Ich habe mich - als Schreibübung - mal an einem alten Märchen ausgelassen. Es ist neu interpretiert, hat einen neuen Schluss bekommen und ist aus der Sicht eines, ihr ahnt es, Hahnes geschrieben, der ungern auf dem Teller landen möchte.
Ein Brathähnchen? Ich? Wo denken Sie hin?
Ich fange mal ganz vorne an. Besuch hat mich nie interessiert. Also weder zum Osterfest, das meine Damen immer in Legestress versetzte, noch zum Weihnachtsfest. Wozu auch? Ich habe sowieso gesungen. Früh morgens. Jeden einzelnen Tag. Um meine Damen zu wecken. Sie zählten auf mich. Also, ich meine, ich habe sie mit meinem unnachahmlich schönen Gesang bei Laune gehalten und ihnen Zusammenhalt versprochen. Meine Damen konnten sich immer auf mich verlassen. Zumal ich eine Hennenschar um mich hatte, die nur mit wenig Grips gesegnet war. Keine. Also alle der Damen, meine ich. Anders ausgedrückt: Sie brauchten mich. Also meinen beruhigenden Gesang. Jedenfalls nahte der Tag, an dem sich der Gutsherr zum Essen auf meinen Hof einlud. Weihnachtsbraten sollte es geben. Doch der Bäuerin mangelte es an Geld für einen Truthahn. Blöde Viecher, die keinen Sinn für Musik und Gesang haben. Um die ist es nicht schade. Aber ich schweife ab.
Es fiel also der Beschluss, Ersatz für eins von den unmusikalischen Trutviechern auf den Teller zu bringen. Die ebenfalls völlig unmusikalische Köchin freute sich, weil sie mich aus irgendeinem Grund nicht leiden konnte. Dabei habe ich sie nicht einziges Mal gepickt. Sie bekam also die Erlaubnis, meinen Liedern ein Ende zu machen. Für immer. Also als Brathähnchen zu enden. Ich! Können Sie sich das überhaupt vorstellen?
Da ich nicht fliegen kann, habe ich meinen Damen gesagt, ähm also, ich habe, ich will ehrlich sein, ich habe ihnen das Vorhaben der Köchin verschwiegen. Schließlich wollte ich sie nicht beunruhigen. Obwohl mir der Gedanke an den Besuch das Grauen ins Federkleid getrieben hat. Nun ja. Ich habe also an jenem Morgen gesungen wie ein wildgewordener Rabenvogel. Nur besser. Aber mit derselben Leidenschaft.
Wie ich so dasitze und mein allerschönstes Lied zum Besten gebe, also das, was ich jeden Tag singe, erblicke ich einen Radaubruder. Mit zerzaustem Fell. Er rast auf mich zu. Mit unerträglichem Lärm. Abrupt unterbreche ich meinen Abschiedsgesang. Ich verharre auf meinem Platz. Todesmutig. Also mit zitternden Federn. Wenn er mich aus dem Leben beißt, ist das immer noch besser als die Axt der Köchin. «Neeeeein!», schreie ich dann doch aus Leibeskräften.
«Was krähst du, wuff, wie ein Verrückter? Wuff. Kommst du mit? Wuff.»
«Willst du mich denn nicht töten?»
«Wuff. Nein. Ich suche einen, der mitsingt. In der Stadt. Dafür bekommen wir vielleicht Futter. Wuff.»
«Mein Gesang hat dir also gefallen?»
«Wuff!»
Herr der Hühner, ist das eine Nervensäge. «Kannst du mir einen Gefallen tun?»
«Wuff!»
«Könntest du das Gebelle lassen? Das verstopft mir auf Dauer die Ohrlöcher.»
«Entschuldige bitte. Ich bin so aufgeregt. Mein Herr hat mich vom Hof gejagt. Er hat jetzt einen Welpen. Deshalb könnte er einen Nichtsnutz wie mich nicht länger mit durchfüttern.»
Ich überlege. Wenn das eine Falle ist? Wenn er mich fressen will? Er sieht hungrig aus. Die Köchin naht. «Ich komme! Beeil dich! Da! Da drüben kommt sie! Renn!»
Also flüchten wir, bis uns die Krallen brennen.
Wir verstecken uns in einem Gebüsch. Wir sind einfach zu langsam. Also ich. Obwohl. Der Hund ist ja schon alt.
«Was haben wir denn hier? Wuff. Sorry. Fühl mal, Hahn. Da ist was Weiches.»
Vorsichtig scharre ich mit meinen müden Zehen das Laub weg. Große Augen starren mich an. Ohren oben drauf. Wie bei dem Radaubruder. Die Nase? Kleiner als bei dem Radaubruder. Das Fell? Es ist, also, genauso wie bei ihm. Struppig. Der klägliche Fellhaufen zittert. Seine nasse Nase macht ihr ganzes Gesicht nass. Er beruhigt sie mit nur drei Worten. «Ich mag Katzen.»
«Was machst du denn hier im Gebüsch?»
«Ich verstecke mich vor euch. Mein Heim musste ich verlassen. Ich habe Hunger, aber seit Tagen schon keine Maus mehr gefangen. Es klappt irgendwie nicht mehr.»
«Dann komm doch mit uns. Wir wollen in die Stadt», kommt es fast zeitgleich aus meinem Schnabel und seiner Schnauze.
«Was wollt ihr denn in der Stadt?»
Wieder antworten wir fast synchron. «Singen. Die Menschen freuen sich über unseren Chor und geben uns Futter.»
«Das ist euer Plan?»
«Wuff!»
Mein verächtlicher Blick treibt dem Hund eine Röte ins Gesicht, die also, ja echt, sie leuchtet durch sein Fell.
«Ich bin eine gute Sängerin. Mit mir macht ihr einen super Fang!»
Ihre darauf folgende Gesangsprobe bereitet mir eine ausgewachsene Hühnerhaut. Ich fühle mich wie gerupft. Mit schief gelegtem Kopf unterbricht der Radaubruder zum Glück das Katzengejammer. «Du passt super zu uns.»
Wie kann dieser, dieser, also Hund, nur …? Es wird schon dunkel. Wir sollten uns einen sicheren Platz suchen. Denn heute schaffen wir es mit Sicherheit nicht mehr bis zur Stadt.
Im Wesentlichen ist das die Geschichte, also die, die ich euch erzählen wollte. Ist sie gut ausgegangen? Ja. Denn ich bin nicht als Brathähnchen geendet. Ja. Denn ich habe neue Freunde gefunden. Ja, richtig. Obwohl sie nerven. Doch das dicke Ende kommt noch.
Früh am Morgen, ich erwachte zuerst, sang ich ein wenig vor mich hin. Die beiden anderen stimmten kurze Zeit später mit ein. Es hörte sich gut an. So alle zusammen. Nur noch ein halbes Stündchen und wir würden alle unsere Sorgen hinter uns lassen.
Fröhlich erreichten wir die Tore der Stadt. Ich freute mich auf Körner, die Katze hoffte auf eine riesige Schüssel Milch und der Hund hatte einen gigantischen Fleischberg vor seinem geistigen Auge.
Uns traf der Schlag. Also nicht wörtlich. Sie wissen schon, wie ich das meine. Mitten auf dem Marktplatz stand ein Esel. Mit unerträglichem Gegröle trug er ein Lied vor. Kinder streichelten ihn, eins saß auf seinem Rücken. Sie strahlten.
Um ihn herum lag ein Heuberg, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte. Niemand beachtete uns, obwohl wir unser Bestes gaben. Gleich neben dem Markt. Es ist einfach so. Also. Wie soll ich sagen? Wir kamen einfach zu spät.