Meinen Gruß in die Schreiberrunde!
Als absoluter Neuling hier möchte ich gerne den Einstieg wagen und die zwei ersten Kapitel meines Romanentwurfs posten. euch wird auffallen, dass es aus zwei Zeitebenen besteht, den kursiv geschriebenen Rückbländen im auktorialen Stil und der Hauptgeschichte im Präsens. Es war eine große Herausforderung, beide Ebenen so ineinander zu verschränken, dass die Handlung nihct ins Stocken geriet. Aus dem vorliegenden Text gehen die vielen Verschränkungen nicht hervor, aber wer Interesse hat, dem liefere ich gerne etwas mehr.
Eigentlich geht es um den inneren Kampf der Hauptperson, der ein Leben voll Bitterkeit führt und erst langsam an Handlungssicherheit und Selbstwirksamkeit gewinnt - aber wenn man die Geschichte nacherzählt, klingt es wie High Famtasy. Das ist eine Bürde, weil der Roman die Erwartungen der Fantasy-Leserschaft nur sehr bedingt erfüllt, das Setting dagegen schreckt potentielle Leser von Bildungsromanen ab. Nun ist es zu spät, das Buch ist weitgehend fertig für Testleser und fragt verzweifelt: “In welches Regal gehöre ich eigentlich?”
Ich bin gespannt auf Eure Kritik, worauf auch immer sie sich beziehen mag:
1.1. Der Aufbruch
Westerburg, erster Wonnemond 520
Misstrauisch nahm der Schankwirt die kleine, aber schwere Münze vom Tresen auf und drehte sie prüfend zwischen den Fingern. Auf ihrer Vorderseite waren seltsame Zeichen eingeprägt, die Rückseite zierte ein Wolfskopf. Vorsichtig nahm er sie zwischen die Zähne und biss hinein. Das Metall war weich, sein Eckzahn hinterließ eine kleine Delle – kein Zweifel, es war Gold. Auch wenn er die Herkunft der Münze nicht kannte, es reichte für die Runde, die Bernward Hallberg soeben für das gesamte Gasthaus ausgegeben hatte.
„Der verwegene Hallberg – er lebe hoch!“ rief weiter hinten in der Schänke einer der Gäste, und andere stimmten ein und trommelten mit ihren Krügen auf die Tische. Bernward lehnte sich zurück. Genau so hatte er sich seinen Aufbruch vorgestellt. Sobald das Bier floss, kamen auch die Gespräche in Gang.
Am Nachbartisch stießen sie jetzt nicht auf ihn, sondern auf alle Hallbergs an, die jemals Ruhm erlangt hatten. „Na, so viel könnt ihr gar nicht trinken, wie man da anstoßen müsste“, lachte Bernward ihnen zu, und zustimmendes Johlen war die Antwort.
Bier- und Pfeifendunst füllte den Raum. Es schien, als hätte halb Westerburg sich in der Schenke versammelt. Bernward ließ seinen Blick über die Anwesenden streifen. Viel bekamen die Westerburger in ihrer kleinen Grenzstadt nicht zu sehen. Ihr Blick reichte kaum über die Stadtmauern hinaus. Und über die Granitz nach Elemara zu gehen, daran wagten sie seit dem Wüstenkrieg nicht einmal zu denken.
Er stützte die Knöchel seiner Fäuste auf den Tisch und erhob sich, und mit ihm standen drei weitere Männer auf. Die restlichen Gäste stellten ihre Krüge ab und taten es ihnen gleich. Alles drängte nach draußen. Keiner wollte den Aufbruch des berühmten Abenteurers versäumen.
Bernward durchschritt die Türe und schloss, vom hellen Licht geblendet, für einen Augenblick die Augen. Die scharfe Frühlingsluft fuhr ihm ins Gesicht wie frisches Bergwasser. So blieb er einen Augenblick stehen, während die Westerburger einen großen Halbkreis um den Wagen und die Pferde bildeten, die vor der Schänke warteten. Seine beiden älteren Kameraden machten sich an den Sattelgurten zu schaffen, der jüngste von ihnen aber eilte noch einmal zu seiner Mutter, die mit tränenüberströmtem Gesicht in der Menge wartete. Die arme Frau. Mit seinem blonden Lockenschopf und jugendlicher Begeisterung allein dürfte ihr Sohn da drüben nicht lange überleben. Er würde ein Auge auf ihn haben, schon weil er auf ein paar Begleiter angewiesen war.
Dann schwang sich Bernward auf sein Pferd und fing geschickt die Lanze auf, die ihm einer der Begleiter nach oben warf. Manch einer der Umstehenden ballte seine Hand zur Faust, als gelte es auch für ihn, eine Waffe zu packen. „Schaut ihn euch an!“, klang eine junge Frauenstimme weiter hinten. „Im eigenen Bett wird er aber nicht sterben“, entgegnete ihr eine ältere. Aus den Augenwinkeln sah Bernward zufrieden, wie sich seine beiden Kampfgefährten stumm zunickten. Dann schwangen auch sie sich auf die Pferde.
Der blonde Jüngling nahm auf dem Kutschbock Platz, schnalzte mit den Zügeln und wendete den Wagen in engem Bogen zur Brücke über die Granitz hin, hinter der sich weit und sanft die wellige Graslandschaft von Elemara öffnete. Auch Bernward wendete sein Pferd und ritt im Schritt an den versammelten Westerburgern vorbei, da griff eine Hand aus der Menge nach seinem Zügel und er hielt an.
„Mit Helden wie dir fängt es an, Herr Bernward“, sagte ein alter, müde wirkender Mann. „Und mit solchen wie mir endet es dann meist.“ Mit diesen Worten drehte er Bernward seine rechte Seite zu – und streckte ihm seinen abgehauenen Armstumpf entgegen.
„Lass gut sein, alter Bogner!“, rief der blonde Jüngling vom Kutschbock herunter. „Der Fürst schickt uns, um Karten zu zeichnen, nicht in den Krieg!“
Der Alte ließ den Zügel los und winkte mit seiner verbliebenen Hand ab. „Na, mir drückt jedenfalls keiner mehr ein Schwert in die Rechte, wenn es dann wieder losgeht.“
„Er war im Wüstenkrieg dabei“, erklärte der Junge, halb stolz, halb entschuldigend. „Ich kenne alle hier in Westerburg!“
Bernward nickte ihm freundlich zu. Und dabei wusste er genau, dass jeder Krieg zunächst auf einer Landkarte begonnen hatte.
Von der Schänke bis zur Brücke war es nicht weit. Die Bürger folgten Bernwards Trupp, doch am ersten Brückenpfosten blieben sie stehen. Hinübergehen würde niemand. Bernward blickte noch einmal zurück zur Stadt und hob die Lanze. Dann gab er dem Pferd einen leichten Schenkeldruck. Die Hufeisen dröhnten dumpf auf dem Holz der Brücke, danach ratterten die Wagenräder den Pferden hinterher. Die Sonne stand noch nicht ganz im Mittag, und so eilten die Schatten der Reiter ihnen voraus in das Land Elemara.
Es war schon Nachmittag, als Bernward eine erste Rast einlegte. Während die Männer die Pferde an einem kleinen Bach saufen ließen und ihnen Hafer gaben, hatte er einen Hügel erklommen und blickte weit über die Ebene, auf der das blaugrüne Gras über den sanften Hügeln ausgebreitet lag wie ein wehendes Tuch. Hinter sich konnte er am Horizont noch die Dachspitzen von Westerburg erkennen. Bis hierher reichte die Karte, die ihm Fürst Odalrik unter dem Siegel der Verschwiegenheit in die Hand gedrückt hatte. Von nun an würde er Wegen folgen, die nicht darauf verzeichnet waren.
In der Karte waren an mehreren Stellen kleine Rechtecke eingezeichnet. Dort sollten einmal Kastelle errichtet werden, um das ‚Vorfeld von Westerburg abzusichern’, wie man es bei Hofe ausgedrückt hatte. Bernward musste lächeln. Der Fürst und seine Provinzstrategen! Es war kein allzu großes Gebiet, das er sich da unter den Nagel reißen wollte, doch immerhin so groß, dass es nicht ohne Wissen und Billigung des Kaisers geschehen konnte.
Das war der zweite Teil seines Auftrags: Briefe. So oft wie möglich sollte er Fürst Odalrik berichten, von der Gefahr, die aus Elemara drohte genauso, wie von den fruchtbaren Ebenen und Bodenschätzen, die dort warteten. Bernward faltete die Karte zusammen und verscheuchte eine Pferdebremse auf seinem Unterarm. Für besonders klug hielt er den Plan des Fürsten nicht, dem Kaiser den Mund ein bisschen wässrig zu machen. Der Hunger kam bekanntlich erst richtig mit dem Essen. Und der Kaiser konnte einen sehr gesunden Appetit entwickeln. Bernward selbst war vor Jahren als junger Knappe bei einem kaiserlichen Festessen dabei gewesen.
Er blickte den Hügel hinunter. Auf der wegabgewandten Seite war die Grasnarbe in scharfer Kante abgerissen, und eine Geröllhalde erstreckte sich bis in die Senke. Er bückte sich, hob einen faustgroßen Kiesel auf und betrachtete ihn nachdenklich. Nein, den Kaiser hätte Fürst Odalrik besser nicht über seine Expansionspläne in Kenntnis setzen sollen.
Mit einem Schulterzucken ließ er den Stein wieder fallen. Der Stein hüpfte über die Kante und schlug mit einem leisen Klacken im Geröll auf. Nein, dieses Fürstlein ahnte nicht im Geringsten, was es da lostrat. Bernward drehte sich um und stieg hinunter zu seinen Kameraden. Und während er mit sicheren Schritten den Hügel hinabging, kam auf der anderen Seite ein zweiter Stein ins Rutschen, dann ein dritter, und mit einem Mal rollte eine ganze Gerölllawine ins Tal.
1.2. Westerburg
Vierzig Jahre später.
Tag 47: Westerburg, einundzwanzigster Lenzing 560
Es brennt wie tausend Nadeln, wenn das scharfe Kalkwasser in die Risse meiner Hände dringt. Ich zerre das Ziegenfell im Bottich auseinander, wende es, hebe es heraus – es gleitet mir aus den froststarren Fingern und fällt in den Bottich zurück. Kalkwasser spritzt mir entgegen, schnell presse ich die Augen zusammen und mache einen Schritt rückwärts. Das frostige Gras knirscht unter meinen Füßen. Und wieder greife ich in die ätzende Flüssigkeit, beiße die Zähne zusammen und packe fester zu. Wieder ziehe ich das Fell heraus, die ersten Haare lösen sich, aber es ist noch nicht bereit für den nächsten Bearbeitungsschritt.
Ein feines Ziegenleder. Da wird mal ein hübsches Paar Handschuhe draus, für einen ganz besonders vornehmen Herrn, vielleicht ein Patrizier, oder einer aus der Trutzburg.
Trutz Westerburg! Ich blicke zu den klafterdicken Mauern hinüber, zu den hohen Türmen und den Fahnen, die vor Frost ganz steif geworden sind. Wie die Burg sich so zwischen die Stadt und die Granitz schiebt, das wirkt, als stieße sie einen frechen Drohruf aus zur anderen Seite des Flusses, in Richtung Elemara: „Kommt doch und holt euch zurück, was unser Kaiser sich im Kampf erworben hat und was Fürst Odalrik verteidigt! Ihr wagt’s ja nicht!“
Mit einem Seufzer lasse ich das Ziegenfell wieder in den Bottich gleiten und schaue hinüber zu den Gerbern. Ich habe andere Sorgen. Einer der Gerbergesellen hat eine Kuhaut über den Scherbock gespannt und schabt Fleisch- und Fettreste herunter. Der Atem geht ihm schwer und steht ihm weiß vor Mund und Nase. Bald wird die Haut in meinem Bottich landen, das wird noch einmal härter als das kleine Ziegenfell. Ein zweiter bearbeitet ein Fell, das eben noch in meinem Bottich lag, und kratzt in großen Büscheln die Haare herunter, so dass sie in dicken, feuchten Klumpen ins nasskalte Gras fallen.
„Na, hast du Haarausfall?“ ruft einer der älteren Lehrlinge zu ihm herüber, und die anderen lachen, während sie abgeschabte Felle mit Stangen in die Granitz tauchen. Ich lache nicht mit, sondern lächle nur müde.
Als ich mein letztes Fell aus dem Bottich ziehe, um es zum Scherbock zu tragen, sind meine Finger so steif, dass ich es über meinen geröteten Arm legen muss.
„Nur immer frisch her mit dem Lappen!“, ruft mir der Geselle zu und schwingt sein Schabeisen. So sagt man Danke bei den Gerbern, denke ich und nicke nur, wende mich um und trotte zum Ufer hinunter. Als ich meine Arme in der eiskalten Granitz abwasche, spüre ich meine Finger schon lange nicht mehr. Genug getan für den Vormittag.
Auf dem Weg zu meiner Kate am Rand der Gerbersiedlung gehe ich noch bei der Hütte des Meisters vorbei, um mir bei seiner Frau zwei verbrannte Brocken Schwarzbrot abzuholen.
Die Meisterin legt das Brot in meine roten, steifgefrorenen Hände. Zugreifen kann ich nicht mehr. Mein verspätetes Frühstück.
Zwei Kanten Brot, das ist eine ganze Menge, da habe ich sogar die Chance, satt zu werden. Vor einem Jahr hätte ich eines der Stücke meiner Mutter gegeben, aber nun ist sie tot.
Wie konnte sie sich trotz dieses harten Lebens hier nur heimisch fühlen? Wir wohnen nicht einmal innerhalb der Stadt, unsere Kate ist lausig, der Gestank von den Gerberhütten infernalisch.
„Mein lieber Junge, ich weiß, dass ich eine Westerburgerin bin, und du bist auch ein Westerburger", war ihre unbeirrte Antwort, wann immer ich über die Stadt und ihre Bürger klagte. Und verzweifelt fügte sie jedes Mal hinzu: „Wenn ich mich nur erinnern könnte. Ich weiß es doch, ich weiß es.“
Und wo ist der Vater? Und wer ist er?
„Reicht dir denn deine Mutter nicht? Reicht es dir denn nicht, dass ich ganz sicher weiß, dass wir Westerburger sind.“
Mehr hat sie mir nie gesagt.
Ich nehme das zweite Stück Brot zur Hand und beiße gedankenverloren hinein. Mein Blick sucht auf dem festgestampften Erdboden nach ein paar Krümeln, die dabei heruntergefallen sind.
Nein, Mutter, ich bin kein Westerburger. „Freiläufer“ nennen mich die Leute, und darin schwingt Verachtung mit. Ich bin frei, zu kommen und zu gehen, wie es mir beliebt, ich bin nicht dem Befehl des Fürsten unterworfen. Aber ich bin nicht frei von den misstrauischen Blicken, wenn ich die Schänke betrete, und ich bin nicht frei von Kälte im Winter, und ganz und gar nicht frei von der Sorge, wovon ich morgen leben soll. Die Freiheit, die man mir so großzügig zugesteht, lässt mich jeden Tag um mein Überleben bangen.
Es heißt, dass man für seine Freiheit kämpfen muss, aber ich muss kämpfen aufgrund meiner Freiheit, und manchmal wäre es mir schon ganz recht, ein bisschen weniger Freiheit und etwas mehr zu essen zu haben. Wenigstens ab und zu.