Zeigarnik-Effekt

Ich bin beim Lesen eines Newsletters der „Zeit“ zum Schreiben auf den Zeigarnik-Effekt gestoßen. Zunächst habe ich das Wort „Zeigarnik“ für einen üblen Rechtschreibfehler gehalten. Ich dachte, es muss „Zeig gar nichts“ heißen.
Nein.
Das sagt Dr. Google dazu:

Der Zeigarnik-Effekt beschreibt das psychologische Phänomen, dass wir uns an unterbrochene oder unerledigte Aufgaben besser erinnern als an bereits abgeschlossene. [1]

Grundlagen und Ursprung

** Entdeckung: Die Psychologin Bluma Zeigarnik erforschte das Phänomen in den 1920er-Jahren, inspiriert durch Kellner, die sich offene Bestellungen besser merken konnten als bereits bezahlte.*
** Kognitive Spannung: Eine begonnene Handlung baut im Gehirn eine innere Spannung auf.*
** Entlastung: Erst wenn eine Aufgabe erledigt ist, baut sich diese Spannung ab und die Erinnerung verblasst. [1, 2, 3]*

Für uns Schreiberlinge hält Dr. Google Folgendes parat:

Der Zeigarnik-Effekt ist eines der mächtigsten Werkzeuge für Autoren. Sie können ihn auf zwei Arten nutzen: um Ihre Leser süchtig zu machen und um Ihre eigene Schreibblockade zu lösen.
Hier sind die besten Strategien für Ihr Buchprojekt:
1. Für Ihre Leser: Spannung und „Binge-Reading“ erzeugen (Anm. von mir: Binge-Reading; herrlicher Begriff!)
Weil das menschliche Gehirn ungelöste Rätsel und unterbrochene Handlungen hasst, wird der Leser Ihr Buch nicht weglegen können.
• Cliffhanger am Kapitelende: Beenden Sie ein Kapitel mitten in einer dramatischen Szene oder kurz vor einer wichtigen Enthüllung. Der Leser muss weiterlesen, um die kognitive Spannung abzubauen.
• Verschachtelte Handlungsstränge (Subplots): Wenn Sie einen Handlungsstrang unterbrechen, um zu einem anderen Charakter zu wechseln, bleibt die unerledigte Aufgabe im Kopf des Lesers aktiv.
• Die „Mystery Box“: Führen Sie früh ein kleines Rätsel ein (z. B. ein verschlossenes Kästchen, ein Geheimnis aus der Vergangenheit), das erst viel später gelöst wird.
________________________________________
2. Für Sie als Autor: Schreibblockaden abbringen
Sie können den Effekt nutzen, um den psychologischen Widerstand vor dem nächsten Schreib-Session zu verringern.
• Hören Sie mitten im Satz auf: Hören Sie am Ende eines Schreibunterbrechung nicht auf, wenn ein Kapitel fertig ist. Hören Sie mitten in einer packenden Szene oder sogar mitten in einem Satz auf. Ihr Gehirn wird in der Pause unbewusst weiterschreiben. Wenn Sie sich am nächsten Tag hinsetzen, brennt Ihr Kopf darauf, den Satz zu beenden.
• Die unfertige To-Do-Liste: Notieren Sie sich vor dem Aufhören in drei Stichpunkten, was als Nächstes passiert. Das hält die „Spannung“ aufrecht, nimmt Ihnen aber die Angst vor dem leeren Blatt.

Ich denke, diese knapp gehaltenen Empfehlungen könnten uns bei „Schreibblockaden“ helfen oder wenn der Schreibfluss stockt. Ich werde es mal ausprobieren. (Ich hoffe, dass ich bei erfolgloser Anwendung nicht im Binge Drinking ende. :wink:)

10 „Gefällt mir“

Sehr interessant, Dankeschön.

2 „Gefällt mir“

US (Action-/Drama-/Mystery-) Serien bedienen sich dieses Effekts gerne und häufig. Stichwort: Cliffhanger, um die Zuschauer bei der Stange zu halten. Im Buchjargon kenne ich dazu den Begriff „Page Turner“. Allerdings sind bewegte Bilder und bewegte Seiten zwei völlig unterschiedliche Medien.

Bei einer Serie werden Cliffhanger genutzt, um den Zuschauern Appetit auf mehr zu machen. Das kann funktionieren, wenn die Dosis stimmt. (Paracelsus? Was meintest du gerade?)

Ich gucke zur Zeit The Blacklist (Grauenhafte Serie. Extrem lehrreich). Hier wird dieser Effekt auffällig häufig eingesetzt, und das nicht (nur) am Ende einer Staffel, nicht am Ende einer Episode, sondern - gefühlt - alle. Fünf. Minuten. Für Adrenalinjunkies mag das funktionieren. Für eine gewisse Zeit. Als Analogie zur Psychiatrie, bzw. Medikamente und Substanzen: Zu viel davon, und der Körper entwickelt mit der Zeit eine Toleranz. Deswegen müssen Menschen, die Substanzen wie Alkohol, Nikotin, THC, etc. konsumieren, mit der Zeit immer höhere Dosen nehmen, um einen gleichbleibenden Effekt zu erhalten.

Mir fällt Lee Child („Jack Reacher“) ein. Er nutzt diesen Effekt in seinen Büchern, macht das aber in einer Dosierung, die ich durchaus als ‚angenehm‘ empfinde.

Das muß gar keine riesigen Auswirkungen haben, oder dramatische Folgen.

„Die Tür schloß sich. Der Lichtschein verglomm zu einem dünnen Faden.“ (Szene, Absatz oder Kapitel zu Ende.) Ich würde wissen wollen, was als nächstes (hinter der Tür? draussen?) passiert. Hektik kam beim Lesen hier nicht auf.

„Dann war das Brett zu Ende. Elaris zappelte mit den Beinen in der Luft, verlor den Halt und stürzte in die Tiefe.“ Ich benutze den Zeigarnik-Effekt, um einen Übergang (Turn the Page) zu schaffen.

Ich frage meine Testleser gerne, ab welcher Stelle sie das Gefühl hatten, ‚Stress‘ zu empfinden, oder wann sie müde wurden. Spätestens dann, besser vorher, schalte ich einen Gang zurück, indem ich eine eher statische Szene einfüge, damit das Gehirn nicht überfordert wird.

Für mich hat das - du hast auch das Thema ‚Schreibblockade‘ erwähnt - einen Effekt, der mir selbst hilft, um genau solche Blockaden zu überwinden, bzw. sie nicht entstehen zu lassen. Dazu angemerkt: Ich schreibe nicht viel Plot, sondern lasse mich von meiner Geschichte tragen. Meistens beende ich eine Szene auf eine Weise, wie in den beiden Beispielen. Danach mache ich etwas ganz anderes, (Spazieren, einkaufen, Küche aufräumen) während ich darüber nachdenke, was als nächstes passiert.

Das heißt, man kann den Zeigarnik-Effekt verwenden, um die Leser zu motivieren. Man kann ihn aber auch dazu nutzen, sich selbst beim Schreiben vorwärts zu bewegen.

Diese Lorbeeren gehen allerdings an meine Psychologiedozentin und die Neurokollegin. Wir hatten über Aufmerksamkeitsspanne, Hirnareale und deren Aufgaben gesprochen haben. Gut 10 Jahre her, und ich hätte nicht gedacht, dass mir das heute, 2026, einmal in einer ganz anderen Richtung dient.

Grüsse ein wortreiches Wochenende,

Dirk

4 „Gefällt mir“

Es gibt Stichworte, die bei mir zuverlässiger funktionieren, als der Pawlowsche Reflex. Daher muss, muss, muss ich auf die für mich ultimative Cliffhanger-Serie hinweisen.

In den 1970ern gab es Western von gestern, eine Zusammenstellung von älteren s/w Western, vorwiegend aus den 1920-1940ern. In den “Zorro reitet wieder” Teilen hörte jede Episode mit einem extrem aussichtslosen Szenario aus:

  • der Held ist in einem Minenschacht, wo die Dynamitlunte brennt
  • er stürzt mit einer Kutsche die Klippe hinunter
  • ein Damm bricht und reißt alles mit

Genau in der Katastrophe hieß es dann: Ende. Bis zur nächsten Woche.

Die Serie gibt es recht günstig als DVD mittlerweile. Die Zorro-Serien hab ich mir tatsächlich gegönnt. Für mich immernoch das Beste, was in der Art Spannungsbogen je produziert wurde.

1 „Gefällt mir“

Toll. Gut gemacht. Jetzt kann ich mich das ganze Wochenende mit einem Nostalgieflash rumschlagen. Der Intro-Wurm bohrt bereits im Ohr :worm: :backhand_index_pointing_right: :ear:

Vorabendprogramm, die ganze Familie auf Sofa und Sesseln verteilt. Ein absolut glorreicher Al St. John als Fuzzy… Intro → Steinschleuder → Mächtiger Badabumm. Saloonschlägereien, während auf der Bühne die Beine geschwungen werden (und keine der Frauen hat jemals einen Stuhl abgekriegt. Oder ich hab das verdrängt, weil es einfach nicht richtig gewesen wäre.)

Aber ich bin kein nachtragender Mensch. Deswegen kannst du auch ganz entspannt auf diese farbige Zeile klicken. Da ist garantiert kein Rick Astley drunter versteckt.

Nur um diese zwei Regeln würde ich bitten:

  1. Wir sprechen nicht über Rauchende Colts
  2. Wir sprechen nicht über Rauchende Colts :shushing_face::prohibited: :water_pistol:

Gruss,

Festus Dirk

P.S. Teil 2. - Demnächst in diesem Forum

2 „Gefällt mir“

Western von Gestern… ich habe die Serien mir reingezogen, wie andere Linien.

Die Serie ahat es geschafft, dass mein Westernspiegel bis heute auf Maximum steht, danach wer mir sogar “Unsere kleine Farm” zu westermäßig.

Erst der “Superpeforator” und die Puda-Rosa-Ranch konnten was gegen die Westernphobie was wuppen.

1 „Gefällt mir“