziehen. Diesmal war es nicht die Wetterapp.

»Hallo Frau Doktor, vielen Dank für den Anruf, und das zu so später Stunde!«

»Ja hallo, keine Ursache. Ich hatte es ihnen ja versprochen.«

»Ich nehme an die Werte sind so schlecht wie erwartet?«

»Leider ja.«

»Wie lange?«

»Ich weiß es natürlich nicht genau. Aber es ist weit fortgeschritten. Zwischen 6 und 8 Monaten. Je nachdem wie sich die Lage entwickelt.«

»Immerhin.«

»Es tut mir leid. Das ich ihnen nichts besseres sagen kann.«

»Das ist in Ordnung. Es war ja zu erwarten.«

»Verstehe.«

»Vielen Dank, Frau Doktor.«

»Nichts zu danken. Alles Gute.«

»Ihnen auch.«

Er legte sein Handy auf den Esstisch. Doch gerade als er zurück in die Küche zu gehen wollte, ertönte ein vertrautes Piepen. Seine Drehung wirkte fast tänzerisch.

Tatsächlich. Wieder eine E-Mail von ihr. Der Kopfzeile nach hatte sie die Nachricht kaum 5 Minuten nach der letzten abgesandt. Typisch.

Hey!

Naaaa? Hattest du Essig im Haus? :stuck_out_tongue:

Ich hoffe der Salat schmeckt. Wenn nicht, komme ich dich heimsuchen!

Bis dann und guten Appetit!

PS: Die nächste Herausforderung kommt in ein paar Wochen. Dieses Vordatieren ist echt praktisch!

Sie hatte den Essig also bewusst aus dem Einkaufszettel herausgelassen. Natürlich, genau ihre Form von Humor.

Zurück in der Küche bereitete er sich ein Schälchen Salat zu. Vor dem Essen würde er aber noch das Rezept aufräumen. Doch als er die Folie in die Hand nahm, segelte ein Stück Papier heraus.

Zwei junge Menschen mit künstlichen Zöpfen und weißen Flügelhäubchen grinsten albern in die Kamera des uralten Fotos. Je länger er die beiden betrachtete, desto stärker wurde das Ziehen hinter seinen Nasenflügeln.

Er atmete einmal tief ein und stellte das Bild an einer Vase auf dem Esstisch auf.

»Hey Du! Es sieht so aus, als sehen wir uns schon bald wieder.«

Er nahm dem Löffel in die Hand und prostete dem Foto damit zu.

»Na dann… Guten Appetit.«


Danke fürs Lesen!


Edit: Version 2 nach Suses Post vom 16.11.2022

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Das finde ich persönlich richtig gut als Bild… nur ist es für mich noch nicht so richtig stimmig…
Wie wäre sowas:
Mit dem Feingefühl eines Straßenkaters aber dem Ego eines Pfaus…

Das ist mir in dem Text aufgefallen… weil es mich angesprochen hat… ich möchte zu dem Rest nichts sagen, weil ich persönlich keine Ahnung vom Schreiben habe und Andere hier Dir wesentlich bessere und fundiertere Analysen geben können.

Viel Spaß Dir weiterhin

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Ein Hoch auf den Salat. Keine Kritik, das können andere besser formulieren. Nur Lobhudelei. Vielleicht gibt es heute bei uns Salat? Habe ich noch Essig…?

Hallo AZR,
Dein Text ist toll. Er erschließt eine ganze Geschichte. Ich weiß nicht, ob ich genug übers Schreiben weiß, um eine Kritik zu schreiben, die Dir weiterhilft, mir fehlt eigentlich nichts. Ich mag Deinen Text sehr. Aber es gibt ein paar Sätze, die man vielleicht der Klarheit wegen ändern könnte, z.B. diesen:

Ich würde dieses „Doch jetzt,“ weglassen, weil man zuerst denkt, dass es sich tatsächlich auf den Jetzt-Zeitraum bezieht, aber es geht ja um die Vergangenheit. Es reicht, einfach zu schreiben: „Doch als das Ziehen…“

…aber alles hatte seinen Haken, da musste ich erst einmal darüber nachdenken, vielleicht reicht es zu schreiben, alles war abgehakt.
Aber das sind alles Kleinigkeiten. Die Geschichte ist so eindrücklich, dass ich mir davon einen Roman wünschen würde. Dann würde ich sicher auch verstehen, wer gemeint ist, wenn sie fragt: „Hast Du mit ihm gesprochen?“, und ich würde verstehen, was es bedeutet, wenn er sagt: „Es sieht so aus, als sehen wir uns schon bald wieder.“ Da steckt so viel drin in dieser Geschichte. Gratuliere.

Vielen lieben Dank erstmal an alle, die gelesen haben!

Lass ihn etwas länger ziehen, als die Zeit, die es braucht um aufzuräumen. Ich mag ihn gern mit ordentlich Pfeffer.

An sich gar nicht schlecht. Was ich mit Gemüt eines Straßenkaters meine ist, aber nicht nur, dass es ihm an Feingefühl fehlt, sondern, dass er generell leicht reizbar, wenig empathisch ist und leicht laut wird. Das Ego soll hier ein bisschen als Gegensatz wirken. Er verhält sich hochnäsig und distanziert, obwohl er seine Beherrschung häufig verliert. Also quasi:
„Dieses Gericht ist völlig niveaulos. Mit sowas gibt sich ein Koch meiner Klasse nicht ab. DAS IST EINFACH NUR SCHEIßE, WAS IHR DA ZUSAMMENRÜHRT. ICH WÜRDE EHER DIE HAND MEINER MUTTER FRESSEN, ALS DIESEN GEBALLTEN HAUFEN …“

So in der Art.

Das witzige ist, dass ich das gerade erst eingefügt hatte. Vielleicht hast du Recht. Es beunruhigt mich ein wenig,

Würde denken, du hast Recht.

Der Satz hat eigentlich eine andere Funktion. Ich will den Eindruck vermeiden, dass „er“ und „sie“ als Liebespaar angesehen werden. Das sollen sie nicht sein. Vielleicht muss ich das mehr hervorheben.

Es beunruhigt mich etwas, dass bei dir nicht rausgekommen.
Geht das auch anderen so?

Hi,

habe mal etwas rumgepflückt.

Das Komma ist zu viel.

wie sich würde mir persönlich besser gefallen

Tänzeln finde ich in diesem Zusammenhang ein wenig eigenartig.

Genau eine Sekunde? Wahrscheinlich nicht. Er sah sie nur kurz an, fände ich besser.

vom ist stilistisch vielleicht besser, weil es sich ja nicht um ein entstelltes Gesicht oder so handelt sondern er einfach nur lächelt, oder?

Gibt es auch ein falsches feuerrot? Für mein Empfinden müsste richtig gestrichen werden. An dieser Stelle eignet sich das Wort m. E. nicht, um das Rote zu betonen.

kürzere

Sie ließ sich zusammen mit dem Türspalt auf den Boden fallen? Natürlich nicht. So steht es da aber.

Wer ist diese?

! und sogar sind für meinen Geschmack doppelt gemoppelt. Und überhaupt ist es ja nicht soooo etwas Besonderes, wenn Seiten vergilben, je nach Papierart.

Ja eben. Da sie es als Kind schon hatte, hatte sie es immer schon. Außer als Eizelle oder Embryo. Anders ausgedrückt: Einer der beiden Teile ist überflüssig.

dass muss zu das geändert werden.

Verstehe ich nicht.

Die beiden haben sich verkleidet? Vor langer Zeit. Aber wozu?

Ich würde die Kranke und den Salatmenschen als Liebespaar ansehen. Wieso sehen sie sich aber schon bald wieder? Sie ist totkrank. Klar. Aber er auch? Folgt er ihr in den Himmel? Nein. Passt nicht zur Geschichte.
Ich sitze vermutlich auf dem Stopfen und bitte um Entstöpselung.

Dir auch vielen Dank, liebe Suse! Ich hab einen Teil der Korrekturen gleich übernommen.

mir auch.

Dann brauch ich vielleicht eine bessere Metapher. Sie ist halt richtig glücklich. In der Ursprungsversion waren das noch „Stände“, nicht Geschäfte, aber dazu bräuchte es ein großes Käsefest in Gouda, von dem ich zumindest nichts wüsste. Ich hätte natürlich liebend gern ein großes Käsefest.

Hier bin ich mir nicht sicher. Als Leser erwartet ich, wenn jemand „eine Sekunde“ schreibt eigentlich keine Stopuhr. Es ist halt seine Perspektive. Wenn würde ich wohl eher schreiben „Er sah sie kurz an“, ohne „nur“.

Jepp, das kann weg. Sie hat halt rote Haare und das Licht strahlt durch.

Ja, das ist nicht mein Lieblingssatz. Formulier ich noch um. Sie fällt eben auf die Knie als er die Tür aufmacht.

Gemeint ist die Zwiebel. Der Part darüber dreht sich doch darum, dass sie mit einer Zwiebel reden.

Habe das ! gestrichen. Aber ich finde, es zeigt schon, dass die Rezepte ewig alt sind.

Das sehe ich ein wenig anders. Sie hat dieses Funkeln hat sie schon als Kind besessen und sie hat es über ihr ganzes Leben behalten. Das soll damit ausgedrückt werden, er kor

Wieso? Kimonomo Mama sagt: Cleaning is part of the cooking. Er überlegt sich halt, dass er vorher noch das Rezept zurück räumt.

Hierzu und zur Entstöpselung gibt es eine PN.

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Dann ist aufräumen das falsche Wort. Es müsste wegräumen heißen, meine ich.

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Ok. In der Öffentlichkeit zu entstöpseln ist nie gut. :grinning: :smiley: :slightly_smiling_face: :grin: :laughing:

Das stimmt. Ich kann ja aber auch gar nicht öffentlich entstöpseln. Denn sonst würde ich die Frage, die ich als Antwort auf @Cambiatodo gestellt hatte, schon beantworten. Dann wäre der Effekt ja weg und ich könnte meinen Text nicht testen.

In jedem Fall: Ich sitze gerade mit einer verfluchten Erkältung daheim, aber ich bin trotzdem happy, weil ich jetzt schon ca. 10 Mal das Wort Entstöpselung bzw. entstöpseln lesen oder verwenden durfte.
Danke dafür :smiley:

Die Welt braucht mehr Entstöpselung.

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Gute Besserung.

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Hallo AZR,

anbei die pap-Datei. Hab aber aufgrund der Länge nur etwa die Hälfte geschafft. Vielleicht helfen dir diese Anmerkungen schon weiter.
Vinaigrette.pap (30,1 KB)

Vom Eindruck her weiß ich bis dahin nicht genau, was du erzählst. Es ist witzig und unterhaltsam, aber ich denke immer, die Frau lebt vielleicht nicht mehr oder hat ihn verlassen … da weiß ich nicht so recht, wohin mit mir …

Grüße an Herrn Zwiebelkopf :joy:

Da haben wir den Salat! Soeben habe ich die Geschichte gefunden und gelesen. Wollte nur mal schnell schauen was es so neues gibt und bin an dem Salat hängen geblieben :wink: Leider kann ich keine hilfreichen Tipps geben da ich selbst im „Lernmodus“ bin, aber es hat mir gefallen das zu lesen. Danke dafür und Gute Besserung

Stimmt, so ein Salat…

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