Feedback zu Kapitel 4

Hallo Forianer,
hier ist ein späteres Kapitel, das ich überarbeitet habe. Ich hoffe, es ist stilistisch etwas besser geworden.
Über Feedback würde ich mich freuen.

Der Bescherwald

Immer wieder dachte John an die Unterrichtsstunde und an die Worte der jungen Frau. Angst ist Nahrung. Er atmete langsam aus und sah zur Decke. Wie soll man etwas bezwingen, das mit jeder Furcht stärker wird? Die Regel gefiel ihm ungefähr so gut wie der Rest an seinem neuen Aufenthaltsort.

John empfand die Luft im Zimmer als stickig. Seine Schultern waren angespannt. Ein Spaziergang erschien ihm sinnvoller als weiteres Grübeln.

Er öffnete die Tür und trat hinaus. Hinter ihm fiel sie leise ins Schloss. Einen Schlüssel brauchte hier offenbar niemand. Natürlich. Warum sollte ausgerechnet das normal sein?

Ohne bestimmtes Ziel ging John durch Nederve. In seiner Stadt hatte es Parks mit breiten Wegen gegeben. Unter alten Bäumen standen Bänke, am Rand manchmal eine Statue. Dort bekam er den Kopf frei. Zwischen den Häusern von Nederve fand er keinen vergleichbaren Ort.

Nach einigen Schritten hielt er an. John spürte einen dumpfen Druck hinter seinem Brustbein. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft vermisste er sein Zuhause so stark, dass es beinahe körperlich wehtat. Irgendwo muss es doch einen Wald geben.

Auf dem Marktplatz erkannte er am Brunnen die Frau wieder, die ihm schon zuvor aufgefallen war. Sie trug eine Schürze und wusch ein Gewand mit ruhigen Bewegungen.

„Guten Tag. Ich bin John. Und Sie heißen?“

Die Frau hob den Kopf. „Anika.“

„Freut mich. Gibt es hier irgendwo einen Wald oder einen Spazierweg? Ein bisschen Abstand von den Häusern würde mir reichen.“

Anika schwieg kurz und sah über den Platz.

„Außerhalb von Nederve gibt es Wege. Auch einen Wald.“

John hob eine Augenbraue. „Das hört sich ausnahmsweise brauchbar an.“

Anika blieb ernst. „Bleiben Sie dort nicht lange.“

„Warum?“

„Versprechen Sie es mir einfach.“

John musterte sie. „Sie wissen schon, dass so ein Satz eher neugierig macht.“

„Versprechen Sie es.“

„Gut. Kein ausgedehnter Waldurlaub.“

Anika stellte den Korb ab. „Ich begleite Sie bis zur Brücke.“

Gemeinsam gingen sie an den Häuserreihen entlang. Die schmalen Gassen wurden breiter. Bald erreichten sie eine kleine Steinbrücke. Unter den Bögen floss ein schmaler Fluss durch Nederve.

Am Ufer blieb Anika stehen und deutete auf den Weg auf der anderen Seite.

„Gehen Sie dort weiter. Hinter den Hügeln beginnt der Bescherwald.“

John sah zum Pfad. Er verlief über flache Hügel. Gelbe Blumen wuchsen an den Rändern, weiter entfernt lagen helle Flächen im Tageslicht.

„Bescherwald“, wiederholte er. „Er wirkt erstaunlich harmlos.“

Anika sah ihn lange an. „Sie irren sich.“

„Natürlich.“

„Der Ort ist sonderbar. Bleiben Sie dort nicht zu lange.“

John verzog leicht den Mund. „Beruhigend.“

„Viel Glück.“

Anika kehrte nach Nederve zurück.

John blieb noch einen Moment an der Brücke. Was soll an ein paar Bäumen so gefährlich sein? Sofort dachte er an das rote Flimmern. Er rieb sich über die Stirn. Wenn ich jetzt umdrehe, beschäftige ich mich den ganzen Abend damit.

Er ging über die Brücke.

Zwischen dem Gras wuchsen gelbe Blüten. Über den Hügeln war der Himmel tiefblau, erste Sterne waren bereits sichtbar. John bemerkte wieder den süßlichen Geruch, den er seit seiner Ankunft kannte.

Außerhalb von Nederve hörte er nur seine Schritte und das Rascheln der Pflanzen. Fast zu friedlich.

Nach einiger Zeit standen rote Bäume am Pfad. Zuerst waren es einzelne Exemplare, später mehrere Gruppen. John blieb vor einem Stamm stehen.

„Natürlich sind die Bäume rot.“

Er betrachtete die Rinde. Unter ihrer Oberfläche wechselte die Helligkeit in regelmäßigen Abständen. Das rote Flimmern war wieder da.

Anika hätte auch erwähnen können, dass der Wald leuchtet.

Ein Windstoß bewegte die Zweige. Beim Aneinanderreiben der Blätter entstand ein trockenes Geräusch. John schluckte.

Gehört das hier dazu? Oder verliere ich langsam den Verstand?

Er ging weiter. Bald standen die Stämme dichter. Durch die Baumkronen sah er nur noch kleine Ausschnitte des Himmels. Der rote Schein wurde stärker. Schweiß lief ihm über die Schläfe.

Dann hörte er ein Flüstern.

„Komm, John. Näher.“

Er hielt abrupt an. Sein Magen verkrampfte sich. Lena?

„John … verlass mich nicht.“

Die Worte waren nun deutlicher. Er sah nach links und nach rechts. Zwischen den Stämmen konnte er niemanden erkennen.

„Sehr witzig“, sagte er heiser. „Wer auch immer dahintersteckt, darf sich gern etwas Neues einfallen lassen.“

„John.“

Er rannte. Mehrfach geriet er mit der Jacke an Äste, Wurzeln lagen auf dem Boden. Zweimal stolperte er beinahe. Lenas Stimme war nun aus wechselnden Richtungen zu hören.

„John!“

Er drehte sich um. Zwischen den bewegten Zweigen sah John nur Teile des Wegs und dunkle Flächen zwischen den Stämmen.

Dann glaubte er, ein Gesicht zu erkennen.

Lena.

Für einen Augenblick bekam John keine Luft.

„Du bist nicht real! Lass mich in Ruhe!“

Seine Worte waren zwischen den Stämmen mehrfach als Echo zu hören. Zugleich hörte er Lenas Stimme an mehreren Stellen. Einzelne Silben überlagerten einander, bis kaum noch ein Satz verständlich war.

John presste die Hände an die Ohren.

„Verschwinde endlich.“

John sank auf den Boden. Sein Körper zitterte, das Atmen fiel ihm schwer. War es das? Sterbe ich jetzt wegen eines Spaziergangs? Großartig.

„Angst ist Nahrung.“

Unter den vielen Lauten erkannte John die ruhige Stimme der jungen Frau aus der Unterrichtsstunde. Er öffnete die Augen. Zwischen den roten Bäumen stand sie. Ihr Haar bewegte sich im Wind. Sie trat näher und hielt ihm die Hand hin.

„Atmen Sie langsam ein und wieder aus.“

John sah sie an. Sein Puls war schnell und kräftig.

„Atmen. Darauf wäre ich allein vermutlich erst morgen gekommen.“

„Nehmen Sie meine Hand.“

Er griff danach. An ihren Fingern spürte John Wärme und konzentrierte sich auf den Augenblick. John atmete langsam ein und aus. Beim nächsten Atemzug konnte er wieder tiefer atmen. Seine Hände zitterten weniger.

Nach und nach hörte er keine fremden Stimmen mehr. Auch das rote Flimmern verlor an Stärke. Schließlich nahm John nur noch das Rascheln der Blätter wahr.

Die junge Frau wartete, bis er aufstehen konnte.

„Gehen Sie zurück zum Marienfeld mit den gelben Blumen.“

John richtete sich auf. Seine Beine fühlten sich schwer an.

„Danke.“

Gemeinsam gingen sie weiter. Mit zunehmender Entfernung vom Wald standen weniger rote Bäume am Weg. Vor ihnen lagen wieder offene Hügel. Zwischen dem Gras wuchsen gelbe Blumen, und John roch erneut den süßlichen Duft.

Eine Weile schwiegen beide.

Dann sah John zu ihr. „Ich wollte Sie schon beim letzten Mal etwas fragen. Wie heißen Sie eigentlich?“

Die junge Frau schwieg einen Moment.

„Rosa.“

John nickte. „Endlich. Ich dachte schon, Namen wären hier ebenfalls ein Geheimnis.“

Rosa sah zum Himmel. Die Sonne stand tief über den Hügeln. Am Rand der Wolken war warmes Licht zu sehen.

„John“, sagte sie leise. „Sehen Sie nach oben. Bald ist es dunkel.“

Er folgte ihrer Blickrichtung und bemerkte erst jetzt die späte Stunde.

„Verdammt.“

John lief zurück nach Nederve. Durch die Gassen erreichte er seine Bleibe und schloss die Tür hinter sich. Von draußen nahm er erneut leise Stimmen wahr.

Im Zimmer atmete er ruhiger. Er legte sich aufs Bett und sah zur Decke.

Rosa.

Nun kannte er ihren Namen. Aber wer ist sie? Eine Wächterin? Oder weiß sie einfach mehr als alle anderen?

John schloss die Augen.

Und warum ist sie immer dort, sobald ich Hilfe brauche?

Komisch.

Der Plott an sich hat potential, doch irgendwie fehlt dem Text die richtige Würze.

Da wäre zum Einen die Anika, die haut da eine Warnung raus, aber die Gefahr wird nicht wirklich klar. Natürlich, die Bedrohung soll für den Leser schleierhaft bleiben und neugierig machen, aber irgendwie wirkt es, als wenn Anika und John sich gegenseitig garnicht zuhören. John scheint nur den Zynismus zu kennen, Anika denkt über ihre leeren Worte gar nicht nach. Diese Unterhaltung kannst du mit Emotionen und Gedanken füllen. Lege einen Konflikt hinein. John kommt immerhin aus einer anderen Welt, hält sich vielleicht für zivilisierter und überlegen. Anika lebt ihr ganzes Leben dort, ist möglicherweise naturverbundener und hat mehr Erfahrung. Hier winkt der Konfliktzaunphal der Überheblichkeit bei John. Geschichten leben von Konflikten.

Dann der rote Wald. OK, das wirkt interessant, aber an dieser Stelle wäre es doch wirkungsvoller, wenn die Gefahr für John direkt sichtbar wird. Hat der rote Wald eine Bedeutung? Wirkt der rote Wald wie ein einschläferndes Mohnfeld? Keine Ahnung, es steht weder im Text, noch im Subtext. Stattdessen taucht Rosa auf. Auch hier, ein Wort reicht. “Zurück”. Und John folgt ergeben der Anweisung. Kein Konflikt, kein Warum, kein Aha-Moment.

Das John als Fremder aus einer anderen Welt die Dinge zynisch betrachtet mag funktionieren, aber er befindet sich noch immer in einer fremden Welt. Geht es ihm denn so gut, dass er sich gänzlich keine Sorgen macht und den Müßiggang zum Zynischmus leisten kann?

Von den Perspektiven her, vom Erzählerstil her, finde ich den Text voll in Ordnung.

Gruß Leon

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Hallo Leon,
vielen Dank für dein ausführliches Feedback. Besonders deinen Hinweis zum Gespräch zwischen Anika und John und dazu, Johns Unsicherheit unter seinem Sarkasmus noch stärker spürbar zu machen, nehme ich mit.

Ein Teil der Gefahr wird bereits im vorherigen Kapitel eingeführt. Dort erfährt John unter anderem, dass Angst die rote Kraft verstärkt. Der Bescherwald sollte dann zeigen, wie sich diese Regel konkret auswirkt. Mir ist durch deine Rückmeldung aber aufgefallen, dass dieser Zusammenhang vielleicht stärker in Johns Gedanken und Reaktionen aufgegriffen werden könnte.

Bei John möchte ich allerdings vermeiden, dass er sich den Menschen in Nederve überlegen oder zivilisierter fühlt. Das würde für mich nicht zu seinem Charakter passen. Sein Sarkasmus soll eher eine Reaktion auf seine Unsicherheit und die seltsame Situation sein.

Danke auch für deine positive Rückmeldung zur Erzählperspektive und zum Erzählerstil. Das hat mich gefreut.

Viele Grüße
André

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Hi André, du hast natürlich recht, ich habe nur einen Teil, einen Ausschnitt gesehen. Wenn du in den Kapiteln zuvor bereits Grundsteine für den roten Wald gelegt hast, dann verstehe meine Kritik viel mehr so, zu überprüfen, ob du konkludent von einem Kapitel ins nächste überführst und die Charakterentwicklungen stringend fortführst.

Absolut legitim, du entscheidest, wie sich die Figuren entwickeln :slight_smile: :+1: