Die Lichtung

Nachdem sich die Fertigstellung von meinem Band 1 & 2 leider weiterhin verzögert … hust … dachte ich mir, ich stell einfach wieder einmal einen Text hier herein. Er ist etwas länger (ein vollständiges Kapitel halt), aber vielleicht gefällt es ja dem ein oder anderen und vielleicht hat ja auch wer was zu sagen. Wie auch immer, hier der Text (er hat einen leichten Gore-Anteil zum Ende hin):

Die hölzerne Burg erhebt sich gegen den immer dunkler werdenden Himmel und steht, umgeben von schwarzen Kiefern, auf einem Hügel.
Yordan reitet langsam den Pfad entlang, tätschelt den Hals seiner Stute und wirft seinen beiden Vargren getrocknetes Fleisch zu, das die mächtigen Tiere im Flug fangen.
„Ist dies Dornhügel?“, ruft Yordan am verschlossenen Tor in die Leere hinauf.
Es vergeht einige Zeit, bis ein Wächter in Sicht tritt. „Nein“, antwortet der Mann knapp. „Das ist Dornwacht, Heim von Herrn Walram. Dornhügel ist weiter unten die Straße entlang.“
„Dann möchte ich mit dem Stoj sprechen. Ich bin ein Gefolgsmann eures Veliks, also mach das Tor auf.“
Der Mann oben zögert. „Zeig mir einen Beweis!“
Yordan zieht ein Pergament aus der Tasche. „Ich habe einen Brief mit Siegel und allem Drum und Dran.“
Der Mann wendet sich jemandem zu, den Yordan nicht sehen kann. „Kann nicht lesen. Keiner von uns kann lesen. Nur der Stoj.“
„Dann hol ihn halt, ich möchte ohnehin mit ihm sprechen“, erwidert Yordan. „Oder öffne das verdammte Tor einfach so. Mir ist kalt, und meine Hunde sind hungrig.“
Der Wächter mustert die mächtigen Vargren, doch noch bevor er etwas sagen kann, dröhnt eine donnernde Stimme vom Wohnturm herunter.
„Lasst ihn endlich herein! Beim Erbauer, seid ihr alle so störrisch wie eure Ziegen?“
Yordan hebt den Blick, doch der Rufer ist bereits verschwunden. Das Tor knarrt auf und Yordan reitet langsam hindurch. Der Verfall und die Vernachlässigung sind überall in dem kleinen Innenhof sichtbar.
Ein junger Bursche läuft auf ihn zu, Yordan übergibt ihm die Zügel. Er ist vielleicht dreizehn Jahre alt, es ist schwer zu sagen. Große, rote Flecken bedecken seine Haut, auch quer über sein Gesicht. Einige sind aufgeplatzt, andere vernarbt.
„Pass gut auf meine Braune auf. Und gib ihr Wasser und Futter.“ Yordan steckt ihm einen Groschen in die Faust. Der ist hier draußen viel wert.
Im Haupthaus erwartet ihn eine ältere Frau mit schmutziger Schürze und genauso fettigen und ungepflegten Haaren. Sie ist hier wohl Haushälterin, Köchin und wahrscheinlich noch einiges mehr, vermutet Yordan. Am Arsch der Welt darf man nicht wählerisch sein.
„Euer Herr erwartet mich“, beginnt er, doch sie schüttelt den Kopf und fuchtelt mit ihren Armen in Richtung der Tür, aus der er gerade eingetreten ist.
„Niemand wartet hier auf jemanden wie dich!“
„Was ist das für eine Art von Gastfreundschaft?“ Ein alter, rundlicher Mann steigt die Stiege Stufe für Stufe hinunter und wischt sich die Schweißperlen mit einem vergilbten Tuch weg, das genauso feucht wie alles andere hier wirkt. „Wer bist du?“, fragt er schwer atmend.
„Ich bin Ser Yordan. Velik Albert Eisenhart ist mein Lehnsherr“, stellt Yordan sich vor.
Der alte Mann mustert ihn mit einem wachen Auge, das andere wirkt seltsam leblos. „Mir ist es inzwischen einerlei, wer hier wessen Herr ist und wer wem welchen Eid geschworen hat, auch wenn ich meinem immer treu geblieben bin. Und selbst wenn Ihr nicht der Schlächter seid, würde ich Euch das Gastrecht gewähren.“ Ein Lächeln fliegt um seinen Mund und er nickt in Richtung der Alten. „In meiner Jugend nannten mich die Leute Eisenfaust, weil ich mit meinen Fäusten genauso hart wie mit dem Schwert war. Und jetzt tun sie so, als sei das ihr Haus, und sie könnten bestimmen, wer hier hereindarf und wer nicht. Und das, obwohl ich immer noch nicht im Grab liege.“ Er dreht sich zu der Frau hinüber. „Marta! Essen! Für uns beide!“, ruft er und schneidet eine entschuldigende Miene. „Sie hört kaum noch was.“
Der Hausherr führt Yordan in einen kleinen Speiseraum, Biss und Schleicher legen sich zu ihren Füßen. Die alte Marta bringt ihnen nach und nach einfache, aber reichliche Kost. Geräucherter Schinken, eingelegtes Obst, große Zwiebeln und eine Schüssel voller Eier mit hartem Brot. Dazu bringt sie noch Wasser und Milch sowie eine kleine Flasche von etwas anderem.
„Hypocras“, erklärt Walram.
Yordan lehnt dankend ab. Er konnte diesem süßen Wein mit Gewürzen und Rosenwasser aus den Freien Städten noch nie etwas abgewinnen. Zu seiner Überraschung bringt Marta eine Schüssel für Biss und Schleicher. Der metallene Geruch lässt Yordan Innereien vermuten.
„Was führt Euch her?“, fragt Herr Walram und stopft sich dabei Brot und Eier in den Mund. Die Krümel und das Eigelb sammeln sich in seinem Bart, während er hastig kaut.
„Ich hab gehört, dass in einem kleinen Dorf ein Mädchen vermisst wird. Das Dorf soll nicht weit von hier sein, mit einer in einen Baumstamm geschlagenen Kapelle.“
„Warst du dort?“, fragt Walram, der kurz damit aufhört, sich Eier in den Mund zu stopfen.
Yordan schüttelt den Kopf. „Aber ich hab es vor.“
„Fast wundert es mich, dass der Schlächter für ein einziges Kind so weit reist.“ Er schüttelt missmutig den Kopf, während Marta Nachschub an frischen Eiern bringt. „Lenni. Ist einfach so abgehauen, das dumme Gör.“
„Wenn Kinder abhauen, kommen sie zurück, sobald der Magen leer ist“, erwidert Yordan. „Diese Lenni ist nicht das einzige Kind, das fehlt. Mir wurde gesagt, dass ich in den anderen Dörfern dasselbe hören würde. Fast überall fehlen ein oder zwei Kinder.“
Der Stoj beugt sich vornüber und Yordan kann neben dem säuerlichen Atem auch die Krankheit riechen. „Natürlich haben wir mitgeholfen. In alle Richtungen sind meine Männer ausgeschwärmt. An den Abenden waren sie heiser vom vielen Rufen und die Frauen haben ihnen heißes Wasser mit Honig und Schnaps gegeben. Am nächsten Morgen sind sie wieder los. Jeden Tag das gleiche.“
Yordan bleibt still und wartet, während er ein großes Stück Schinken mit seinem langen Dolch aufspießt.
„Dann kam ein Mann aus einem anderen Dorf. Sie vermissten einen Jungen, sagten sie. Ich hab seinen dummen Namen vergessen.“
„Und dann?“, fragt Yordan, während er beiläufig Biss und Schleicher füttert.
„Zwei Tage später kam der nächste Mann, wieder aus einem anderen Dorf. Ein weiteres Mädchen glaube ich.“ Herr Walram beugt sich wieder zu Yordan hinüber, seine Hände krampfen sich um die Tischkante, bis seine Fingerknöchel weiß werden. „Und kurz darauf zwei Geschwister.“
„Warum habt Ihr keine Nachricht geschickt?“, fragt Yordan. „Nach Südveste, oder meinetwegen rauf nach Wyre.“
„Ich hab getan, was ich konnte. Hab auch jemanden ausgeschickt“, erklärt Walram. „Zuerst nach Fahlstein.“ An Walrams Blick kann Yordan ablesen, dass von dort keine Antwort kam. „Auch Tauben hab ich geschickt, keine kam zurück.“
„Hier ist nur Wald, und überall kreisen Greifvögel“, sagt Yordan.
„Darum dann auch einen Burschen nach Halbstein. Die Ruine ist mehrere Tagesmärsche entfernt. Dort sind bewaffnete Männer. Aber niemand ist gekommen. Wir hatten selbst schon Fälle der Waldkrankheit. Sie ist uns nicht unbekannt“, erklärt Herr Walram ruhig und schenkt sich ein Glas von seinem süßlichen Hypocras ein.
Die Waldkrankheit.
„Es ist schon länger her. Bertram war sein Name. Ein Bauer, der unten auf dem kleinen Hof lebte.“ Walram deutet mit der Hand in die Richtung, von der Yordan vor Kurzem erst gekommen ist. „Stand einfach mitten im Dorf und starrte in die Leere. Dann stand er auf dem Feld, die Hacke in der Hand. Manche wollten zu ihm und nach ihm sehen. Doch er hat nach ihnen geschlagen.“
Yordan nickt still.
„Irgendwann kam Bertrams Frau nicht mehr zu den Andachten an den Erbauer. Die kleineren Kinder, die neugierig überall ihre Nase reinstecken, haben seinen Hof gemieden. Es riecht dort komisch, meinten sie.“
„Keiner, den der Wald ruft, erholt sich davon wieder“, sagt Yordan.
Herr Walram schließt die Augen und die Linien seines Gesichts vertiefen sich, als die Geschichte in seinem Kopf erneut abläuft.
„Er hat sie gegessen. Sie lag in der Mitte seiner Stube, nackt, ihr Bauch geöffnet.“ Der Mann schüttelt sich bei der Erzählung derart, dass sein Kinn und seine Wangen hin und her wabbeln. „Aber er hat sie nicht zerfetzt. Stattdessen lagen ihre Teile da, sauber getrennt und sorgfältig aufgereiht. Als sei das eine normale Sache.“
„Was geschah mit ihm?“, fragt Yordan und betrachtet Walram eingehend. „Ihr konntet ihn nicht töten, oder?“, fragt er nach einer Weile.
Der Mann atmet tief ein, dann nickt er. „Er war ja einer von uns. Wir haben ihn eingesperrt. Ganz tief im Keller. Aber niemand hat gewagt, zu ihm zu gehen. Er ist längst tot, keiner kann so lange aushalten.“
Yordan runzelt die Stirn.
„Ich hab den einzigen Zugang nach wenigen Tagen zumauern lassen.“
Yordan nickt und blickt zum Boden unter seinen Füßen. Die Erklärung ist nachvollziehbar und verstörend zugleich. Diese Krankheit betrifft nicht nur den, der davon befallen ist, sondern sie ist ein Fluch für die ganze Gemeinschaft. Dennoch wäre das Schwert gnädiger gewesen.
„Der Hügel soll einst eine Grabstätte der Ersten gewesen sein“, erklärt Walram. „Es ist besser so, wenn man deren Ruhestätte in Frieden lässt.“
„Die Ersten hab ich noch nie zu Gesicht bekommen“, sagt Yordan. „Kranke Bauern aber schon.“
„Ich glaube, dort hat jemand die Waldkrankheit“, erklärt Walram.
„Wer?“, fragt Yordan und sieht kurz von seinen Vargren auf. „Und wo?“
„Die Holzfällersiedlung ist nicht weit von hier. Wenige Stunden vielleicht, je nachdem. Ich bin mir sicher, dass die Kinder dort gefangen gehalten werden. Jemand hat in der Nacht dort Gesang gehört. Irgendwas geht dort vor sich. Etwas Ungutes.“
Yordan hat seine Zweifel, auch wenn Walrams Verdacht nicht ausgeschlossen ist. „Meist sitzt das Übel lange am eigenen Herdfeuer, und keiner will es sehen. Die Frauen hoffen, dass die Männer wieder werden. Das geschieht nie. Genauso selten entführen sie Leute.“
„Warum sind Euch diese Kinder so wichtig? Was kümmert es Euch, was hier in dem abgelegenen Eck passiert?“
„Es gibt ohnehin zu wenige von ihnen auf dieser beschissenen Welt“, antwortet Yordan. „Wo ist dieses Holzfällerdorf?“
„Folgt dem alten Holzweg nach Nordwesten, immer am Bach entlang. Doch der Wald verschlingt alle, die unvorbereitet sind. Bleibt hier, bleibt über Nacht. Ich kann Euch nicht das anbieten, was jemandem wie Euch gebührt, aber …“
Yordan schüttelt den Kopf. Etwas Seltsames geht hier vor sich, und es sind nicht nur die verschwundenen Kinder.
Es ist der Wald. Es ist immer der Wald. Allgegenwärtig vergiftet er die Köpfe der Menschen. Was würde in der Nacht geschehen, wenn er hierbleibt? Wer würde sich mit Messer und Axt in seine Kammer schleichen?
„Wenn Ihr Morgen früh losgeht, dann seid Ihr etwa zur Mittagsstunde dort“, erklärt Walram ihm.
Yordan grinst säuerlich und schüttelt den Kopf. Er hat nicht vor, so lange zu warten.


Der Wind frischt auf und trägt einen Hauch eisiger Kälte mit sich, begleitet von der Nacht. Yordan zieht seinen Mantel enger, die Ohren seiner Vargren zucken, während sie die Umgebung aufmerksam beobachten. Der Wald empfängt sie mit einem gespenstischen Flüstern, unterbrochen nur vom Knirschen des Frühlingsschnees unter ihren Stiefeln, Pfoten und Hufen. Das Angebot, dass ihn zwei von Walrams Männern begleiten, hat Yordan angenommen.
„Hätten wir nicht auf morgen warten können?“, fragt der Lange. Er ist der Mann vom Tor heute Abend.
„Wieso? Fürchtest du dich etwa vor den Schatten?“, erwidert der Dünne. „Es sind ja bloß die Schatten der Toten, die durch den Wald schleichen. Die Skarne hingegen solltest du fürchten. Wenn du das Rascheln hörst, ist es schon zu spät, und sie spießen dich mit ihren Kopfgeweihen auf. Tessa hat einen Skarn einmal gesehen.“
„Tessa hat einen Scheiß gesehen, und das einzige Geweih, das da im Spiel ist, sind die Hörner, die sie ihrem Mann aufsetzt.“
Yordan kennt dieses Geplapper von Männern, die reden, damit sie nicht hören, wie sehr ihr Herz schlägt. „Still jetzt“, zischt er. „Wenn wir uns dem Dorf nähern, dürfen wir kein Geräusch machen.“
Schließlich erreichen sie das Holzfällerdorf. Einige Hütten, keine von ihnen sonderlich groß, stehen kreisförmig am Rand einer Lichtung. Es ist still und finster, nur ein unheimliches Schweigen liegt über dem Ort.
Yordan bindet seine Braune an einem Baumstamm fest und nimmt sein Schwert aus einer Satteltasche. Es ist schon Tage her, dass er es zuletzt in der Hand gehalten hat, und er schwingt es ein paar Mal, um wieder ein Gefühl für das Gewicht zu bekommen.
„Ist das Eisen?“, fragt der Lange erstaunt.
Yordan nickt. Die Schneide ist schartig und grob, das Metall angelaufen und gezeichnet von unzähligen Erlebnissen. Manche nennen es hässliches Eisen, und sie haben recht.
Yordan gibt ein Zeichen und Biss und Schleicher kommen zu ihm.
„Ist das klug?“, fragt der Lange voller Zweifel. „Die Hunde bellen doch bei der ersten Gelegenheit los. Dann hätten wir gleich zur Mittagsstunde kommen können.“
„Es sind Vargren.“ Yordan steckt sein Schwert in den Gürtel und wendet sich den Männern zu. „Ihr wartet hier unter den Bäumen. Und bleibt leise.“
Mit einer Handbewegung bedeutet er Biss und Schleicher, sich im Hintergrund zu halten und still zu bleiben. Anders als die beiden Idioten fürchtet er nicht, dass sie grundlos losschlagen werden. Er kennt seine beiden Jungs.
Langsam schleicht er zur ersten Hütte und lauscht, aber vergeblich. Vorsichtig öffnet er die Tür. Das Innere der Hütte ist dunkel und leer, der Geruch von feuchtem Holz und Staub liegt in der abgestandenen Luft. Hier war schon länger niemand mehr.
Er geht weiter zur nächsten Hütte und bei der braucht er nicht lange, um Anzeichen zu finden. Aus mehreren kleinen Spalten im Holz sieht man Licht, das hindurchkriecht, gelegentlich hört er auch schwere Schritte. Es ist tief in der Nacht, doch hier geht etwas vor sich.
Diese Hütte ist etwas größer als die anderen, eine Gemeinschaftshütte wahrscheinlich. Und die meisten dieser Hütten haben einen zweiten Eingang auf der Rückseite.
Er deutet Biss zu sich und schickt Schleicher raus auf die Lichtung.
Am Waldrand hinter der Hütte entdeckt er eine Art Schrein, gebaut aus Ästen und Stöcken. Mit der Fußspitze schiebt er einige Blätter beiseite, um einen Blick auf das zu werfen, was darunter liegt. Es ist ein kleiner Tümpel aus geronnenen Innereien und blanken, glatten Knochen.
Gebete am Tag, Opfer in der Nacht. So sieht Frömmigkeit aus, wenn der Wald zuhört.
Yordan tritt vorsichtig näher, dann öffnet er die Tür mit einem Ruck.
Der Knall und das unheilvolle Knurren von Biss hat die Frau mitten in der Bewegung erstarren lassen und nur langsam dreht sie sich um. Dann glotzt sie Yordan mit offenem Mund an. Ihre wenigen, braunen Zähne sind schief und am Faulen. Die Augen der Frau stehen weit auseinander, ihr Blick ist eigenartig schief. Das Gesicht hingegen ist übersät von rötlichen Flecken und hell leuchtenden Eiterbeulen – und einen Hals scheint sie kaum noch zu haben. Dafür trägt sie eine mit Blutflecken und Fleischresten übersäte Schürze. Über dem Feuer hängt ein Kessel, sie hat gerade darin umgerührt. Was auch immer darin köchelt, es dampft und verbreitet einen grässlichen Gestank von ranzigem Fett und abgestandenem Fleisch.
Noch bevor sie sich fassen kann, geht Yordan mit einem entschlossenen Schritt zur Anrichte und stößt das kleine Fleischerbeil und das Aushöhlmesser ein gutes Stück zur Seite. Mit einem strengen Blick warnt er sie, still zu bleiben und keine Dummheiten zu machen. Es ist eng im Raum, aber er könnte das Schwert ziehen und ihr in derselben Bewegung den breiten Bauch aufschlitzen.
Einige Augenblicke stehen sie reglos da und sehen einander nur an.
„Ich suche nur die Kinder“, knurrt er dann.
Die Frau blinzelt, öffnet den Mund, schließt ihn dann aber wieder. Ihre Augen huschen zur Tür hinter ihm und dann zu Yordan zurück. Er sieht, dass sie Angst hat, doch da ist noch etwas anderes.
„Es gibt keine Kinder.“
„Ich suche die Kinder aus den Dörfern“, wiederholt Yordan mit Nachdruck. „Die davongelaufen sind.“
Ein kurzes Lächeln huscht über ihre dicken, wulstigen Lippen. „Der Jüngste hier ist Einaug-Kurt. Und auch ihm fallen schon die Haare aus.“ Die Frau schüttelt den Kopf. „Keine Kinder.“
Yordan wirft einen flüchtigen Blick über die Schulter zur Tür, ohne die Frau aus den Augen zu lassen. Ihm war, als hätte er draußen Schritte gehört, doch dort ist niemand und auch Biss bleibt still.
Er wendet sich wieder zu der Alten. „Wo ist der Mann, den der Wald gerufen hat?“
Sie streitet es nicht einmal ab. Mit einer bebenden Bewegung deutet sie zur nächstgelegenen Hütte.
„Wir haben ihn eingesperrt“, erklärt sie. „Er bekommt Essen und Wasser. Manche meinen, der wird wieder.“ Ein hysterisches, schrilles Lachen entkommt ihr. „Aber das stimmt nicht.“
Yordan nickt leicht. „Bring mich zu ihm.“
„Was willst du mit ihm tun?“
„Mich um ihn kümmern.“
Die Frau zögert kurz, nimmt dann einen schweren Schlüssel von einem Haken an der Wand.
„Wir haben ihn eingesperrt“, wiederholt sie und geht zur Vordertür.
Sie führt ihn zur nächstgelegenen Hütte, ihre Schritte sind schwer und langsam, Yordan drängt sie schweigend weiter. Der vom schmelzenden Schnee aufgeweichte Boden schmatzt unter ihren Füßen. Es ist ein toter Boden und ein genauso toter Wald. Keine Insekten, keine Frösche und sogar die Weidensträucher wirken abgestorben und verfault.
Er wirft einen Blick in die Richtung, aus der er gekommen ist. Vage erkennt er den Schatten seiner Braunen in der Finsternis zwischen den Bäumen. Von den zwei Männern von Herrn Walram hingegen sieht er nichts.
Die Alte hält vor einer Tür inne und steckt den Schlüssel ins Schloss. Das Klicken hallt laut durch die nächtliche Stille. Ein großer Holzbalken versperrt zusätzlich die Tür.
„Nur zu Sicherheit“, erklärt ihm die Frau, nachdem sie seinen Blick bemerkt hat. Sie zwingt sich zu einem Lächeln und der faulige Atem schlägt ihm dabei ins Gesicht. „Man weiß ja schließlich nie“, murmelt die Frau, während sie den Balken heruntergibt.
Mit einer unruhigen Geste bedeutet sie ihm, einzutreten. „Ich setz da keinen Fuß rein, bin ja nicht wahnsinnig“, meint sie. „War schon schwierig genug, ihn dort überhaupt reinzukriegen.“
„Wie heißt er?“, fragt Yordan.
„Kurt“, sagt sie.
Der Name kommt zu schnell und passt zu glatt. Kurt und Einaug-Kurt.
„Da drinnen ist noch eine zweite Tür“, fährt sie hastig fort. „Der Schlüssel hängt an der Wand. Dahinter ist der Mann, den du suchst. Ich warte hier und sperr ab, falls er dich überwältigt. Ich werd dir nicht helfen.“
Yordan nickt.
Sie öffnet die Tür und ein modriger, fauler Gestank schlägt ihm entgegen, während er in die absolute Dunkelheit blickt. So, wie sie hier stehen, kann er nicht viel sehen. Auch nicht die zweite Tür, von der die Alte gerade gesprochen hat.
Sie geht einen Schritt zur Seite und macht ihm Platz, deutet ihm fahrig, hineinzugehen. Yordan tritt einen Schritt näher und stellt sich in den Türrahmen.
Die Bewegung nimmt er aus dem Augenwinkel wahr.
Im letzten Augenblick weicht er zur Seite. Die Alte schießt an ihm vorbei und stolpert statt seiner in die Hütte. Ihre dicken Beine verheddern sich, dann schlägt sie dumpf auf dem staubigen Boden auf.
So liegt sie da und glotzt ihn an, als wäre er der Fehler.
„Dachtest wohl, du kannst mich überrumpeln?“ Yordan hat es nicht eilig. Biss steht dicht bei ihm mit aufgestellten Nackenhaaren, während Yordan den Raum mit einem schnellen Blick abtastet.
Kein zweiter Raum. Kein Versteck. Genau wie vermutet.
„Du wolltest mich hier einsperren, was?“
Er zieht die Tür zu, legt den Riegel vor und drückt den Balken in die Halterung. Erst jetzt beginnt die Frau zu schreien, schrill und wütend, aber es ist gleichgültig. Hier weckt sie niemanden, der nicht schon längst wach ist.
Yordan testet den Balken, dann dreht er sich zur Lichtung.
Sie stehen dort im Halbkreis auf der anderen Seite, sauber verteilt wie Jäger, die den Wind gelesen haben. Im blauen, kalten Mondschein sind sie gut zu erkennen: sechs Fremde und die zwei Männer von Walram.
Yordan zieht sein Schwert. Das alte Eisen flüstert hässlich und ehrlich aus der Scheide. Die Blicke der Männer lassen keinen Zweifel. Hier gibt es nichts, worüber man Worte verlieren muss.
„Das sind meine Jungs!“, kreischt die Alte aus der Hütte. „Lass mich raus, und du darfst gehen! Der Mann mit der Waldkrankheit hat sie geholt! Er hat die Kinder in den Wald gebracht!“
Dann kommt der Erste eigentümlich still. Nur der Schnee knirscht als einsames Geräusch in der Kälte.
Yordan hebt das Schwert, bereit für das Unvermeidliche, und wartet den Schritt ab, lässt den Mann kommen. Dann ein kurzer Schnitt, eine Drehung – der Angreifer verliert den Stand und sackt in den Schnee. Die Augen seines Gegners sind leer, eingefallen wie die eines Toten.
Der Nächste ist schwerer, wuchtiger. Er drückt nach vorn, als wolle er Yordan schlicht umwerfen. Klinge trifft auf Klinge, dumpf und hart, und in derselben Sekunde kracht es hinter Yordan.
Er dreht sich um. Einen Herzschlag zu spät.
Ein Schlag trifft ihn so schwer an der Schulter, dass es ihm den Arm wegzieht. Schmerz explodiert heiß und weiß, und der Boden kippt. Yordan rutscht, fällt in den Schnee, schmeckt Kälte und Dreck. Er rollt sich weg, bevor eine rostige Klinge dort einschlägt, wo eben noch sein Kopf war.
Biss schießt vor. Schleicher ist nur ein Schatten. Da Zähne, dort ein Aufheulen und zwei Männer gehen im Mondlicht zu Boden, als hätte man ihnen die Beine weggefegt. Niemand schreit lange.
Yordan kommt hoch und sein Gelenk brennt. Jeder Schlag, den er pariert, zieht ihm eine Spur aus Feuer durch den Arm. Die Männer werden mutiger, weil sie Blut riechen.
„Verdammt“, knurrt er und es ist kein Fluch, sondern ein Befehl an den eigenen Körper.
Er lässt einen Hieb absichtlich durch, nur genug, dass der Gegner glaubt, er hätte ihn. Dann reißt Yordan das Schwert hoch und stößt zu. Der Mann klappt sofort zusammen, als hätte ihn die Kälte endlich eingeholt.
Dann ist da der Dünne von Walram mit Hass im Gesicht.
Der Mann wirft sich auf ihn und plötzlich ist es kein Schwertkampf, sondern ein Ringen. Körper gegen Körper, keuchend und rutschend, der Schnee schmiert unter den Knien. Yordan zieht den Dolch, verliert fast den Griff und spürt, wie der Mann ihn gegen die eigene Kehle drückt.
„Stirb endlich“, faucht der Dünne und die Spitze kratzt bereits über Yordans Haut.
Etwas reißt den Mann weg. Schreie gellen über die Lichtung, als Schleichers Zähne sich festbeißen. Der Dünne schlägt um sich wie ein Ertrunkener im eigenen Blut – und dann nur noch Zucken.
Jetzt bleibt der Lange.
Er kommt vorsichtiger, aber nicht klüger. Yordan wehrt einen Hieb ab, weicht zur Seite und seine Klinge findet unter dem Arm eine Lücke. Sofort färbt sich das Leinen dunkel. Zwei weitere kurze Treffer reichen und die Schritte werden ungenau, der Lange taumelt, macht noch zwei Schritte und fällt.
Dann steht Yordan still mit dem Schwert schwer in der Hand und die Schulter ein klopfender Stern aus Schmerz. Seine Vargren sind bereits beim letzten der Fremden. Der Tote röchelt kurz, dann herrscht Stille in der kalten Nacht.
Noch nie hat der Wald etwas Gutes hervorgebracht.
Yordan blickt zur Hütte. Hinter dem Holz ist es still geworden und die Alte hofft wohl, dass er sie vergisst. Doch zuerst geht Yordan zu den anderen Hütten. Wenn Walram recht hat, muss hier irgendwo Lenni sein. Und noch andere.
Er findet keine Kinder.
In der letzten Hütte liegt der Bote, den Walram nach Halbstein geschickt hat. Sein Körper ist geöffnet und verstümmelt, als hätte jemand mit groben Händen nach etwas gesucht. Fliegen steigen auf, als Yordan einen Schritt näher kommt und der Gestank – süß, faulig, blutig – schlägt ihm in die Nase.
Jetzt weiß er, wessen Blut und Ohren im widerlichen Kessel der Alten köcheln. Sie haben wohl geglaubt, dass das Blut sie heilen kann.
Nichts heilt sie.
Yordan streift das Blut vom Schwert an einem Fetzen Stoff des Boten ab, dann geht er zur Frau.

6 „Gefällt mir“

Hi,

den Satz würde ich umdrehen und/oder kürzen. Ich würde erstmal schreiben, dass die hölzerne Burg auf einem Hügel steht … Von dort aus dann weiter …

Vielleicht gelingt es, die gewünschte Atmosphäre ganz anders zu schaffen .?.

Möchte sagen, in dem Satz steckt viel Info drin. Absicht?

Allerdings ist das nicht mein Genre. Vielleicht hab ich da wenig Ahnung.

Und nur deswegen lese ich jetzt nicht weiter. Kommt bestimmt noch jemand, der kiekt und so.

Aber als lazy würde ich dich schon mal nicht bezeichnen :sunglasses::v:

Auch nicht meins (Genre), aber ich habe es zu Ende gelesen, weil es spannend ist.:+1:

Hallo, LazyBastard!

Ich finde, du hast erzählerisches Talent und kannst spannend schreiben. Auch wenn Fantasy nicht mein Metier ist, habe ich deinen Text vollständig gelesen. Positiv fällt mir weiters die Rechtschreibung auf. Im Netz keine Selbstverständlichkeit. :wink:
Allerdings sollte deine Leseprobe noch gründlich überarbeitet werden. Da und dort gibt es Ungenauigkeiten, Umständlichkeiten, Wortwiederholungen, bzw. inhaltliche Überladungen, wie gleich im ersten Satz. Manchmal ist weniger mehr.
Ich habe im Folgenden ein paar Beispiele herauszitiert.

Schlechter Eröffnungsatz. Überladen und deshalb langwierig.

Tatsächlich? Ein Toter röchelt noch?

Wortwiederholungen. Dazu am Satzende ein Negativkonstrukt. Würde schreiben: Bestimmt nichts Gutes!

Wortwiederholungen. Abgesehen davon ist „Jungs“ ein umgangssprachlicher Ausdruck. Im Deutschen gibt es kein Plural-S. Es müsste korrekt Jungen heißen. Ist aber kein Beinbruch.

… und faulig.

Es ist toter Boden und ein ebenso toter Wald.

Sie öffnet die Tür und ein modriger, fauler Gestank schlägt ihm entgegen, während er in die absolute Dunkelheit blickt. So, wie sie hier stehen, kann er nicht viel sehen. Auch nicht die zweite Tür, von der die Alte gerade gesprochen hat

Das markierte „ein“ und „absolute“ weglassen. Statt „ihm“ entgegen, wäre eine Namensnennung hier angebracht.

???

LG, Manuela :slight_smile:

1 „Gefällt mir“

ein „Sterbender“ wäre sicher besser. Auch Tote können tatsächlich noch Geräusche verursachen, aber man stolpert.

Schade, dass der Tote so stört - das Wort habe ich eigentlich bewusst gewählt :see_no_evil: Ich benenne irgendwie gerne bereits Dinge, unmittelbar bevor sie passieren.

Der Präsens ist für mich seltsam.

Ja natürlich würde ich manche Dinge anders schreiben, aber es ist dein Text, da mische ich mich nicht ein.
Erzählt ist es hervorragend
Im großen und ganzen ist es eine interessante aber auch sehr lange Geschichte, du liebst kleine Details.
Für mich zieht es die Handlung in die Länge. Aber ich bin auch eher der Typ Zack und Fertig. Viele Leser lieben es gekonnt entführt zu werden. Der erste Satz ist aber doch ein Klotz. Ja es ist nicht der Anfang eines Romans(oder doch?)

Die vielen eigenen Begriffe zum Beispiel die Hunde sind für mich gewöhnungsbedürftig da hätte mehr als eine Erklärung geholfen. Ich bin nicht der Typ, der beim lesen nachdenken will. Und soviele neue Begriffe überfordern mich.