Darüber bin ich heute gestolpert und musste lachen:
Heute ist der internationale Tag der Schachtelsätze, ein Aktionstag.
Mark Twain, ein bekennender Kritiker der deutschen Sprache, hat mal gesagt: Wenn der literarisch gebildete Deutsche sich in einen Satz stürzt, sieht man nichts mehr von ihm, bis er auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans mit dem Verb zwischen den Zähnen wieder auftaucht.
An diesem internationalen Tag des Schachtelsatzes, an dem wir, die wir sonst so gern nach Klarheit greifen, uns freiwillig in jene verschlungenen Gänge begeben, in denen ein Gedanke den nächsten an der Hand nimmt, der wiederum, weil er sich nicht allein fühlt, noch einen dritten herbeiruft, der, kaum dass er die Bühne betritt, schon leise um Platz für einen vierten bittet, sodass aus einer anfangs schlichten Aussage, die nur danken wollte, ein kleines Gewölbe wird, das sich, getragen von Nebensätzen, Einwürfen und vorsichtigen Selbstkorrekturen, immer weiter wölbt und dabei, ohne laut zu werden, mit jedem zusätzlichen Atemzug bekennt, dass Schönheit manchmal genau dort entsteht, wo Ordnung nicht herrscht, sondern geduldig ausgehandelt wird, bis am Ende, wenn der Punkt wie eine Kerze gesetzt wird, nicht Triumph übrig bleibt, sondern ein stilles, demütiges Staunen darüber, dass Sprache, sobald man ihr vertraut, sich selbst zu Kunst verknüpfen kann.
Vielen Dank liebe Suse
Ich glaube, ich habe bisher 15 Sätze beendet.
Ich leugne auch nicht, dass Nietzsches Gedanken sehr komplex und verwirrend sind. Ich muss viel darüber nachdenken, was er denn meint. Ob eine Metaebene oder sein Humor durchstechen. Ist wirklich nicht ohne.
Ich denke, wir sollten, zur Feier dieses Tages, der ja eigentlich nun auch schon in der Vergangenheit liegt, aber dennoch eine Feier verdient, ja, wenn man es genauer betratet sogar benötigt, unbedingt in Schachtelsätzen antworten.
Ich verstehe ohnehin nicht, warum Schachtelsätze, in denen so viel Unterschiedliches, das eigentlich gar nicht zusammenpasst, gleichzeitig untergebracht werden kann, bei Schreibenden, die damit ja insgesamt viel weniger Sätze brauchen, und bei Lesenden, die nur einen einzigen Satz überfliegen müssen, anstatt fünf oder mehr Sätze zu lesen, so unbeliebt sind, denn eigentlich sind Schachtelsätze ja, von dieser Seite aus betrachtet, ungemein praktisch, weil so alles, was man sagen möchte, mit diesem einen, zugegebenermaßen etwas längeren, Satz abgehandelt werden kann, oder wie seht Ihr das?
Man sollte Schachtelsätze, die als Abart einiger Dichter, die zum Teil schon tot sind oder zum Teil noch leben, weil man sie vergessen hat, sie totzuschlagen, gelten, meiden.
Einer, der in seiner Heptalogie über hunderte Seiten in nur einem langen, nicht endenden Satz schreibt, ist Jon Fosse. Der hat sogar in 2023 den Literaturnobelpreis erhalten.
Da ich Fosse bis dahin nicht kannte, bin ich in meine lokale Buchhandlung gegangen und dachte, ich lese da mal rein, so wie ich es immer mache, wenn ich mich mit einem mir unbekannten Autor bekannt machen möchte.
Was soll ich sagen, man kann dies mögen, muss es aber nicht unbedingt. Ich wollte einfach nur den ersten Satz lesen, was mir bis dato noch nicht gelungen ist, so dass ich diese Zeilen aus der Buchhandlung schreibe, in der ich immer noch lesend sitze.