Die Urlaubsscheidung

Genervt legte Anna den Kopf in den Nacken und richtete den Blick in den hellblauen, wolkenlosen Himmel, statt auf die leere, weiße Seite des Schreibprogrammes im Laptop vor sich. Heute konnte sie die Unterhaltung der Nachbarn noch weniger ausblenden als sonst. Was musste die auch so laut reden und noch dazu der Wind ausgerechnet so stehen, dass selbst ein Flüstern zu ihr herübergetragen wurde?

Und warum hatten diese Menschen keine anderen Themen als ihre Kinder? Sie hatte das schon gehasst, als ihr Kind klein gewesen war, dass man scheinbar über nichts anderes mehr zu sprechen hatte als die eigenen Kinder. Aber meine Güte, das waren zwei befreundete Familien, die sich ein Ferienhaus teilten, Anna war sich sicher, dass jeder genug über das Kind der Anderen wusste, um es nicht zum Mittelpunkt jedweder Unterhaltung machen zu müssen.

Sie richtete den Blick wieder nach unten, legte den Kopf abwechselnd von rechts nach links, um den sich verkrampfenden Nacken zu entspannen. Das war für die Hunde Aufforderung genug, aufzustehen und zu ihr zu kommen.

Ein Schielen auf die Uhr verriet, dass es durchaus langsam Zeit für die nächste Gassirunde war. Außerdem würde sie vermutlich nicht allzu viele Hunde auf dem Weg zum Strand treffen zu dieser Uhrzeit. Ein Segen, wenn man wie sie mit einer läufigen Hündin unterwegs war, die derzeit jeden Hund zum Erzfeind erklärte, der nicht zur eigenen Familie gehörte.

Also stand Anna auf, schloss den Laptop im Safe ein, schlüpfte in Weste, Mütze und Schuhe und nahm die Leinen vom Haken und trat damit zurück auf die Terrasse, wo die Hunde warteten und aufgeregt aufsprangen, kaum, dass sie die Leinen in Annas Hand entdeckten.

Sie bemühte sich, die Ohren geschlossen zu halten, aber bei allen Wolken, diese Schreihälse waren nicht auszublenden.

„Unser Hund müsste auch mal wieder raus“, sagte eine der Frauen und Anna wusste genau, was die Antwort des dazugehörigen Mannes sein würde.

„Ich geh nachher.“

„Der muss aber jetzt raus.“

„Dann geh doch selbst.“

„Ich gehe immer mit dem Hund!“

„Das tut die Trulla da auch und ich bin sicher, ihr Kerl muss nicht mit ihr diskutieren, sondern sie geht einfach. Der hat bestimmt ein besseres Leben als ich!“

Anna atmete tief ein und gab sich Mühe, leise auszuatmen, doch irgendwie war ihre Zunge anderer Meinung.

„Keine Ahnung, ich hatte nämlich keinen Bock auf genau diese Diskussionen, daher hab ich sowohl ihn, als auch das Kind zu Hause gelassen und bin allein in den Urlaub gefahren. Kann ich nur empfehlen, macht das Leben ungemein einfacher.“

Für ein paar Sekunden herrschte angespannte Stille nebenan, bis beide Frauen zeitgleich das Wort ergriffen.

„Genau das machen wir nächstes Jahr auch!“

„Aber ich lasse auch den Hund zuhause“, hörte Anna noch von der einen Frau, bevor eine laute Diskussion entbrannte und Anna sich fröhlich pfeifend auf den Weg zum Strand machte, die Hunde im Schlepptau.

So eine Urlaubsscheidung war manchmal definitiv die beste Entscheidung.

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Luxusprobleme

… ich auch.
Machen wir immer mal für Kurztrips. Oder mal mit 1von2 Kindern (erwachsen) allein irgendwo hin. Auch für intakte Beziehungen prima.
Aber zur Szene: lebendig umgesetzt! Ich wette in etwa so hast du es schon erlebt… :smiley:

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Nun, ich habe gerade eine tolle Strandwoche mit den Hunden verbracht. Und meinem Laptop.

Schreiburlaub statt Familienurlaub. Es war hilfreich, dass der Teenie nicht mit wollte :smile:

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