Bullshit-Bingo

Vor Jahren gab es eine Weile lang Rundmails und -faxe (tatsächlich also vor Jahren) mit Vorschlägen, langweilige Besprechungen durch Bingo aufzupeppen. Wer zuerst vier übliche Sitzungs-Stereotype entdeckt, gewinnt. Das nachfolgende Geschichtchen ist entsprechend auch schon älter, der Overhead-Projektor dürfte längst reichlich Staub angesetzt haben. Trotzdem viel Spaß!


Bullshit-Bingo

Die Tür fliegt auf. Hanappel tritt schwungvoll ein, einen Stapel Folien in der Hand, nickt in die Runde und geht zum Rednerpult hinüber. Den Anwesenden gönnt er ein knappes Lächeln, ehe er hinter dem Pult abtaucht, um nach dem Stecker für den Overhead-Projektor zu fischen. Etwas klackt leise. Hanappel federt in gerade Haltung zurück und sieht sehr zufrieden aus, als die Lampe des Projektors einen ersten, schwächlichen Fleck gelben Lichts auf die Leinwand wirft. Er wendet sich seinem Publikum zu. Obwohl er völlig aufrecht steht, könnte man meinen, er stemme sich mit unterdrückter Kraft gegen die erwartungsvollen Gesichter, bereit, schon im Vorhinein jedes Wort seines Vortrages gegen mögliche Kritik zu verteidigen. Dabei wippt er ein wenig auf den Ballen, nicht viel, aber es ist doch eine gewisse Aggressivität in der Bewegung.

„Also dann!“ beginnt er in seiner gestelzten Art und legt die erste Folie auf. „Ich habe die Finanzlage noch einmal zusammengefasst. Meine Bedenken waren nicht unbegründet. Alles ist neu durchgerechnet, am Ergebnis gibt es nichts zu deuteln. Ich werde noch alles mit Diagrammen belegen!“

Er wartet kurz ab, ob jemand einen Einwand vorzubringen wagt.

„Nun, mir wurde der Ball gestern zugespielt, also sollte sich niemand über diese Analyse wundern“, fährt er fort, um gleich wieder inne zu halten – Birkmann vom Sachgebiet 14, Archiv, hat schüchtern eine Hand gehoben.
„Ja, bitte?“ Hanappel ist ehrlich erstaunt. Birkmann war an der ausufernden Schuldverschieberei vom Vortag doch gar nicht beteiligt gewesen.

Birkmann beugt sich vor, die Halsmuskeln ganz angespannt.
„Bullshit!“ presst er hervor, wie jemand, der sich erst gehörig überwinden muss und dann froh ist, es hinter sich zu haben.

Fast sträuben sich Hanappel die kurz geschorenen Haare, aber er besinnt sich – Birkmann ist kein Gegner, schon lange nicht mehr. Vor allem aber war er noch nie einer, der offen auf Konfrontation aus ist. Vielleicht musste er nur niesen? Ganz unähnlich klang das soeben ja nicht. Auch der erleichterte, befreite Gesichtsausdruck, mit dem Birkmann sich wie nach einer großen Anstrengung im Stuhl zurücksinken lässt, spricht für diesen Verdacht.

Hanappel beschließt, den Vorfall nicht weiter zu beachten – auch die anderen reagieren ja nicht –, streicht einen Schweißtropfen von der Stirn, deutet auf die Leinwand und liest vor: „Stellenplan. Ein heikles Thema, ich weiß, aber wir müssen sparen. Ich sehe die Problematik, aber es geht nicht anders.“
Er will sich gerade in Fahrt reden, da hebt Birkmann erneut die Hand und ruft hastig, kaum dass er sie ganz ausgestreckt hat: „Bullshit!“, als habe er Angst, jemand könne ihm zuvorkommen.

Hanappel stockt und starrt in bierernste Mienen rundum.
„Sie meinen …?“ fragt er misstrauisch, aber Birkmann winkt schnell ab.
„Es war nicht wichtig. Entschuldigung!“

„Gut“, brummt Hanappel, kann aber eine gewisse Unsicherheit nicht verbergen. Will Birkmann ihn lächerlich machen? Auf eine so kindische Weise? Ist das eine späte Rache dafür, dass Hanappel sich vor langer Zeit dafür stark gemacht hat, ihm die Leitung von Sachgebiet 14 zuzuschieben, um so einen Konkurrenten ins Abseits zu stellen? Unvorstellbar. Doch nicht der Birkmann, der seit Jahren friedlich in seinem Archiv verstaubt! Er schüttelt den Kopf, um diese unsinnigen Gedanken zu vertreiben.
„Zurück zum Stellenplan! Zwei neue Stellen sind angefordert für Sachgebiet 3, Informationstechnologie und Datenverarbeitung. Das ist sicherlich begründet, die zunehmende Komplexität der Vernetzung ein gewichtiges Argument – aber würde nicht eine Stelle reichen? Wenn man die Synergien …“

Schon will Sparling aufspringen, der übergewichtige, cholerische Leiter der EDV, da kommt ihm Birkmann zuvor, schnellt von seinem Stuhl empor und kräht „Bullshit!“. Eine leichte Röte zieht sich über seine sonst blassen Wangen, als er Sparling einen triumphierenden Blick zuwirft.

„Ist Ihnen nicht wohl?“ fragt Hanappel konsterniert. „Was schreien Sie mir denn immer dazwischen?“

Birkmann setzt sich und zieht den Kopf zwischen die Schultern. Zwar kann er ein leichtes Lächeln nicht ganz unterdrücken, doch die Geste scheint Hanappel zunächst zu genügen. Vielleicht weiß er auch nicht, wie er anders reagieren soll, zumal Sparling – von dem Vorfall wohl aus dem Konzept gebracht – keine weiteren Einwände erhebt und daher Birkmanns Ausbruch durchaus als Hilfestellung gewertet werden kann. Überhaupt bleiben alle sehr ruhig und scheinen das seltsame Verhalten ihres Kollegen nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen.

„… die Synergien“, räuspert sich Hanappel, um den verlorenen Faden wieder aufzunehmen. „Ich denke, es ergibt Sinn, wenn einige Budgetkürzungen …“

Diesmal reißt es Birkmann geradezu von seinem Platz.
„Bullshit!“ schreit er heraus, die geballte Faust zur Decke gestreckt. „Vier in einer Reihe. Bingo! Gewonnen!“

Schallendes Gelächter allerseits. Hanappel, der das sofort auf sich bezieht, rafft mit hochrotem Kopf seine Folien zusammen und stürmt aus dem Raum, Birkmann mit einem verschreckten „Ach Gott …!“ gleich hinterher, und für einen Augenblick kehrt Ruhe ein.

Sparling schubst seinen Nachbarn an. „Was meinst du - ob Birkmann geglaubt hat, wir spielen tatsächlich mit?“

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Gefällt mir. Gute Wortwahl, bei der die verknöcherten Büroärsche gut zur Geltung kommen, knackig, kurz, bildhaft und das nicht zu sehr (Ich selbst neige immer mal wieder zu irren Metaphern). Ich musste automatisch an Stromberg denken.

Pausenaufsicht, scheint ein Ex-Lehrer zu sein.
Mir fehlt etwas Pep. Etwas mehr Äktschn, da ist noch Platz nach oben, und leider ist das Finale nicht so knallig. Was aber auch daran liegen mag, dass ich das nicht so ganz kapiert habe. Es gibt eine ähnliche Sene in einem Krimi, den ich sehr liebe, „Der Hollywoodmord“ von Joseph Wambaugh.
Die ersten Zeilen, die Beschreibung mit dem guten, alten Overheadprojektor - den die jüngere Generation kaum noch kennen wird - ist sehr geil, ich konnte sofort mitgehen.
Mir gefallen auch die Namen. Hanappel und Birkmann, das ist voll aus dem Leben. Es mag komisch klingen, aber Namen, die etwas rüberbringen, machen in einer Geschichte schon etwas aus. Du scheinst einmal in einem Großraumbüro gearbeitet zu haben. Ich kam vor Jahren auch einmal in den zweifelhaften Genuss, die dort oft herrschenden Hierarchien waren schon be(d)rückend.
Gesamtfazit: Ich mags und würde mehr lesen wollen.
Danke, misc!

Lieben Dank für Dein Feedback!

Wenn das Ende nicht verstanden wird, dann muss es wohl am Leser liegen. Meinen manche. Ich denke eher, dann hat’s der Autor nicht richtig hingekriegt. Noch schlimmer ist’s, wenn er es erklären muss. Trotzdem: beim → Bullshit-Bingo muss man, je nach Variante, vier oder fünf häufig in Sitzungen, Meetings etc. verwendete Begriffe finden. Birkmann glaubt, die Runde spielt es, doch er spielt’s alleine.
Offenbar sollte ich mir das Ende noch mal genauer anschauen.
Freut mich, dass es Dir trotzdem gefallen hat!

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Okay, kapiert. Und es liegt immer am Leser…echt…

Echt! Bin überzeugt davon …

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au Scheiße, der letzte Satz ist ja sowas von fies und bitterböse . Gefällt mir, wie auch der ganze Text.

Um die Sache aber richtig genießen zu können, muss man als Leser wirklich genau wissen, was ‚Bullshit Bingo‘ bedeutet, sonst kann man es nicht nachvollziehen.

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Vielen Dank für Deine Rückmeldung!

Das stimmt. Eine Erklärung im Text unterbringen funktioniert leider aber auch nicht (bzw. habe ich nicht so hinbekommen, dass es mir gefallen hätte).

Gruß,
misc

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Mir gefällt’s und ich habe die Pointe kapiert, obwohl ich direkt in den Text eingestiegen bin. Die Einleitung habe ich erst im Anschluss gelesen. Hat also funktioniert. Die Leserschaft darf ruhig ein wenig mitarbeiten.

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Das freut mich. Danke für Dein Feedback!

Gruß,
misc