Man möge mich gerne steinigen, aber ich habe meine Liebe zum Zeitstrahl entdeckt.
2 3/4 Handlungsstränge, 103.000 Wörter und 34 Kapitel bei meinem Erstlingswerk, zig Mal umkonzipiert und gelinde gesagt keine Ahnung, wie man überhaupt schreibt.
Am Ende blieb ein schwammiges Gefühl, mich bei den zahlreichen Überarbeitungen und beim Verschieben der Kapitel mal nach vorne, nein, jetzt doch wieder zurück, mich irgendwann verrannt zu haben. Und irgendwann weiß man gar nicht mehr so genau: Steht das jetzt noch so im Text? Oder hab ich das dann doch gestrichen?
Kurzum: große Fehler sind mir nicht untergekommen, dafür andere Sachen:
Eine fast verpasste Chance auf eine naheliegende Symbolik: Freinacht - zwei Altäre - zwei junge Frauen - zwei Männer, die ihnen folgen und beide Male wird etwas Heiliges entweiht: einmal freiwillig und entfesselt, einmal inszeniert und verkauft
Das war nicht beabsichtigt und die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit erschloss sich mir erst, als ich die Handlungsstränge übereinanderlegte. Die nötigen textlichen Anpassungen waren minimal
Wenige Wochen später bei Mittsommer ergab sich dann ebenso die Möglichkeit einer Gleichzeitigkeit mit Symbolcharakter.
Ein paar Kapitel vor der Freinacht werden Kirschen gegessen. Kirschen gibt es um die Jahreszeit nicht. In einem anderen Kapitel Zwetschenkuchen. Das lässt sich natürlich leicht mit Powidl ersetzen.
Andere Sachen sind gravierender. In einer mittelalterlichen Welt geschieht ein Todesfall, vielleicht gar ein Mord. Laut Zeitstrahl und der gesetzten Zeitanker in den anderen Handlungssträngen wird klar, dass die Leiche mindestens 2 Wochen, wenn nicht gar 3 Wochen herumliegt, ehe sie untersucht werden kann. Im Hochsommer.
Mein Dokument ist über 3 Jahre hinweg immer wieder gewachsen, wurde x-Mal überarbeitet. Was ich mir wirklich gewünscht hätte, wäre eine Möglichkeit gewesen, alle Zeitmarken, die irgendwann einmal irrtümlich oder beim Herumprobieren gesetzt wurden, zu entfernen. So hatte ich etwa 100+ Szenen, die ich erst einmal manuell auf Null stellen musste. Papyrus reagiert sonst bei der Setzung der Zeitmarken eigenartig. Vielleicht ist das ja der Grund, warum viele den Zeitstrahl nicht mögen oder mit ihm nicht klarkommen.
Für das nächste Projekt hab ich auf jeden Fall daraus gelernt und werde bereits die Kapitel von Anfang an mit Datumsangaben vermerken.
Ich hab diese Erfahrung sehr viel früher gemacht als du - nämlich vor 12 Jahren. Ich habe damals mit Papyrus 7 etwa ein Jahr lang mit dem Zeitstrahl herumgespielt. Dabei habe ich unendlich viel Zeit verloren.
Ich bin scheinbar genau so ein chaotischer Typ wie du. Ich verschiebe Kapitel und Szenen hin und her. Ich teile Szenen oder führe sie zusammen. Wie willst du da einen Zeitstrahl pflegen? Du hast im Prinzip dauerhaft inkonsistente Daten.
Denn sind wir ehrlich miteinander: Wenn ich gerade darüber nachdenke, meinen Text umzustrukturieren - dann habe ich alles im Blick, nur nicht den Zeitstrahl. Man verschiebt ja nicht einfach so ein Kapitel oder teilt es auf. Man schaut nach Anschlüssen, liest mitunter relativ viel Text am Stück. Und wenn es dann an der Zeit wäre, den Zeitstrahl anzupassen - dann hat man keine Energie mehr.
Und - wichtig! - man teilt Szenen nicht immer nach logischen Abschlüssen, sondern häufig auch nach so einer Art Cliffhanger-Methode. Das heißt, eine Szene endet an einer spannenden Stelle und der Handlungsstrang schließt zwei Szenen später fast sekundengenau an. Sowas kann richtig chaotisch werden.
Hast du tatsächlich Kapitel, bei denen du mit Datumsangaben auskommst? Ich habe Szenen, die laufen auf Minutenebene. Ich werde dir nicht empfehlen, den Zeitstrahl aufzugeben. Aber pass auf, dass du nicht in irgendeinen Perfektionismus verfällst. Am Ende willst du eine gute Geschichte haben und nicht einen perfekten Zeitstrahl. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe hier einen Fünfbänder. Und mindestens einmal pro Jahr, denke ich auch darüber nach, wie cool es wäre, einen kompletten Zeitstrahl davon zu haben. Das ist aber eine unfassbare Arbeit - und eine unbedachte Änderung und schon ist dein Zeitstrahl nicht mehr verlässlich. Hast du zwei oder drei solche Änderungen gemacht, kannst du im Prinzip wieder von vorne anfangen.
Ich verstehe das Problem nicht.
Ich arbeite auch schon lange an meinem Manuskript, habe immer wieder Szenen verschoben und tue das jetzt zum Teil auch wieder, aber es würde mir nicht im Traum einfallen, den Zeitstahl nicht zu pflegen. Ich habe sogar noch einen, bei dem in einer Szene angezeigt wird, wie alt die Figuren gerade sind. Wenn jemand Geburtstag hat, sehe ich das auch. So habe ich schon mal eine Szene angepasst und eine Geburtstagsfeier eingebaut.
Ich hätte ohne Zeitstrahl auch einmal eine Figur auftreten lassen, die schon 3 Wochen tot war …
Der Zeitstrahl ist mit das Wichtigste, das ich pflege, umd zwar minutengenau. Sonst würde mein Plot an vielen Stellen nicht funktionieren.