Kurzgeschichte: Kioskmann - Rückmeldung erwünscht

Ob ich das noch lange machen kann, bezweifle ich jeden Tag mehr. Mir geht es immer schlechter damit. Nicht die körperliche Arbeit, die geht klar, und die meisten Kunden kann ich handeln. Es ist etwas anderes, was Unmittelbares und Offensichtliches, ein kontinuierlicher Verfall. Ich verkaufe Tabakwaren, Lotto und Presseerzeugnisse, nebst Lederbrieftaschen, Postkarten und anderem Krimskrams.
Ich brauche das Geld. Wohnung zu teuer, mein Auto bald Geschichte, es sei denn ich habe Glück beim TÜV. Ich wälze mich durch drückende Träume, die üblichen Gedanken kreisen um Essen oder Tanken oder unerwartete Rechnungen. Wenn ich morgens aufwache, verwünsche ich den Tag und zwinge mich ins Bad. Beim Waschen bemühe ich positive Gedanken, möchte was besseres sein, wenigstens mein eigenes Gewicht tragen, brauche die Struktur und den Menschenkontakt. Auch wenn ich im Kiosk nicht mal die Hälfte von dem bekomme, was ich als freier Spaßjournalist verdiente. Es hilft nichts. Meine Motivation zum Schreiben steckt so tief im Keller, dass die Texte Schimmel ansetzen. Eigentlich liebe ich das Schreiben. Aber Schmand schreiben nicht. Also schreibe ich jetzt keinen Schmand für Geld mehr, sondern HOCHLITERATUR, und die wirft bekanntlich einen Scheiß ab. Erstmal nur, hoffe ich, später vielleicht ja doch.
Nachts öffne ich einen Weißwein, schreibe ein paar Gedanken auf und hoffe, dass sie zu Geschichten werden.
Tagsüber sortiere ich 14 gleichaussehende Zeitschriften mit REVUE im Titel nach der Wahrscheinlichkeit, dass Gebückte sie erreichen. Blöd, wenn morgens die Presselieferung voll ist mit »romantischer Literatur«, Sudoku-Rätseln in leicht, mittel, hart, ultraschwer und unmöglich, hundertseitigen Ratgebern für Rentnerinnen, und das alles im Weg steht, wenn die Rollatorparade durch das halb geöffnete Rolltor zieht. Schaffst du eh nicht, zu verräumen in den paar bezahlten Minuten vor Ladenöffnung. Im Geschäft ist ungefähr so viel Platz wie in einem ganz kleinen Panzer. Der erstbeste Kunde fragt mich nach einer Empfehlung für Zigaretten. Er kenne sich nicht so aus. Mein Kopf steckt halb im Literaturmodus.
»Gifte. Da haben wir alles mögliche von sechs bis 30 Euro.«
Kunde guckt irgendwie skeptisch, also lege ich mich mehr ins Zeug.
»Also für Teerskeptiker haben wir Nikotin auch weitgehend pur. Dann atmen Sie nur ein, was Sie in Diskos seit Jahren einatmen, ihrem Erscheinungsbild nach.«
Seine Augenbrauen machen ein M.
»Ich bin Asthmatiker!«
Wozu dann Zigaretten, du selten blödes Exemplar!?
Habe ich das gesagt oder gedacht? Meine Sicht verschwimmt und als ich blinzele, ist der Typ weg. Der Laden leer. Konnte ich ihm helfen? Und wenn ja, wobei?
Egal, Hochliteratur! Darum gehts doch im Kern, danach strebt doch jeder Taugenichts, der kein Abi und lose Finger hat, Geltungsdrang und keine Lust auf unehrliche Arbeit.
Ich gehe zum Ständer mit der Tagespresse, sortiere um. BILD ganz oben? Weil es die meisten Leute kaufen, oder kaufen die meisten Leute, weil es ganz oben liegt? Mitnichten! BILD nach unten, Junge Welt ganz hoch. Moment, davon gibts ja nur ein Exemplar, außerdem steht auf der Titelzeile »Linke zerstritten, Rechte vereint«, das ist doch nix neues. Eine Zeile runter. Dresdner Morgenpost ist immerhin lokal, eine hoch. Was ein Quatsch.
Ich sollte den Boden wienern, kommt eh keiner. Vergesse wieder, dass der Reiniger zum Schluss in das Wasser kommt. Der alte Mopp schmiert einen Film auf die grauen Linoleumplatten.
Eine Rotte Jugendlicher marschiert rein, einer nach dem anderen, Puffwesten an, ausrasierte Seiten, Scheitel wie ein Strich. Der erste klatscht rücklings auf den Boden, mit der Schuhspitze in der Luft wie im Stechschritt, eine blonde Strähne steht ab wie ein Finger.
MINENFELD.
»Vorsicht, glatt«, gebe ich zu bedenken.
Er versucht, aufzustehen, findet in der Neutralreinigermische keinen Halt. Seine Kameraden stehen außerhalb vom Gewischten und gucken ratlos drein. Ich nehme den Mopp, schiebe ihn unter seinen Hintern und rotiere den ganzen Typ ins Trockene. Er steht auf, richtet die Frisur, dreht sich um und huscht aus dem Geschäft. Die anderen zögern, folgen ihm dann aber doch.
Später finde ich das »Vorsicht Glatt« Schild, doch der Boden ist schon getrocknet. Ich stehe hinter dem Tresen, höre quietschende Schritte von vorn, sehe aber niemanden. Ich beuge mich ganz vor über den Tresen und blicke in das flehende Gesicht eines alten Mannes. Tief gebückt steht er da, graue Haarsträhnen lugen unter einer Pudelmütze hervor und hängen fast bis auf den Boden.
»Ich suche die Micky Maus!«
Er kommt einmal die Woche, wir haben keine Micky Maus. Die wird uns von der Presseabteilung nicht zugeteilt, aber wir haben eine Micky-Maus-Wundertüte, und ganz viele verschiedene Lustige Taschenbücher, da kommen Herr Maus und seine Freunde auch drin vor, sage ich. Da heute das dritte Mal ist, dass er da ist, und ich ihm jedes Mal alles mögliche andere mit Micky Maus angedreht habe, aber eben nicht die verfluchte Micky Maus, das wöchentliche Magazin mit Gimmick, oder Extra, oder was, fühle ich mich, als würde ich einem Hungernden einen guten Rat mit auf den Weg geben. Als er mit einer 12-Euro-Sonderausgabe des LTB den Laden verlässt, verschwimmt meine Sicht schon wieder. Ich bestelle Micky Mäuse. Sechs Stück für 12 Wochen. Die Restbestände, mal sehen.
Ich mache drei Schritte zur Seite, stehe im Lager. Anderthalb Quadratmeter, ein Regal. Acht von zehn Reihen voll mit Waren, Bonrollen und Werbemitteln, in der mittleren Reihe liegt eine Tüte mit Käsebrezeln auf einer Gummitischdecke, daneben stehen vier leere Mateflaschen und eine Tasse mit Besteck. Unter dem schmalen Waschbecken ist der Feuerlöscher gerade so greifbar, zwischen Zuteilungsware und meinem Rucksack, der auf Brusthöhe am Kleiderhaken hängt. Ich schiebe das Bein in die Leerstelle und bücke mich auf das knirschende Knie, greife den Neutralreiniger, einen Lappen.
Mit kreisenden Bewegungen wische ich die Flecken vom Spuckschutz. Pandemie war schlimm, aber auf diese Plastefenster lasse ich nichts kommen.
Kunde mit Gehstock auf fünf Uhr. Ich seitenschreite zurück zur Kasse.
»Hallo, bitte schön!«
»Das heißt Guten Tag! So, ich bekomme die VORWÄRTS! und eine Kabinett Würzig.«
Er blickt auf mein improvisiertes Papierschild, da steht »Freue mich über 1-Cent-Münzen« mit Herzchen.
»Ist der Kupferpreis wieder gestiegen?«
Ich verstehe nicht, lege Zeitschrift und Kippen auf den Tresen.
»Keine Ahnung, vielleicht.«
»Wofür dann die Münzen?«
»Ach so, tja Wechselgeld. Ich wechsle hier mitunter Geld.«
»Na jo, geschwonn eh wims, de Schweineregierung. Und wieviel macht das?«
»Zwölf Mark und elf Pfennige.«
»Ich hab’s passend!«
Der Greis legt die Summe überwiegend in Kupfergeld hin. Ich habe Zeit und grübele. Seine Nerven fahren nur noch Autobahn. Leute die so aussehen wie ich, können niemals so sein wie ich. Das muss ein Scam sein.
Langsam bildet sich eine Schlange, die Kunden planen auf Effizienz.
Der vorletzte in der Reihe hat seinen jungen Sohn dabei, vielleicht zehn Jahre alt.
»Einmal den Volumentabak für 40 Euro.«
Während ich die Dose suche, führt er sein Kind zum Lottotisch.
»So, hier kannste ankreuzen.«
Ey. Die Schulung, wenn ich die ernst nehme, muss ich was sagen. Ist auch scheiße für Kinder. Ist das meine Verantwortung hier? Schon, oder. Hier ja.
»Kinder nehmen hier nicht am Glücksspiel teil.«
Keine Reaktion vom Vater. Der Junge hält inne.
»Na, da! Nächstes Feld die anderen Zahlen.«
Mir geht die Pumpe, ich google schnell Jugendschutzgesetz. Die KI produziert dreitausend Zeichen in einer Sekunde.
Der Junge scheint kaum voranzukommen. In meinem Kopf liest ein berobter Richter die Gesetze vor, gegen die ich verstoße. Mir reicht es.
»So, ich muss Sie jetzt bitten, den Laden zu verlassen–«
Jetzt reagiert der Vater.
»Ich bin erziehungsberechtigt!«
»Das spielt keine Rolle. Ich verkaufe Ihnen jetzt nichts mehr, verlassen Sie das Geschäft.«
Er huscht vor die Plastikscheibe, schwillt obenrum an und schreit.
Er will meine Chefin sprechen. Ich will die Nummer rausholen, da fällt mir Datenschutz ein. Darf ich das … er schreit schon wieder.
In meinem Inneren brodelt was. »Das Jugendschutzgesetz nimmt mich persönlich in die Pflicht, keine Verstöße im Laden zu gestatten. Verlassen Sie jetzt das Ge-schäft«. Mit einer spaltenden Geste unterstreiche ich den Schluss.
Der arme Kleine ist halb hinter dem Grußkartenständer verschwunden, das Kinn auf dem T-Shirtkragen. In der Warteschlange beobachtet ein einsamer Knöterich das Treiben.
»Sag mal, was glaubst du, wer du bist, dir zeig ich’s.«
Er wendet sich zur Seite, steuert auf den Treseneingang zu und kommt näher.
Scheiße, ich brauche eine Waffe. Ich greife die angekaute Käsebrezel, pfeffere sie dem Kerl entgegen, sie fliegt links an ihm vorbei und zerschellt am massiven Werbeaufsteller. Das hat ihn ein bisschen beeindruckt und es riecht lecker. Ich greife in den Schrank, zur Bestecktasse, nein mann nein gewalt ist keine lösung auf keinen, schütte Löffel und Messer auf die Gummitischdecke, halte die leere Tasse in seine Richtung.
»Kaffee erstmal, drüber reden?«
Kunde außer sich vor Wut, schnappt sich das EC-Lesegerät.
Ich greife zum Telefon. Er legt das Lesegerät hin, dreht sich um, schreit gestückelte Silben und stapft hinaus. Mein Herz rast. Sein Junge ist auch verschwunden. Ein ängstliches Gesicht tritt vors Fenster, mir wird ein Lotto-Beleg entgegengehalten, ich nehme ihn, atme mit zuckendem Zwerchfell, blende fast aus. Bewege die Beine automatisch zum Terminal, scanne den Zettel, atme in den Bauch. Geht gleich wieder.
Ein paar Minuten Ruhe und ich ziehe meine letzte Käsebrezel aus der Tüte. Als sie mir trocken im Hals feststeckt, kommt ein neuer Kunde.
Sein Lächeln perfekt, Zähne wie eine neue Kaffeetasse. Er ist vielleicht 70? Sein Sakko sieht aus, als gab es das mit geringem Aufpreis zur Yacht dazu.
Er geht zum Lottotisch.
»Na bitte, hier liegt ja schon ein Schein, den nehme ich.«
Er klatscht mir einen Zettel hin. Muss der Junge da liegen gelassen haben. Ich füttere ihn in die Maschine, der Drucker kräht.
»Was die Regierung macht, das ist ein Verbrechen!«
Ich weiß grad nicht, nehme den Zettel aus dem Drucker.
»Nur geldgierige Schweine. Die nehmen alles, keine Gefangenen. Die reißen dich in Stücke. Korruptes Pack! Wegsperren wäre noch gnädig. «
»So, das ist Ihr Schein.« Ich lege den Papierbogen auf den Tresen.
Joa, dass die Regierung ihn so schlimm triezt, dass er einem Kioskhoschi seinen Hass vor den Latz hauen muss, das stelle ich mir vor.
»Und die Ukraine, das sind die größten Blutsauger.«
Auf was hoffst du hier? Zuspruch? Ein leichtes Opfer? Für das, was du sein willst, gibts hier keine Bestätigung.
»Wenigstens wurden wir nicht überrannt.«
Warum hast du das gesagt. Warum hast du irgendwas gesagt.
Er lacht gekünstelt, lange und aus dem Bauch, seine Augenschlitze taxieren dabei mein Gesicht. Mein Blick scheint nicht die Reaktion zu sein, die er erwartet.
»Ach, glaubst du denn, das will der?«
»Ne, jetzt nicht mehr.«
»Ach, du bist zu jung!«
Er wendet sich um und stapft davon.
»Ach, jetzt duzen wir uns?«
Er lässt noch ein triumphierendes Grunzen raus.
Duzt der mich doch. Die nächste Kundin verliert keine Sekunde, legt ihr Kinn fast auf den Tresen.
»Du bist zu jung!«, ruft sie mit gelangweilten Augen.
Ich bin perplex.
»Ne, ich bin hier vom Lederfritzen und soll euren Bestand erneuern.«
Sie ist süß, hat schöne Augenringe, ihre Bomberjacke sieht aus wie vom Designer. Sie stellt präzise Fragen. Ich stehe neben ihr vor dem Tresen und wir besprechen ihre Lieferung. Mir wird schwindelig, ich schwanke komisch und hüpfe weg von ihr und hinter den Tresen. Oh Mann, peinlich oder hat sie nichts gemerkt? Gespräch am besten, über Lederwaren.
»Das sind gute Lederwaren.«
Herr im Himmel, was laberst du.
»Was war gerade los, warst du nicht seiner Meinung?«
»Ja, nee.«
Sie sortiert einige Minuten am Lederaufsteller, dann legt sie mir einen Zettel zum Quittieren vor.
»Willst du nachprüfen oder vertraust du mir?«
»Ich … ja, nein, ist okay.« Ich unterzeichne.
»Dann bis zum nächsten Mal.«
Ich dachte, dieser Mist wird leichter oder natürlicher, wenn ich älter werde. Wird er nicht. Es bleibt ein Mist, dass ich nicht cool bleiben kann.
Dieser Bonze krallt sich in meinem Kopf fest. Habe ich mein Gesicht verloren und wäre das gut oder schlecht? Ich kann mit solchen Leuten nicht. Da gibt es nichts mehr zu retten.
Oh ne, da kommt Rod wieder. Keine Ahnung, ob der wirklich Rod heißt. Aber ich brauchte einen Namen. Schätze, er geht auf die Fünfzig zu, sein kompakter Körper steckt in prall ausgefüllten Jeans und einer oberkörperbetonter Rennfahrerjacke. Unter dem Schirm einer Baseballkappe gucken riesige Augen durch lupendicke Brillengläser. Wie immer am Erscheinungstag legt er die hochglänzende Ausgabe der “Bang!” auf den Tresen. Sein Gesicht ist hochrot und die Lippen leicht geöffnet. Mir kommt ein Geruch entgegen, der an das Jugendzimmer eines 15-Jährigen erinnert. Ich nehme seinen Geldschein, lege das Wechselgeld auf den Tresen, bedanke mich knapp. Schon ist er raus. Ich gehe mit langen Armen und Schritten zum Waschbecken. Während ich Seife schaumig rubble, taucht er vor meinem inneren Auge auf, wie er schon in einer Kabine auf der Centertoilette steht, jetzt in diesem Moment, den Klositz runterklappt und … nein, bitte nicht. Mehr Rubbeln. Das verstärkt das Bild, also wasche ich die Seife unter dem Wasserstrahl ab. Werfe einen Schulterblick, über einem Werbeaufstellern tanzt eine toupierte Frisur unter dem Scheinwerferlicht. Mist. Ich wische das Wasser an der Hose ab und seitenschreite zur Kasse.
»Ein Rubbellos, bitte.«
Verdammt belastend, dass ich merke, wenn ich rot werde.
Die letzten Minuten des Arbeitstags ziehen sich, ich fülle sie mit Staubwischen und kurzen Momenten, in denen ich vor mich hinstarre.
Es ist dunkel, als ich zum Auto komme. Auf der Heimstrecke leuchten gelbliche Laternen, kaum jemand unterwegs. Je näher ich der Wohnung komme, desto schwerer werden die Gedanken. Als ich meine Tür öffne, rieche ich den Korridor aus Weinflaschen, der den Weg zum Kühlschrank bildet. Ich stehe eine Weile davor und wälze Gedanken, kann mich nicht überwinden, etwas wegzuräumen. Nächste Woche habe ich zwei Tage frei. Dann aber wirklich. Nicht wie bei den letzten vier Gelegenheiten.
Nach kaum tausend Zeichen vergeht mir die Lust auf das Schreiben. Wenn die Basis bröckelt, ist aller Überbau zum Einsturz verurteilt. Ich muss Grundlagen schaffen. Das Heim kehren. Morgen. Oder ab morgen. Wenigstens ab morgen nach Gelegenheiten suchen. Ernsthaft. Dann jeden Tag ein bisschen. Dann wird alles gut oder wenigstens besser.
Einige Sonnenauf- und Untergänge später und die Nacht gipfelt in Angstträumen. Diesmal fahre ich beim TÜV vor, der Prüfer reißt meine Autotür auf, zerrt mich aus dem Sitz, schleift meinen hilflosen Leib auf die Hebebühne und schreit: »Jetzt wollen wir mal sehen, wo hier der Wurm drinsteckt.«
Ich kann zappeln, mehr nicht.
»Oh weh, ach du Scheiße, du bist ja marode bis auf die Knochen. So kommst du hier nicht durch!«
Er schiebt mir eine Ölkannentülle in den Arsch und fängt mit Summen an.
Der Wecker brummt. Eine halbe Stunde zu spät, innerlich zerfickt und in zerwühlten Fettlaken, springe auf, frühstücke eine Mate per Sturztrunk, rutsche fast in der Dusche aus und verletze mich am Unterrücken. Verlasse die Wohnung humpelnd. Hätte ich nicht von der Lederfrau träumen können? Mein eigenes Hirn hasst mich.
Der Verkehr ist dicht, dunkle Wolken verdecken die Sonne, am Lenkrad spüre ich gelegentlich heftige Windstöße, die das Auto in die eine oder andere Richtung drücken. An der Ampel landet ein knallgelber Schmetterling auf dem Scheibenwischer. Ich klopfe von innen an die Scheibe und verscheuche ihn.
Im Laden ändert sich meine Stimmung sofort. Alles ordentlich, so wie ich es verlassen habe. Schön. Hier sehe ich jedes Staubkorn und, es ist wie verhext, greife zum Wedel und putze. Voller Elan. Wenn ein Kunde kommt, richte ich die Wirbelsäule auf, spreche fest und freundlich. Heute verhindert die schiefe Schonhaltung einen allzu aufrechten Stand, doch der saubere Laden treibt zumindest meine Schultern zurück und das Kinn nach vorn.
Ein junger Mann schiebt seinen Rollator zwischen den Werbeaufstellern durch, kommt vor dem Kassentresen zum Stehen. Er blickt mir in die Augen. Seine leuchten, sind das einzige, das lebendig wirkt an ihm. Er ist graublass, sein Körper wirkt schwach, dünn und zerbrechlich. Quer über seinen Nasenlöchern liegt ein Schlauch, macht ein kurzes Pss, jedes Mal, wenn der Mann einatmet.
»Ja, und trotzdem rauche ich.« Pss.
Meine Hände zittern. Guck es dir an, ein junger Mann, in der Blütezeit, er sollte tanzen, vögeln und dumm aussehen, lachen und weinen. Steht aber hier, mit einer Hand am Rollator, und bestellt eine Schachtel Zigaretten. Pss.
Ich lege die Schachtel hin, will Smalltalk schenken, er flachst und scherzt. Mir ist nicht nach Witzen zumute. Er hat mich in die Ecke getrieben, ohne es zu wissen. Es ist nicht meine Schuld, oder? Höchstens trage ich es mit. Laufe Werbung. Was ihn frisst, kann ich nicht sagen. Aber es sieht nicht so aus, als bliebe viel Zeit. Ich versuche, ihn anzulächeln, aber es fühlt sich aufgesetzt an, meine Augenlider hängen.
Als er raus ist, setze ich mich auf den Klappstuhl und nehme mein Handy, scrolle durch digitalen Müll und starre durch das Gerät hindurch. Meine Zähne mahlen.
Plötzlich steht ein Mann im schwarzen Anzug halb im Treseneingang. Das geht nicht.
»Entschuldigung, hier ist nur für Mitarbeiter.«
»Nee, nee. Oberberg, Regionalleiter. Also, sowas geht gar nicht, am Handy spielen. Macht keinen guten Eindruck. Ist ja noch Probezeit. Die wird nicht verlängert. Nech? Ruhig schon mal was anderes suchen. Kündigung kommt per Post, zwei Wochen. Tja, aber so ist das.«
Ich höre mich Rechtfertigungen sabbeln, zwecklos. Das war’s.
»Tschüss und alles Gute!«
Mein Herz stürzt wie ein Fahrstuhl und macht die Knie unendlich leicht.
Den Rest des Tages wabere ich durchs Geschäft. Gesichter kommen und gehen, einige mit irritierten Blicken, die zu fragen scheinen, wo ich bin.
Mein Kopf rast im Zickzack an schwarzen Schikanen vorbei, sucht nach Ausfahrten, alle verbrannt oder im Bau.
Plötzlich steht der Bonze wieder vor mir. Meine Augen stellen sein Gesicht scharf.
»So!«
Er knallt den Lottobeleg hin. Seine Augen spielen Tischtennis zwischen mir und dem Zettel, sein Keramikgrinsen verheißt nichts Gutes.
»Na? Guck mal nach, ob ich was gewonnen habe.«
Ich halte den Schein unter den Scanner. Piep, Piep, Piep.
Zentralgewinn.
Dreimal hat der Computer noch nie gepiept.
»So macht man das, Jungchen!«
Wieder sein langes und herablassendes Lachen, doch diesmal klingt es echt.
Zwei Wochen später stehe ich vor einer Hausfassade im Szeneviertel. Neben mir wummert meine Boombox einen simplen Beat. Vor mir liegt mein altes Cap, davor ein Papierschild mit der Aufschrift „Ein Song für 2 Euro“. Hippe Leute gehen vorbei. Ich glaube, die mit der schicken Bomberjacke hat gerade ernsthaft darüber nachgedacht, ein Geldstück für mich zu zücken.

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Hallo liebe Papyrus-Community,
mit der Kurzgeschichte “Kioskmann“ wollte ich üben, strikt perspektivisch zu schreiben.
Habe mir mal ein Herz gefasst und sie hier veröffentlicht, hoffe auf Feedback oder vielleicht auch einfach eine Meinung, ob die Geschichte etwas mit euch macht, ob sie eine emotionale Reaktion auslöst oder ob sie euch kaltlässt.
Würde mich freuen, eure Meinungen zu hören.
Lieben Gruß aus Dresden,
J.D.

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Das Leben kann so grausam sein. Da fühlt man doch gleich mal in der Hosentasche, ob da nicht noch zwei Euro klimpern. Im Trevibrunnen liegen noch ein paar davon.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich die letzte Fernsehzeitung in der Hand hatte, war sicher im letzten Jahrtausend. Zeitschriften waren noch nie mein Ding, bis auf “Yps”. Ich habe “Yps” geliebt, jedes Exemplar gekauft und die Gimmicks verehrt, als wären es die Reliquien der heilige Religion der Ypsianer. Bis meine Mutter glaube, klar Schiff im Kinderzimmer machen zu müssen. Sie mochte die vorschreitende Entropie da nicht.

Können wir nicht alle so einen Tag von unserem Leben beschreiben? Wenn uns die Zukunft wieder mal gefickt hat? Wer auf den Spoiler klickt, hat die Kontrolle über seine Maus verloren.

Trotzdem stehe ich jeden Tag auf, gehe 4x die Woche arbeiten und warum? Ich bezahle Miete für eine Wohnung, die ich selten sehe, weil ich arbeiten gehe, um die Miete für die Wohnung zu verdienen. Außerdem führen meine Katzen ein Luxusleben. Meiner-Einer bekommt Tütensuppen, die Fellknäule das edelste Fleisch, welches der Planet zu bieten hat. Mit Kobe-Rind brauche ich denen nicht zu kommen, das hauen sie mir als Schlagenfraß um die Ohren. Der Kreis schließt sich und zieht sich jeden einzelnen Tag 86400 Sekunden, die meisten Tage jedenfalls, manchmal gibt es Schaltsekunden, die meine innere Uhr ins Chaos werfen, enger. Die Zeit hat noch keiner besiegt, das wusste bereits Isabella!

→ Dieser Thread wird durch Werbeeinblendungen unterstützt, hätte ich vorher sagen müssen, oder?

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Hallo,

schon nach den ersten Absätzen war für mich klar, dass deine Kurzgeschichte anders ist als viele andere. Dein Schreibstil wirkt angenehm locker, gleichzeitig aber auch ehrlich und authentisch. Die Mischung aus trockenem Humor, Selbstironie und den ernsten Gedanken der Hauptfigur hat mich sofort angesprochen. Man merkt, dass in den Szenen viel Lebenserfahrung steckt und die Figuren glaubwürdig wirken.

Besonders gefallen hat mir, wie du alltägliche Situationen beschreibst und daraus gleichzeitig humorvolle, aber auch nachdenkliche Momente entstehen lässt. Hinter vielen Szenen steckt eine gewisse Melancholie, die dem Ganzen eine besondere Tiefe verleiht. Gerade diese Mischung macht die Geschichte für mich interessant.

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Ja, die Geschichte macht etwas mit mir. Auf der einen Seite gefällt sie mir, da sie sehr schön den Blick auf und in den Kiosk und das Milieu wirft. Ich bin häufig im Ruhrgebiet unterwegs, wo es auch viele derartige Kioske gibt, wo die Menschen, die ich dort im Vorbeigehen wahrnehme, denen ähneln, die deine Geschichte beleben. Insofern erfüllt der Inhalt das, was ich irgendwie erwarten würde, ohne dass ich tatsächlich Kioske besuche oder jemanden kenne, der dort arbeitet.
Damit bin ich auf der Kehrseite. Du beschreibst sehr schön das (für mich) irgendwie Erwartbare, das, was nicht selten auch in Filmen so dargestellt wird. Was mir fehlt und was die Geschichte positiv abheben würde, wäre etwas Überraschendes, etwas, das nicht “auf der Hand liegt”. Für mich wäre dies z.B. eine Hauptperson, die dort arbeitet, die sich aber ganz anders darstellt, etwa (um es auf die Spitze zu treiben) ein emeritierter Professor der Literarturwissenschaft, dem man ansieht und in Dialogen anhört, welche Freude es ihm bereitet, dort zu arbeiten und Kontakt zu den Menschen zu haben. Der nicht von oben herab runterschaut, sondern das Gefühl vermittelt, auf Augenhöhe mit seinen Kunden zu sein. Diese oder eine ähnlich geartete Konstellation würde für mich als Leser einen größeren Überraschungseffekt beinhalten und mich mehr zum Nachdenken über unterschiedliche Milieus bringen.

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Vielen Dank für eure unterschiedlichen Sichtwinkel. Hilft mir sehr für zukünftige Geschichten. :slight_smile:

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Ich schließe mich an, deine Story ist nicht nur gut geschrieben, sie berührt auch. Man geht danach nicht sofort wieder zur Tagesordnung über, sondern muss das erstmal sacken lassen.
Sie liest sich gut, ist unterhaltsam mit ständig präsentem, melancholischem Unterton, doch der Schluss ist leider irgendwie vorhersehbar.

Genau sowas fehlt mir auch, irgendeine unerwartete Wendung, die man nicht oder nur ganz schwer voraussehen könnte. Das würde der Sache den letzten Schliff geben und die Geschichte zu etwas wirklich Außergewöhnlichem machen.
Z.B. lass ihn den Lottoschein einreichen, den der Knirps unerlaubterweise ausgefüllt hat - und das ein Sechser mit Zusatzzahl sein.

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Bin grad baff, wie nah so eine tolle Idee wie der Lotto Sechser liegen kann.

Gehe nochmal in mich, aber das ist jetzt schwer zu toppen.

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Ich finde, das ist ein verdammt geiler Text!

Kurz und knapp - mein Feedback ist. Aber mehr hab ich dazu nicht zu sagen. :+1:

Ich habe als Wendung das empfunden:

Zunächst habe ich den Eindruck, dass es sich beim Protagonist um einen alten Hasen im Geschäft handelt. Vielleicht sogar um den alten Eigentümer.
Dann stellt sich heraus, dass er einen Chef hat und darüberhinaus in der Probezeit ist, bzw. war … :wink:

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Ich fühlte mich gleich in die Dresdner Neustadt versetzt :grinning_face: steht da zufällig der Kiosk? ein toller Text, wie ich finde. Deine Beschreibungen und Beobachtungen zeugen von eigenem Erleben. So fühlt es sich zumindest an. Auf jeden Fall sehr gut geschrieben. Da stört es auch erstmal nicht, dass es keine “ganze” Geschichte ist.

Mit sehr viel Humor geschrieben. So, wie ich es mag.

LG aus dem “verschnarchten” DD-Klotzsche :grin:

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Gruß zurück aus einer ähnlich schnarchigen Ecke! Beim Szeneviertel hab ich an die Neuse gedacht, stimmt. :blush: Habe mehrere Kioskjobs gemacht. Die Story ist Fiktion.

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Ok…super :grin: :grin: …und weitermachen…Schön, wenn mal jemand aus DD kommt :ok_hand: ..die Idee von Yoro mit dem Lottozettel fand ich auch toll…kannst du ja vielleicht in die Geschichte einbinden.

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Ich würde da nichts dran ändern. Die ist gut, wie sie ist. Mit einem Sechser im Lotto am Ende würde sie in Happy-End-Kitsch abdriften. Das hätte die Geschichte nicht verdient.

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Stimme zu, ein Happy End ist nicht vorgesehen.
Habe die Idee von @Yoro aber als Inspiration genutzt, das Ende umzuschreiben.
Geschichte ist aktualisiert.

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Finde ich auch …

Oh! Na dann.