Es ist ein Szenario, das ich in den einschlägigen Selfpublishergruppen nahezu täglich beobachte. Jemand postet seine KU-Seiten des letzten Monats. Darunter ein kurzer Satz, der nach nichts klingt und nach allem fragt: «Hat jemand ähnliche Zahlen?»
Was folgt, ist kein Austausch. Es ist oft eine Prozession des Leidens.
Wer einmal verstanden hat, was hier eigentlich passiert, sieht es überall. Nicht nur in den Gruppen, nicht nur bei den Selfpublishern. Es ist das Muster einer Angst, die sich in ein widersprüchliches Verhalten verwandelt hat, das sich selbst für Strategie hält.
Nichts trifft einen Autor so sehr wie die Ablehnung durch Unsichtbarkeit. Nicht die schlechte Rezension, nicht der Brief des Lektors mit den höflich verpackten Vernichtungsurteilen. Die Stille. Das algorithmische Schweigen, das sich anfühlt wie ein persönliches Urteil, obwohl es keines ist. Ein Ranking-Signal hat keinen Blick für das Werk, es kennt nur Klicks und Conversion Rates.
In einer Zeit, in der ein Algorithmus darüber entscheidet, ob etwas oder jemand relevant ist, kann die Angst vor dieser maschinenbestimmten Relevanzdefinition zwanghafte Züge annehmen. Man kämpft mit immer mehr Ich um Sichtbarkeit. Man optimiert, postet, erklärt, vergleicht. Das Storytelling wird zum Numbercrunching als Selbstzweck. Statt Figuren zu kreieren werden Zahlen verglichen, und damit wird der eigene Wert definiert oder eben infrage gestellt.
Was dabei entsteht, ist kein Wettbewerb um Qualität. Es ist ein Wettbewerb um Leid.
Die Frage «Hat jemand ähnliche Zahlen?» ist kein stummer Schrei nach Liebe, auch wenn sie manchmal so klingt. Es ist das Seil des Ertrinkenden, der sich daran festklammert, dass andere noch tiefer gefallen sind. Das lindert nichts. Es verschiebt nur kurz das Gefühl der Unbedeutsamkeit von einem auf den anderen.
Das Werk verschwindet dabei vollständig aus dem Bild. Was bleibt, ist die Zahl um das Werk herum. Die Rezensionen, die Bestellungen, die KU-Seiten, die Ranking-Positionen. Wer anfängt, seinen Wert als Autor in diesen Zahlen zu suchen, sucht nach dem Falschen und wird es auch mit noch mehr Suchen nicht finden.
Der Algorithmus ist kein Kritiker. Er hat keine Meinung über das Buch. Er misst nur, was messbar ist, und belohnt, was bereits belohnt wird. Wer sich an ihm orientiert, orientiert sich an einem Spiegel, der keine Kunst reflektiert, sondern nur Reichweite.
Ich schreibe das ohne Häme. Ich kenne diesen Sog. Die Frage, warum der eine Text gesehen wird und der andere nicht, ist eine berechtigte Frage. Aber sie hat keine Antwort, die sich in einer Facebook-Gruppe finden lässt, in der alle dieselbe Frage stellen.
Die einzige Gegenbewegung, die ich kenne, ist eine, die sich anfangs vollkommen unproduktiv anfühlt: das Werk wieder in den Mittelpunkt stellen. Nicht weil das den Algorithmus beeindruckt. Sondern weil man sonst aufhört, ein Autor zu sein, und anfängt, ein Zahlenproduzent zu werden. Und davon gibt es bereits mehr als genug.