Der Angstanruf

Ich habe ein gewaltig dickes Fell, aber ein einziger Anruf bringt mich völlig in den Panikmodus.
Es beginnt mit einem Telefonat, welches mir missglückt.
Ich kann meinen Vater nicht erreichen.
Er ist bald achtundachtzig, darauf kann er Stolz sein.
Allerdings hat ihn auch schon das Herz ausgesetzt und ist noch bei 30% Leistung. Geistig und körperlich ist er Gott sei es gedankt noch fit.
Aber zurück zu mir. Wenn ich ihn nicht erreiche, warte ich ein paar Stunden. Oft hat er sein Telefon nicht geladen, es liegen lassen oder so. Das übliche eben.
Nach 2 Stunden setze ich dann meine Agentenkette in gang. Erst seine Freundin. «Hast du ihn heute schon gesprochen? »
Meist ist das dann schon erledigt.
Sollte das nicht fruchten, sind seine Nachbarn die nächsten auf der Liste.
Kucken ob das Auto da ist, klingeln und aufs Handy schauen. Das hat bis heute funktioniert. Heute aber, Auto da, klingeln, klopfen, an die Tür trommeln, nichts!
Dieser Anruf, auf den ich eigentlich gefasst sein sollte, ereilte mich heute kurz vor dem Abendbrot.
Panikmodus!
Das heißt: ab ins Auto 120 Kilometer gen Norden.
Unterwegs erstmal den Nachbarn vom Paps instruieren.
Er soll die Polizei Wache informieren.
«Warum ich? »
Die Antwort von mir ist einfach und doch irgendwie verwirrend. Ich bin in einem anderen Notrufbezirk.
Egal, er ruft die Polizei und die kommt auch. Ruft mich an und informiert mich, dass eine Notöffnung etwas kostet.
Mir doch egal!
Zusammen klopfen sie wieder an die Tür. Nichts!
Ein Polizist versucht mit einem Trick die zugezogene Tür von aussen zu öffnen.
Dann geht sie von alleine auf, mein Vater steht in der Tür und fragt die Beamten und den Nachbarn, was die wohl zu dieser Zeit im Haus zu suchen haben.
Bohh, alter Schwede.
Er hatte es geschafft, beim Telefon den Flugmodus einzustellen, jede Wette, wenn ich ihn darum bitten würde, keine Chance.
Ich habe kreisrunden Haarausfall, Schluckauf und fast die Hosen voll und er meinte am Telefon: «Junge, ( fast 60) mache dir keine Sorgen! Wenn ich irgendwas habe, dann meld ich mich bei dir. »

19 „Gefällt mir“

Oh ja, das fühle ich. Im ersten Lebensviertel sorgt man sich um sich selbst, im zweiten um die Kleinen, im dritten um die Großen und im letzten … um Gefährten. :anguished:

5 „Gefällt mir“

Der Tag wird kommen, Alter, das weisst du.
Und es wird weh tun, Junge, (du ahnst nicht wie schlimm.)
Und jede Stunde wirst du bereuen
die du versäumt hast mit ihm.

Du wirst warten, dass er vergeht, dieser Schmerz, Alter
(Was er tun wird, aber erst spät)
Er wird dir fehlen wie das Licht in der Nacht, Junge,
Wie eine Stimme die im Schneesturm verweht

Er wird dir das Herz brechen, Alter
Einmal noch, aber richtig
Und dann wirst du wissen, Junge,
Was wertvoll war und was wichtig

Doch wenn du Glück hast, Alter,
Und geliebt wirst, wie ich
Wird jemand da sein, der dich fragt:
Wärs dir lieber, Junge, er begräbt dich?

Hundert Kilometer nach Norden, Alter,
Ist nicht so weit,
Fahr vorsichtig, Junge,
Aber nutze die Zeit

11 „Gefällt mir“

Mein Vater (fast 88, schwer herzkrank) und ich scheinen das Spiegelbild Deiner Geschichte zu sein. Ich kenne Deine Angst, und auch diese Hilflosigkeit, zumindest anfangs. Mein Vater hat nach dem Tod meiner Mutter beschlossen, so lange wie irgend möglich in dem viel zu großen Haus alleine zu bleiben. Sein Ort. Sein Heim. Es war ein längerer Weg, viel Gespräch, viel Abgleich von Bedürfnissen, seinen und meinen. Ich unterstütze seinen Wunsch. Er soll seinen Willen haben. Auch auf das Risiko, dass er unbemerkt die Treppe hinunterstürzt, unbeobachtet im Garten zusammenbricht oder was auch immer kommen mag. Es ist sein Leben, seine Entscheidung. Ich bin einmal angerückt, weil er nicht erreichbar war. Und habe ihn mit einem Schlaganfall (von dem er sich prächtig erholt hat) hilflos im Bett gefunden. Als Notarzt x-mal erlebt, ist es doch etwas völlig anderes, beim eigenen Vater einzubrechen und in das gespenstisch stille Haus zu gehen, ihn im Bett zu finden und im ersten Augenblick nicht zu wissen, ob er noch lebt.
Und da komme ich zu meinen Bedürfnissen. Damit ich seinen Wunsch, zu Hause alleine weiterzuleben, mittragen kann, haben wir vereinbart, dass er einmal pro Tag ein Lebenszeichen per Messenger schickt. Das hat auch eine neue und erfrischend leichte Kontaktebene ermöglicht. Und er „musste“ sich einen Hausnotruf zulegen.
Mit dem verbleibenden Restrisiko kann ich (inzwischen) gut leben. Eines Tages wird keine Nachricht mehr kommen oder der Hausnotruf wird sich nach Eintreffen des Rettungsdienstes bei mir melden. Das wird sehr schwer und sehr traurig. Aber mein Vater konnte dann bis zu seinem Tod selbstbestimmt leben. Und das wird mir den Abschied erleichtern.

Frei nach Ringelnatz: Und seien wir ehrlich, das Leben ist immer lebensgefährlich.

12 „Gefällt mir“

Vielen lieben Dank für deine Worte.
Genauso empfinde ich es auch.

4 „Gefällt mir“

@Ho.Ro

Gerade erst Deinen Post gelesen. Ich kann Dich so gut verstehen … - meine Eltern sind inzwischen hochbetagt verstorben, aber die letzten Jahre waren ein ähnliches Auf und Ab.

Ein guter Freund, dessen 89-jährige Mutter mehrere hundert Kilometer entfernt wohnte, rief mich vor einem guten Jahr an: „meine Tante steht gerade vor der Wohnung meiner Mutter - sie wollte mal läuten, weil sie seit einer Woche nicht ans Telefon geht. Der Briefkasten quillt über … jetzt macht sie sich Sorgen!“ Ich riet ihm: 112, Feuerwehr und Notarzt - rasche Wohnungsöffnung. Getan. Die alte Dame lag tatsächlich hilflos auf dem Boden, (gerade) noch am Leben, womöglich ein Schlaganfall. Das Ende der Geschichte: keiner hätte geglaubt, dass das gut ausgeht. Jetzt sitzt die inzwischen 90-Jährige in einem kleinen, familiär geführten Pflegeheim, Zimmer mit Rheinblick, schwer dement - und in der festen Überzeugung, sie mache Urlaub und lebe in einer Pension mit „sehr nettem Personal“.
So kann’s auf die letzten Meter sogar nochmal richtig schön werden :slight_smile:

5 „Gefällt mir“