Dialog mit einem Charakter

„Warum hast du das getan, Robert?“
„Was?“ Er sieht mich an, als wüsste er nicht, wovon ich spreche.
„Mit Silvia rumgemacht, in dieser Disco.“
Er zuckt mit den Schultern. „War mir halt gerade danach.“
„Dir war gerade danach? Echt, du bist ein Arsch.“
Wieder dieses dämliche Schulterzucken.
„Du wusstest, dass Silvia mit Gabi geht.“
„Ich hörte sowas, ja. Aber fix lief da gar nichts. Bloß ein bisschen Rumknutschen. Überhaupt, dieses pseudolesbische Gehabe zwischen den beiden, das war doch nie was Echtes. Wirklich nicht. Eine Laune halt.“
„Du bist ziemlich arrogant, Bursche, weißt du das? Gabi hat dir bereits dreimal den Arsch gerettet. Ohne sie wärst du schon im Knast oder schlimmer noch im Leichenschauhaus.“
„Ja ja ja", winkt er ab, "meine Güte, mach doch nicht so ein Drama draus.“
„Du machst das Drama! Ich habe dich als positive Figur entworfen und jetzt entwickelst du dich fast schon zu einem Antagonisten.“
„He, alter Mann, wer schreibt hier das Buch? Du oder ich?“
„Ich natürlich. Aber ich schreibe nur auf, was ihr tut.“
Er schüttelt lachend den Kopf. „Du hattest also keinen Plan, gibs zu. Erst liest du ein Dutzend Bücher übers Schreiben, Plot, Pitch, Charakterentwicklung, Drei-Akt-Struktur, Fünf-Akt-Struktur, Heldenreise und was weiß ich noch für Zeug, dann hälts du dich erst recht nicht dran, lässt deine Protas tun, was sie wollen, und am Ende beschwerst du dich? Ach komm!“
Verdammt, denke ich, er hat recht. Ich hätte früher korrigierend eingreifen müssen. Aber wollte ich das?
„Gabi liebt dich“, versuche ich es nochmal.
„Und macht mit Mädchen rum. Danke geschenkt. Ich bat sie um eine Entscheidung, genauso wie Silvia. Auch Karin und Wotawa haben ihr das gesagt, dass sie sich entscheiden muss. Hat sie aber nicht getan, das weißt du. Also gib nicht mir die Schuld.“
„Du weißt, wie schwer es für sie ist, in dieser Sache eine Entscheidung zu treffen. Du kennst ihre Geschichte.“
Jetzt blickt er zu Boden und schaut auf meine Füße. Oder sind es seine, die ich nicht sehe?
„Ich will, dass du dich wenigstens entschuldigst bei ihr. Geht das?“
Er nickt und vermeidet es mich anzusehen.
„Wann?“
„Nächstes Kapitel.“
„Ich hab dich nicht verstanden, Junge. Wann?“
„Nächstes Kapitel.“ sagt er nun deutlich lauter. „Versprochen.“
Nun sieht er mich an und in seinem Blick liegt der Zorn eines Wolfes. Den kenne ich gut. Den Wolf, den Zorn und den Blick.
Ich wische den Dunst vom Badezimmerspiegel und Robert verschwindet.

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