Hallo, Jenny,
ich finde, Zeit ist ein gutes Mittel. Vor einer Reaktion erstmal drüber schlafen. Manches empfindet man etwas anders mit etwas Abstand.
Mein erster Freund hat mir, als wir Teenager waren, Wutzettel geschenkt. Das hatte nichts mit dem Schreiben zu tun. Ich glaube, er hatte die irgendwo gesehen und fand sie witzig.
Darauf stand:
WUTZETTEL
Bei einem Wutanfall zusammenknüllen und in die Ecke werfen.
Das schadet niemandem. Man kann auch einen weichen Ball nehmen. Am besten einen, den man so richtig schön knautschen kann.
Immer daran denken: Es ist dein Text. Niemand zwingt dich, die Kritik auch umzusetzen. Betrachte sie als hilfreiche Sicht aus einer anderen Perspektive, die dir vermitteln kann, wie dein Text auf andere wirkt.
Dann kannst du mit etwas Abstand nüchtern abschätzen, ob du diese Wirkung tatsächlich erzielen wolltest oder nicht.
Eigentlich gibt es beim Schreiben kein Richtig oder Falsch. Es gibt eine Botschaft, die ein Autor vermitteln möchte. Und es gibt Empfänger, die Leser.
Jetzt kommt es darauf an, diese Botschaft so zu verpacken, dass ein Leser möglichst lange dranbleibt. Am besten bis zum Ende der Geschichte.
Und seit der Antike haben Menschen sich Gedanken darüber gemacht, mit welchen Mitteln man erreichen kann, dass die Leser möglichst lange bei einer Geschichte bleiben.
Aristoteles hat in seiner Poetik schon darüber geschrieben, was für Tricks und Kniffe man anwenden kann, um dieses Ziel zu erreichen. Und im Laufe der Jahrhunderte hat man festgestellt, dass Bücher, die von vielen Menschen gerne gelesen werden, ähnliche Mittel verwenden, um ihre potenziellen Leser in ihren Bann zu ziehen.
Deshalb kann man sagen, dass bestimmte Arten, eine Geschichte zu erzählen, die Leser eher abschrecken oder eher fesseln. Natürlich kann das von Person zu Person immer noch etwas unterschiedlich sein. Aber im Großen und Ganzen funktioniert die abendländische Literatur nach einem gewissen Schema.
Dann ist auch die Frage nach deinem Ziel wichtig: Möchtest du möglichst viele Leser haben, die deine Bücher kaufen? Dann solltest du diese „Regeln“, die sich im Laufe der Jahrhunderte herauskristallisiert haben, möglichst einhalten.
Wobei nicht immer sicher ist, dass einem das auch gelingt, selbst wenn man sie kennt.
Ich habe vor Jahren mal ein „Schnupperlektorat“ bezahlt. Da durfte ich für einen gewissen Geldbetrag die ersten 50 Seiten meines Romans an einen Lektor schicken, der mir dann eine Rückmeldung gegeben hat.
Es hat mich sehr gewundert, dass er das Wort „Plantage“ gestolpert ist. Er meinte, die Leser würden das mit den Plantagen in den nordamerikanischen Südstaaten im 19. Jahrhundert gleichsetzen.
Vielleicht ging es ihm so. Aber bestimmt nicht allen Lesern. Schließlich ist eine Plantage erst einmal nichts anderes als eine große Fläche, auf der etwas angebaut wird. Baumwolle, zum Beispiel. Aber das muss nicht sein.
Auch Kakao, Kaffee oder Bananen werden auf Plantagen angebaut. Deshalb habe ich diese Kritik nicht umgesetzt und den Begriff nicht geändert.
Man muss also nicht jede Kritik annehmen, auch nicht von einem Profi.
Aber wenn sich ähnliche Kritik von unterschiedlichen Lesern häuft, wenn Leser an derselben Stelle aus dem Text geworfen werden, würde ich mir diese Stellen genauer anschauen.
Ich würde auch schauen, wie die Kritik begründet wird.
Ein einfaches „Gefällt mir irgendwie nicht“ finde ich schwieriger zu akzeptieren als eine begründete Kritik.
Aber letzten Endes kann dir niemand etwas vorschreiben. Du darfst entscheiden, was du mit deinem Text machst.
Natürlich musst du auch die Konsequenzen tragen. Wenn ihn später niemand lesen will, ist dir auch nicht geholfen. Deshalb kann es nicht schaden, die entsprechenden Textstellen nach einer angemessenen Pause noch einmal genau anzuschauen.
Manchmal hilft es auch, die Stelle entsprechend der Kritik umzuschreiben und dann die Wirkungen beider Fassungen zu vergleichen.